M. stammte aus einer berühmten Verlegerfamilie. Sein Großvater Joseph Meyer hatte 1826 in Gotha das „Bibliographische Institut“ gegründet, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts (seit 1874 in Leipzig) zu einem der bedeutendsten Verlagshäuser Deutschlands entwickeln sollte. 1884 übergab M.s Vater Herrmann Julius Meyer die Verlagsleitung in die Hände seiner Söhne. 40 Jahre lang war M. für die Entwicklung des Unternehmens mitverantwortlich. M. und seinem Bruder Arndt gelang es, den zeitweise finanziell maroden Verlag zu sanieren und zu expandieren. Neben der Fortführung des „Conversations-Lexicon“, dem Hauptwerk des Verlags, gehörten weitere Nachschlagewerke, naturkundliche Literatur (z.B. „Brehms Tierleben“), Erd- und Völkerkunde, Literaturgeschichte, Reiseliteratur und Atlanten zu den wichtigsten Produktionssparten. 1914 trat M. aus der Direktion aus, um sich ausschließlich seinen wissenschaftlichen Ambitionen widmen zu können. Inzwischen hatte er sich zu einem renommierten Geografen und weltweit berühmten Forschungsreisenden profiliert. – Nach seiner Militärzeit in Berlin und dem Studium der Nationalökonomie, das er 1881 mit einer Dissertation bei Gustav Schmoller in Straßburg abschloss, brach M. zu einer zweijährigen Weltreise auf. Während dieser Reise, auf der er in Südostasien selbstständige völker- und erdkundliche Forschungen unternahm, wuchs in ihm das Interesse an der Geografie. 1884/85 hatte der Abenteurer und Kolonialenthusiast Carl Peters im Auftrag der „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ große Gebiete zwischen Sansibar und den zentralafrikanischen Seen von afrikanischen Häuptlingen „erworben“, für die er am 27.2.1885 einen kaiserlichen Schutzbrief erhielt. Das Hinterland dieses neuen „Schutzgebiets“ war noch weitgehend unbekannt, als M. Ende 1886 zu seiner ersten Afrikareise in diese Region aufbrach. Besonderen Reiz übte auf ihn der Kilimandscharo aus, der bis dahin lediglich bis in eine Höhe von 4.200 m bestiegen worden war. 1887 schloss sich M. einer Expedition der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) in das Kilimandscharo-Gebiet an. Trotz mangelhafter alpinistischer Ausrüstung und im letzten Teil im Alleingang erreichte er den Rand der Gletscherkappe in über 5.000 m Höhe. Die Erforschung dieses höchsten afrikanischen Bergs wurde für M. zur wissenschaftlichen Herausforderung seines Lebens, die Bezwingung seines Gipfels galt ihm als „nationale Pflicht“. 1888 startete er gemeinsam mit dem österreichischen Geografen Oscar Baumann und einer über 200 Personen umfassenden Expeditionskarawane einen neuen Versuch der Gipfelbesteigung. Doch bereits in den Usambarabergen endete das Unternehmen abrupt. An der Küste war ein Aufstand gegen die DOAG („Araber-Aufstand“) ausgebrochen, der sich bald auf das Hinterland ausdehnte und zur Auflösung der Karawane führte. M. und Baumann gerieten in die Gefangenschaft Buschiri bin Salims. Erst nach Zahlung einer hohen Lösegeldsumme gelangten beide wieder in Freiheit. Der dritte Versuch brachte M. den ersehnten Erfolg. Im Juli 1889 brach er gemeinsam mit dem österreichischen Turnlehrer und erfahrenen Alpinisten Ludwig Purtscheller zu seiner dritten Ostafrika-Expedition auf. Mit einer großen Karawane reiste M. durch britisches Gebiet zum Fuß des Kilimandscharo-Massivs, wo er Unterstützung durch die Djagga-Häuptlinge Mandara von Moshi und v.a. Mareale von Marangu fand, den er bereits 1887 kennen gelernt hatte. Nach neuntägigem Aufstieg standen M. und Purtscheller am 6.10.1889 auf dem höchsten Punkt Afrikas, den M. in patriotischer Weise „Kaiser-Wilhelm-Spitze“ taufte (seit 1962 offiziell Uhuru-Peak = „Freiheitsspitze“). Die Höhe berechnete er mit 6.010 m (1952 auf 5.895 m korrigiert). Mit dieser Erstbesteigung wurde M. weltweit bekannt. Noch ein weiteres Mal führte ihn der Weg zu „seinem“ Berg: 1898 umkreiste er gemeinsam mit dem Münchner Landschaftsmaler Ernst Platz den Kilimandscharo und nahm das Gesamtmassiv kartografisch auf. – Wissenschaftlich beschäftigte sich M. besonders mit glaziologischen und vulkanologischen Fragen. Seine Gletscherbeobachtungen, Kartierungen und trigonometrischen Messungen waren lange Zeit in der Forschung maßgebend. Als Verlagsinhaber war er zugleich darauf bedacht, seine Forschungsreisen publikumswirksam zu verbreiten. Von allen seinen Reisen veröffentlichte er auf der Basis seiner Tagebuchaufzeichnungen umfangreiche, allgemeinverständliche Berichte. Darüber hinaus hielt M., wie kaum ein anderer Geograf, zahlreiche Vorträge im In- und Ausland. Als einer der Ersten setzte er gezielt die Fotografie ein, um seine Forschungsergebnisse systematisch zu dokumentieren. Seine umfangreiche Fotosammlung mit über 1.000 Aufnahmen bildet heute eine hervorragende Bildquelle. – Um seine Beobachtungen und Erkenntnisse am Kilimandscharo vergleichen zu können, unternahm M. weitere Forschungsreisen in andere vulkanische Hochgebirge: 1894 reiste er auf die Kanareninsel Teneriffa, wo er den höchsten Berg, den Pico de Teide (3.718 m), bestieg. 1903 führte ihn der Weg in die südamerikanischen Kordilleren. Gemeinsam mit dem Münchner Maler Rudolf Reschreiter hielt er sich ein halbes Jahr in Ecuador auf und erforschte die höchsten Vulkanberge (Chimborazo, Cotopaxi, Antisana, Cerro Altar, Carihuairazo u.a.). Eine letzte große Reise brachte ihn 1911 wiederum nach Deutsch-Ostafrika in das noch kaum erforschte zentralafrikanische Zwischenseengebiet von Ruanda und Urundi. Auch hier stand der teilweise noch aktive Vulkanismus des Virungagebiets neben völkerkundlichen Studien im Mittelpunkt seines Interesses. – Für seine Forschungen erhielt M. verschiedene Ehrungen. Mindestens ein Dutzend geografischer Gesellschaften wählte ihn zum Ehrenmitglied, die Gesellschaft für Erdkunde zu Leipzig, der er mehrfach zwischen 1892 und 1922 vorstand, verlieh ihm die Eduard-Vogel-Medaille (1912) und wählte ihn zum Ehrenvorsitzenden. 1908 wurde M. zum Geheimen Hofrat ernannt. Die Sächsische Akademie der Wissenschaften wählte ihn 1925 zum ordentlichen Mitglied der Mathematisch-Physikalischen Klasse. Die Universität Gießen verlieh ihm 1907 die philosophische Ehrendoktorwürde. Bereits seit 1899 durfte er den Professorentitel führen. 1915 wurde für ihn an der Universität Leipzig eine ordentliche Honorarprofessur für Kolonialgeografie und Kolonialpolitik eingerichtet, die er bis 1928 wahrnahm. Wichtigstes Ereignis während seiner Leipziger Professorenzeit war die Ausrichtung des 20. Deutschen Geografentags 1921. – Nicht nur wissenschaftlich, auch politisch hatte sich M. dem kolonialen Gedanken im Deutschen Reich verschrieben. Auf seinen Ostafrikareisen war er auf die Missstände der deutschen Kolonialverwaltung aufmerksam geworden. Ineffiziente Strukturen, unfähige Beamte und fehlendes Einfühlungsvermögen gegenüber der afrikanischen Mentalität prangerte er in seinen Schriften und Reden immer wieder an. Dabei trieb ihn sicher nicht in erster Linie Philanthropie an, sondern der Wille, aus den kolonialen „Ergänzungsräumen“ einen möglichst großen wirtschaftlichen Nutzen für das Deutsche Reich zu erzielen. Besonders am Herzen lag ihm die infrastrukturelle Erschließung des Landes durch den Eisenbahnbau. Grundlage kolonialwirtschaftlicher Effizienz war für M. die wissenschaftliche Erforschung. Um diese zu intensivieren, verfasste er 1904 eine Denkschrift. Ein Jahr später kam es zur Gründung einer Landeskundlichen Kommission des Reichskolonialamts. Primäres Ziel dieser Kommission, die unter M.s Vorsitz stand, waren die Aussendung und finanzielle Unterstützung von Expeditionen zur wissenschaftlichen Erforschung deutscher Kolonialgebiete und die Veröffentlichung der Ergebnisse. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnten auf diese Weise insgesamt acht große Forschungsreisen durchgeführt werden. – Seine finanziellen Möglichkeiten nutzte M. nicht nur zur Durchführung eigener Forschungsreisen. Er engagierte sich darüber hinaus als Förderer sowohl im akademischen als auch im kulturellen Bereich: 1910 richtete er eine Stiftung zur Besetzung einer kolonialgeografischen Professur an der Berliner Universität ein. In Leipzig gehörte M. zu den wichtigsten Sponsoren musealer Einrichtungen. Dem Museum für Völkerkunde und dem Museum für vergleichende Länderkunde schenkte er großzügige Sammlungen, vornehmlich aus den deutschen Kolonien. Beide Leipziger Museen ehrten ihn zum 70. Geburtstag 1928 mit einer Ausstellung „Afrika - Ostafrika“ im Grassimuseum. Zum Aufbau des „Forscherarchivs“ im Institut für Länderkunde trug er ganz wesentlich bei. Auch sein eigener umfangreicher Nachlass (u.a. mit 42 Tagebüchern und weit über 1.000 Fotografien) wird hier verwahrt.
