Winkler (Winckler) Johann Heinrich
Philosoph, Philologe, Naturforscher, Rektor der Universität Leipzig
* 12.3.1703 Wingendorf/Oberlausitz 18.5.1770 Leipzig(ev.)
VJohann, MüllerMHelena, geb. Walter1731 Johanna Christine, geb. Beerbaum
GND: 117582115

W. war ein vielseitiger Gelehrter. Ursprünglich Professor für Philosophie und Philologie, wurde er ab den 1740er-Jahren v.a. durch seine grundlegenden Beiträge zur Erforschung der Reibungselektrizität bekannt. Gemeinsam mit den ebenfalls in Leipzig wirkenden Georg Matthias Bose (seit 1738 an der Universität Wittenberg) und Christian August Hausen gehörte W. zu den Pionieren der frühen Elektrizitätsforschung in Deutschland. – W. verbrachte seine Kindheit zunächst in Wingendorf, dann in Bertelsdorf, wo sein Vater eine Mühle gepachtet hatte. Zu Beginn von seiner Mutter unterrichtet, besuchte er mit elf Jahren das Lyzeum in Lauban (poln. Lubań). Ab 1724 studierte er Theologie, Philosophie und alte Sprachen an der Leipziger Universität. Zu seinen Lehrern zählten u.a. der Theologe Johann Gottlob Pfeiffer, der Philosoph Johann Andreas Rüdiger und der Philologe Christian Ludovici. 1728 kehrte W. für mehrere Wochen nach Lauban zurück, wo er sich intensiv mit der Philosophie Christian Wolffs befasste. 1731 wurde er Collega quartus an der Leipziger Thomasschule, an welcher damals Johann Sebastian Bach tätig war. Für dessen Kantate „Froher Tag, verlangte Stunden“ schuf W. das Libretto. 1739 erhielt er eine außerordentliche Professur für Philosophie an der Leipziger Universität und wurde 1742 als Nachfolger Georg Philipp Olearius’ ordentlicher Professor für griechische und lateinische Sprache, 1750 für Physik. Darüber hinaus war er mehrfach Rektor und Prorektor der Universität. – W. zählte zu den ersten deutschen Universitätslehrern, die sich intensiv der Elektrizitätsforschung widmeten. Seit 1742 gehörte er zum gelehrten Kreis um den ehemaligen sächsischen Kabinettsminister Ernst Christoph Graf Manteuffel, der ihm wertvolle gesellschaftliche Kontakte ermöglichte. Dazu zählte auch die Bekanntschaft mit Hausen, der ihn zu eigenen elektrischen Versuchen inspirierte. In der Folgezeit konstruierte W. mehrere Elektrisiermaschinen: In seinen 1744 erschienenen „Gedanken von den Eigenschaften, Wirkungen und Ursachen der Electricität“ beschrieb er eine von ihm durch einen Tretmechanismus verbesserte Maschine Hausens, die „nach Art einer Drechselbank“ eingerichtet war. Ihr Glas wurde nicht mehr manuell, sondern mittels eines kreidebestreuten Reibzeugs elektrisiert. W. führte Entladungsexperimente mit Leydener Flaschen durch, deren physiologische Wirkungen er im Selbstversuch sowie im Versuch an seiner Frau erprobte. Ferner untersuchte er die elektrische Anziehung und elektrische Leuchterscheinungen. Seine Arbeit „Novum reique medicae utile electricitatis“ widmete er der medizinischen Elektrizität. – W.s Schriften fanden in der zeitgenössischen Forschung weite Beachtung. Seit 1747 war er Mitglied der Londoner Royal Society. Zu den Besuchern seiner physikalischen und philosophischen Vorlesungen gehörte auch Johann Wolfgang Goethe.



W  Institutiones philosophiae wolfianae, Leipzig 1735; De anima corporis organici architecta, Leipzig 1739; Untersuchung von dem Sayn und Wesen der Seelen der Thiere, Leipzig 1742-1745; Gedanken von den Eigenschaften, Wirkungen und Ursachen der Electricität, Leipzig 1744; Die Eigenschaften der electrischen Materie und des electrischen Feuers, Leipzig 1745; Die Stärke der electrischen Kraft des Wassers in gläsernen Gefässen, Leipzig 1746; Novum reique medicae utile electricitatis, in: Philosophical Transaction 45/1748, S. 262-270; Anfangsgründe der Physik, Leipzig 1753; Untersuchungen der Natur und Kunst, Leipzig 1763.

L  J. Priestley, The History and Present State of Electricity, London 1767; J. G. Krünitz, Verzeichnis der vornehmsten Schriften von der Elektrizität, Leipzig 1769; J. L. Heilbron, Electricity in the 17th and 18th Centuries, Berkeley u.a. 1979; F. Fraunberger, Illustrierte Geschichte der Elektrizität, o.O. 1985, S. 72-76; C. Wolff, Johann Sebastian Bach, Frankfurt/Main 2000, S. 347f.; O. Hochadel, Öffentliche Wissenschaft, Göttingen 2003, S. 44-53. – ADB 43, S. 376; DBA I, II, III; DBE 10, S. 521; J. H. Zedler (Hg.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 57, Leipzig/Halle 1748, Sp. 558-576, Online-Ausgabe: mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/zedler; H. Wussing (Hg.), Forscher und Erfinder, Thun/Frankfurt/Main 1992, S. 612f.



Martin Schneider
16.5.2007


Empfohlene Zitierweise:

Martin Schneider, Winkler (Winckler), Johann Heinrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.6.2017)

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