Göschen Georg Joachim
Verlagsbuchhändler
* 22.4.1752 Bremen 5.4.1828 Grimma Grimma(ev.)
VJohann Reinhard, Kaufmann in Bremen und VlothoMGebeta, geb. Schulenburg († 1755)PflegeVFriedrich Rulffs (* 1736), Tabakfabrikant1788 Johanna Henriette, geb. Heun (1765-1850)SCarl Friedrich Joachim (* † 1789); Carl Friedrich (1790-1881), Buchhändler und -drucker; Georg Joachim (1791-1855), Kaufmann; Wilhelm Heinrich (1793-1866), Kaufmann; August Robert (1794-1795); Albert (1797-1805); Christian Ludwig (* † 1798); Hermann Julius (1803-1846), Buchhändler und VerlegerTHenriette, verh. Susemihl (1795-1888); Friederike Charlotte (1802-1886)PflegeSFranz Wilhelm Adolf Ludwig Susemihl (1787-1816)
GND: 118695916

Der Buchhändler, Verleger und Drucker G. erlangte seinerzeit Anerkennung und Berühmtheit aufgrund seines Verlagsprogramms, das die wichtigsten Schriftsteller und Dramatiker der Spätaufklärung und der Deutschen Klassik enthielt, sowie seiner beachtenswerten Leistungen in der Typografie, die ihm den Beinamen deutscher Didot einbrachten. – In Bremen geboren, in Vlotho aufgewachsen, kam der 13-jährige G. zu Verwandten, nachdem sein Vater unter unbekannten Umständen die Familie verlassen hatte. Durch Vermittlung des Tabakfabrikanten Friedrich Rulffs, der G. als Pflegesohn aufnahm, erhielt er Sprach- und Geschichtsunterricht bei dessen Schwager Heinrich Erhard Heeren, einem Pfarrer im unweit von Bremen gelegenen Arbergen. Anschließend kam er zum Bremer Buchhändler Johann Heinrich (Hinrich) Cramer in die Lehre. Nach seiner Ausbildung fand er 1773 eine Anstellung als Handlungsdiener in der Verlagsbuchhandlung von Siegfried Crusius in Leipzig. Von dort wechselte G. als Verwalter ein Jahrzehnt später nach Dessau zur „Verlagscasse für Gelehrte und Künstler“. In diese Zeit fiel seine Bekanntschaft mit Friedrich Justin Bertuch und Christian Gottfried Körner, die den Kontakt zu Autoren der Weimarer Klassik herstellten. Die Abläufe in Dessau und der absehbare Bankrott des Unternehmens bewegten G. schließlich zum Schritt in die Selbstständigkeit. Ein mit Körner geschlossener Sozietätsvertrag sicherte ihm ein Startkapital von 1.000 Reichstalern, das er im Frühjahr 1785 zur Gründung einer eigenen Verlagsbuchhandlung am Leipziger Neuen Neumarkt, Ecke Kupfergasse, einsetzte. G.s Geschäft war eines von über 50 einheimischen Buchhandelsunternehmen, die im letzten Jahrhundertdrittel in der Handelsmetropole neben Niederlassungen von zahlreichen auswärtigen Buchhandlungen, Verlagen und Druckereien bestanden und diese in der Friedenszeit zwischen Siebenjährigem Krieg und napoleonischer Besatzung zur Buchstadt machten. Als Autoren konnte G. schon unmittelbar nach Aufnahme seiner Geschäftstätigkeit Friedrich Schiller - dessen Zeitschrift „Thalia“ er ebenso vertrieb wie den von Christoph Martin Wieland herausgegebenen „Teutschen Merkur“ - und Johann Wolfgang von Goethe gewinnen. – Wirtschaftlich unabhängig heiratete G. laut Kirchenbucheintrag am 12.5.1788 in der Klosterkirche von Doberlug die 13 Jahre jüngere Kaufmannstochter Henriette Heun. Um diese Zeit geriet G.s Unternehmen in Schieflage, denn die Produktionskosten des opulent ausgestatteten „Pandora“-Kalenders von Bertuch wurden anfänglich nicht durch den Verkauf gedeckt. Auch der Absatz der ersten autorisierten Goethe-Ausgabe blieb weit hinter den Erwartungen des Verlegers zurück. Zudem war Körner im Juli 1787 an G. mit der Bitte um vorzeitige Ablösung seines eingebrachten Kapitals herangetreten. Im selben Jahr hatte G. den Verlag von Johann Joachim Christoph Bode übernommen, wodurch er u.a. das Verlagsrecht für die „Oden“ Friedrich Gottlieb Klopstocks erhielt. Hinzu kamen größere finanzielle Einbußen aufgrund unerlaubter Nachdrucke durch Dritte. Der Erfolg des „Noth- und Hülfsbüchleins für Bauersleute“ seines Freunds Rudolf Zacharias Becker, von dem er bis 1790 ca. 100.000 Exemplare absetzen konnte, und des „Historischen Calenders für Damen“, der ab Ende 1789 außer Konkurrenz erschien und in Fortsetzungen Schillers Abhandlung über den Dreißigjährigen Krieg enthielt, halfen G. schließlich aus der Notlage. Auch künftig bildeten die Produktion und der Vertrieb von Journalen mit festem Abonnentenstamm und Anzeigen die ökonomische Basis der Firma und sicherten in schwierigen Zeiten deren Fortbestand. Zwischen 1790 und 1805 konnte G. das Unternehmen konsolidieren. In diesem Zeitraum liefen die Geschäfte so gut, dass er nahe Grimma einen Landsitz erwerben und in neue Drucktechnik investieren konnte. – Nachdem G. im Sommer 1786 geschäftlich nach Karlsbad (tschech. Karlovy Vary) und Wien gereist war, um Kontakte zu josephinischen Schriftstellern und Buchhändlern zu knüpfen, besuchte er 1792 in Vorbereitung einer geplanten Wieland-Gesamtausgabe Süddeutschland - wo er Bekanntschaft mit Klopstock und August Wilhelm Iffland schloss - und schließlich die Schweiz. Dort interessierten ihn neben der Anbahnung geschäftlicher Kontakte und dem Einkauf von hochwertigem Druckpapier v.a. typografische und drucktechnische Innovationen. In dem autobiografischen Briefroman „Die Reise von Johann“, der 1793 erschien, schildert G. seine Reiseerlebnisse. – Am 4.3.1793 erhielt G. vom sächsischen Kurfürsten Friedrich August III. die Konzession zum Buchdruck, was ihm die Errichtung einer eigenen Druckerei erlaubte. Die Genehmigung war unter der Bedingung erteilt worden, beim Satz ausschließlich die Didotschen Antiqua-Lettern zu verwenden. Diese Auflage sowie der juristische Zwist mit Leipzigs Druckern, die in dem Zunftfremden unliebsame Konkurrenz sahen, bewegten G. im Herbst 1796 zur Verlegung seiner Werkstatt nach Grimma. In der Nähe, in Hohnstädt, hatte er im Jahr zuvor ein Landgut erworben, das der Familie zunächst als Sommer-, ab 1812 als ständiger Wohnsitz diente. – Die Mühen, die G. für die vierfache Werkausgabe Wielands auf sich genommen hatte, wurden durch einen guten Absatz und öffentliche Anerkennung der beachtlichen typografischen Druckleistung belohnt. Die ästhetisch überaus gelungene Ausstattung der Edition erntete viel Lob und fand Beachtung in der deutschen Literaturgeschichte. Das erlesene Verlagsprogramm aus schöngeistiger und gelehrter Literatur sowie die qualitativ hochwertige Gestaltung der Druckerzeugnisse mit der Prillwitz-Antiqua machten G. und seinen Verlag über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Es folgten weitere Großprojekte mit dem gefeierten Dichter Klopstock, mit dem seinerzeit meistgespielten Theaterdichter Iffland sowie dem populären Romanautor Moritz August von Thümmel. – G. legte großen Wert auf ein gutes Autor-Verleger-Verhältnis. Er zahlte seinen Vertragspartnern nicht nur ein vergleichsweise hohes Honorar, sondern räumte ihnen auch Mitspracherechte bei der Herstellung ein. Ferner übernahm G. um 1800 eine wegweisende Rolle bei der Reformierung des deutschen Buchhandels. Überlegungen, wie das Buch- und Verlagswesen neu zu strukturieren sei, enthält eine Abhandlung, die 1802 im Zuge seiner Mitgliedschaft in der Reformkommission des Buchhandels entstand. – Während der Napoleonischen Kriege, besonders zwischen 1808 und 1813, brach der Umsatz des Unternehmens stark ein. G. erwog sogar eine Geschäftsaufgabe. Die Klassiker verkauften sich nicht mehr, viele Autoren hatte G. inzwischen an Johann Friedrich Cotta verloren und neue konnte er aufgrund fehlender Geldeingänge nicht in sein Programm aufnehmen. Geringe Einnahmen erzielte er lediglich über Periodika wie den „Kriegskalender“ oder das „Grimmaische Wochenblatt für Stadt und Land“, für die er zum Teil selbst Beiträge verfasste. Die finanzielle Situation veranlasste ihn, auch die Verlagsbuchhandlung nach Grimma zu verlegen. Nach dem Wiener Kongress besserte sich die Situation wieder und G. profilierte sich mit einem veränderten Verlagsprogramm neu. Der Verleger orientierte sich nun mehr am breiten Publikumsgeschmack und ging Kompromisse bei Titeln und deren Ausstattung ein. Statt schöngeistiger Literatur in Antiqua ließ er nun Trivial- und Unterhaltungsliteratur in Fraktur drucken. Es gelang ihm, neue Autoren, v.a. aus dem Kreis der Dresdner Spätromantik und der Berliner Mittwochsgesellschaft, zu akquirieren. Insbesondere die Schicksalstragödien von Adolph Müllner und Ernst von Houwald waren einträglich. – Für 1814 plante G. aus gesundheitlichen und Altersgründen den Rückzug aus dem aktiven Geschäft. Sein ältester Sohn Carl Friedrich sowie sein Pflege- und späterer Schwiegersohn Franz Wilhelm Adolf Ludwig Susemihl sollten das Unternehmen fortführen. Aber Susemihl verstarb unerwartet und Carl Friedrich, dem der Vater zu seiner Entlastung bereits einen Teil des Verlagsprogramms anvertraut hatte, zeigte wenig ökonomisches Geschick, weshalb G. weiterhin im Geschäft tätig blieb. Erst 1823 übernahm Carl Friedrich die Leitung der Druckerei, die bereits zwei Monate nach G.s Tod an den expandierenden Verleger Georg Andreas Reimer verkauft wurde. Der Verlag blieb aber zunächst im Besitz der Erben und wurde von Hermann Julius, dem jüngsten Sohn G.s, fortgeführt. Es folgten mehrere Besitzerwechsel, bis der Verlag schließlich 1919 in der Firmengruppe Walter de Gruyter aufging. Bis zur Jahrtausendwende bestand die 1889 von Adolf Nast initiierte „Sammlung Göschen“, die anfänglich Werke der Aufklärung und Klassik als Taschenausgabe, später Schriften verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen umfasste und die an den einstmals bedeutenden Verlag und seinen Verleger erinnerte. – Im Gegensatz zu Druckerei und Verlag blieb das Anwesen in Hohnstädt, auf dem G. viele seiner Autoren empfangen und mit Freunden und Familienangehörigen Theateraufführungen veranstaltet hatte, bis 1934 in Familienbesitz. Die nachfolgende Eigentümerin Renate Sturm-Francke bewahrte die Erinnerung an den Verleger und sein Werk und engagierte sich für dessen öffentliches Andenken. Seit 1995 ist das Grundstück im Besitz der Stadt Grimma und der Öffentlichkeit zugänglich. Das Wohnhaus beherbergt heute ein Museum, das Leben und Werk des Verlegers dokumentiert und Herausgeber des Quartalshefts „Das Göschenhaus-Journal“ ist. – Leben und Werk G.s sowie seine umfangreiche Korrespondenz waren in den vergangenen knapp zweihundert Jahren mehrfach Anlass für Würdigungen und wissenschaftliche Betrachtungen. Die vom Mainzer Buchwissenschaftler Stephan Füssel vorgelegte, beachtenswerte Studie zu G. und seinem Verlag ragt aus diesen Publikationen heraus. Sie hat unter besonderer Berücksichtigung des privaten und geschäftlichen Briefwechsels neue Kenntnisse zutage befördert und Revisionen bisheriger Annahmen vorgenommen. Füssel konnte u.a. zeigen, dass ein Großteil der Angaben von G.s Enkel, George Joachim Viscount Goschen, unpräzise sind. Darüber hinaus finden sich weitere aufschlussreiche Korrekturen hinsichtlich biografischer Daten in verschiedenen, sorgfältig recherchierten Beiträgen des „Göschenhaus-Journals“.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Mscr. Dresden h 37, Vermischtes IX (12-seitige Verlagsgeschichte von K. A. Böttiger).

W  Reise von Johann, Leipzig 1793; Zweymal sterben macht Unfug. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen, Leipzig 1800; Meine Gedanken über den Buchhandel und über dessen Mängel, meine wenigen Erfahrungen und meine unmassgeblichen Vorschläge dieselben zu verbessern, Leipzig 1802; Ereignisse aus der neuesten Zeit. Ein Guckkastenspiel in neun Aufzügen, Grimma 1807.

L  V. Goschen, Das Leben Georg Joachim G.s, 2 Bde., Leipzig 1905; D. Debes, Georg Joachim G. Die typographische Leistung des Verlegers, Leipzig 1965; R. Sturm-Francke, G. und Hohnstädt. Ein Blick in ein Familienleben des beginnenden 19. Jahrhunderts, in: Sächsische Heimatblätter 18/1972, S. 188-191; S. Füssel (Hg.), Georg Joachim G. 1752-1828. Dokumente zur Verlagsgeschichte aus den Beständen des Deutschen Buch- und Schriftmuseums Leipzig, Leipzig 1992; E. Zänker, Georg Joachim G. Buchhändler - Drucker - Verleger - Schriftsteller. Ein Leben in Leipzig und Grimma-Hohnstädt, Beucha 1996; S. Füssel, Georg Joachim G. Ein Verleger der Spätaufklärung und der deutschen Klassik, 3 Bde., Berlin/New York 1996-1999; O. Förster, Georg Joachim G. „Ein Kaufmann, der mit den edelsten Waaren handelt …“, Leipzig 1999; G. J. Göschen Verlag, in: R. Würffel, Lexikon Deutscher Verlage von A-Z, Berlin 2000, S. 284-286; A. Struck, Verlagspolitik in Leipzig. Exemplarisch dargestellt am Verlag Georg Joachim Göschen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Marburg 2005. – ADB 9, S. 398-403; DBA I, II, III; DBE 4, S. 62; NDB 6, S. 541-543; K. F. Pfau, Georg Joachim G., in: Das Buch berühmter Buchhändler, Bd. 1, Leipzig 1885, S. 62-74; E. Henze, G., Georg Joachim, in: Lexikon des gesamten Buchwesens, Bd. 3, Stuttgart 21991, S. 200.

P  Georg Joachim G. (1752-1828), S. Gränicher, 1854, Druck, Deutsche Nationalbibliothek - Deutsches Buch- und Schriftmuseum Leipzig, Inventar-Nr.: Bö-Bl/P/1054; Georg Joachim G., J. v. Grassi, Öl auf Leinwand, Privatsammlung G. Wolf, Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Wiebke Helm
13.3.2017


Empfohlene Zitierweise:

Wiebke Helm, Göschen, Georg Joachim, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.4.2017)

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