Kielmeyer Otto Adolf Anton
Philologe, Bibliotheksdirektor
* 19.1.1906 Paderborn nach 1947
VOttoMHedda, geb. WiesenbacherErna Katharina Anna, geb. BecherK1
GND: 125172842

K. wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum „Kommissarischen Leiter für den Wiederaufbau der Universitätsbibliothek Leipzig“ berufen und schließlich zu deren ersten ordentlichen Direktor der Nachkriegszeit ernannt. Daneben war er nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED der erste Direktor einer Universitätsbibliothek auf dem Gebiet der späteren DDR, der zugleich Mitglied der Einheitspartei gewesen war. K.s Verdienst liegt in der weitgehenden Reorganisation des Bibliotheksbetriebs an der Universitätsbibliothek Leipzig, wozu maßgeblich auch die Rückführung von deren kriegsbedingt ausgelagerten Buchbeständen und Sammlungen gehört. – K. wuchs in Leipzig und Dresden auf. Nach dem Besuch des Staatsgymnasiums in Dresden-Neustadt folgte ein Studium der Germanistik, der Mittleren und Neueren Geschichte, der Wirtschaftsgeschichte und der Philosophie an den Universitäten Tübingen und Bonn. An letzterer wurde K. 1931 mit einer Arbeit über die mittelalterliche Dorfbefreiung auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs unter Einbeziehung der Ostsiedlung zum Dr. phil. promoviert. Es folgte eine kürzere Tätigkeit als Privatlehrer in Aachen, wo K. allerdings wegen seines politischen Engagements alsbald in Schwierigkeiten geriet. K., der bereits als Schüler dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands angehört hatte und später folgerichtig in die KPD wechselte, nahm nach eigenen Angaben auch an illegalen Aktionen der Partei teil, die ihn in den frühen 1930er-Jahren ins Visier der Nationalsozialisten rückten. Infolge eines vermutlich politisch motivierten Ermittlungsverfahrens verließ er deshalb Anfang 1933 Deutschland über die Niederlande und siedelte nach Spanien über. Hier unterrichtete er zunächst als Lehrer an der Deutschen Schule in Madrid, bevor er gegen Jahresende in eine freie Journalistenstelle wechselte, die er bis zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs im Sommer 1936 behielt. Unter welchen Umständen K. danach Spanien verließ, ist unbekannt. Er selbst gab an, dass seine Journalistentätigkeit von Anfang an eng mit einschlägiger Propagandaarbeit verflochten war, was zumindest eine selbstbestimmte Ausreise aus politischen Gründen nahelegt. K. reiste nach Athen, wo er ab Herbst 1936 für das griechische Staatssekretariat für Presse und Tourismus als Schriftleiter und Übersetzer arbeitete. 1939 erfolgte hier der Wechsel an das Deutsche Wissenschaftliche Institut (DWI) - einem Vorläufer der heutigen Goethe-Institute -, das K. als Lektor für deutsche Sprache und Literatur beschäftigte, bis er nach der deutschen Besetzung Thessalonikis 1941 die Lektoratsleitung der dort neu eingerichteten DWI-Außenstelle übernahm. – Im Herbst 1944 wurde K. zur Wehrmacht eingezogen und geriet während des deutschen Balkanrückzugs in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Spätsommer 1945 unmittelbar nach Leipzig zurückkehrte. Bezeichnend scheint in diesem Zusammenhang zu sein, dass K. - obwohl kein Parteiaustritt belegt ist - der KPD den Rücken wandte und in die SPD eintrat, über die er letztlich Heinrich Becker kennen lernte. Becker war Leiter der Abteilung Buch- und Bibliothekswesen im Volksbildungsamt der Stadt Leipzig und stellte K. umgehend als Leiter der städtischen „Prüfstelle für Literatur“ ein. Zu seinen ersten Aufgaben in dieser Funktion gehörte, die Umsetzung der in Abstimmung mit der sowjetischen Militäradministration entstandenen und durch Oberbürgermeister Erich Zeigner für alle öffentlichen, privaten und Schulbibliotheken sowie Buchhandlungen und Kioske der Stadt erlassenen Anweisung „Fort mit der Nazi-Literatur!“ vom 1.9.1945 zu überwachen. K. koordinierte dabei nicht nur die bestandspolitische Entnazifizierung der Leipziger Bibliotheken, sondern nahm an deren Überprüfungen auch persönlich teil, wie im Zusammenhang mit den umfangreicheren „Säuberungsaktionen“ der Leipziger Bücherhallen oder der Universitätsbibliothek Leipzig belegt ist. Das bibliothekspolitische Engagement und seine, aufgrund der SPD-Mitgliedschaft zumindest für einige Teile der Leipziger Verwaltung tendenzielle politische Verlässlichkeit sorgten alsbald dafür, dass K. die Aufmerksamkeit Helmut Holtzhauers weckte. Holtzhauer, zu der Zeit Leiter des Leipziger Volksbildungsamts, schlug K. sogleich für die Besetzung des seit November 1945 vakanten Direktorenpostens der Universitätsbibliothek Leipzig vor. Dieser Vorschlag wurde durch die sowjetische Militärverwaltung gebilligt, sodass K. zum 1.1.1946 zusammen mit Karl Buchheim und Helmut Mogk in das sog. Triumvirat eintreten konnte: K. wurde als „Kommissarischer Leiter für den Wiederaufbau“ de facto zum Bibliotheksleiter ernannt, der fachlich von den Abteilungsleitern Geisteswissenschaften (Buchheim) und Naturwissenschaften (Mogk) unterstützt wurde. K.s Amtszeit war dabei, wie nicht zuletzt Buchheim bemerkte, trotz dessen SED-Mitgliedschaft von einem eher pragmatischen denn politisch-ideologischen Führungsstil geprägt. – Als „Kommissarischer Leiter“ koordinierte K. maßgeblich die Rückführung der noch kriegsbedingt ausgelagerten Bibliotheksbestände der Universitätsbibliothek Leipzig. Bis zum Spätsommer 1946 war es ihm trotz immensen Widerstands der sowjetischen Behörden gelungen, mit Ausnahme des auf Schloss Mutzschen eingerichteten Depots, die Räumung aller kleineren wie auch der beiden Großlager im Völkerschlachtdenkmal und im Salzbergwerk Plömnitz-Solvayhall nahe Bernburg/Saale - insgesamt mehr als eine Million Bände - ohne größere Verluste durchzuführen. Dieser beachtliche Erfolg, der K.s fachlichen wie auch persönlichen Ehrgeiz durchaus befeuerte, beschleunigte letztlich aber den Bruch mit Leipzig; denn K. wollte nunmehr die qua Befristung wirtschaftlich unsichere kommissarische durch eine ordentliche Berufung zum Bibliotheksdirektor ersetzt wissen, was ihm trotz sowjetischer Fürsprache aufgrund der fehlenden bibliothekarischen Examina von Rektor Hans-Georg Gadamer verwehrt wurde. Die Situation spitzte sich zu und entlud sich, als K. im Sommer 1947 aufgrund der verwehrten Aufstiegschance kündigte. Das Sächsische Ministerium für Volksbildung, das auch politisch ein Interesse hatte, den SED-Mann als Leiter der größten Universitätsbibliothek der sowjetisch besetzten Zone zu halten, war sofort alarmiert und berief K. gegen alle fachliche Kritik der Leipziger Universitätsleitung rückwirkend zum 1.7.1947 zum ordentlichen Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig. Die endgültige Trennung ließ sich dadurch aber nicht mehr aufhalten. Längst waren die in Leipzig entstandenen Verwerfungen zwischen K. und Rektor Gadamer, doch auch die mittlerweile wachsenden Diskrepanzen zwischen K. und dem Volksbildungsministerium, das beabsichtigte, die Deutsche Bücherei in Fragen der wissenschaftlich-bibliothekarischen Ausbildung in Sachsen zuungunsten der Universitätsbibliothek zum alleinigen Kompetenzzentrum aufzuwerten, zu groß geworden. – Zum Jahresende 1947 wechselte K. in den „Kulturellen Beirat“, einer unselbstständigen und nichtbehördlichen Institution der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung in Berlin, wodurch er ein weiteres Mal als Leiter einer literarischen Kontroll- und Zensurbehörde fungierte, ohne dass näher bekannt ist, wie lange er dort wirkte. Von Buchheim ist allerdings zu erfahren, dass K. bereits wenige Jahre nach seiner Ankunft in Berlin in die noch junge Bundesrepublik Deutschland floh, wo sich letztlich seine Spur verlor.



Q  Universität Leipzig, Universitätsarchiv, Personalakten; Universitätsbibliothek Leipzig, Altregistratur.

W  Die Dorfbefreiung auf deutschem Sprachgebiet, Diss. Bonn 1931; Ursprung und Entwicklung des deutschen Faschismus, La Palma 1934; Deutsche Kolonistendörfer, 1934; Deutsche Weihnachtssitten, Athen 1937; To pneuma tu Germaniku kai Hellēniku hērōiku epus, Saloniki 1944; Einführung in den Geist der älteren deutschen Dichtung, Saloniki 1944; Die Erfindung und Verbreitung des Buchdrucks, Saloniki 1944.

L  K. Buchheim, Eine sächsische Lebensgeschichte. Erinnerungen 1889-1972, München 1996; D. Pike, The Politics of Culture in Soviet-Occupied Germany 1945-1949, Stanford [ca. 1992].



Hassan Soilihi Mzé
9.3.2015


Empfohlene Zitierweise:

Hassan Soilihi Mzé, Kielmeyer, Otto Adolf Anton, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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