Benndorf Friedrich Kurt
Lyriker, Musikwissenschaftler, Tonkünstler, Verwalter der Musiksammlung der Königlichen öffentlichen Bibliothek Dresden
* 27.5.1871 Chemnitz 26.2.1945 Dresden(ev.)
VFriedrich Karl († 1901), Mitdirektor einer Maschinenfabrik in ChemnitzMEmma Franziska, geb. Oehme († 1898)GAlfred (1872-1900); Franz (1874-1933); Gertrud (1876-1956); Erich (* 1881)
GND: 118509055

B. stammte mütterlicherseits aus einer sehr musikalischen Familie und väterlicherseits aus einer Kaufmannsfamilie. Er besuchte 1877 bis 1881 eine Bürgerschule in Chemnitz und 1881 bis 1890 das dortige Königliche Gymnasium auf dem Kaßberg. Als Primaner erhielt B., der sich bereits sehr früh für die Dichtkunst interessierte, 1889 einen Preis für einen Aufsatz. Nach bestandenem Abitur studierte er 1890 bis 1894 an den Universitäten Heidelberg und Berlin Philosophie, Germanistik und Musik. An der Universität Leipzig wurde er am 5.2.1895 mit einer Arbeit über „Sethus Calvisius als Musiktheoretiker“ zum Dr. phil. promoviert. – Nach dem Studium war B. zunächst Dirigent des Berliner Akademischen Quartettvereins und vertrat anschließend den Organisten in einer Chemnitzer Kirchgemeinde. Ab 1.9.1895 lehrte er Musikgeschichte, Theorie und Klavier an der Privatmusikschule von Richard Ludwig Schneider in Dresden. Am 1.10.1897 erhielt er eine Anstellung in der Musiksammlung der Königlichen öffentlichen Bibliothek Dresden (KÖB). Nach Übernahme der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Bibliothek der Pirnaer Marienkirche 1899 und anderer sächsischer Kirchenbibliotheken durch die KÖB war die Katalogisierung dieser Bestände B.s Hauptaufgabe. Er war des Weiteren für den Ankauf zeitgenössischer Tonwerke zuständig. Rückschauend bemerkte B., dass diese Jahre die harmonischsten seines Lebens waren. Allerdings fand er in der bloßen bibliothekarischen Tätigkeit keine Erfüllung, da sie seine „Phantasie nicht auf ihre Kosten“ kommen ließ, wie er sich selbst eingestand. B.s Ehrgeiz lag darin, sich als Dichterphilosoph „Verdienst um die deutsche Lyrik“ zu erwerben und ein „unabhängiger Schriftsteller“ zu werden. Der Direktor der KÖB, Franz Leopold Schnorr von Carolsfeld, erkannte B.s innere Konflikte und akzeptierte dessen Kündigung am 20.3.1904. Damit verlor B. jedoch sein sicheres Einkommen und war ganz auf die Einnahmen aus Publikationen und Vorträgen sowie auf Spenden von Förderern angewiesen. Eine Erbschaft ermöglichte B. für einige Jahre eine sichere Existenz. Bis 1913 unternahm er zahlreiche Reisen ins europäische und außereuropäische Ausland, u.a. nach Afrika. 1914 bis 1918 leistete er Militärdienst. Die Zeit des Ersten Weltkriegs und der Inflation ließen B. verarmen. Sein Bruder Franz, andere Gönner und Stiftungen unterstützten ihn zwar finanziell, trotzdem musste er 1923 einen Teil seiner Bibliothek verkaufen. – Nachdem er vor der Jahrhundertwende auch mit musikhistorischen Publikationen hervortrat, widmete sich B. anschließend v.a. der Dichtkunst. Nach eigenem Bekunden hatte er 1897/98 im Zusammenhang mit seiner Beschäftigung mit Werken von Friedrich Nietzsche, Arno Holz, Stefan George] und Alfred Mombert eine große Wende in seiner Lebensauffassung erlebt. Im Mai 1903 hatte er den Philosophen und Dichter Mombert persönlich kennengelernt und blieb mit ihm ein Leben lang eng verbunden, wie ein umfangreicher Briefwechsel belegt. 1900 bis 1905 erschienen sechs Gedichtbände von B. Er blieb der einzige Dresdner Dichter, der in „Der Sturm“, einer der bedeutendsten literarischen Zeitschriften des Expressionismus, publizieren konnte. Weiterhin schrieb er für „Pan“ und veröffentlichte viele Gedichte in der „Sächsischen Staatszeitung“, in „Die Flöte“ und „Die Horen“. Für die Zeitschrift „Die Schönheit“ war er nicht nur als Beiträger, sondern auch als Redakteur tätig. Sein Hauptwerk „Kreise“ erschien zwischen 1898 und 1922 in einer Buchreihe als Folge von 33 Teilen. Die Dichtung B.s ist von tiefer Sensibilität und Mystik geprägt. Er selbst ordnete seine Literatur einer neoromantischen und symbolistischen Strömung zu. Häufig vereinigte er mittels Vertonung seine und andere Dichtungen zu einem Gesamtkunstwerk. – Nach dem Ersten Weltkrieg erstellte er mit anderen Mitarbeitern das „Totengedenkbuch der Stadt Dresden“ und ordnete im Stadtarchiv den Nachlass des Kreuzkantors Julius Otto. 1932 erhielt B. den mit 400 Mark dotierten Sächsischen Staatspreis für seine Verdienste in der Dichtkunst, was den Ausgezeichneten zu der Bemerkung in seinem Tagebuch veranlasste: „im 66. Lebensjahr: Bettelarm!“ Durch Unterstützungsmaßnahmen des städtischen Volkswohlfahrtsamts verbesserte sich B.s finanzielle Situation nach 1933 etwas, dennoch warben Persönlichkeiten wie der Hofrat Otto Schambach, der B. 1937 als wichtigsten Lyriker Dresdens würdigte, weiterhin um Unterstützung für den Dichter. Infolge des durch den Zweiten Weltkrieg bedingten Konzentrationsprozesses der deutschen Zeitungslandschaft stellte auch die „Dresdener Neue Presse“ in Freital, deren Mitarbeiter B. acht Jahre lang gewesen war, 1943 ihr Erscheinen ein. Damit verlor er seine letzte Publikationsmöglichkeit, denn diese Zeitung hatte 1930 bis 1940 zahlreiche seiner Gedichte gedruckt. Bereits 1932 hatte B. letztmalig ein Buch veröffentlichen können. Danach fehlte ihm das Geld für den dringend benötigten Druckkostenzuschuss. Er litt an diesem Mangel an Publikationsmöglichkeiten sehr, da er sowohl in Dresden als auch überregional kaum wahrgenommen und rezipiert wurde und so seine Gedanken nicht mehr in die Öffentlichkeit bringen konnte. B.s materielle Lage verschlechterte sich ab dem Ende der 1930er-Jahre zunehmend. Er war auf finanzielle Hilfen und auf Naturalienspenden von Freunden und Bekannten angewiesen. B.s Wohnung wurde bei den Bombenangriffen auf Dresden am 13./14.2.1945 völlig zerstört. Schon Jahre vorher hatte er wichtige handschriftliche Materialien seines Schaffens geordnet und auf das Land verbringen lassen. Sein umfangreicher Nachlass gelangte nach seinem Tod in die Sächsische Landesbibliothek Dresden.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftenabteilung, 1 und 2. Nachlaß, Bibliotheksarchiv, Personalia über die seit 1865 a. d. kgl. öff. Bibliothek zu Dresden angestellten Beamten und Hilfsarbeiter; A. Mombert, Briefe an Friedrich Kurt B. aus den Jahren 1900-1940, Heidelberg 1975.

W  Sethus Calvisius als Musiktheoretiker, Diss. Leipzig 1894; Hymnen an Zarathustra und andre Gedicht-Kreise, Leipzig 1900; Lyrische Symphonie, Berlin 1902; Gedichte, München/Leipzig 1906; Bou-Saâda. Eine Wüstenfahrt, München 1907; In frembde land’ dahin. Impressionistische Reiseblätter, Leipzig 1908; Alfred Mombert, der Dichter und Mystiker, Leipzig 1910; Samain. Essays und Umdichtungen, München 1910; Der Aeon-Mythos von Mombert, Dresden 1917; Die Jahreszeiten. Alte und neue Dichtungen, Berlin 1930; 33 Jugendgedichte, 1932 [Ms.]; Mombert. Geist und Werk, Dresden 1932.

L  K. Liebmann, Das dichterische Lebenswerk Friedrich Kurt B.s, Dresden 1936; H.-J. Sarfert, Bibliothekar und Dichter. Erinnerungen an Friedrich Kurt B., in: SLB-Kurier 1/1987, H. 2, S. 8f. – DBA III; DBE 1, S. 425; B. Volger (Hg.), Sachsens Gelehrte, Künstler und Schriftsteller in Wort und Bild, Bd. 1, Leipzig 1907, S. 7 (Bildquelle); T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 27.



Konstantin Hermann
7.9.2011


Empfohlene Zitierweise:

Konstantin Hermann, Benndorf, Friedrich Kurt, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (30.3.2017)

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