Mathesius Johannes
Theologe, Reformator
* 24.6.1504 Rochlitz 7.10.1565 St. Joachimsthal (tschech. Jáchymov)(kath., später ev.)
VWolfgang († 1521), Ratsherr in RochlitzMChristine, geb. ScheuerfußGLukas; Burkhard; Wolfgang1542 Sibylla, geb. Richter († 1555)SHieronymus, Apotheker; Johannes (1544-1607), Stadtphysikus in Danzig (poln. Gdańsk); Paul (1548-1584), Superintendent; Eutichius (1552-1565); Kasper (1553/54-1570)TSibylla; Christine; Margarethe
GND: 118731696





M. erlangte Bekanntheit als Lutherbiograf und Tradent der Tischreden von Martin Luther. Mit seinen ideenreichen und alltagsnahen Predigten betätigte er sich in St. Joachimsthal als erfolgreicher Multiplikator der Wittenberger Theologie. M.s Veröffentlichungen erzielten eine große Breitenwirkung und gehörten zu den Wegbereitern der lutherischen Orthodoxie. – Parallel zum Besuch der Stadtschule in Rochlitz erhielt M. eine fundierte religiöse Unterweisung im Elternhaus und durch Privatlehrer. Dem Wunsch des Vaters folgend, bereitete er sich ab dem zehnten Lebensjahr als Zubußschreiber in den Rochlitzer Porphyrgruben auf einen bergmännischen Beruf vor. Das Vorhaben scheiterte jedoch, da 1517 die Bergwerke verfielen und die Familie verarmte. Nach dem Tod des Vaters zog M. 1521 zu Verwandten nach Nürnberg, wo er Schüler der Lateinschule wurde und den Lebensunterhalt u.a. durch Singumgänge bestritt. Ein 1523 oder 1524 aufgenommenes Theologiestudium an der Universität Ingolstadt musste er aus Geldmangel abbrechen. Nach kurzem Aufenthalt in München nahm M. 1526/27 eine Stelle als Erzieher bei der Witwe Sabine von Auer auf Schloss Odelzhausen östlich von Augsburg an. Eigener Angabe zufolge brachte ihn dort die Lektüre von Luthers „Sermon von den guten Werken“ mit der Reformation in Berührung. Unter Anleitung des Pfarrers Zacharias Weichsner in Bruck vertiefte sich M. in der Folgezeit weiter in Luthers Lehren und wandte sich 1530 nach Wittenberg, um den Reformator persönlich kennenzulernen. Ein Stipendium seiner Vaterstadt Rochlitz versetzte M. in die Lage, sich noch im selben Jahr als Theologiestudent an der Wittenberger Universität einzuschreiben und Vorlesungen bei Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen und anderen namhaften Professoren, auch solchen mit naturwissenschaftlichem Profil, zu besuchen. Erneute Geldsorgen zwangen ihn, Lehrer in Altenburg zu werden, ehe er am 15.3.1532 das Rektorat der Lateinschule in St. Joachimsthal übernahm. M.s Kenntnisreichtum und pädagogisches Geschick förderten den ausgezeichneten Ruf der Lehranstalt und trugen zur Anziehungskraft St. Joachimsthals jenseits der Silberfunde bei. Die von M. aufgebaute Schulbibliothek zählte zu den wertvollsten ihrer Art. – 1540 kehrte M. zum Studium nach Wittenberg zurück, erwarb den Magistergrad und wurde am 29.3.1542 anlässlich seiner Berufung zum Diakon von St. Joachimsthal für sein geistliches Amt ordiniert. Indem Luther die Ordination persönlich vornahm, kam das enge Vertrauensverhältnis zu M. zum Ausdruck. Tatsächlich war er seit 1540 ein häufiger Gast in Luthers Haus gewesen. M.s Aufzeichnungen seiner Besuche bei dem Reformator verdankt sich ein wichtiger Überlieferungsstrang der Tischreden Luthers, besonders von 1540. – 1542 bis zu seinem Lebensende wirkte M. im böhmischen St. Joachimsthal als Prediger und Seelsorger im Geist der Wittenberger Theologie. Bis 1545 bekleidete er das Diakonat, danach das Pfarramt in der sehr heterogenen, durch soziale und konfessionelle Spannungen geprägten Bergstadt. M. bewies dabei ein gutes Gespür für die lokalen Rahmenbedingungen und nahm z.B. reformatorische Neuerungen des Gottesdiensts nur sehr behutsam vor. Andererseits gelang es ihm, die Alltagsrelevanz des christlichen Glaubens in Predigt, katechetischer Unterweisung und Kirchenlieddichtung überzeugend zu vermitteln und so zu einem Organisator der öffentlichen Ordnung St. Joachimsthals nach geistlichen Gesichtspunkten zu werden. 1543 begann M. seine berühmten Fastnachtspredigten für Bergleute, und 1551 legte er auf Anregung Melanchthons eine evangelische Kirchen-, Schul- und Spitalordnung vor, die sich zum Vorbild für andere Orte entwickelte. Eine Vorbildfunktion kam auch vielen seiner etwa 1.500 gedruckten Predigten zu. Zahlreiche Predigtzyklen wie z.B. Leben Jesu (1568), Sirach (1588/89), Johannesprolog (1589) und Korintherhomilien (1590) erschienen posthum. Noch zu Lebzeiten M.s gelangte 1562 seine „Sarepta“ oder „Bergpostille“ zum Druck. Sie enthält die Fastnachtspredigten und stellt in sachkundiger Form Geschichte, Technik und Praxis des Bergbaus dar. Ihre Abfassung steht in Zusammenhang mit dem montanwissenschaftlichen Austausch, den M. mit Georgius Agricola pflegte. M.s Hochzeitspredigten trugen zur Durchsetzung dieser noch jungen Gattung reformatorischer Evangeliumsverkündigung im Zuge der rechtlichen Neuordnung der Ehe bei. Als wirkungsgeschichtlich bedeutsamstes Werk M.s gelten die 1566 erschienenen „Historien Von des Ehrwirdigen ... Doctoris Martini Luthers anfang, lehr, leben und sterben.“ Auch diese Luther-Biografie ging aus einem zwischen 1562 und 1564 gehaltenen 17-teiligen Predigtzyklus hervor und behauptet aufgrund ihres Bemühens um ein authentisches Lutherbild ihren Rang unter den wichtigsten reformationsgeschichtlichen Quellen. M.s poetische Werke und Kirchenlieddichtungen gerieten hingegen weitgehend in Vergessenheit. – In den wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, die seit den 1540er-Jahren einen Bedeutungsverlust St. Joachimsthals herbeiführten, erwies sich M. als prinzipienfester und pflichtbewusster Seelsorger. Als die Grafen von Schlick als bisherige Stadtherren 1545 ihre Hoheitsrechte an König Ferdinand I. von Böhmen abtreten mussten und die geistlichen Stellen unter königliches Patronat gelangten, folgte M. nicht dem Beispiel seiner Amtskollegen, die aus Furcht vor einer Rekatholisierung St. Joachimsthal verließen. Stattdessen verteidigte sich M. gegen den Vorwurf, den Katholizismus zu beleidigen, am 27.12.1546 vor Ferdinand I. in Prag mit einer lateinischen Apologie. Ehrenvolle Berufungen, u.a. nach Leipzig, Königsberg (russ. Kaliningrad) oder als Nachfolger Bugenhagens nach Wittenberg, lehnte er ab. M.s Beziehungsgeflechte umfassten neben Theologen und Montanwissenschaftlern auch freundschaftliche Kontakte zu dem St. Joachimsthaler Kantor und Kirchenlieddichter Nikolaus Herman, dem Humanisten Eobanus Hessus, dem Botaniker Valerius Cordus u.a. – Über M.s Tod hinaus blieb St. Joachimsthal bis zur Gegenreformation im 17. Jahrhundert ein Zentrum evangelischer Frömmigkeit und Kultur.



W  Sarepta Oder Bergpostill. Sampt der Joachimßthalischen kurtzen Chroniken, Nürnberg 1562; Historien Von des Ehrwirdigen ... Doctoris Martini Luthers anfang, lehr, leben und sterben, Nürnberg 1566; Vom Ehestandt und Haußwesen. Fünffczehen Hochzeytpredigten, Nürnberg 1567; Fastenpredigten, Nürnberg 1577; Oeconomia Oder Bericht vom Christlichen Haußhalten, Nürnberg 1580; Syrach Mathesii. Das ist Christliche lehrhaffte, trostreiche und lustige Erklerung und Außlegung, 3 Teile, Leipzig 1588/89; Homiliae Mathesii. Das ist: Außlegung und gründliche Erklerung der Ersten und Andern Episteln des heiligen Apostels Pauli an die Corinther, Leipzig 1590; G. Loesche (Hg.), Johann M. Ausgewählte Werke, 4 Bde., Prag/Wien/Leipzig 1896-1904.

L  K. F. Ledderhose, Das Leben des M. Johann M., des alten Bergpredigers in St. Joachimsthal, Heidelberg 1849; J. Abraham, Johannes M., der treue Jünger Luthers, Wittenberg 1883; K. Amelung, Johannes M., Gütersloh 1894; G. Loesche, Johannes M., 2 Bde., Gotha 1894/95 (WV, P); E. Göpfert, Die Bergmannssprache in der Sarepta des Johann M., in: Zeitschrift für deutsche Wortforschung 3/1902, Beiheft; H. Volz, Zum Briefwechsel des Johannes M., in: Archiv für Reformationsgeschichte 24/1927, S. 302-313; H. Sturm, Die alte Lateinschulbücherei von St. Joachimsthal, in: Glückauf! Zeitschrift des Erzgebirgsvereins 48/1928, S. 154 ff. (P, Bildquelle); H. Volz, Die Lutherpredigten des Johannes M., Leipzig 1930; H. Wolf, Die Sprache des Johannes M. Philologische Untersuchung frühprotestantischer Predigten. Einführung und Lexikologie, Köln/Wien 1969 (P); Karl Bosl (Hg.), Lebensbilder zur Geschichte der böhmischen Länder, Bd. 2, München 1976, S. 29-51 (P); E. Beyreuther, Die lutherische Kirche des 16. Jahrhunderts im Spiegelbild der Predigten von Johannes M., in: ders., Frömmigkeit und Theologie. Gesammelte Aufsätze zum Pietismus und zur Erweckungsbewegung, Hildesheim 1980, S. 17-27; M. Blechschmidt, Johannes M. Leben, Wirken, Werk, in: Erzgebirgische Heimatblätter 11/1989, H. 6, S. 150-153 (P); G. Wartenberg, Johannes M. und die Wittenberger Reformation, in: F. Naumann (Hg.), Sächsisch-böhmische Beziehungen im 16. Jahrhundert, Chemnitz 2001, S. 142-149; V. Dufek, Johannes M., in: Persönlichkeiten des Montanwesens im sächsisch-böhmischen Erzgebirge, hrsg. von der Landesstelle für Museumswesen, Annaberg-Buchholz/Schneeberg 2003, S. 37-48; ders., Johannes M. (1504-1565), sein Wirken als Bergprediger in Sankt Joachimsthal und sein Beitrag zur montanistischen Literatur, Agricolarundbrief 2004 (P); I. Dingel/A. Kohnle (Hg.), Johannes M. (1504-1565). Rezeption und Verbreitung der Wittenberger Reformation durch Predigt und Exegese, Leipzig 2017. – ADB 20, S. 586-589; DBA I, II; BBKL 5, Sp. 1000-1011; LThK 7, Sp. 1471; NDB 16, S. 369f.; A. Hauck (Hg.), Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. 12, Leipzig 1903, S. 425-428; RGG4, Bd. 5, Sp. 912.

P  Johannes M., A. Schulze, 1904, Denkmal vor der St. Kunigundenkirche Rochlitz.



Michael Wetzel
9.8.2018


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Mathesius, Johannes, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (13.11.2018)

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