Richter Ludwig (Louis) Otto
Historiker, Archivar, Leiter der Stadtbibliothek, des Ratsarchivs und des Stadtmuseums Dresden
* 31.8.1852 Meißen 3.10.1922 Dresden Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(ev.)
VJohann Gottlob, Laboratoriumsdiener in der Porzellanmanufaktur MeißenMJohanne Sophie, geb. StelznerG7 u.a. August; Wilhelm; Paul; Therese; Bertha; Sophie
GND: 116512733





R. gelang der soziale Aufstieg vom Arbeiterkind, wie er sich selbst im ersten Teil seiner Autobiografie nannte, zum Historiker, Professor sowie Leiter des Dresdner Ratsarchivs, der Stadtbibliothek und des Stadtmuseums. Seine quellenfundierten Arbeiten zur Dresdner Geschichte sind bis heute wichtige Grundlagen der Stadtgeschichte. – R. besuchte 1858 bis 1866 die Meißner Stadtschule und trat danach als Schreiber in die Dienste eines Advokaten - eine Arbeit, die den nach wissenschaftlicher Bildung Strebenden nicht befriedigte. Allerdings lernte er dort nach eigener Aussage Prinzipien zur Ordnung von Archivalien kennen, die ihm bei seiner späteren Arbeit im Ratsarchiv von Nutzen waren. An diese Tätigkeit schloss sich 1869 bis 1873 der Besuch der Neustädter Realschule in Dresden an, finanziert durch R.s Bruder August und den Schwager Ernst Teichert. Danach erhielt R. Privatunterricht, wodurch er an der Dresdner Kreuzschule 1873 das Abitur ablegen konnte. Noch im selben Jahr nahm er in Leipzig ein Studium der Geschichte und Philologie auf, und es begann eine Zeit, die ihn sowohl in seinen historischen, Johann Gottlieb Fichte nahen Ansichten wie seiner von Liberalität gekennzeichneten politischen Auffassung prägte. Der Schwerpunkt des Studiums lag auf der Staats- und Rechtsgeschichte, ein Gebiet, das sich zu einem von R.s bevorzugten Forschungsinteressen entwickelte. Mit den Professoren Heinrich Wuttke und Karl Biedermann pflegte er persönliche Kontakte. 1877 wurde R. von der Universität Leipzig mit einer Arbeit zum Konzil von Basel (1431-1437) zum Dr. phil. promoviert. 1877 bis 1879 war er bei der Königlichen öffentlichen Bibliothek Dresden (KÖB) als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter tätig. In seiner 1879 erschienenen Schrift „Ein Nothstand bei den sächsischen Bibliotheken“ forderte er die Wiedereinführung des 1870 abgeschafften sächsischen Pflichtexemplarrechts und erkannte früh die daraus resultierenden Folgen für Bestand und Benutzung der KÖB. Wie von R. vermutet, fielen deren Erwerbungszahlen hinter vergleichbare deutsche Bibliotheken zurück. – Zum Juli 1879 erhielt er eine Anstellung als Archivar und Bibliothekar bei der Ratsbibliothek und beim Ratsarchiv Dresden. R. entwickelte die vorhandene Rats- zu einer wissenschaftlichen Stadtbibliothek. Er konnte für diese die Büchersammlung des Hofuhrmachers Moritz Weisse und die des Vereins für Geschichte Dresdens übernehmen, die gleichzeitig die Grundlage für den Bestand bildeten. Dieser verzehnfachte sich in den Jahren des Bibliothekariats R.s (1879: 3.000, 1912: 30.000 Bände). 1881 wurde die Ratsbibliothek der allgemeinen öffentlichen Benutzung zugänglich gemacht und erhielt die Bezeichnung Stadtbibliothek. Als Stadtbibliothekar war R. sehr am Ankauf von Kirchen-, Schul- und Vereinsbibliotheken interessiert, was aber nicht in großer Zahl verwirklicht werden konnte. Stadtbibliothek und Ratsarchiv bildeten eine organisatorische Einheit. Später trat noch das Stadtmuseum hinzu, dessen Grundstock die Kunstgegenstände aus dem Ratssilberschatz und der Sammlung Moritz Weisses sowie der Altertumssammlung des Vereins für Geschichte Dresdens bildeten. Als kleines Museum hatte es ab 1886 vorerst nur jeden Sonntag geöffnet. Großes Gewicht legte R. auf Sonderausstellungen, die er als besonders publikumswirksam ansah. Nach dem Umzug in die Kreuzstraße (1890) konnten Stadtbibliothek, Ratsarchiv, Stadtmuseum und der Verein für Geschichte Dresdens in 44 Räumen untergebracht werden. Mit dem Bau des Neuen Rathauses gelangten die Sammlungen 1910 entgegen R.s Willen, der einen Neubau bevorzugt hatte, dorthin, wo sie bis zur Bombardierung 1945 verblieben. Das Stadtmuseum ordnete R. völlig neu und präsentierte einen Gang durch die Geschichte Dresdens. Außerdem gelang es, das private Theodor-Körner-Museum in die städtischen Sammlungen aufzunehmen. – Das Ratsarchiv leitete R. vorrangig unter historischen Gesichtspunkten und nicht, wie sein Vorgänger Julius Alfred Heinze, in juristischem Sinne. R. vermochte durch genauere Erschließung und öffentlichkeitswirksame Maßnahmen den Bestand des Archivs bekannt zu machen. Bereits kurz nach Amtsantritt 1879 begann R. mit der noch heute instruktiven, auf drei Bände angelegten Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte Dresdens (1. Abteilung: Verfassungsgeschichte 1885, 2. Abteilung: Verwaltungsgeschichte 1891). R. gebührt das Verdienst, darin als erster Historiker alle verfügbaren archivalischen Quellen zur Dresdner Stadtgeschichte des Mittelalters ausgewertet zu haben. – Darüber hinaus erwarb sich R. große Verdienste als Vorsitzender des Vereins für Geschichte Dresdens (1883 bis 1912). Seine Öffentlichkeitsarbeit erreichte eine neue Qualität, indem er in festen Abständen Vorträge organisierte und die Herausgabe der „Dresdner Geschichtsblätter“ (ab 1892) initiierte. Darin publizierte er in großer thematischer Breite. Der Verein gab großformatige kommentierte Mappenwerke zur Geschichte Dresdens heraus, die ein hervorragendes Werbemittel und Grundlage einer intensiven Architekturdiskussion in Dresden waren. Gleichzeitig konnte dadurch das Interesse an der historischen wie zeitgenössischen einheimischen Baukunst gefördert werden. Große Außenwirkung brachte auch die Gewinnung prominenter Mitglieder für den Geschichtsverein, wie u.a. Theobald von Oer und Julius Theodor Joffe. – 1912 reichte R. seinen Abschied ein und gab zum Ende des Jahres seine Ämter auf. Begründet hatte er diesen Schritt mit seinem gesundheitlichen Zustand, jedoch war der Wunsch nach Pensionierung auch eine Folge des schlechteren persönlichen Verhältnisses zu Oberbürgermeister Alfred Stübels Nachfolger Gustav Otto Beutler. Stübel hatte R., befördert durch eine übereinstimmende politische Haltung, bis zu seinem Tod 1895 stark unterstützt, was Beutler in dieser Intensität nicht fortsetzte. Nach der Pensionierung verfasste R. seine Memoiren.



Q  Stadtarchiv Dresden, Nachlass R.

W  Die Organisation und Geschäfts-Ordnung des Basler Conzils, Diss. Leipzig 1877; Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der Stadt Dresden, Dresden 1885-1891; Dresdens Festungswerke im Jahre 1811, Dresden 1890; Dresdner Stadtansichten vom Jahre 1678, Dresden 1892; Canaletto-Mappe, Dresden 1894; Erinnerungen aus dem alten Dresden, Dresden 1896; Atlas zur Geschichte Dresdens 1521-1898, Dresden 1898; Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1: Dresden im Mittelalter, Dresden 1900; Dresdens Umgebung in Landschaftsbildern aus dem Anfange des 19. Jahrhunderts, Dresden 1902; Geschichte der Stadt Dresden in den Jahren 1871 bis 1902, Dresden 1903; Dresdner Bilderchronik 16. und 17. Jahrhundert, Dresden 1906; Dresdner Bilderchronik von 1769 bis 1815, Dresden 1910; Dresdens Entwicklung in den Jahren 1903 bis 1909, Dresden 1910; Führer durch das Stadtmuseum zu Dresden, Dresden 1910; Jugenderinnerungen von Prof. Dr. Otto R., Bd. 1: Lebensfreuden eines Arbeiterkindes, Dresden 1919, Bd. 2: Lehrjahre eines Kopfarbeiters, Dresden 1925.

L  G. H. Müller, Nachruf Otto R., in: NASG 43/1922, S. 306-308; ders., Otto R., in: Dresdner Geschichtsblätter 44/1936, Nr. 1/2, S. 190-200 (Bildquelle, WV); R. Brocke, Prof. Dr. phil. Ludwig Otto R., in: Dresdner Hefte, Sonderheft 1992, S. 13-15 (P); F. Reichert, Prof. Dr. Otto R. (1852-1922), in: Dresdner Geschichtsbuch, hrsg. vom Stadtmuseum Dresden, Bd. 7, Altenburg 2001, S. 95-114 (P); M. Kobuch, Im Dienste der Stadt und ihrer Geschichte. Der Stadtarchivar und Historiker Otto R., in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 3: Von der Reichsgründung bis zur Gegenwart, hrsg. von H. Starke, Stuttgart 2006, S. 229-234 (P). – DBA II, III.



Konstantin Hermann
21.3.2012


Empfohlene Zitierweise:

Konstantin Hermann, Richter, Ludwig (Louis) Otto, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.10.2017)

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