Pepino Jan Josef Angelo
Bibliothekar, Buchhändler, Direktor der Städtischen Büchereien Dresden
* 29.3.1898 Dresden 6.10.1975 Dresden Dresden, Friedhof Loschwitz(ev.)
VAnton Josef (1863-1921), Landschafts- und PorträtmalerMMagdalene Adelheid Agnes Elisabeth, geb. von Mach (1871-1943), Schwester von Hildegard von MachGCharlotte Alexandra (1901-1989), Journalistin1946 (?) Elfriede Ruth, geb. Franz (1905-2000), Krankenpflegerin, Berufsberaterin
GND: 136320252

Das herausragende Verdienst P.s besteht in seiner Aufbauleistung als Direktor der Städtischen Büchereien Dresden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Mit organisatorischem und kommunikativem Geschick gelang es ihm innerhalb weniger Jahre in einer schwierigen politischen Umbruchzeit, das von der Zerstörung der Stadt stark betroffene Bibliotheksnetz zu reorganisieren. – P. wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen einer Künstlerfamilie auf, die oft auf die finanzielle Unterstützung von Verwandten und Freunden angewiesen war. Ab 1900 hatte P.s Vater sein Atelier im Loschwitzer Künstlerhaus. Die Figur des Knaben auf einem der Freundschaft Friedrich von Schillers und Christian Gottfried Körners gewidmeten Relief Oskar Rassaus von 1912, das sich gegenüber dem Schillerhäuschen in Dresden-Loschwitz befindet, stellt P. dar. Die Familie unterhielt Kontakte zu Künstlern und Intellektuellen, z.B. war P.s Vater mit Hugo von Hofmannsthal befreundet. – Nach dem Abitur am Realgymnasium Blasewitz bei Dresden 1916 wurde P. zum Militär einberufen, absolvierte einen Offizierslehrgang und erhielt während seines Kriegseinsatzes das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse sowie das Friedrich-August-Kreuz II. Klasse. Am Ende des Kriegs begab er sich freiwillig in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1920 freikam. Im Lager Albertville (Frankreich) hatten Insassen eine Art Hochschule gegründet, wo sich P. für Lehrveranstaltungen in Naturwissenschaften, Geschichte, Germanistik und Sprachen sowie auch Buchführung einschrieb. – 1921 bis 1923 absolvierte P. eine Lehre bei der Dresdner Bank in seiner Heimatstadt und arbeitete danach zwei Jahre als Korrespondent beim Verlag Richard A. Giesecke in Dresden. 1926 wechselte er ebenfalls als Korrespondent zum Einkaufshaus für Volksbüchereien in Leipzig, einer Einrichtung der von Walter Hofmann gegründeten Deutschen Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen. Hier stieg P. bald zum buchhändlerischen Leiter und 1929 zum Prokuristen auf. Parallel dazu absolvierte er den Ausbildungsgang der Deutschen Volksbüchereischule Leipzig und bestand 1931 das Diplomexamen. Sein Gehalt im Einkaufshaus ermöglichte es ihm, sich 1927 an der Universität Leipzig einzuschreiben und bis 1930 Philosophie, Soziologie, Literaturwissenschaften und Pädagogik zu studieren. – 1928 übernahm P. im Auftrag der Zentralstelle zugleich ehrenamtlich die Leitung der Colditzer Stadtbibliothek. Da er sich im Leipziger Einkaufshaus bei der Beratung der Kunden (Bibliotheksleiter aus ganz Deutschland) sehr bewährt hatte und das Auftragsvolumen des Unternehmens aufgrund der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland dramatisch gesunken war, setzte man ihn nach der Erlangung des bibliothekarischen Abschlusses verstärkt als Bibliothekar im eigenen Bereich und in der Leipziger Amtlichen Sächsischen Kreisberatungsstelle für das volkstümliche Büchereiwesen ein. Hier bearbeitete er Vorschlagslisten und Sachverzeichnisse und kümmerte sich um die Neueinrichtung von Bibliotheken. – Ab 1933 wechselte P. auf eine Bibliothekarstelle bei den Städtischen Bücherhallen zu Leipzig, die er nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Abstammung väterlicherseits wieder aufgeben musste. Eine derzeit angestrebte Promotion wurde ihm aus demselben Grund verwehrt. – P. emigrierte 1934 nach Ägypten. In Kairo, wo seine Schwester lebte, übernahm er die Buchhandlung der deutschen Fotografen Lehnert & Landrock, die heute noch existiert. 1935 schloss ihn der in die Reichsschrifttumskammer eingegliederte Verein Deutscher Volksbibliothekare auch formal aus seinen Reihen aus, was ein dauerhaftes Berufs- und Publikationsverbot bedeutete. – Aus Sorge um seine alleinstehende, krebskranke Mutter und um einer Lagerhaft in Kairo zu entgehen (Deutsche wurden nach Kriegsausbruch auf britischen Druck hin interniert) floh P. 1939 nach Griechenland, von wo aus er an Deutschland ausgeliefert wurde. Eine Pflichtmeldung beim Wehrkreiskommando führte zur Einstufung als „wehrunwürdig“. P. fand Arbeit bei der Firma M. und R. Zocher, die Drucksachen und Büromaterial herstellte. 1942 wurde er für die „Bewährungsbataillone 999“ vorgesehen, in die nach einem Erlass Adolf Hitlers vom 2.10.1942 „bedingt Wehrwürdige“ eingezogen werden sollten. Um einem solchen Einsatz zu entgehen, tauchte P. unter, zuerst in Petersdorf/Riesengebirge (poln. Piechowice), wo er in einem Werk arbeitete, das Pappengussmembrane für Lautsprecher produzierte, dann in Berlin bei Friedrich August von Mach, dem Bruder seiner Mutter. Nach eigenen Angaben P.s auf einem Personalbogen aus den 1950er-Jahren fand er 1943 wieder eine Anstellung in Dresden bei Clemens Müller, einem Schreib- und Nähmaschinenhersteller. – Jahrelange Demütigung, Verfolgung, Unsicherheit und Angst führten bei P. zu einem seelischen Druck, dem er zeitweilig kaum noch standhielt. – Für P. war das Ende des NS-Regimes eine wirkliche Befreiung. Er meldete sich in den ersten Tagen nach dem Sieg der Alliierten beim damaligen Dresdner Oberbürgermeister Rudolf Friedrichs, um sich in den Dienst des Wiederaufbaus zu stellen, und er trat der SPD bei. Ab Juni 1945 arbeitete er bereits ehrenamtlich für die Städtischen Büchereien. Am 1.8. desselben Jahrs wurde er zu deren Direktor berufen. Als erste Aufgabe galt es, den Ausleihbetrieb in den verbliebenen Bibliotheken Neustadt, Nordwest, Plauen und in der Musikbibliothek wiederherzustellen. Dazu mussten die Bestände von nationalsozialistischer und kriegsverherrlichender Literatur bereinigt und die Räume notdürftig hergerichtet werden, was P. für Neustadt, Nordwest und die Musikbibliothek noch im selben Jahr erreichte. 1947 reiste er nach Hamburg zu einem Gedankenaustausch über den Wiederaufbau der Bibliotheken und berichtete darüber im selben Jahr auf dem Sächsischen Bibliothekartag in Leipzig. – Bis zu seinem offiziellen Ausscheiden aus den Städtischen Büchereien am 15.12.1951 gelang es P., das Bibliotheksnetz auf zwölf Zweigbibliotheken, neun Ausleihstellen und eine Fahrbibliothek auszubauen. Außerdem konnte er die Eröffnung einer Kinderbibliothek und einer zweiten Fahrbibliothek, für die er persönlich ein wiederaufbaufähiges Autowrack ausfindig machte, vorbereiten. Die Bestände wuchsen in den knapp sieben Jahren unter seiner Leitung von 92.000 auf 170.000 Bände, die Zahl der Entleihungen stieg von 233.000 (1946) auf 600.000 (1951). – Parallel zu seinen Aufgaben bei den Städtischen Büchereien leitete P. im Auftrag der Landesverwaltung die Sächsische Landesstelle für Büchereiwesen, bis 1949 Ilse Korn hauptamtlich mit dieser Funktion betraut wurde. Bereits im Juni 1945 wurde P. von der deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung in den Kontrollausschuss für die Säuberung der deutschen Büchereien berufen, ab 1946 war er Mitglied des Schulausschusses der Bibliothekarschule in Leipzig sowie Mitglied der Redaktionskommission der Zeitschrift „Der Volksbibliothekar“. – Anfang 1948 setzte sich P. erfolgreich für die organisatorische Zusammenlegung von Städtischen Büchereien und wissenschaftlicher Stadtbibliothek sowie Stadtarchiv ein. Durch eine Verordnung zur Neugestaltung des Hochschulwesens 1951 wurde der Stadtbibliothek allerdings der Status als wissenschaftliche Bibliothek aberkannt, und P. musste sich damit abfinden, dass der Stadtrat im September 1951 den Beschluss zu ihrer Auflösung fasste. Das Stadtarchiv wurde ab Oktober 1951 wieder von den Städtischen Büchereien getrennt. – Weder seine herausragenden Leistungen noch seine Führungsqualitäten, ja nicht einmal seine Mitgliedschaft in der SED, konnten verhindern, dass ihn auch die neuen Ideologen in Partei und Verwaltung politisch so sehr unter Druck setzten, dass er „auf eigenen Wunsch“ als Leiter der Städtischen Büchereien entlassen und 1951 als Instrukteur für die Betriebsbüchereien des Stadtkreises Dresden eingestellt wurde. Insgesamt neun Monate lang musste er in der seinen Fähigkeiten und Ambitionen in keiner Weise entsprechenden Stellung ausharren. Das attraktive Angebot, die Leitung der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums in Berlin zu übernehmen, lehnte er ab, weil er kein Historiker war. – Ein neuer Anfang bot sich für P. an der Sächsischen Landesbibliothek Dresden (SLB), die ihn im Oktober 1952 als Fachreferent für Pädagogik und Volkskunde einstellte. Kurz darauf konnte er die Fächer Literatur- und Sprachwissenschaften übernehmen, die er mit großem Engagement 15 Jahre lang betreute. Außerdem übte er weitere wichtige Funktionen aus: Er leitete 1956 bis 1965 die Benutzungsabteilung, war für die Lehrlingsausbildung verantwortlich und stand der Betriebsgewerkschaftsleitung vor. Außerdem wirkte P. in zahlreichen Gremien mit, so in der Fachkommission für Statistik des Bibliotheksverbands der DDR, im Arbeitskreis wissenschaftlicher Bibliothekare beim Zentralvorstand der Gewerkschaft Wissenschaft, im Prüfungsausschuss für Bibliothekare beim Ministerium für Volksbildung sowie in der Ständigen Kommission Kunst und kulturelle Massenarbeit der Stadtverordnetenversammlung Dresden. Er engagierte sich für die Veranstaltungen zum Jubiläum 400 Jahre Sächsische Landesbibliothek (1956) und für den internationalen bibliothekarischen Austausch. – P. wird als ein Bibliothekar geschildert, dem sein Beruf ans Herz gewachsen war. Victor Klemperer berichtete in seinen Tagebüchern 1950 bis 1959 von Begegnungen und Gesprächen mit ihm während des Auskunftsdiensts. Kollegen würdigten ihn als vorzüglichen Organisator, der trotz strenger Pflichterfüllung durch große menschliche Anteilnahme und Hilfsbereitschaft die Sympathie seiner Mitarbeiter und Schüler in seltenem Maß gewann. Auch nachdem sich P. 1968 im Alter von 70 Jahren hatte pensionieren lassen, arbeitete er noch weiter für die „Sächsische Bibliographie“ und erfasste im Auftrag der SLB seltene Zeitungsbestände in sächsischen Städten und Gemeinden. Dank dieser Aufgabe, die immer wieder mit Reisen verbunden war, konnte er bis kurz vor seinem Tod beruflich aktiv bleiben, was er trotz gesundheitlicher Einschränkungen sehr genoss.



Q  Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser, Teil B, Gotha 1934, S. 300; Aus der Arbeit der Sächsischen Landesbibliothek 1956-1965, Leipzig 1966, S. 50, 53; H. v. Hofmannsthal, Briefwechsel, Frankfurt/Main 1986; V. Klemperer, So sitze ich denn zwischen allen Stühlen, Berlin 1999; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Bibliotheksarchiv; Städtische Bibliotheken Dresden, Bibliotheksarchiv; Stadtarchiv Dresden, Bestand Dezernat Volksbildung; Privatarchiv E. Nedorn, Ludwigsburg, Nachlass P.; Privatarchiv D. Ahlhelm, Berlin.

W  Städtisches Büchereiwesen in Dresden 1945/46, in: Der Volksbibliothekar 1/1946/47, S. 35f.; Beitrag eines Teilnehmers der Tagung, in: ebd., S. 81f.; Über das Leseheft, in: ebd. 2/1948, S. 57-62; Büchereiarbeit im Krankenhaus, in: ebd., S. 298-300; Zur Frage der Fahrbibliothek, in: Der Bibliothekar 6/1952, S. 213-215; Aus der täglichen Arbeit der Sächsischen Landesbibliothek, in: K. Assmann (Hg.), Sächsische Landesbibliothek Dresden 1556-1956, Leipzig 1956, S. 86-91; Verlängerte Öffnungszeiten/Neue Vermittlungsstellen, in: Nachrichten aus dem wissenschaftlichen Bibliothekswesen der Deutschen Demokratischen Republik 6/1960, S. 47f.; Die Sächsische Landesbibliothek als Ausbildungsstätte, in: Sächsische Landesbibliothek - Neuerwerbungen und Nachrichten 2/1963, S. 63f.; Erich Schröder zum Gedächtnis, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 80/1966, S. 221f.; Sächsische Zeitungen in Bibliotheken, Archiven und Museen des Bezirkes Dresden, Dresden 1971; Sächsische Zeitungen in Bibliotheken, Archiven und Museen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, Dresden 1973.

L  J. Wulf, Literatur und Dichtung im Dritten Reich, Gütersloh 1963; H. Hofmann, Jan P., dem Siebzigjährigen, in: Der Bibliothekar 22/1968, S. 718f.; B. Burgemeister, Jan P., in: Sächsische Landesbibliothek - Neuerwerbungen und Nachrichten 8/1968, S. 15f.; H. Müller-Muck, Erinnerungen an Jan P., in: Der Bibliothekar 30/1976, S. 841f.; H. Deckert, Jan P. zum Gedächtnis, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 90/1976, S. 11; Stadttore zur Medienwelt, hrsg. von den Städtischen Bibliotheken Dresden, Altenburg 2006 (Bildquelle). – A. Habermann/P. Kittel, Lexikon Deutscher Wissenschaftlicher Bibliothekare, Frankfurt/Main 2004, S. 136.



Roman Rabe
20.11.2009


Empfohlene Zitierweise:

Roman Rabe, Pepino, Jan Josef Angelo, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.4.2017)

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