Beust Friedrich Ferdinand Freiherr
(seit 1868 Graf) von

Diplomat, Politiker
* 13.1.1809 Dresden 23.10.1886 Altenberg bei Wien(ev.)
VFriedrich Karl Leopold (1779-1840), Kammerherr, ObergerichtsratMErdmuthe Wilhelmine, geb. von Carlowitz-Maxen (1774-1854)GFriedrich Constantin (1806-1891)1843 Mathilde, geb. Freiin von JordanSFriedrich; Adolf; HeinrichTMarie
GND: 118510444

B. wuchs auf dem Rittergut Zöpen bei Borna auf. Seine Mutter erzog ihn im Sinne der rationalistischen Reformpädagogik Gustav Friedrich Dinters. 1822 bis 1826 besuchte er die Kreuzschule in Dresden und studierte 1826 bis 1830 an den Universitäten in Göttingen und Leipzig Rechtswissenschaft. 1831 trat B. als Akzessist beim Außenministerium in den sächsischen Staatsdienst ein. 1836 bis 1849 durchlief er eine steile Diplomatenkarriere als Legationssekretär in Berlin und Paris, Geschäftsträger in München, Ministerresident in London und Gesandter in Berlin. Nach einem misslungenen ersten Anlauf im März 1848 übernahm B. nach dem Scheitern des Märzministeriums am 24.2.1849 im Beamtenministerium Gustav Friedrich Held die Leitung des sächsischen Außenministeriums. Er führte zwischen 1849 und 1853 gleichzeitig das Außen- und das Kultusministerium sowie zwischen 1852 und 1866 das Außen- und Innenministerium. 1858 übernahm er die Leitung des Gesamtministeriums und damit de facto die Stellung eines „Ministerpräsidenten“. Nach der gemeinsamen österreichisch-sächsischen Niederlage bei Königgrätz/Sadowa wurde B. am 30.10.1866 zum österreichischen Außenminister berufen und übernahm am 7.2.1867 das Amt des österreichischen Ministerpräsidenten. Darüber hinaus führte er bis April 1867 auch das Innen-, Polizei- und Unterrichtsministerium und bekleidete ab Dezember 1867 das Amt des österreichisch-ungarischen Außenministers, nachdem er bereits im Juni dieses Jahres zum österreichisch-ungarischen Reichskanzler ernannt worden war. Nach seiner Entlassung aus der österreichisch-ungarischen Reichsregierung 1871 wurde B. zum Botschafter in London (bis 1878) und danach in Paris ernannt. 1882 zog er sich ins Privatleben zurück. – Als sächsischer Außenminister trat B. für die föderale Weiterentwicklung des Deutschen Bundes ein. Seine Bundesreformprojekte, die er 1855, 1856, 1857 und 1861 unterbreitete, basierten auf der föderalen Verfassungsstruktur des Deutschen Bundes und dessen Einbindung in das europäische System der Wiener Ordnung. Reformziel war einerseits die Kompatibilität zwischen der Bundesverfassung und den Verfassungen der deutschen Einzelstaaten sowie andererseits ein angemessenes Mitspracherecht der deutschen Mittelstaaten bei der verfassungspolitischen Weiterentwicklung des Deutschen Bundes. Unter den leitenden mittelstaatlichen Politikern gehörte B. zu den konsequentesten Verfechtern für die Einführung einer Volksvertretung beim Deutschen Bund, die Errichtung eines Bundesgerichts und die Schaffung einer handlungsfähigen Bundesvollzugsbehörde. Insofern lehnte er gemeinsam mit dem sächsischen König Friedrich August II. die Verfassung der Frankfurter Nationalversammlung ab und provozierte so den Dresdner Maiaufstand (3.5.-9.5.1849), der durch sächsische und preußische Truppen niedergeschlagen wurde. Die unmittelbar danach einsetzenden Verhandlungen zwischen Preußen, Sachsen und Hannover mündeten in das Dreikönigsbündnis, die Grundlage der „Erfurter Union“. Mit den wachsenden preußischen Hegemonieforderungen distanzierte sich B. von der Union und wandte sich verstärkt der mittelstaatlichen Koalitionspolitik zu. Diese stützte sich verfassungspolitisch auf das föderale Bundesrecht und machtpolitisch auf Österreich. Dass B. nicht bereit war, zur Verfassung des vormärzlichen Deutschen Bundes zurückzukehren, wurde auf der Dresdener Konferenz 1850/51 deutlich. Er war gleichermaßen an einer stabilen Einbindung Österreichs in die deutsche Bundespolitik und an der Ausweitung des mitteleuropäischen Handels- und Zollgebiets interessiert. Daher unterstützte B. den Plan des österreichischen Handelsministers Karl Ludwig Freiherr von Bruck einer schrittweisen Annäherung der deutschen Zoll- und Handelsvereinigungen. Die einseitige Auflösung des Deutschen Zollvereins lehnte B. ab. Aus seinem europäischen Stabilitäts- und Gleichgewichtsdenken heraus nahm er während des Krimkriegs eine prorussische Haltung ein und engagierte sich für die Neutralität des Deutschen Bundes. Auf der Ministerkonferenz in Bamberg (26.-30.5.1854) konnte B. die mittelstaatlichen Kabinette für eine engere Zusammenarbeit in bundes- und bundesreformpolitischen Fragen gewinnen. Mit Einsetzen der sog. „Neuen Ära“ 1858/59 steuerten B.s Reformkonzeptionen auf einen Kompromiss zwischen den machtpolitischen Interessen der deutschen Regierungen und den nationalen Bestrebungen der liberalen Bewegungen zu. Ausdruck dessen war sein Reformprojekt von 1861. In der schleswig-holsteinischen Frage engagierte sich B. – neben dem bayerischen Bundestagsgesandten Ludwig Freiherr von der Pfordten – für die Bundes- und die mittelstaatlichen Interessen und geriet dabei sowohl mit der deutschen Politik Preußens als auch mit der Österreichs in Konflikt. Auf der Londoner Konferenz 1864 vertrat er den Deutschen Bund. 1866 stellten sich König Johann und B. mit der Mehrzahl der deutschen Regierungen zur Verteidigung des Bundesrechts auf die Seite Österreichs. – In der sächsischen Innenpolitik vertrat B. einen gemäßigt-konservativen Kurs. Gemeinsam mit Innenminister Richard Freiherr von Friesen machte er sich zwar für die Auflösung des Landtags von 1849 und die Wiedereinführung der Verfassung von 1831 stark. Danach setzte er sich aber für die Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit, von Jagdvorrechten und die Weiterführung der Ablösungsgesetzgebung ein. Seine Politik führte zu einer schrittweisen politischen und wirtschaftlichen Modernisierung des Landes. – B.s deutsche Föderalisierungspolitik stieß unter den Zeitgenossen auf wenig Verständnis. Auch die deutsche und die österreichische Geschichtsschreibung, die weitgehend im Bann einer nationalen Politik Bismarckscher Prägung stand, fällt nahezu einhellig ein negatives Urteil über B.s politisches Wollen. Dieses Urteil erscheint in dem Maße korrekturbedürftig, als die Bedeutung der Bismarckschen Reichsgründung relativiert und das Entwicklungspotenzial der historisch gewachsenen föderalen Strukturen in Deutschland und Mitteleuropa zunehmend anerkannt werden.



W  Erinnerungen zu Erinnerungen, Leipzig 1881; Aus drei Vierteljahrhunderten, 2 Bde., Stuttgart 1887.

L  F.W. Ebeling, Friedrich Ferdinand Graf von B., 2 Bde., Leipzig 1870 (P); H.-H. Thumann, B.s Plan zur Reform des Deutschen Bundes vom 15. Oktober 1861, in: NASG 46/1925, S. 46-77; M. Daerr, B. und die Bundesreformpläne der deutschen Mittelstaaten 1859, in: ebd. 52/1931, S. 42-125; H. Potthoff, Die deutsche Politik B.s von seiner Berufung zum österreichischen Außenminister Oktober 1866 bis zum Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870/71, Bonn 1968; H. A. Schmitt, Count B. and Germany 1866-1870, in: Central European History 1/1968, S. 20-34; B. Krebs, Die westeuropäische Pressepolitik der Ära B. (1865-1871), Göppingen 1970; H. Rumpler, Die deutsche Politik des Freiherrn von B. 1848 bis 1850, Wien/Köln/Graz 1972; L. Sondhaus, Austria-Hungary’s italian Policy under Count B., 1866-1871, in: The Historian. A jounal of history 56/1993, S. 41-54; J. Müller, Reform statt Revolution, in: NASG 66/1995, S. 209-248; J. Flöter, Föderalismus als nationales Bedürfnis, in: ebd. 70/1999, S. 105-138; J. Flöter, B. und die Reform des Deutschen Bundes 1850-1866, Köln/Weimar/Wien 2001. – ADB 46, S. 494-532; DBA I, II, III; DBE 1, S. 502; Sächsische Lebensbilder, Bd. 2, Leipzig 1938, S. 1-12 (Bildquelle).

P  Gemälde von C. Vogel von Vogelstein, 1851, Stadtmuseum Dresden; Holzschnitt von H. Birkner, ca. 1860, Stadtmuseum Dresden; Zeichnung von V. Katzler, ca. 1867, Österreichische Nationalbibliothek Wien.



Jonas Flöter
26.8.2003


Empfohlene Zitierweise:

Jonas Flöter, Beust, Friedrich Ferdinand Freiherr
(seit 1868 Graf) von
, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.3.2017)

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