Schmidt Johann Christoph
Kapellmeister, Komponist
* 6.8.1664 Hohnstein/Sächsische Schweiz 13.4.1728 Dresden(ev.)
VJohann Christian (um 1639-1690), Lehrer und Organist in Hohnstein/Sächsische Schweiz, Kapellknabe am Dresdner HofMMaria MagdalenaGJohann Wolfgang (1677-1744), Hoforganist und Hofnotist
GND: 128511222

S. wirkte rund 30 Jahre (1697-1728) als Kapellmeister und Komponist am Dresdner Hof. Neben einigen Kirchenmusiken aus seinen frühen Schaffensjahren erhielten sich von ihm überwiegend Werke französischen Stils für Bühne und Kammer. Seine im Februar 1696 und 1697 in Dresden aufgeführten Karnevalsmusiken „Musenfest“ und „Fastnachtslust“ gehören zu den ersten deutschen Opéra-ballets. Mit der Vertonung dieser Textbücher (Verse u.a. von Gräfin Maria Aurora von Königsmarck) knüpfte er an die Balletttradition des Dresdner Hofs an, begab sich aber zugleich in die Nähe der französischen Meister Pascal Collasse und André Campra. Von S. nach 1700 vertonte französische Ballettlibretti trugen wesentlich zur Rezeption französischer Musik am Hof Friedrich Augusts I. (König August II. von Polen, der Starke) bei. – Sein Vater, Kapellknabe unter Heinrich Schütz, vermittelte ihm erste musikalische Kenntnisse. 1674 wurde S. Schüler der Kreuzschule in Dresden und trat zwei Jahre später als Kapellknabe und Instrumentalist in die kursächsische Hofkapelle ein. 1681 bis 1683 - vermutlich während seines Stimmbruchs - besuchte S. das Alte Gymnasium Zittau unter Christian Weise und spielte 1682 und 1683 in dessen Schulkomödien mit. Anschließend studierte er an der Universität in Leipzig. 1687 kehrte er nach Dresden zurück, da ihn der Hof zum Präzeptor der Kapellknaben ernannt hatte. 1692 erhielt er das Amt des zweiten Hoforganisten. Neben seiner Lehr- und Organistentätigkeit spielte er u.a. Viola da Gamba und unterstützte den seinerzeit amtierenden Kapellmeister Christoph Bernhard, der ihn in der Komposition unterrichtete. Schon während dieser Zeit schrieb S. Kirchenstücke und kleine Bühnenwerke; seine Messen erinnern an die Kirchenmusiken seines Lehrers. Die unter Johann Georg IV. angeregte Studienreise nach Italien 1693/94 fand vermutlich im Hinblick auf seine spätere Berufung zum Kapellmeister statt. Sechs Wochen nach der Aufführung des Opéra-ballet „Musenfest“ (16.2.1696) wurde er zum Vizekapellmeister der Hofkapelle ernannt. Im Zuge der Konversion und Krönung seines Landesherrn stieg er zum Kapellmeister auf. Da die Hofmusiker August II. nach Polen begleiteten, spielte die Kapelle in Dresden bis 1702 nur während der königlichen Besuche. Nach der Flucht Augusts des Starken aus Warschau gestalteten sie zwischen 1702 und 1704 wieder die protestantischen Gottesdienste in der Dresdner Schlosskapelle aus. Die Regelmäßigkeit dieser Darbietungen geriet aber unter den Einflüssen des Nordischen Kriegs ins Stocken. Mit der Wiedereinsetzung Augusts II. 1709 als polnischer König begann eine Reorganisation der Kapelle, an der sich S. federführend beteiligte. Als ihn der Dresdner Hof 1717 zum ersten Kapellmeister ernannte, wirkten u.a. Johann David Heinichen (Kapellmeister), Johann Georg Pisendel, Pantaleon Hebenstreit, Silvius Leopold Weiß, Jan Dismas Zelenka, Pierre Gabriel Buffardin und Johann Christian Richter als Instrumentalisten in der Hofkapelle. 1719 schrieb S. für das Venusfest, das anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten von Erzherzogin Maria Josepha und Kurprinz Friedrich August (II.) am 23. September im Königlichen Garten (Großer Garten) gefeiert wurde, eines seiner französischsten Ballette: „Les quatre Saisons.“ – S.s überliefertes Œuvre ist zu gering, als dass eine allgemeingültige Aussage über seine Bedeutung als Komponist getroffen werden kann. In dem Bestreben, die Feste und die Hofmusik Augusts des Starken mit (der Entwicklung in Paris und Versailles ebenbürtigen) Werken zu bereichern, schuf er Kompositionen von hoher musikalischer Qualität. Zu seinen Schülern gehörten Christoph Gottlieb Schröter und Carl Heinrich Graun.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Oberhofmarschallamt, Finanzarchiv; Kirchenarchiv Hohnstein, Kirchenbücher; Christian-Weise-Bibliothek Zittau, Altbestand, Programmhefte der Schulkomödien zwischen 1682 und 1683.

W  A. Vokalmusik (in D-B, wenn nicht anders angegeben): I. Messen und andere geistliche Werke: Missa 6 voce; Christe & Kyrie eleison für fünf Stimmen und Orgel; Missa für Chor, Instrumente und Orgel; II. Geistliche Konzerte: „Bonum est confiteri Domino“ für Solo-Alt, Instrumente und Generalbass; „Wo ist solch ein Gott wie du bist“ für zwei gemischte Chöre, Instrumente und Generalbass; „Labe mich durch deines Mundes Kuß“ für Sopran-Solo, Instrumente und Generalbass; „Sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen“ für zwei gemischte Chöre, Instrumente und Generalbass; „Mein Herz ist bereit“ für T-Solo, Instrumente und Generalbass [Entstehungszeit aller geistlichen Konzerte vermutlich zwischen 1687 und 1692]; III. Kantaten: „Auf Gott hoffe ich“ für vierstimmigen Chor, Alt, Instrumente und Generalbass, D-B; „Lobe den Herrn, meine Seele“ für zwei gemischte Chöre, Instrumente und Generalbass, F-Ssp; „Schwing dich auf zu meinem Gott“ für gemischten Chor, Instrumente und Generalbass, F-Ssp; „Gott, du bleibest doch mein Gott“ für gemischten Chor, Instrumente und Generalbass, F-Ssp; B. Bühnenwerke: „Musenfest“, Opéra-ballet, 1696; „Fastnachts-Lust“, Opéra-ballet, 1697; „Latona in Delo“, Divertimento teatrale, 1699, D-B; Les Théâtre des Plaisirs, Opéra-ballet, 1709, Textbuch in D-Dl; „Les quatre Saisons“, Opéra-ballet, 1719, D-D1; C. Instrumentalmusik: Vier Ouvertüren für Bläser, Streicher und Generalbass, D-D1; Ausgaben: Gavotte aus „Les quatre Saisons“ (Introduktion), in: O. Schmid (Hg.), Musik am sächsischen Hofe, Leipzig 1904, S. 2-5; Overture in F major, in: H.-G. Ottenberg/Z. Pilková (Hg.), The Symphony in Dresden, New York 1984, S. 3-15.

L  Kurtze doch ausführliche Beschreibung des sogenannten Venus-Fests, Dresden 1719; J. A. Hiller, Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrter und Tonkünstler, Bd. 1, Leipzig 1784, S. 139; M. Fürstenau, Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe der Kurfürsten von Sachsen, Bd. 1, Dresden 1861, Bd. 2, Dresden 1862; I. Becker-Glauch, Die Bedeutung der Musik für die Dresdner Hoffeste, Kassel u.a. 1951; O. Landmann, Französische Elemente in der Musikpraxis des 18. Jahrhunderts am Dresdner Hof, in: Studien zur Aufführungsspraxis und Interpretation von Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts 16/1982, S. 48-50; W. Horn, Die Dresdner Hofkirchenmusik 1720-1745, Kassel 1987; H. Kunath, Johann Christoph S. Erinnerungen an ehemalige Kreuzschüler, in: Die Union, Dresden 5./6.8.1989, S. 3; D. Sauer, Johann Christoph S. Kapellmeister und Komponist am Hofe August des Starken. Biographie und Werkverzeichnis, Magisterarbeit TU Dresden 2006. – ADB 31, S. 736f.; DBA I, II, III; DBE 9, S. 11; EitnerQ, Bd. 9, S. 39; NGroveD (2/2001), Bd. 22, S. 538.



Dorothea Sauer
8.7.2008


Empfohlene Zitierweise:

Dorothea Sauer, Schmidt, Johann Christoph, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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