Renn Ludwig (eigentl. Arnold Friedrich Vieth von Golßenau), (weitere Pseudonyme: Antonio Poveda, Harald J. White)
Schriftsteller
* 22.4.1889 Dresden 21.7.1979 Berlin(ev., später Atheist)
VCarl Johann (1856-1938), Gymnasiallehrer in Dresden, Lehrer am sächsischen HofMBertha Julie, geb. Raspe (1867-1949)GViktor (1887-1914), Offizier
GND: 118599720

Der aus einer angesehenen und wohlhabenden sächsischen Adelsfamilie stammende R. zählte zu den bekanntesten Schriftstellern der DDR. Weltweites Renommee erlangte er aber bereits durch den 1928 erschienenen und in 23 Sprachen übersetzten Roman „Krieg“, der seinerzeit eine ähnliche Resonanz fand wie Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. – Nach dem Abitur am königlichen Gymnasium in der Dresdner Neustadt entschied sich R. 1910 zunächst für eine militärische Laufbahn und trat in das zum sächsischen Heereskontingent gehörende 1. Leibgrenadierregiment Nr. 100 ein. 1911 zum Offizier ernannt, erlebte er ab 1914 den Ersten Weltkrieg an der Westfront. Im Anschluss an einen kurzen Einsatz als Zugführer wurde er Ende 1914 Regimentsadjutant. R. ließ sich aus dieser für eine Karriere im Generalstab aussichtsreichen Position auf eigenen Wunsch erneut als Zugführer an die Front versetzen. Seit 1915 Kompanieführer und Oberleutnant, übernahm R. nach dem Waffenstillstand 1918 für den Rücktransport nach Sachsen die Führung eines Bataillons. 1919 in der sozialdemokratisch ausgerichteten Dresdner Sicherheitstruppe zum Bataillonsführer gewählt, folgte nach Auflösung des Verbands ab Anfang 1920 eine Verwendung als Hundertschaftsführer der Sicherheitspolizei. Mitte 1920 schied R. auf Druck seiner Vorgesetzten aus dem Dienst aus, nachdem seine Einheit während des Kapp-Putschs von einer demonstrierenden Volksmenge in Riesa wegen eines Führungsfehlers kampflos entwaffnet worden war. Im Alter von 31 Jahren immatrikulierte sich der nachträglich zum Hauptmann ernannte R. auf Anregung des mit ihm befreundeten, aus Pirna stammenden Philosophen Hans Lipps an der Universität Göttingen. Er lernte Russisch, studierte ab 1922 Jura und Nationalökonomie und wechselte dann an die Münchner Universität, wo er internationales und Steuerrecht hörte. Während der Hyperinflation 1923 kehrte er nach Dresden zurück und arbeitete hier zur Aufbesserung seiner Offizierspension als kaufmännischer Angestellter bei der Fides GmbH, einer Handelsgesellschaft. Mit der Normalisierung der Wirtschaftslage zog R. zum Schreiben für einige Monate nach Krippen/Sächsische Schweiz. Ab Herbst 1924 lebte er in den Dresdner Vororten Goppeln bzw. Pappritz, bevor er sich im September 1925 auf eine etwa einjährige Fußwanderung durch Italien, Griechenland und Teile der Türkei sowie Ägyptens begab. Anschließend siedelte R. von Dresden, dessen Atmosphäre er als kleingeistig bezeichnete, nach Wien über, wo er ein Studium der Kunstgeschichte, der byzantinischen und russischen Geschichte aufnahm und sich zudem mit Archäologie und chinesischer Geschichte befasste. In dieser Zeit erfolgte eine intensive Auseinandersetzung mit den Werken von Karl Marx, Wladimir I. Lenin und John Reed. Insbesondere die Lektüre von Reeds „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ bedeutete für R. ein Schlüsselerlebnis, das ihn zum Kommunismus führte. Als er 1927 Augenzeuge wurde, wie die Polizei einen Streik der Wiener Arbeiterschaft blutig niederschlug und dabei in seinen Augen die sozialdemokratische Führung versagte, fällte er den Entschluss, politisch aktiv zu werden. Zurückgekehrt nach Sachsen, hielt R. ab Oktober 1927 - zum ersten Mal unter dem Pseudonym Ludwig Renn - an der Volkshochschule Zwickau Vorträge für Arbeiter über chinesische und russische Geschichte. Im Januar 1928 erfolgte sein Beitritt zur KPD. R. wurde Mitglied des Roten Frontkämpferbunds und zog Ende 1928 nach Berlin. 1928 bis 1932 war er Sekretär des Bunds Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller (BPRS) sowie Mitherausgeber des Verbandsorgans „Die Linkskurve“ und der kommunistischen Militärzeitschrift „Aufbruch“. Die Tätigkeit im BPRS brachte ihn in engen Kontakt u.a. mit Anna Seghers und Johannes R. Becher. 1929/30 unternahm R. zwei Reisen in die Sowjetunion, die ihn stark beeindruckte. In die beiden nächsten Jahre fiel eine Lehrtätigkeit über Kriegsgeschichte und Militärtheorie an der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) in Berlin. Aufgrund dieser Tätigkeit der angeblichen „Ausarbeitung von Aufstandsplänen“ bezichtigt, wurde R. von November 1932 bis Januar 1933 inhaftiert. Schon am 28.2.1933 erfolgte die abermalige Festnahme: Am 16.1.1934 wurde R. wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, im August 1935 aber vorzeitig aus der Bautzener Haftanstalt entlassen. Im Januar 1936 emigrierte er in die Schweiz und von dort nach Spanien, um auf der Seite der Republik am Bürgerkrieg teilzunehmen. Anfang November mit der Aufstellung und Führung des Thälmann-Bataillons betraut und zum Major ernannt, erhielt R. bereits zu Beginn des folgenden Monats die Position des Stabschefs der XI. (1. internationalen) Brigade. Im Spätsommer 1937 entsandte man ihn auf eine halbjährige Vortragsreise durch die USA, Kanada und Kuba, um für die Unterstützung des republikanischen Spaniens zu werben. Von Juni bis September 1938 fungierte er als Direktor der Feldwebelschule der Volksarmee in Cambrils. Beim Rückzug der internationalen Brigaden (Februar 1939) in Südfrankreich interniert, kam R. schnell durch die Hilfe französischer Schriftsteller frei, hielt sich danach illegal in Paris auf und gelangte über Großbritannien und die USA nach Mexiko (September 1939). Dort lebte er bis zum Februar 1947. Vom April 1940 bis zum März 1942 nahm er eine außerordentliche Professur für moderne europäische Geschichte und Deutsch an der San Nicolás de Hidalgo Universität Morelia wahr. Ab Januar 1942 stand R. als Präsident an der Spitze der „Bewegung Freies Deutschland in Mexiko“ („Alemania Libre“) und - ab Februar 1943 - des „Lateinamerikanischen Komitees der freien Deutschen“. Seiner Rückkehr nach Deutschland im März 1947 folgte die Übernahme des Direktorats des Kulturwissenschaftlichen Instituts und der Professur für Anthropologie an der Technischen Hochschule Dresden. Er trat der SED und dem Schriftstellerverband bei und wurde 1948 Vorsitzender des Kulturbunds Sachsen. 1949 ernannte ihn die Technische Hochschule Dresden zum Ehrendoktor. Zwei Jahre später wechselte R. an die Berliner Humboldt-Universität, wo er Vorlesungen über chinesische Kunstgeschichte hielt. Seit 1952 Mitglied der Deutschen Akademie der Künste, deren Ehrenpräsidentschaft er 1969 bis 1975 innehatte, verfasste er fortan als freier Schriftsteller auch Kinderbücher. 1971 wurde R. Ehrenpräsident des PEN-Zentrums der DDR. R. erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Nationalpreis für Kunst und Literatur (zweite Klasse 1955; erste Klasse 1961), den Vaterländischen Verdienstorden in Gold (1959) und den Titel „Held der Arbeit“ (1964), außerdem zwischen 1954 und 1958 viermal den Kinderbuchpreis des Ministeriums für Kultur. – R.s literarisches Werk umfasst Romane, Autobiografien, Reiseberichte, Reportagen, militärgeschichtliche bzw. militärtheoretische Studien sowie kunsthistorische Essays. „Krieg“, sein 1924 fertig gestelltes erstes Buch, gilt vielen Literaturkritikern als dem heute bekannteren „Im Westen nichts Neues“ von Remarque überlegen. R. verarbeitete dort seine Erfahrungen als Offizier im Ersten Weltkrieg, freilich aus der Perspektive eines einfachen Gefreiten bzw. Unteroffiziers. Der sachlich-nüchterne Stil und die autobiografische Prägung des 1928 durch die „Frankfurter Zeitung“ vorabgedruckten Romans sind charakteristisch auch für weite Teile seines übrigen Oeuvres. Besonders klar tritt die Verbindung von Roman und Autobiografie auch in „Adel im Untergang“ (1944) und „Meine Kindheit und Jugend“ (1957) hervor, in denen er das Leben seiner Familie in den beiden letzten Jahrzehnten des wettinischen Königreichs erzählt, ferner in „Nachkrieg“ (1930) und in „Der spanische Krieg“ (1955). Zentrales Thema dieser Werke ist R.s Weg der Selbstfindung: die Abwendung von der adlig-großbürgerlichen Herkunft, die Hinwendung zum einfachen Menschen und zum Kommunismus. In seinen pädagogisch intendierten Kinder- und Jugendbüchern, von denen mehrere Eingang in die Lehrpläne der Schulen der DDR fanden, bemühte sich R., am Beispiel authentischer Ereignisse die Leser für den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung zu sensibilisieren. So erzählt „Trini“ (1954) die Geschichte eines Indianerjungen während des mexikanischen Bauernaufstands unter Zapata und „Der Neger Nobi“ (1955) vom Widerstand eines schwarzafrikanischen Stamms gegen Sklavenhändler. Für die beiden „Herniu“-Bände (1956, 1958) wählte R. als historischen Hintergrund den Kampf der von Arminius angeführten Germanen gegen die Römer, für „Auf den Trümmern des Kaiserreichs“ (1961) die Novemberrevolution 1918. Den Abschluss seines Werks bildete die 1980 posthum erschienene Autobiografie „Anstöße in meinem Leben“, die R.s Entwicklung bis 1925 nachzeichnet.



W  Krieg, Frankfurt/Main 1928; In vorderster Linie, Frankfurt/Main 1929; Nachkrieg, Berlin 1930; Rußlandfahrten, Berlin 1932; Vor großen Wandlungen, Zürich 1936; Death without Battle, London 1937; Warfare, the relation of war to society, London/New York 1939; Adel im Untergang, Mexiko D.F. 1944; Morelia, Eine Universitätsstadt in Mexiko, Berlin 1950; Vom alten und neuen Rumänien, Berlin 1952; Trini. Die Geschichte eines Indianerjungen, Berlin 1954; Der Neger Nobi, Berlin 1955; Die Schlacht bei Guadalajara, Berlin 1955; Der spanische Krieg, Berlin 1955 (auch als „Im spanischen Krieg“ erschienen); Herniu und der blinde Asni, Berlin 1956; Meine Kindheit und Jugend, Berlin/Weimar 1957; Krieg ohne Schlacht, Berlin 1957; Herniu und Armin, Berlin 1958; Auftraggeber: Arbeiterklasse, Berlin 1960; Auf den Trümmern des Kaiserreichs, Berlin 1961; Camillo, Eine ungewöhnliche Geschichte aus Kuba, von einem tapferen kleinen Jungen und seinem Großvater, Berlin 1963; Inflation, Berlin 1963; Zu Fuß zum Orient, Berlin/Weimar 1966; Ausweg, Berlin/Weimar 1967; mit H. Schnitter, Krieger, Landsknecht und Soldat, Berlin 1973; In Mexiko, Berlin 1979; Anstöße in meinem Leben, Berlin 1980.

L  Ludwig R. zum 70. Geburtstag, Berlin 1959 (P); A. Auer, Ludwig R. - Ein ungewöhnliches Leben, Berlin 1964; P. M. Toper, Ludwig R. Leben und Werk, Berlin 1965; M. Reich-Ranicki, Der brave Soldat R., in: ders., Deutsche Literatur in West und Ost, München 1963, S. 343-353; E. M. Kohl (Hg.), Ludwig R. zum 85. Geburtstag, Berlin 1974 (P); E. Mertens, Literatursoziologische und persönlichkeitstheoretische Aspekte der biographischen Entwicklung des Offiziers Arnold Friedrich Vieth von Golßenau zum Schriftsteller Ludwig R., Münster 1981. – DBA II, III; DBE 8, S. 243; NDB 21, S. 426-428; K. Bosl/G. Franz/H. H. Hofmann (Bearb.), Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, Bd. 2, München 21974.

P  Ludwig R., 1947, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Peter Mertens
30.1.2006


Empfohlene Zitierweise:

Peter Mertens, Renn, Ludwig (eigentl. Arnold Friedrich Vieth von Golßenau), (weitere Pseudonyme: Antonio Poveda, Harald J. White), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (1.5.2017)

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