Nostitz und Jänckendorf Gottlob Adolf Ernst von (Pseudonym: Arthur vom Nordstern)
Konferenzminister, Oberkonsistorialpräsident, Oberamtshauptmann der Oberlausitz, Sozialpolitiker, Dichter, Präsident der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften
* 21.4.1765 See bei Niesky (sorb. Jězor) (Schloss) 15.10.1836 Oppach (sorb. Wopaka)(ev.)
VWolf Gottlob (1718-1768), RittergutsbesitzerMJuliane Eleonore Ernestine, geb. von Kiesewetter (1740-1824)GErnestina Carolina (1761-1834); Christiane Charlotte Auguste (1767-1769)1786 Henriette Sophie, geb. von Bose (1769-1848)STraugott Adolf Carl (* 1787); Eduard Gottlob (1791-1858), Politiker; Theodor (* 1792); Julius Gottlob (1797-1870), Beamter, DiplomatTElise Henriette (1788-1853); Therese Clementine (1789-1870); Lydia Augustina (1794-1810); Ida Rosalie (* 1796); Agnes Louise (1798-1875); Clara Minona (1799-1882); Clotilde Septimia (1801-1852), Dichterin; Heliodora Octavia (1805-1871)
GND: 117058955

Wohl kaum eine Persönlichkeit hat das sächsische Wohlfahrtswesen des 19. Jahrhunderts nachhaltiger geprägt als N. Einen besonderen Ausdruck seiner Fürsorge für psychisch erkrankte Menschen stellt die Gründung der Heilstätte Sonnenstein 1811 dar, die innerhalb kurzer Zeit europaweit zum Vorbild für psychiatrische Einrichtungen wurde. N.s religiös begründeter, tief verwurzelter Humanismus spiegelt sich in seinem literarischen Schaffen ebenso wie in seinem Wirken als Großmeister der Landesloge Sachsen oder ganz konkret bei der materiellen Untersetzung von Schulen und Armenhäusern in seiner Oberlausitzer Heimat und in Dresden. – N. wurde als Spross eines der ältesten und einflussreichsten Oberlausitzer Adelsgeschlechter auf dem Schloss See bei Niesky geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit ihren Kindern auf das Rittergut ihres Manns in Oppach. Sie ließ dem begabten Jungen im eigenen Haus eine sorgfältige Erziehung und umfassende humanistische Bildung zuteilwerden. Bereits im 16. Lebensjahr immatrikulierte sich N. an der Universität Leipzig. Er studierte zwei Jahre mit äußerster Intensität Staats-, Verwaltungs- und Rechtswissenschaften und legte 1783 ein hervorragendes Examen ab. Anschließend begann er seine berufliche Laufbahn als Auditor (Prüfer) beim Oberhofgericht in Leipzig, die er ab 1785 als Finanzrat beim Finanzkollegium in Dresden fortsetzte. – 1786 heiratete N. in Schkeuditz Henriette Sophie von Bose, mit der er eine glückliche und harmonische Ehe führte. Im selben Jahr übernahm er das väterliche Rittergut Oppach und Wurbis (sorb. Wjerbjež), das er ein halbes Jahrhundert bis zu seinem Tod ungeachtet der zahlreichen sonst von ihm ausgeübten Ämter bewirtschaftete. – Nach längerer Krankheit übernahm N. 1792 in seiner Oberlausitzer Heimat das einflussreiche Amt eines Landesältesten des Bautzener Kreises. Wie bereits zuvor in seinem Ehrenamt als Beisitzer des landständischen Waisenamts zeigte sich in dieser Funktion früh das Engagement von N. für die soziale Fürsorge. Zuallererst setzte er von ihm als notwendig erachtete soziale Reformen auf seinen Gütern um. So errichtete er 1794 in Oppach ein Armenhaus. 1801 veröffentlichte er in Görlitz seine wichtigste Sozialschrift „Versuch über Armenversorgungsanstalten in Dörfern, in näherer Beziehung auf das Markgrafthum Oberlausitz“. Damit seiner Zeit weit voraus, sind die von ihm aufgestellten Grundsätze 40 Jahre später in die sächsische Armenordnung eingegangen. – N. wohnte mit seiner Familie zwischen 1790 und 1806 überwiegend in Bautzen (sorb. Budyšin) und Doberschau (sorb. Dobruša). In Bautzen wurde 1791 sein Sohn Eduard Gottlob geboren, der als sein prominentestes Kind 1836 bis 1844 das Amt des sächsischen Innenministers ausübte. – N.s starke geistige und literarische Interessen führten ihn 1790 als Mitglied in die „Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften“, die ihn 1795 zu ihrem Präsidenten wählte. Während seiner bis 1817 andauernden Präsidentschaft hatte er bedeutenden Anteil an der Entfaltung einer regen wissenschaftlichen Tätigkeit. Der vielseitig interessierte, gelehrsame und redegewandte N. erwarb sich als Präsident durch bemerkenswerte Ansprachen und sein integratives Wirken viele Sympathien inner- und außerhalb dieser Gesellschaft. – 1802 vom Oberlausitzer Provinziallandtag als Amtshauptmann bestimmt, übernahm N. im Juni 1804 als Oberamtshauptmann die Spitze der in Bautzen ansässigen Provinzregierung für die Oberlausitz. Dazu hatte er sich den Oberlausitzer Ständen durch die umsichtige Bekleidung bisheriger parlamentarischer Ämter sowie sein ausgleichendes Wesen und diplomatisches Geschick empfohlen. Doch bereits im September 1807 berief ihn der sächsische König Friedrich August I. als Oberkonsistorialpräsident nach Dresden, wohin er auch seinen Wohnsitz verlegte. Hier wirkte N. u.a. an der Revidierung der Verfassung der Universität Leipzig mit. – Am 13.4.1809 erfolgte durch den sächsischen König die Ernennung von N. zum Konferenzminister und Wirklichen Geheimen Rat. Als einer von drei Konferenzministern gehörte er zu den ranghöchsten Staatsmännern des Königreichs. In dieser Funktion war N. bis 1831 Mitglied des Geheimen Konsiliums - des obersten Beratungsorgans des Königs - und seit 1817 eines von sieben Mitgliedern des Geheimen Rats, dessen Vorsitz er in den letzten Jahren innehatte. Zusätzlich zum Ministeramt wurde ihm 1809 vom König die Leitung der Königlichen Kommission für die Landes-, Straf- und Versorgungsanstalten übertragen, die er bis 1831 mit großem Verantwortungsbewusstsein und nicht nachlassendem Engagement ausübte. Er erwarb sich dabei enorme Verdienste um das sächsische Wohlfahrtswesen. Seine bedeutendste Leistung war die Gründung der Heilanstalt auf dem Sonnenstein bei Pirna, der ersten staatlichen Anstalt in Deutschland, die sich ausdrücklich der Betreuung psychisch Kranker widmete und innerhalb kurzer Zeit europaweit zum Vorbild für psychiatrische Einrichtungen wurde. Auch die Gründung des Landeswaisenhauses in Bräunsdorf bei Freiberg und der Pflegeanstalt auf Schloss Colditz gehen auf seine über 20-jährige Amtstätigkeit zurück. Sein religiös begründeter, tief verwurzelter Humanismus offenbarte sich auch in seinen Ehrenämtern als Großmeister der Landesloge Sachsen und langjähriger Präsident des Dresdner „Vereins zu Rath und That“. – Der selbst dichtende N. trat zeitlebens als ein Freund und Gönner der Künste auf. Nach der Napoleonzeit war er eine prägende Gestalt des Dresdner Liederkreises, einer der bedeutendsten literarischen Gesellschaften in Deutschland. Unter dem Pseudonym Arthur vom Nordstern errang er mit einigen seiner Werke Popularität. Zudem war er einer der ersten Übersetzer von Werken George Gordon Byrons ins Deutsche. – In den Krisenjahren 1830/31 wirkte N. als Staatsminister im neuen Kabinett von Bernhard von Lindenau entscheidend an der Erarbeitung einer zeitgemäßen liberalen sächsischen Landesverfassung mit, die er am 4.9.1831 kontrasignierte. Ende 1831 trat er in den Ruhestand und widmete sich fortan auf seinem Oppacher Gut ganz seiner Familie und seinen literarischen Neigungen.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10116 Kommission zu Besorgung der allgemeinen Straf- und Versorgungsanstalten, Loc. 5938, 10697 Gesamtministerium, Loc. 15, Film 1, Loc. 26, Nr.1, 10336 Finanzarchiv, Spezialreskripte (1542-1831), 1809, Nr. 298, 1811, Nr. 86, 12602 Familiennachlass Nostitz, Nr. 225, 230, 284; Sächsisches Staatsarchiv - Staatsfilialarchiv Bautzen, 50190 Gutsherrschaft Oppach; Stadtbibliothek Bautzen, Altbestand, Teilnachlass Gottlob Adolf Ernst von N.; Ev.-luth. Pfarramt Oppach, Begräbnisbuch 1830-1865, Sterberegister 1836, Gedächtnispredigt.

W  Versuch über Armenversorgungsanstalten in Dörfern, in näherer Beziehung auf das Markgrafthum Oberlausitz, Görlitz 1801; Valeria. Ein romantisches Gedicht in vier Gesängen, Dresden 1803; Liederkreis für Freimaurer, Dresden 1815; Irene. Fünf Gesänge, Leipzig 1818; Gemmen, gedeutet von Arthur vom Nordstern, Leipzig 1818; Sinnbilder der Christen, Leipzig 1818; Kreis sächsischer Ahnfrauen, Dresden 1819; Erinnerungsblätter eines Reisenden im Spätsommer 1822, Dresden 1824; Anregungen für das Herz und das Leben, Auswahl von 100 Strophen, Leipzig 1825/26; Beschreibung der Königl. sächsischen Heil- und Verpflegungsanstalt Sonnenstein, 2 Bde., Dresden 1829.

L  Neues Lausitzisches Magazin 14/1836, S. 186-189; Neuer Nekrolog der Deutschen, 14/1836, S. 618-621; I. Hub, Deutschland’s Balladen- und Romanzen-Dichter, Würzburg 41864, S. 161-164; W. v. Boetticher, Geschichte des Oberlausitzischen Adels und seiner Güter 1635-1815, Bd. 2, Görlitz 1913, S. 340-344; F. Voigt, Gottlob Adolph Ernst von N. (Arthur vom Nordstern) als Dichter, in: Neues Lausitzisches Magazin 105/1929, S. 61-75 (P); A. Freiherr v. Ungern-Sternberg, Arthur vom Nordstern. Der Staatsmann und Dichter, in: Grenzland Oberlausitz 17/1936, Nr. 6, S. 112-114 (P); G. Schmidt, Die Staatsreform in Sachsen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Weimar 1966; T. Gerisch, Adel und literarisches Schaffen. Das Beispiel Gottlob Adolf Ernst von N. (1765-1836) unter Berücksichtigung des von ihm gegründeten „Dresdner Liederkreises“, Dresden 2012; B. Böhm, Biografie des sächsischen Ministers und Dichters Gottlob Adolf Ernst von N. (1765-1836), Pirna/Görlitz 2015; ders., Der sächsische Konferenzminister Gottlob Adolf Ernst von N. (1765-1836), in: Sächsische Heimatblätter 61/2015, S. 158-161 (P). – ADB 24, S. 32f.; DBA I, III; DBE 7, S. 441; I. Hub, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten von den ältesten Zeiten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Leipzig 1884, S. 363f.

P  Porträt Gottlob Adolf Ernst von N., um 1800, Öl auf Leinwand, Kulturhistorisches Museum Görlitz (Bildquelle).



Boris Böhm
24.5.2016


Empfohlene Zitierweise:

Boris Böhm, Nostitz und Jänckendorf, Gottlob Adolf Ernst von (Pseudonym: Arthur vom Nordstern), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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