Schwencke (Schwenck, Schwenke) Michael
Steinmetz, Bildhauer
* Mai 1563 (?) Pirna 10.7.(?)1610 Pirna(ev.)
VJohann (Hans) (um 1529-um 1597), TuchmacherMAnna, geb. GurttmanG6 u.a. Christina; David (1575-1620), Steinmetz, Bildhauer; Hans (* 1580); Katharina 1.1588 Anna, verw. StollichSJohann (1589-1634), Bildhauer; Daniel (* 1596)TKatharina (* 1591); Maria (* 1594) 2.1597 Elisabeth, verw. Staffel
GND: 119104512

S. prägte in der Zeit um 1600 gemeinsam mit seinem Bruder David und Lorentz Hörnig die Bildhauerkunst in Pirna und den angrenzenden Gebieten. Der Verbreitungsschwerpunkt der erhaltenen, ausnahmslos in Sandstein gearbeiteten bildhauerischen Werke liegt in Sachsen und Böhmen. Es handelt sich überwiegend um sakrale Bildwerke, aber auch um einige profane Stücke. Als Auftraggeber treten einzelne Bürger, der Rat der Stadt Pirna und Adlige, speziell die Familie von Bünau, in Erscheinung. – S. absolvierte vermutlich zwischen 1579 und ca. 1584 seine Ausbildung zum Bildhauer in der Werkstatt eines in Pirna ansässigen Steinmetz- oder Bildhauermeisters. Diesem unbekannten Meister kann aufgrund stilistischer Vergleiche mit dem Œuvre S.s das Epitaph für den Diakon Michael Borsberg zugeschrieben werden, während eine Verbindung S.s zu einem der in der älteren Literatur vorgeschlagenen Pirnaer und Dresdner Meister nicht nachzuweisen ist. An die Bildhauerlehre schloss sich wohl die für Gesellen obligatorische zweijährige Wanderschaft an. Welche Gegenden S. bereiste ist unbekannt. Zum Jahreswechsel 1586/87 befand sich S. vermutlich wieder in Pirna, da dem Antrag auf das Meisterrecht eine sechsmonatige Tätigkeit in einer Pirnaer Werkstatt vorausgehen musste. S.s Entlassung in den Stand eines Bildhauermeisters dürfte in zeitlicher Nähe zu seinem Erwerb des Pirnaer Bürgerrechts am 6.10.1587 gelegen haben. Eine erste eigene Werkstatt richtete sich S. in dem 1589 erworbenen Haus in der Schuhgasse 9 in Pirna ein. Einige Jahre später ist er als Eigentümer vom „Haus zur Maria“, einem repräsentativen Gasthof am Markt 20 nachweisbar. Diese Wirtschaft führte er weiter. Neben seinem Haus besaß S. eine Stein- oder Pickhütte, die sich vor dem Schifftor an der Elbe in Nähe zum Steinablageplatz der Händler befand. Hier wurde der Sandstein zugeschnitten und grob bearbeitet, während die Feinbearbeitung in der Werkstatt erfolgte. Der Pirnaer Zunft der Bildhauer und Steinmetzen stand S. als Obermeister im zweijährigen Turnus zwischen 1603 und 1610 vor. – Als erstes eigenständiges, bedeutendes Werk kann S. das um 1592 datierte Epitaph für Hans Nacke in der Pirnaer Stadtkirche St. Marien zugeschrieben werden. Im Aufbau dominiert eine strenge Ordnung aus architektonischen Elementen. Reliefs, Freifiguren und die Ornamentik sind auf das tektonische Gerüst bezogen. Die Dekoration besteht aus wenigen schlichten, großformatigen Elementen, die zu flächigen Systemen und Rahmenformen zusammengeschlossen sind. Die groß gesehenen Figuren der szenischen Reliefs sind im Geschehen auf das Wesentliche hin verdichtet. Mit der Arbeit am Altarretabel in Neschwitz bei Bautzen (sorb. Njeswačidło) zeichnete sich um 1600 ein Wandel in S.s Stilentwicklung ab. Die Dekorationen der architektonischen Elemente sind kleinteiliger und filigraner, obwohl der Formenkanon, der aus den grafischen Entwürfen und Säulenbüchern des Floris-Kreises stammt, beibehalten wurde. Die Schichtung des Reliefs erfuhr eine weitere Steigerung durch die Hinterschneidung der großformatigen, frei hintereinander gestaffelten Figuren. S. experimentierte hier erstmals mit der Auflösung der strengen Altarkontur durch seitlich platzierte, vollplastische Figuren. Mit Altar, Kanzel und Taufstein für Günther von Bünau (1557-1619) in Lauenstein, die zwischen 1596 und 1602 entstanden, trat S.s Stilentwicklung in eine Phase, die durch eine strenge Architekturgliederung charakterisiert ist. Zugleich wurden die architektonischen Elemente mit einer reichen Ornamentik versehen und die treppenartig gestaffelte Altarkontur durch vielzählige vollplastische Figuren in einen pyramidalen Umriss überführt. Plastizität und räumliche Schichtung behielt S. in den malerisch angelegten Reliefkompositionen bei, während die Figuren ungleich feingliedriger als zuvor erscheinen. Auf der Höhe seines Schaffens starb S. 1610. Er ließ das als weiteres Hauptwerk zu bewertende Epitaph für Antonius von Salhausen auf Bensen unvollendet zurück. Dieses Werk wurde von S.s Bruder und Bildhauer David zwischen 1611 und 1613 ergänzt und als Altarretabel in St. Marien zu Pirna errichtet. Gegenüber den klar gegliederten Werken in Lauenstein zeigt das tektonische Gerüst des Salhausen-Epitaphs eine überreiche Ornamentik. Gegen Ende seines Lebens wandte sich S. von der strengen Architekturordnung zugunsten einer ornamental überlagerten tektonischen Struktur ab. Von der harmonisch bewegten Figurengestaltung findet er zu einem manieristischen Figurenideal. Mit dem frühen Tod S.s wurde dem Schaffen eines bedeutenden und innovativen sächsischen Bildhauers der Spätrenaissance ein jähes Ende gesetzt. Die in ihrer Qualität bestechenden und in der Komposition nahezu einmaligen Werke verdienen es, zu den bemerkenswerten Leistungen deutscher Bildhauerkunst gerechnet zu werden.



Q  A. T. Küchenmeister, Etwas von Liebstadt ..., Dresden 1743; N. Teichmann, Christliche Leichpredigt ... Bey dem Adelichen Begrebnus Des Weyland Edlen Gestrengen vnd Ehrenvesten Herrn Günthers von Bünaw auff Lawenstein vnd Schönstein ..., Dresden 1620; Kreisarchiv Pirna, Tauf- und Totenbücher, Trauregister; Stadtarchiv Pirna, Ratsprotokolle, Kämmereirechnungen, B. I-XXII No. 22: Altarbaurechnung, fol. 1-10, Handschriften Nr. 4, Nr. 93; Sächsisches Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden, Gerichtsbücher: Stadtbücher Pirna (Kaufbuch), Stadtbücher Pirna (Konsensbuch); Bautzen, Domstiftsarchiv St. Petri zu Bautzen, loc. 3519. E. II.4: Thomas Faber u. Melchior Gerlach, Chronologa oder Gründliche historische Beschreibung der vornehmsten, denckwürdigsten Geschichten und zufälle, so sich in der Kirchen und Haußregiment von Ao: 958 in der churfürstl: Sächs: hauptsechs. Stadt Budissin im Markgrafenthum oberlausitz [ereignet].

W  Mitarbeit an zwei Portalen für den Kirchhof der Nikolaikirche, 1587, vermutl. Sandstein, Pirna (zerstört); Epitaph für Hans Nacke und Familie, um 1592, Sandstein, Pirna, St. Marien; Wanddenkmal für Barbara von Hermsdorf, geb. von Maxen, um 1593, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Ulbersdorf (heute Hohnstein); Taufstein, 1597, Sandstein, Michaeliskirche Bautzen; Figurengrabplatte für Johannes Asmus von Rechenberg, 1597/98, Sandstein, Ev.- luth. Kirche Crostau; Figurengrabplatte für ein Kind der Familie von Rechenberg, 1598/99, Sandstein, Ev.- luth. Kirche Crostau; Epitaph für Margareta von Bünau, geb. von Lichtenhain, um 1599, Sandstein, Ev.- luth. Kirche Liebstadt; Figurengrabplatte für Anna Lichtenhain, geb. von Werther, 1600, Sandstein, Ev.- luth. Kirche Liebstadt; Taufstein, um 1600, vermutl. Sandstein, Ev.-luth. Kirche Neschwitz (zerstört, moderne Nachbildung von Bildhauer Hempel); Relief mit Darstellung Traum Jakobs von der Himmelsleiter, 1600, vermutl. Sandstein, Nikolaikirche Leipzig (zerstört); Altarretabel, 1595-1602, Sandstein, Ev.- luth. Kirche Neschwitz; Taufstein, 1596-1602, Sandstein, Ev.-luth. Stadtkirche Lauenstein; Kanzel, 1596-1602, Sandstein, Ev.-luth. Stadtkirche Lauenstein; Altarretabel, 1596-1602, Sandstein, Ev.-luth. Stadtkirche Lauenstein; Sitznischenportal, 1602, Sandstein, Ev.-luth. Stadtkirche Lauenstein; Epitaph für Georg Rudolph von Ponickau und Anna Maria von Nostitz, nach 1602, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Neschwitz; Figurengrabplatte für Rudolph von Bünau, nach 1605, Sandstein, Ev.- luth. Kirche Liebstadt; fünf Konsolen mit anthropomorphen Masken und Büsten, vor 1609, Sandstein, ehem. Kapelle Schloss Lauenstein; drei Konsolen mit anthropomorphen Büsten, vor 1609, Sandstein, Turmzimmer Schloss Lauenstein; zwei Konsolen mit weiblichen Büsten, 1610, Sandstein, Saal Schloss Lauenstein; Epitaph für Antonius von Salhausen, 1609/10, Sandstein, Pfarrkirche St. Marien Pirna.

L  V. A. Carus, Das Altarwerk zu Lauenstein und die Anfänge des Barock in Sachsen, Stuttgart 1912; W. Bachmann/W. Hentschel, Die Kunstdenkmäler des Freistaates Sachsen, Bd. 1: Die Stadt Pirna, Dresden 1929; G. Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen 1: Regierungsbezirk Dresden, München/Berlin 1996; E. Schwarm, Pirnaer Skulptur um 1600, Diss. Kiel 1996; A. Sturm (Hg.), Die Stadtkirche St. Marien zu Pirna, Pirna 2005. – DBA II, III; DBE 9, S. 242; Thieme/Becker, Bd. 29/30, Leipzig 1999, S. 380f.



Elisabeth Schwarm
1.12.2006


Empfohlene Zitierweise:

Elisabeth Schwarm, Schwencke (Schwenck, Schwenke), Michael, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.5.2017)

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