Weller von Molsdorf Hieronymus
Theologe
* 5.9.1499 Freiberg 20.3.1572 Freiberg(kath., später ev.)
VJohannes († 1509), Bürgermeister in FreibergMBarbara, geb. Bock († 1530)GBarbara († 1543); Magdalene; Petrus (1502-1536); Nicolaus (1503-1537); Alexander (1505-1559); Matthias (1507-1563); Hans (* 1509)1536 Anna am SteigeSHieronymus (1548-1587); Petrus (* 1550)TMargarethe; Anna (* 1553)
GND: 124168876





W. entstammte einem vogtländischen Patriziergeschlecht, das seit 1430 in Freiberg ansässig war und dort in führende städtische Ämter gelangte. Seine Schulbildung in Naumburg und Freiberg orientierte sich an den Grundsätzen des Humanismus und wurde durch namhafte Gelehrte, wie Johannes Aesticampianus, befördert. Am 9.10.1517 immatrikulierte sich W. an der juristischen Fakultät der Universität Wittenberg und erlangte am 12.4.1519 das Bakkalaureat. Fehlende Finanzmittel zwangen ihn, sich danach in Zwickau und Schneeberg als Lehrer, u.a. für griechische Sprache, zu betätigen. Von Verwandten unterstützt, konnte W. 1525 seine akademische Ausbildung in Wittenberg fortsetzen. Unter dem Einfluss von Martin Luthers Predigten wandte er sich 1527 dem Studium der Theologie zu und wurde gleichzeitig Hauslehrer bei Luthers Sohn Johannes. Als Famulus gehörte W. acht Jahre lang dem Haushalt des Reformators an und erwarb sich dessen besonderes Vertrauen. Die spätere Veröffentlichung von Luthers Tischreden aus den Jahren 1536 und 1537 geht auf W.s und Antonius Lauterbachs Nachschriften zurück. Ebenso pflegte W. intensive freundschaftliche Kontakte zu Philipp Melanchthon und anderen Exponenten der Wittenberger Reformation. – Auf Veranlassung Luthers erwarb W. den theologischen Doktorgrad, die Promotion fand ungeachtet der in Wittenberg wütenden Pest im September 1535 statt. Nachdem seine Heimatstadt die Reformation eingeführt hatte, erfolgte 1539 die Berufung W.s zum Inspektor für das Kirchen- und Schulwesen in Freiberg. Außerdem erhielt er auf Nikolaus Hausmanns Empfehlung eine gut dotierte Lektur für Theologie am Freiberger Gymnasium. Diese seit 1537 durch das Rektorat von Johann Rivius d.Ä. geprägte Nachfolgeeinrichtung der städtischen Lateinschule entwickelte unter maßgeblicher Beteiligung W.s eine Synthese aus humanistischem und reformatorischem Bildungsprofil und zählte zu den namhaftesten sächsischen Schulen des 16. Jahrhunderts. Zwar blieben W.s Hoffnungen, das Gymnasium zur Universität weiterentwickeln zu können, unerfüllt, doch sorgte das angeschlossene Predigerseminar zu einer starken Frequentierung. Eng mit seiner 22-jährigen Lehrtätigkeit verknüpft sind W.s exegetische und homiletische Schriften, die er zumeist im Stile von Ratschlägen an seine Schüler verfasste. Als erster ausführlicher Kommentar zu Luthers Haustafel diente W.s Schrift „De officio ecclesiastico, politica et oeconomico libellus pius et eruditus“ von 1552 (deutsch 1556) den späteren Auslegungen dieses Katechismustexts durch Cyriacus Spangenberg, Ägidius Hunnius u.a. als Vorbild. Bemerkenswert ist auch W.s „Erklärung christlicher Lieder“, in der er zentrale Liedtexte der Reformation in ihrer Entstehung und Aussageabsicht erläuterte. – In den theologischen Lehrstreitigkeiten nach Luthers Tod nahm W. stets vermittelnde Positionen ein und warnte eindringlich vor Spaltungen unter den protestantischen Theologen. In seinem Bemühen um Ausgleich und Demonstration der Lehreinheit zwischen Luther und Melanchthon geriet er jedoch zwischen die Fronten und sah sich selbst in Freiberg durch seine theologischen Gutachten persönlichen Angriffen ausgesetzt. Gleichwohl schlug er ein Angebot der Universität Leipzig ebenso aus wie Berufungen nach Wien, Nürnberg oder Kopenhagen und behielt stattdessen bis 1562 sein Freiberger Lehramt bei. In den letzten zehn Lebensjahren nahm er dann nur noch die Schulinspektionen in der Bergstadt wahr. Dabei gelang es ihm 1565, die Freiberger Klosterbibliotheken vor der drohenden Vernichtung zu bewahren.



W  Analecta Welleriana, hrsg. von M. Hempel, Leipzig 1596; Opera omnia, 2 Bde., Leipzig 1702 (P).

L  A. Moller, Theatrum Freibergense Chronicum, Freiberg 1653; C. F. Lämmel, Historia Welleriana. Historische Beschreibung des adelichen Geschlechts und Lebens des Theologi Hieronymi W., Leipzig 1702 (WV); C. G. Wilisch, Kirchen-Historie der Stadt Freyberg, Freiberg 1737, Bd. 1, S. 237-245, Bd. 2, S. 20; H. F. A. Nobbe, Hieronymus W., der Freund und Schüler Luthers, nach seinem evangelischen Leben und Wirken dargestellt, in: Zeitschrift für die historische Theologie 40/1870, NF Bd. 34, H. 2, S. 153-181; W. Lauterbach, Berühmte Freiberger, Teil 1, Freiberg 2000, S. 35f. (P); A. Ledl, Lebenslanges Lernen als Reformprogramm. Aufbrüche in der Reformationszeit durch Hieronymus W. und Christoph Fischer, Jena 2007. – ADB 44, S. 472-476; DBA I, III; DBE 10, S. 425.

P  Hieronymus W., J. C. Oberdörffer, 1702, Kupferstich, Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung; Hieronymus W., C. Romstet, 1655/1700, Kupferstich, Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Michael Wetzel
8.2.2018


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Weller von Molsdorf, Hieronymus, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.10.2018)

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