Agricola Johann Friedrich (Pseudonym: Flavio Anicio Olibrio)
Komponist, Kapellmeister, Musiktheoretiker, Publizist
* 4.1.1720 Dobitschen 2.12.1774 Berlin(ev.)
VJohann Christoph (1674-1751), herzoglich altenburgischer KammeragentMMaria Magdalena, geb. Mancke († 1759)GSophie Friederike (* † 1718); Johanna Maria (* 1722); Karl Christoph (* 1724), Geistlicher in Göllnitz bei Altenburg1751 Benedetta Emilia, geb. Molteni (1721-1780), OpernsängerinTSophia Augusta Amalia (* 1755)
GND: 118917382





A. wurde zunächst durch Privatlehrer ausgebildet, so im Klavier- und Orgelspiel durch den Schulmeister Paul Martini. Am 28.5.1738 an der Universität Leipzig immatrikuliert, belegte er die Fächer Philosophie, Jura, Geschichte und Rhetorik. Alsbald zählte A. auch zu den Schülern Johann Sebastian Bachs im Orgelspiel und in der Komposition. Infolgedessen bekam A. die Möglichkeit, seine Kenntnisse bei der Aufführung der Kirchenmusik und später dann ebenso im Collegium musicum anzuwenden. In seine Leipziger Studienzeit fällt auch eine Dresden-Reise, während der er Passions-Oratorien und andere Werke des berühmten Johann Adolf Hasse hörte. Auf eine Empfehlung von Carl Philipp Emanuel Bach wechselte A. im Herbst 1741 nach Berlin, doch fand er zunächst keine Anstellung am Hof und musste seinen Lebensunterhalt durch Musikunterricht finanzieren. Bald schloss er Freundschaft mit Johann Joachim Quantz, der ihm Berater auch in kompositorischen Fragen war. Überdies beschäftigte sich A. in dieser Zeit mit Opern von Hasse und Carl Heinrich Graun sowie mit Werken von Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel, um seine kompositorischen Fähigkeiten zu verfeinern. Gegen Ende der 1740er-Jahre verfasste er unter dem Pseudonym „Flavio Anicio Olibrio“ einige Streitschriften, in denen er v.a. gegen die frankophile Ausrichtung von Friedrich Wilhelm Marpurgs Musikideal polemisierte. 1750 gelang es A., durch sein italienisches Lustspiel „Il Filosofo convinto in amore“ und einige Arien einen bleibenden Eindruck bei Friedrich II. von Preußen zu hinterlassen, der 1751 zur Einstellung als Kammermusiker und Hofkomponist des Königs führte. Vor seinem Dienstantritt reiste A. nochmals nach Dresden, wo er Hasse, dessen Frau Faustina und Johann Georg Pisendel persönlich kennenlernte. Am 19.7.1751 heiratete A. die Sängerin Benedetta Emilia Molteni. Nach Grauns Tod wurde er von Friedrich II. 1759 zum Dirigenten der königlichen Kapelle berufen, jedoch durfte er den Titel des Hofkapellmeisters nicht führen. Die zur Vermählung des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen mit Prinzessin Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel 1765 komponierte Oper „Achille in Sciro“ brachte A. viel Ruhm ein. Doch schon die nächste Oper „Amor e Psiche“ (1767), zur Hochzeit von Prinzessin Wilhelmine von Preußen verfasst, fand beim König kein Gefallen, wenngleich das Publikum diese Oper außerordentlich begeistert aufnahm. Auch seine letzte Oper „Oreste e Pilade“ (1772) missfiel dem König, sodass A. sie als „I greci in Tauride“ umarbeiten musste. Obschon A. als Komponist hohe Ziele verfolgte, trägt seine Musik kaum singuläre Züge. Als Liedkomponist erreichte er nicht mehr als ein durchschnittliches Niveau der Ersten Berliner Liederschule. Jedoch war A. als guter Spieler von Tasteninstrumenten durchaus geschätzt. Von bleibender Bedeutung sind seine Aktivitäten als Musikschriftsteller. In seiner deutschen Bearbeitung von Peter Franz Tosis Gesangsschule, aber auch in seinen Streitschriften gegen Marpurg, reflektierte er immer wieder Aspekte der Aufführungspraxis und des Kompositionsstils; Stellung bezog er auch gegen die Opernreformen Christoph Willibald Glucks.



W  Vokalmusik: Musikalisches Allerley, Berlin 1761; Bühnenmusik: Il filosofo convinto in amore, intermezzo, Potsdam 1750; Cleofide, 1754; Il tempio d’amore, festa teatrale, 1755; Achille in Sciro, opera seria, 1765; Amor e Psiche, 1767; Oreste e Pilade, umgearbeitet als I greci in Tauride, Potsdam 1772; Instrumentalmusik: Sonate F-Dur für Cembalo, in: Musikalisches Mancherley, Berlin 1762; Schriften: Schreiben eines reisenden Liebhabers der Musik von der Tyber, an den critischen Musikus an der Spree, Berlin 1749; Schreiben an Herrn *** in welchem Flavio Anicio Olibrio sein Schreiben an den critischen Musikus an der Spree vertheidiget und auf dessen Wiederlegung antwortet, Berlin 1749; Nachricht von einer Uebersetzung der Anmerkungen des Herrn Peter Franz Tosi über den Figuralgesang, in: F. W. Marpurg (Hg.), Historisch-Kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik, Bd. 1, Berlin 1755, S. 326-331; P. F. Tosi, Anleitung zur Singkunst, Berlin 1757 (Übersetzung aus dem Italienischen).

L  Joh. Friedr. A., in: F. W. Marpurg (Hg.), Historisch-Kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik, Bd. 1, St. 2, Berlin 1754, S. 148-152; Die Capelle Sr. Königl. Hoheit, des Prinzen und Marggrafen Carl, in ihrem dermahligen Zustande, in: ebd., S. 156-160; A. F. Wolff, Entwurf einer ausführlichen Nachricht von der Musikübenden Gesellschaft zu Berlin, in: ebd., Bd. 1, St. 5, Berlin 1755, S. 385-413; Anleitung zur Singkunst (Rezension), in: ebd., Bd. 3, St. 4, Berlin 1757, S. 357-367; J. J. Quantz, Hrn. Johann Joachim Quanzens Antwort auf des Herrn von Moldenit gedrucktes so genanntes Schreiben an Hrn. Quanz, in: ebd., Bd. 4, St. 3, Berlin 1759, S. 153a-191; H. Wucherpfennig, Johann Friedrich A., Diss. Berlin 1922; B. Berkholz, Johann Friedrich A., Königlich Preußischer Hofcompositeur, Dobitschen 1995. – ADB 1, S. 149f.; DBA I, II, III; DBE 1, S. 54f.; NDB 1, S. 101f.; MGG2P 1, Sp. 217-220.



Christin Seidenberg
12.5.2006


Empfohlene Zitierweise:

Christin Seidenberg, Agricola, Johann Friedrich (Pseudonym: Flavio Anicio Olibrio), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (11.12.2017)

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