Schreiber-Weigand Friedrich Wilhelm
Lehrer, Leiter der Städtischen Kunstsammlung Chemnitz
* 17.9.1879 Chemnitz 10.7.1953 Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz)(ev.)
VFriedrich Julius Schreiber (1837-1890), Maler, FotografMJohanne Eugenie, geb. Weigand (1844-1913)Paula Johanna, geb. Haberkorn (* 1881)SFriedrich Eberhard (* 1915)THanna Hilde (* 1906)
GND: 117045470

Das Wirken von S. war eng verbunden mit dem Werden und der Profilierung der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz. Unter seiner Leitung entwickelten sich die Sammlungen in der Zeit der Weimarer Republik zu einer der führenden modernen Galerien Deutschlands. – S. entstammte einer kunstsinnigen Familie. Sein Vater war 1860 Mitbegründer der Chemnitzer Kunsthütte und hatte als Fotograf dem neuen Medium Fotografie in Chemnitz zum Durchbruch verholfen. Der Familie der Mutter gehörten bedeutende Chemnitzer Bürger an. Da der Familienname Weigand sonst erloschen wäre, führte S. seit 1918 den Doppelnamen. – S. erlernte 1894 bis 1900 an den Seminaren in Grimma und Rochlitz den Lehrerberuf. Vor seinem Eintritt in das Lehramt an Chemnitzer Schulen war er bis 1903 als Hilfslehrer in Mittweida tätig gewesen. 1911 wurde S. ehrenamtlicher Ausstellungsleiter des Chemnitzer Vereins Kunsthütte, der es sich zum einen zur Aufgabe gemacht hatte, den Menschen die Bildende Kunst nahe zu bringen und sie zur Aufnahme derselben zu befähigen, und zum anderen, das Wirken der Künstler und die Wahrnehmung ihrer Arbeiten in der Öffentlichkeit zu fördern. S. fand für seine Tätigkeit günstige äußere Bedingungen vor. Ab 1909 konnten im neu erbauten König-Albert-Museum neben der Sammlung der Kunsthütte auch die ortsgeschichtliche Sammlung des Vereins für Chemnitzer Geschichte, die städtische Vorbildersammlung, die Sammlung des Kunstgewerbevereins sowie die Städtische Naturwissenschaftliche Sammlung einer breiten Öffentlichkeit zeitgemäß präsentiert werden. S. leitete 22 Jahre lang ehrenamtlich die Ausstellungen der Kunsthütte. Ihm oblag neben der Ausarbeitung des Ausstellungs- und Sammlungsprofils und der Organisation der Vortragstätigkeit auch die Verwaltung des städtischen Kunstbesitzes. In der Folgezeit wandte sich der Verein konsequent zeitgenössischer Kunst zu und erwarb sich über den lokalen Raum hinaus Ansehen. Mit der Vierten Grafischen Ausstellung des Deutschen Künstlerbunds fand 1912 erstmals ein großes nationales Kunstereignis in Chemnitz statt. – Als sich die Stadt Chemnitz 1920 entschloss, ihren über Jahrzehnte gewachsenen Kunstbesitz selbst zu verwalten, wurde S. zum Direktor der neu gegründeten Städtischen Kunstsammlungen im König-Albert-Museum ernannt. Er schied 1922 aus dem Schuldienst aus, während er das Amt des Ausstellungsleiters des Kunstvereins weiterhin versah. Die damit geschaffene Personalunion gewährleistete, dass sich Verein und Sammlungen in ihrem Wirken ergänzen konnten. Während sich die Städtischen Kunstsammlungen auf den Ausbau der Bestände konzentrierten, oblag der Kunsthütte die Durchführung von Ausstellungen und Vorträgen. Die von S. verfolgte Ausstellungs- und Sammlungspolitik gab den Städtischen Kunstsammlungen ihr charakteristisches Profil, das mit Werken namhafter Expressionisten wie Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein, aber auch von Werken von Ernst Barlach, Carl Hofer, Oskar Kokoschka, Wilhelm Lehmbruck, Edvard Munch, Emil Nolde und Otto Müller aufwarten konnte. Zur angemessenen Würdigung und Einordnung der Moderne baute S. auf der Kunst des 19. und späten 18. Jahrhunderts auf. – Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30.1.1933 war S. einer der ersten deutschen Museumsdirektoren, die ihres Amts enthoben wurden. Er musste miterleben, wie ein bedeutender Fonds moderner Kunst als „entartet“ aus der Sammlung entfernt, kostbare Bestände kriegsbedingt ausgelagert und das Museumsgebäude am Theaterplatz teilweise zerstört wurde. – Am 15.6.1945 setzte die neue Stadtverwaltung S. wieder als Direktor der Kunstsammlungen ein. Gleichzeitig wurde er auch Leiter des Schlossbergmuseums und schließlich sogar Direktor der Städtischen Museen. In den folgenden Jahren engagierte er sich vordringlich für den Wiederaufbau der Museumsgebäude, für die Neuordnung der Sammlungen sowie für die Rehabilitation der von den Nationalsozialisten verfemten Künstler.



Q  Stadtarchiv Chemnitz, Polizeimeldewesen, Personalakten (P).

L  Jahresberichte der Kunsthütte zu Chemnitz 1911-1919; Verwaltungsberichte der Fabrik- und Handelsstadt Chemnitz, Chemnitz 1922, 1928; H. Ebert, Über Herkunft, Leben und Wirken des Chemnitzer Museumsdirektors Friedrich S. (1879-1953), in: Regionalgeschichtliche Beiträge aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt 7/1986, S. 41-47 (P); G. Juppe/S. Pfalzer, Der Verein „Kunsthütte“ zu Chemnitz, in: Mitteilungen des Chemnitzer Geschichtsvereins NF 1/1992, S. 47-78; G. Dudek, Friedrich S., in: Von André bis Zöllner, hrsg. vom Stadtarchiv Chemnitz, Radebeul 1998, S. 104 (P); B. Milde, Geschichte der Kunstsammlungen Chemnitz, in: Chemnitzer Roland 9/2003, H. 2, S. 7f., H. 3, S. 3f., 10/2004, H. 1, S. 9-11.

P  Friedrich Wilhelm S., Fotografie, Stadtarchiv Chemnitz, Bildarchiv



Gudrun Dudek
16.4.2012


Empfohlene Zitierweise:

Gudrun Dudek, Schreiber-Weigand, Friedrich Wilhelm, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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