Wićaz (Lehmann)
Ota (Otto Konrad)
Lehrer, Literatur- und Kulturhistoriker, Schriftsteller
* 14.6.1874 Quatitz (sorb. Chwaćicy) 28.11.1952 Stollberg/Erzgebirge Stollberg/Erzgebirge(ev.)
VKarl August (1831-1915), DorfschullehrerMAnna Christa, geb. Müller (1845-1891)GAnna Lydia, verh. Holtsch (1872-1899); Hugo Walter (1875-1950), Rechtsanwalt in Bautzen1906 Irmgard Margarete, geb. Bergt (1887-1967)SGerhard (1910-1987), Arzt in Bad GandersheimTGertraude (* 1913)
GND: 1015896413

W. ist der wichtigste Vertreter des sorbischen wissenschaftlichen und literarischen Lebens in der Zwischenkriegszeit. – W. besuchte 1885 bis 1895 das Gymnasium in Bautzen (sorb. Budyšin), im Anschluss daran studierte er bis 1899 Theologie, Philosophie und Slawistik u.a. bei August Leskien in Leipzig. Nach seinem Studienabschluss arbeitete er bis 1903 zunächst als Vikar und Hilfslehrer an verschiedenen Orten, danach war er bis 1936 als Lehrer am Lehrerseminar bzw. der späteren Aufbauoberschule in Stollberg/Erzgebirge tätig, wo er 1914 zum Professor und 1922 schließlich zum Studiendirektor ernannt worden ist. 1936 versetzte man ihn vorzeitig in den Ruhestand, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm er dort 1945 bis 1949 erneut die Lehrtätigkeit auf. 1947 wurde W. die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig verliehen. W. widmete sich v.a. der sorbischen Literaturgeschichte, die er um viele entstehungs- und wirkungsgeschichtliche Erkenntnisse (besonders zur Rolle des Pietismus und der Romantik) bereicherte. Seine wichtigsten literaturhistorischen Publikationen sind „Lipsk jako ródnišćo serbskeje romantiki“ (Leipzig als Entstehungsort der sorbischen Romantik), „Jan Radyserb-Wjela“ (Johann Wehle) sowie „Handrij Zejler a jeho doba“ (Andreas Seiler und seine Epoche). In seinen Arbeiten behandelte er die Entwicklung des sorbischen Schrifttums stets im Zusammenhang mit den deutschen geistigen und kirchlichen Strömungen. Unzählige materialreiche Erträge seiner Forschungen erschienen meist in den von ihm viele Jahre geleiteten sorbischen Zeitschriften „Łužica“ (Lausitz), „Nowa Łužica“ (Neue Lausitz) und „Časopis Maćicy Serbskeje“ (Zeitschrift der Maćica Serbska). Biografische Arbeiten, wie eine erste Monografie über Arnošt Muka (Carl Ernst Mucke) sowie eine Studie über den slowakischen Lyriker und Gelehrten Ján Kollár zeugen ebenso wie die Beschäftigung mit volkskundlichen Themen (darunter eine Sammlung von Schwänken und Anekdoten) von seinem fachlichen Profil. Als rühriger Literaturkritiker rezensierte W. zudem in der sorbischen Presse, steuerte aber auch der „Zeitschrift für slavische Philologie“ in Berlin Besprechungen über sorabistische Veröffentlichungen bei. – W. trat als Lyriker, Feuilletonist, Autor kulturhistorischer Skizzen sowie als Übersetzer hervor. Er übersetzte v.a. slawische Poesie ins Sorbische, so z.B. große Teile aus den Sammlungen „Slezské pisně“ (Schlesische Lieder) von Petr Bezruč (Bautzen 1933-1935), „Slávy dcera“ von Ján Kollár, aber auch einzelne Arbeiten von Lew N. Tolstoi, Adam Mickiewicz, Jan Kochanowski, Ignacy Krasicki u.a. Seine Nachdichtung von Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ blieb Fragment.



W  Arnošt Muka [Carl Ernst Mucke], Bautzen 1924; Ján Kollár. Ze žiwjenja, dźěła a serbskich poćahow wulkeho Słowjana [Ján Kollár. Aus Leben, Werk und sorbischen Beziehungen des großen Slawen], Bautzen 1928; Lipsk jako ródnišćo serbskeje romantiki [Leipzig als Entstehungsort der sorbischen Romantik], in: Časopis Maćicy Serbskeje 84/1931, S. 3-42, 67-75, 85/1932, S. 1-53; Jan Radyserb-Wjela. Jeho žiwjenje a skutkowanje [Johann Wehle. Sein Leben und Wirken], in: Lětopis A 1/1952, S. 61-145; Handrij Zejler a jeho doba [Andreas Seiler und seine Epoche], hrsg. von P. Nowotny, Bautzen 1955; Serb ze złotym rjapom [Sorbe mit goldenem Rückgrat], Bautzen 1955; Bur Krakora [Bauer Krakora], Bautzen 1973; Serbska poezija 4 - Ota W., zusammengestellt von F. Šěn, Bautzen 1976.

L  F. Mětšk, Zur volkskundlichen Arbeit von Ota W., in: Lětopis C 17/1974, S. 131-135; K. Lorenc, Ota W., in: ders. (Hg.), Serbska čitanka [Sorbisches Lesebuch], Leipzig 1981, S. 452-454; F. Šěn, Ota W. - jeho žiwjenje a dźěło [Ota W. - Sein Leben und Werk], Diss. Berlin/Bautzen 1983; V. Hellfritzsch, Otto Lehmann-W. in: K. Hengst u.a., Slawische Sprachstudien, Berlin 1987, S. 81-100; J. Šołta/P. Kunze/F. Šěn (Hg.), Nowy biografiski słownik k stawiznam a kulturje Serbow [Neues biografisches Lexikon zur Geschichte und Kultur der Sorben], Bautzen 1984, S. 610-612; E. Eichler u.a. (Hg.), Slawistik in Deutschland von den Anfängen bis 1945, Bautzen 1993, S. 435f.; H. Rößler, Otto Lehmann - Ota W., in: Stollberg. Die Große Kreisstadt im Bundesland Sachsen, hrsg. von der Stadtverwaltung Stollberg, Stollberg 2011, S. 280f.



Franz Schön
23.6.2014


Empfohlene Zitierweise:

Franz Schön, Wićaz (Lehmann), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (30.3.2017)

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