Kirchner Ernst Ludwig
Maler, Zeichner, Grafiker, Bildhauer
* 6.6.1880 Aschaffenburg 15.6.1938 Davos Frauenkirch (Schweiz)
VErnst (1847-1921), Professor für PapierwissenschaftMMaria Elise, geb. Franke (1851-1928)GHans Walter (1882-1954); Ulrich (1888-1950)
GND: 118562398





K. war Mitbegründer der Künstlergemeinschaft „Brücke“ in Dresden und gilt als einer der Hauptvertreter des deutschen Expressionismus. – Nachdem die elterliche Familie mehrmals den Wohnort gewechselt hatte und nach Aschaffenburg 1886/87 in Frankfurt/Main und 1887/90 in Perlen bei Luzern lebte, ließ sie sich schließlich 1890 in Chemnitz nieder. Hier besuchte K. das Realgymnasium und legte 1901 die Reifeprüfung ab. Auf Wunsch der Eltern begann er im Sommersemester 1901 Architektur an der Technischen Hochschule in Dresden zu studieren. Die bereits früh ausgeprägten künstlerischen Interessen, v.a. an der Malerei, baute K. im Selbststudium mit seinem gleichgesinnten Studienfreund Fritz Bleyl weiter aus. 1903/04 ging er nach dem Erwerb des Vordiploms für zwei Semester zu künstlerischen Studienzwecken nach München, wo er Kurse an der Akademie sowie am privaten „Lehr- und Versuchsatelier für Angewandte und Freie Kunst“ von Wilhelm von Debschitz und Hermann Obrist belegte. 1904 nahm K. das Architekturstudium in Dresden wieder auf. – Die frühen Gemälde zeigen noch eine stilistische Orientierung am Jugendstil („Doris, stehend“, 1906). Im Sommer unternahm er mit Bleyl erste Ausflüge, um Naturstudien in und um Dresden, so auch in der Moritzburger Teichlandschaft zu betreiben. Nach seinem Studienabschluss als Diplomingenieur (1905) wandte sich K. ganz der Malerei und Grafik zu und gründete im selben Jahr zusammen mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Bleyl die Künstlergemeinschaft „Brücke“ in Dresden. Die Geschäftsstelle der Künstlergruppe wurde im elterlichen Wohnhaus Heckels in der Dresdner Friedrichstadt (Berliner Straße 65) eingerichtet. Sie begannen mit den sog. „Viertelstundenakten“, dem Aktzeichnen im Atelier oder in der freien Natur. Außerdem entstanden erste Holzschnitte. Als gemeinsames Programm formulierte K. 1906: „jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen draengt“ (Programm der Brücke, 1906). Neben Max Pechstein konnten zeitweilig auch Emil Nolde und der Schweizer Maler Cuno Amiet für eine aktive Mitgliedschaft in der Künstlergruppe gewonnen werden. Im Oktober 1906 fand eine erste große Ausstellung von Gemälden der „Brücke“-Künstler in der Lampenfabrik Karl-Max Seifert in Dresden-Löbtau statt. 1906 kamen zu K.s bisherigem bildkünstlerischen Schaffen erste plastische Arbeiten hinzu. Im September 1908 stellte die Künstlergruppe „Brücke“ erstmals im Kunstsalon Emil Richter auf der Prager Straße aus; die Ausstellung wurde kurz darauf in der Presse verrissen. Es entstanden erste Zirkus- und Varietébilder („Varieté - Englisches Tanzpaar“, um 1909/10). 1909 lernte K. Doris Grosse (genannt Dodo) kennen, die ihm häufig Modell stand und seine Geliebte wurde. Durch Besuche im Dresdner Völkerkundemuseum 1909/10 hatte K. u.a. mit dem Palau-Balken die Kunst der sog. Naturvölker entdeckt. Die einfachen und rohen Formen sowie die betonten Konturen der offen gezeigten erotischen Motive entsprachen dem angestrebten und propagierten Ausdruckswillen der Malerfreunde. Insbesondere die Holzschnitte, ein bedeutender Teil seines grafischen Œuvres (seit 1905), wurden für K. zum adäquaten künstlerischen Medium. Angeregt durch das abstrahierend-flächige Arbeiten bei den Holzschnitten setzte sich nun auch in seiner Malerei ein auf einfachen und klaren Formen basierender strenger Bildaufbau durch, verbunden mit in Konturen eingebundenen Flächen von intensiver Farbigkeit. Angeregt durch den Palau-Balken hatte K. sein Atelier in der Dresdner Friedrichstadt (Berliner Straße 80) ganzheitlich künstlerisch ausgestaltet. Dort trafen sich die Künstler häufig zum gemeinsamen Arbeiten und gedanklichen Austausch. Zudem wurde das städtische Umfeld in unzähligen Skizzen, Zeichnungen, Grafiken und Gemälden künstlerisch dokumentiert („Eisenbahnüberführung Löbtauer Straße in Dresden“, 1910/26). Im Sommer 1909 unternahm die Künstlergruppe mit den Freundinnen und Modellen (ohne Schmidt-Rottluff) einen ersten längeren Ausflug in die Moritzburger Teichlandschaft (weitere Aufenthalte folgten 1910 und 1911), um in der angestrebten Einheit von Kunst und Leben Akte in der freien Natur zu malen („Vier Badende“, 1910). Dort wurde die noch minderjährige „Fränzi“ (Franziska Fehrmann) zum beliebtsten Modell der „Brücke“-Künstler auserkoren („Marzella - Fränzi“, 1909/10). In jener Zeit entstanden zahlreiche Akt- und Landschaftsbilder im sog. „Brücke“-Stil. 1910 trat K. der „Neuen Secession“ in Berlin bei, deren Präsident der inzwischen schon nach Berlin übergesiedelte Pechstein war, und wurde Mitglied des „Deutschen Künstlerbunds“. In Berlin lernte er den Maler Otto Mueller kennen, der kurz darauf Mitglied der „Brücke“ wurde. Es entstanden erste Berliner Stadtansichten. Im Oktober 1910 wurde eine große Ausstellung der Künstlergruppe in der renommierten Dresdner Galerie Arnold eröffnet, auch sie stieß jedoch auf wenig Zuspruch. – 1911 siedelte K. endgültig nach Berlin-Wilmersdorf über und gründete 1912 gemeinsam mit Pechstein die Malschule „MUIM-Institut“ („Moderner Unterricht im Malen“). Im selben Jahr erhielten K. und Heckel gemeinsam den Auftrag, die Kapelle der Kölner Sonderbundausstellung auszumalen. K.s „Madonna“ (zerstört) blieb das einzige religiöse Bild in seinem Œuvre. In der von Herwarth Walden herausgegebenen Zeitschrift „Der Sturm“ erschien in den Jahrgängen 1911/12 eine Reihe von K.s Holzschnitten. 1912 lernte K. durch die Freundschaft mit der Varietétänzerin Gerda Schilling deren Schwester Erna (1884-1945) kennen, die schließlich seine Lebensgefährtin wurde. Die Sommeraufenthalte auf Fehmarn (erstmals 1908) wurden in den folgenden Jahren intensiviert. – 1913 verfasste K. die Chronik der Künstlergruppe „Brücke“, die aufgrund der überzogenen Selbstdarstellung bei den übrigen Mitgliedern (Pechstein wurde bereits 1912 aus der „Brücke“ ausgeschlossen) auf Widerstand stieß. Daraufhin löste sich die Gruppe im Mai auf. Es folgten Einzelausstellungen u.a. im Museum Folkwang in Hagen (durch Vermittlung von Karl-Ernst Osthaus), in der Galerie Fritz Gurlitt in Berlin (1913), im Kunstverein Jena sowie die Beteiligung an der Werkbundausstellung in Köln (1914). Außerdem unterhielt K. Kontakte u.a. zu Botho Graef und Eberhard Grisebach. Mit seinem zunehmend scharfkantigen, dynamischen Malstil porträtierte K. die Hektik und Exzentrik des Berliner Großstadtlebens. Seine Straßenbilder zeigen vor dem Hintergrund einer extrem räumlich verzerrten Architektur vorbeihastende Passanten, deren Isoliertheit durch ihre Überspitzung noch gesteigert erscheint. Seine vormals farbenfreudige Palette verlagert sich auf die bevorzugte Verwendung von kalten Blau- und Grüntönen (z.B. „Potsdamer Platz, Berlin“, 1914). Durch den Ersten Weltkrieg geriet K. in eine schwere psychische und existentielle Krise. Er meldete sich, von einem Fehmarn-Aufenthalt zurückgekehrt, 1914 als „unfreiwillig Freiwilliger“ zum Militärdienst und wurde zunächst Rekrut bei der Mansfelder Feldartillerie in Halle. Bereits 1915 wurde er aus gesundheitlichen Gründen vorläufig nach Berlin entlassen. Ein eindringliches Dokument dieser Zeit ist das „Selbstbildnis als Soldat“ (1915). Aufgrund eines körperlichen und nervlichen Zusammenbruchs wurde K. endgültig aus dem Militärdienst entlassen. Es folgte ein Aufenthalt im Sanatorium Dr. Kohnstamm in Königstein im Taunus, für das er im Brunnenturm fünf Wandgemälde (zerstört) ausführte. Dort entstand auch der Holzschnittzyklus zu Adalbert von Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. In den Skizzenbüchern der Jahre 1915/16 finden sich mehrfach Studien nach alten Meistern. Die sich zuspitzenden gesundheitlichen Probleme führten zu mehreren Kuraufenthalten in der Schweiz. Auf Anraten Henry van de Veldes, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband, begab sich K. 1917 in das Sanatorium von Dr. Ludwig Binswanger in Kreuzlingen und siedelte kurz darauf endgültig in die Schweiz über. In Frauenkirch bei Davos übernahm Dr. Lucius Spengler die notwendige ärztliche Betreuung. Das „Selbstbildnis als Kranker“ (1917) offenbart K.s körperlichen Verfall. Veranlasst durch den plötzlichen Tod Graefs initiierte K. die Gründung der „Botho-Graef-Stiftung“ zugunsten des Jenaer Kunstvereins. In der Schweizer Berglandschaft entwickelte K. in den 1920er-Jahren einen neuen großflächigen und monumentalen Stil. Eine sensible Farbgebung verbunden mit der Verwendung von beruhigteren Formen verweisen auf K.s Hang zur dekorativen Harmonie (z.B. „Davos im Schnee“, 1923). K. fühlte sich mit seiner Kunst zunehmend unverstanden, sodass er mitunter die Kritiken seiner eigenen Werke in Zeitschriften und Katalogen unter dem Pseudonym Louis de Marsalle selbst verfasste. Zu einem seiner grafischen Hauptwerke ist der 47 Holzschnitte umfassende Illustrationszyklus zu Georg Heyms Gedichtsammlung „Umbra Vitae“ von 1924 zu zählen, der ihn als bedeutenden Illustrationsgrafiker des deutschen Expressionismus ausweist. Neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten entdeckte K. 1924 in der Webtechnik. In Zusammenarbeit mit Lise Gujer entstanden mehrere Bildteppiche (z.B. „Moderne Bohème“, 1924). Eine längere Deutschlandreise nach Frankfurt, Chemnitz, Dresden und Berlin 1925/26 weckte erneut sein Interesse an Großstadtmotiven (z.B. „Straßenszene bei Nacht“, 1926/27). 1927 begann K. Wandbilder für das Museum Folkwang in Essen zu entwerfen, die aber infolge der Kunstpolitik des Dritten Reichs nicht zur Ausführung kamen. In den 1930er-Jahren setzte sich K. u.a. mit der Malerei Pablo Picassos auseinander (z.B. „Farbentanz II“, 1932-1934). 1937 wurden in Amerika Einzelausstellungen im Institute of Arts in Detroit und in New York organisiert. Im selben Jahr wurden über 600 seiner Werke in Deutschland beschlagnahmt. K. litt zunehmend unter der Verfemung als „entarteter Künstler“ und der damit einhergehenden Isolation. Die letzten Arbeiten bis zu seinem Freitod 1938 sind einerseits durch eine spürbare stilistische Annäherung an das Naturvorbild gekennzeichnet, andererseits wird eine Erstarrung der Bewegung offensichtlich, wobei die kräftige Farbigkeit erhalten bleibt (z.B. „Hirten am Abend“, 1937).



W  Doris, stehend, 1906, Öl auf Leinwand, Private Collection of the Latner Family, Toronto; Programm der „Brücke“, 1906, Holzschnitt; Varieté - Englisches Tanzpaar, um 1909/10, Öl auf Leinwand, Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Frankfurt/Main; Vier Badende, 1910, Öl auf Leinwand, Von der Heydt-Museum Wuppertal; Marzella (Fränzi), 1909/10, Öl auf Leinwand, Moderna Museet, Stockholm; Eisenbahnüberführung Löbtauer Straße in Dresden, 1910/26, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister; Potsdamer Platz, Berlin, 1914, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie; Selbstbildnis als Soldat, 1915, Öl auf Leinwand, Ohio, Allen Memorial Art Museum; Selbstbildnis als Kranker, 1917, Öl auf Leinwand, Wuppertal, Privatsammlung; Davos im Schnee, 1923, Öl auf Leinwand, Basel, Kunstmuseum; Holzschnittzyklus zu Georg Heym „Umbra Vitae“, 1924; Moderne Bohème, Webteppich, 1924, Minneapolis, Institute of Arts; Straßenszene bei Nacht, 1926/27, Öl auf Leinwand, Bremen, Kunsthalle; Farbentanz II, 1932-1934, Öl auf Leinwand, Kirchner-Museum Davos; Hirten am Abend, 1937, Öl auf Leinwand, Privatbesitz.

L  L. de Marsalle (Pseudonym), Zeichnungen von Ernst Ludwig K., in: Genius. Zeitschrift für werdende und alte Kunst 2/1920, 2. Buch, S. 216-234; W. Grohmann, Zeichnungen von Ernst Ludwig K., Dresden 1925; G. Schiefler, Das graphische Werk von Ernst Ludwig K., 2 Bde., Berlin 1926-1931; W. Grohmann, Das Werk Ernst Ludwig K.s, München 1926; E. L. Kirchner, Ernst Ludwig K. über Kunst (vier nachgelassene Texte), in: Galerie und Sammler, Bd. 4, Zürich 1939; L.-G. Buchheim, Die Künstlergemeinschaft Brücke, Feldafing 1956; W. Grohmann, Ernst Ludwig K., Stuttgart 1958; A. u. W.-D. Dube, Ernst Ludwig K., Das graphische Werk, 2 Bde., München 1967, 21980; L. Grisebach (Hg.), Ernst Ludwig K. Davoser Tagebuch. Eine Darstellung des Malers und eine Sammlung seiner Schriften, Köln 1968; D. E. Gordon, Ernst Ludwig K., München 1968 (WV); E. W. Kornfeld, Ernst Ludwig K. Nachzeichnung seines Lebens, Bern 1979; M. M. Moeller/R. Scotti (Hg.), Ernst Ludwig K. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik. Katalog zur Ausstellung zum 60. Todestag, München 1998 (WV); B. Dalbajewa/U. Bischoff (Hg.), Die Brücke in Dresden 1905-1911, Köln 2001; B. Egging/K. Schick, Der Neue Stil. Ernst Ludwig K.s Spätwerk, Bielefeld 2008. – DBE 2, 706; NDB 11, S. 658-661; H. Vollmer (Hg.), Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts, Bd. 3, Leipzig 1956, S. 49f.; W. Stadler (Hg.), Lexikon der Kunst, Bd. 6, Erlangen 1994, S. 370-376; H. Olbrich (Hg.), Lexikon der Kunst, München 1996, Bd. 3, S. 749-751.

P  Fotografie, Kirchner Museum Davos (Bildquelle).



Konstanze Rudert
12.12.2008


Empfohlene Zitierweise:

Konstanze Rudert, Kirchner, Ernst Ludwig, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.10.2017)

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