Kunz (eigentl. Konrad) von Kaufungen (zu Kaufungen)
Amtmann zu Altenburg, Söldnerführer, bekannt durch den Altenburger Prinzenraub
* vor 1410 14.7.1455 Freiberg Dom zu Freiberg (später Kirche zu Neukirchen bei Freiberg?)
VGlatz (zu Kaufungen) († 1426)MMargarethe (geb. von Schönberg?)GHeinrich (um 1410-vor 1468)1443 Elisabeth (Ilse), geb. von Einsiedel († nach 1490)SHildebrand (zu Homol/Grafschaft Glatz) († 1497/99)TKatharina († vor 1501), Gemahlin Dietrichs von Rüdigsdorf
GND: 130009504

Als gescheiterter „Prinzenräuber“ im sog. Altenburger Prinzenraub stellte K. bis in das 20. Jahrhundert hinein eine der prominentesten Gestalten der albertinisch-sächsischen Erinnerungskultur dar. Noch heute zählt er zu den bekanntesten und umstrittensten Figuren der sächsischen Geschichte. – K. kam als Spross einer seit Jahrhunderten eingesessenen pleißenländischen, sozial gut vernetzten Niederadelsfamilie zur Welt. Das väterliche Stammgut Kaufungen, das er nach dem Tod des Vaters in der Hussitenschlacht bei Aussig 1426 gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich innehatte, besaß die Familie zu freiem Eigen. Darüber hinaus hielten die Brüder Lehen der Burggrafen von Leisnig (Bräunsdorf bei Penig) und möglicherweise auch der Herren von Schönburg. – 1429/30 diente K. den unter Vormundschaft stehenden jungen Herren Veit II. und Friedrich XX. von Schönburg als „Hauptmann und Getreuer“ gegen die in Sachsen einfallenden Hussiten, denen aber die Einnahme und Einäscherung der schönburgischen Städte Glauchau und Waldenburg gelang. Durch seine Ehe mit Elisabeth von Einsiedel verschwägerte sich K. 1443 mit dem einflussreichsten Rat Kurfürst Friedrichs II., Hildebrand von Einsiedel. Noch im selben Jahr erlangte er die Bestellung zum wettinischen Amtmann des bedeutenden Amts Altenburg. Damit stand er am Beginn einer Erfolg versprechenden Karriere in der wettinischen Funktionselite. Von der Altenburger Teilung der wettinischen Herrschaft (1445) zwischen Kurfürst Friedrich II. und Herzog Wilhelm III. blieb die Stellung K.s unberührt, weil Altenburg dem östlichen Machtbereich des Kurfürsten zugeschlagen wurde. Am Vorabend des zwischen den Wettinern 1446 ausbrechenden sog. Sächsischen Bruderkriegs lässt sich K. als in der Sache erfolgloser kurfürstlicher Gesandter bei Wilhelm III. fassen. Im September 1446 schloss sich K. mit einer eigenen Fehdeerklärung gegen Wilhelm III. und die Herren von Vitzthum der kurfürstlichen Partei an und nahm am Feldzug Friedrichs II. im Herbst 1446 teil. Während der anhaltenden Feindseligkeiten erlangte er durch die Gefangennahme Nickel Pflugks und die Belagerung von Lichtenwalde Aufmerksamkeit und Erfolg. Doch brannten die Vitzthume im Gegenzug Anfang Januar 1447 K.s Gut Milowitz in Thüringen (nicht sicher lokalisiert, wohl bei Neustadt/Orla) nieder. Trotz des Waffenstillstands und eines vorläufigen Friedens zwischen Friedrich II. und Wilhelm III. 1447 führte K. seine eigene Fehde 1447/48 fort. Als stärker befestigte Operationsbasis dieser Fehdeaktivitäten und als Rückzugsort hatte K., der in Kaufungen selbst über keine angemessene Wehranlage verfügte, vor oder um 1448 die Burg Stein bei Hartenstein erworben. Anfang 1448 raubte er mehrfach Vieh der Vitzthume und überfiel am 18.4. bei Lindenau (westlich von Leipzig) und wenig später bei Borna thüringische Kaufleute. Daraufhin ließ der um den Frieden besorgte Friedrich II. die Burg Stein durch den Zwickauer Amtmann besetzen und erzwang hiermit die Freilassung der bei den Überfällen von K. gemachten Gefangenen. Zu einem dauerhaften Zerwürfnis zwischen dem Kurfürsten und K. führte diese Episode jedoch nicht. Als Hauptmann befehligte K. noch 1448 kursächsische Söldneraufgebote in zwei regionalen, lose mit dem Bruderkrieg verbundenen Auseinandersetzungen, der „Lausitzer Irrung“ und dem „Schwarzburgischen Hauskrieg“. Am 12.4.1449 erhielt K. durch Friedrich II. Schweikershain und Kriebstein, vormalige Besitzungen der Vitzthume, als zeitweilige Entschädigung für das von diesen verheerte und zerstörte Milowitz. – Aus den zunächst positiven militärischen Erfahrungen des Bruderkriegs heraus, vielleicht aber auch infolge einer kriegerischen Eigendynamik verlegte sich K. spätestens seit 1448 immer stärker auf das riskante, aber im Erfolgsfall überdurchschnittlich einträgliche Geschäft eines Söldnerführers. Als der Sächsische Bruderkrieg Ende 1448 durch einen Friedensschluss zum Erliegen kam, trat K. 1449/50 im „Markgräflerkrieg“ als Hauptmann der Armbrustschützen und stellvertretender Oberkommandierender in die Dienste der Reichsstadt Nürnberg, an deren Sieg gegen Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg-Ansbach er einigen Anteil hatte. Im siegreichen Gefecht bei Pillenreuth am 11.3.1450 zeichnete er sich als Anführer bei einem gewagten Täuschungsmanöver aus. Spätestens jetzt genoss K. überregionale Bekanntheit. – Mit dem neuerlichen Ausbruch des Bruderkriegs kehrte K. 1450 nach Sachsen zurück, wo er im Herbst an der Spitze von 800 Mann die von böhmischen Truppen belagerte Stadt Gera entsetzen sollte. Die Aktion misslang allerdings und K. geriet in böhmische Gefangenschaft, aus der er sich durch erhebliche eigene Mittel (4.000 Gulden) freikaufen musste. Nach dem endgültigen Friedensschluss zwischen den wettinischen Brüdern im Januar 1451 zog Friedrich II. zudem Schweikershain und Kriebstein gewaltsam wieder ein. Der wirtschaftlich angeschlagene K. fühlte sich betrogen, reichte beim Kurfürsten, später auch bei der Ritterschaft Klage ein und forderte Entschädigung für seine Dienste und seine Verluste im Bruderkrieg. In dieser Krisensituation gab K. um oder nach 1451 in einem Tausch mit Hans von Maltitz seinen Anteil am Stammgut Kaufungen auf. Stattdessen erwarb er (später?) die unter böhmischer Hoheit stehende nordböhmische Burg Eisenberg (tschech. Jezeří). Diese bot für Fehdeaktionen gegen die Wettiner beste Ausgangsbedingungen und belegt eine Annäherung K.s an Georg von Podiebrad, den Gubernator von Böhmen und langjährigen Feind der Wettiner. Noch 1551 schloss K. überdies einen erneuten dreijährigen Dienstvertrag mit der Stadt Nürnberg, der 1552 beginnen sollte und ihm ein hohes Dienstgeld im Voraus zubilligte. Zu Nürnberger Kriegshandlungen ist es allerdings nicht mehr gekommen, und am 27.4.1553 wurde der Markgräflerkrieg förmlich beigelegt. – Im sich inhaltlich weiter anreichernden Streit K.s mit Friedrich II. kam es erst im Oktober 1454 zur Einleitung eines schiedsrichterlichen Verfahrens, in dem gegenseitige Klage- und Rechtfertigungsschriften gefordert wurden. Der juristisch bestens beratene Kurfürst blieb trotz der Vorlage an die Leipziger und Magdeburger Schöffenstühle faktisch Herr des Verfahrens. Das im Wesentlichen gegen K. ausfallende Urteil des Schiedsgerichts wurde am 25.6.1455 in Altenburg verkündigt. K. hatte die Stadt allerdings unmittelbar vorher verlassen und bereitete sich spätestens jetzt auf einen Schlag gegen den Kurfürsten vor. Mutmaßlich erhielt er hierfür Rückhalt und womöglich sogar Unterstützung durch Georg von Podiebrad. In der Nacht vom 7. zum 8.7. entführte K. mit mehreren Helfern die beiden Söhne Friedrichs II., Ernst und Albrecht, vom Altenburger Schloss. Den förmlichen Fehdebrief K.s erhielt Friedrich II. allerdings wohl erst am Morgen nach der Tat. Auf der Flucht nach Böhmen trennten sich die Entführer. Doch konnte K. mit dem elfjährigen Albrecht noch am 8.7. auf dem Gebiet des Klosters Grünhain, kurz vor der böhmischen Grenze, gestellt und nach Zwickau in Haft gebracht werden. Der zweite Entführertrupp unter Wilhelm von Mosen und Wilhelm von Schönfeld mit dem vierzehnjährigen Ernst ergab sich wenige Tage später gegen freies Geleit. Am 12.7. überstellte man K. nach Freiberg, wo er bereits am 14.7. zum Tod verurteilt und am selben Tag auf dem Markt enthauptet wurde. – Der Leichnam von K. wurde zunächst im Freiberger Dom bestattet, doch auf Intervention des Kurfürsten wieder ausgegraben und wohl nach Neukirchen bei Freiberg verbracht. Auch die Verwandten und mutmaßlichen Unterstützer K.s unterlagen kurfürstlicher Verfolgung. K.s Vetter Dietrich von Kaufungen (zu Callenberg) ist wohl ebenfalls 1455 hingerichtet worden. K.s Sohn Hildebrand wuchs am böhmischen Königshof auf und trug später böhmisch-schlesische Lehen. Hildebrand und seine Nachkommen hielten die Ansprüche K.s aufrecht und standen bis ins 16. Jahrhundert in erklärter Fehde zu den Wettinern. – Über die Rechtmäßigkeit der schnellen Hinrichtung von K. gab es offensichtlich schon frühzeitig widerstreitende Meinungen, sodass sich Friedrich II. in einem an verschiedene Fürsten und Städte gesandten Manifest zur Erläuterung seiner Position gezwungen sah. Mit der Etablierung des Prinzenraubs als Kernerzählung der historischen sächsisch-albertinischen Erinnerungskultur spätestens durch Petrus Albinus rückte K. immer wieder in den Blickpunkt einer vielfältigen literarischen und anderweitig künstlerischen Reflexion, die auch zum Ausgangspunkt einer erstaunlichen volkstümlichen Popularisierung wurde. Die unklare Rechts- und Quellensituation um den Prinzenraub bot und bietet Raum für gegensätzliche Beurteilungen K.s, die vom Verbrecher bis zum Freiheitskämpfer reichen. Doch muss die Persönlichkeit des historischen K. letztlich ebenso dahingestellt bleiben wie eine endgültige juristische Bewertung des Falls. Als wettinischer Funktionsbeamter und Söldnerführer zeigte K. jedenfalls ein ebenso zeitgemäßes wie Erfolg versprechendes Karrieremuster, und in seiner Fehde gegen Friedrich II. sowie mit dem versuchten Prinzenraub kalkulierte und operierte K. nach den Vorstellungen seiner Zeit.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Wittenberger Archiv; Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Ernestinisches Gesamtarchiv.

L  W. Schäfer, Der Montag vor Kiliani vor vierhundert Jahren, Dresden 1855; O. Coith, K. von Kaufungen, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 12/1875, S. 1047-1086, 13/1876, S. 1135-1270; E. Koch, Ein Beitrag zur Klarlegung der Umstände, unter welchen am 7./8. Juli 1455 der Raub der Prinzen Ernst und Albrecht von Sachsen auf dem Schlosse Altenburg erfolgte, Meinigen 1890; ders., Neue Beiträge zur Geschichte des sächsischen Prinzenraubes und seiner Wirkungen, in: NASG 20/1899, S. 246-285; M. Voretzsch, Der sächsische Prinzenraub in Altenburg, Altenburg 1906; R. Röhner, Der sächsische Prinzenraub, Chemnitz 1993, 52002; U. Schirmer, K. von Kauffungen und der sächsische Prinzenraub zu Altenburg, in: Zeitschrift für Historische Forschung 32/2005, S. 369-405; J. Emig (Hg.), Der Altenburger Prinzenraub 1455, Beucha 2007. – ADB 15, S. 463f.; NDB 11, S. 345; DBA I, II, III.

P  K., unbekannter Künstler, 18. Jahrhundert, Kupferstich nach einer unbekannten Vorlage des 16. Jahrhunderts, in: K. Sturmhoefel, Illustrierte Geschichte der sächsischen Lande und ihrer Herrscher, Bd. 1., Abteilung 2, Leipzig 1908, S. 726 (Bildquelle).



André Thieme
18.3.2010


Empfohlene Zitierweise:

André Thieme, Kunz (eigentl. Konrad) von Kaufungen (zu Kaufungen), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.3.2017)

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