Lehmann Emil
MdL, Rechtsanwalt, Publizist, Politiker der Fortschrittspartei, Vertreter der Judenemanzipation in Dresden und Sachsen
* 2.2.1829 Dresden 25.2.1898 Dresden Dresden, Neuer Jüdischer Friedhof(jüd.)
VBonnier (1801-1879), KaufmannMBella († 1840G3 Brüder, 3 SchwesternHermine, geb. Salomon (1830-1889)SRichard (1862-1900); Johannes (1867-1920), Rechtsanwalt, Justizrat, Stadtverordneter, 1. Vizevorsteher des Dresdner StadtverordnetenkollegiumsTBetty, verh. Hepner
GND: 116867159


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L. war einer der bedeutenden sächsischen Vertreter der verfassungsmäßigen Emanzipation der Juden, die in Sachsen per Gesetz vom 3.12.1868 erreicht wurde. – L. war ein direkter Nachfahre des Begründers der neuzeitlichen Jüdischen Gemeinde zu Dresden, des Hofbankiers Berend Lehmann. Er kam vierjährig in die jüdische Privatschule des Marcus Landau. Dieser war eigentlich Kaufmann, Autodidakt und offensichtlich ein engagierter Lehrer, der neben der religiösen Bildung auch Wert auf die Grundlagen weltlicher Fächer wie Rechnen, Naturkunde und Geografie legte. 1842 bis 1848 besuchte L. die Kreuzschule in Dresden und bestand 1851 mit ausgezeichneten Ergebnissen die juristischen Examina an der Universität Leipzig. L. bekam die Schwierigkeiten des allmählichen Emanzipationsprozesses der sächsischen Juden persönlich zu spüren. Nach seinem Jurastudium arbeitete er in verschiedenen Anwaltskanzleien und als Journalist für die Sächsische Dorfzeitung. Erst nach beinahe sieben Jahren hatte er 1858 alle Zulassungsvoraussetzungen für die Tätigkeit als Rechtsanwalt erfüllt, wurde aber dennoch lediglich zum Notar ernannt. Dabei unterlag er außerdem der Einschränkung, dass er als „jüdischer Glaubensgenosse“ Christen keinen Eid abnehmen durfte, was sein Tätigkeitsfeld als Notar erheblich einengte. Nachdem L. 1863 doch noch zum Rechtsanwalt zugelassen wurde, bemühte er sich mehrere Jahre vergeblich, auch christliche Parteien in Eheangelegenheiten vertreten zu dürfen. Erst 1890 erhielt er die Zulassung zum Vollnotar. – In den Diskussionen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft um ihre künftige Entwicklung engagierte sich L. für eine durchgreifende Reform: Er wollte die Beschneidung der Knaben abschaffen und die jüdischen Feiertage an die christlichen anpassen, auch befürwortete er die Eheschließung zwischen Juden und Christen. Damit traf er selbst bei vielen Gemeindemitgliedern durchaus auf offene Ohren. 1862 wählten sie ihn zum Gemeindedeputierten und 1869 zu einem der drei Vorsteher der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Darüber hinaus war L. mit seinem Aufruf „Höre Israel“ an der Gründung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunds 1869 in Leipzig beteiligt und setzte sich für die Bildung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ein, die 1893 in Berlin erfolgte. Sein Selbstverständnis als Jude und Bürger war maßgeblich geprägt durch die beiden weltgeschichtlichen Ereignisse der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 3830 (Jahr 70) und des Sturms auf die Bastille im Zuge der Französischen Revolution 1789. Er engagierte sich in jüdischen und nichtjüdischen Vereinen und Wohlfahrtsorganisationen. Seine publizistische Tätigkeit, hauptsächlich in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums“ und der Monatsschrift „Im deutschen Reich“, hatte großen Einfluss auf die Selbstverständigung der deutschen Juden über ihre Identität und ihre Stellung zum Staat. So ging die Abschaffung der besonderen Eidesformel für die Juden, einem der wichtigsten verbliebenen Symbole der Distinktion, durch den Sächsischen Landtag 1879 wesentlich auf seine Initiative zurück. – 1865 wurde L. erstmals Stadtverordneter in Dresden und gehörte dem Kollegium bis 1872 und nochmals 1874 bis 1883 an. Als Mitglied der sächsischen Fortschrittspartei war er 1875 bis 1880 Abgeordneter des 5. Dresdner Wahlkreises im Sächsischen Landtag. Durch die Wahlerfolge der antisemitischen Reformpartei verlor L. diese politischen Mandate. – L. war darüber hinaus Chronist der schwierigen Emanzipationszeit der Juden in Sachsen. Von den 1860er-Jahren bis zu seinem Tod hielt er unter Nutzung der damals noch vorhandenen Quellen die Geschichte und Gegenwart der Juden fest.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 11018 Ministerium der Justiz, L 122, 11125 Ministerium des Kultus und des öffentlichen Unterrichts, Nr. 11148; Bundesarchiv Berlin, Sterberegister der jüdischen Gemeinde in Dresden 1786-1910, R 1509, Anhang/Reichssippenamt Film Nr. 74728.

W  Höre Israel! Aufruf an die deutschen Glaubensgenossen, Dresden 1869; (Hg.), Zu Chanuka: Ein jüdisches Haus- und Volksbuch, Leipzig 1874; Lessing, Mendelssohn, Nathan, in: Lessing-Mendelssohn-Gedenkbuch, hrsg. vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde, Leipzig 1879, S. 3-26; Aus alten Acten. Bilder aus der Entstehungsgeschichte der israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden, Dresden 1886; Gesammelte Schriften, hrsg. im Verein mit seinen Kindern von einem Kreis seiner Freunde, Berlin 1899, Dresden ²1909.

L  Nachruf, in: Im deutschen Reich 3/1898, S. 117-125; Korrespondenzen, in: ebd. 6/7/1899, S. 371; W. Neumann, Zum 29. Juni 1919, dem 50 jährigen Jubiläum des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, in: Allgemeine Zeitung des Judentums 27.6.1919, S. 277-280; M. Schäbitz, Emil L., in: einst & jetzt, hrsg. von der Jüdischen Gemeinde zu Dresden/Landeshauptstadt Dresden, Dresden 2001, S. 140f. (P); H. Schönfelder, Berend Lehmann - der Stammvater der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden, in: Der Alte Jüdische Friedhof in Dresden, hrsg. von HATIKVA - Bildungs- und Begegnungsstätte für Jüdische Geschichte und Kultur Sachsen e.V., Teetz 2002, S. 202-207. – ADB 51, S. 620-622; DBA I, II, III; DBE 6, S. 292; NDB 14, S. 69f.; A. Bettelheim (Hg.), Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog 3/1900, S. 343f.; N. Goldmann (Hg.), Encyclopaedia Judaica, Bd. 10, Berlin 1934, Sp. 1580f.; http://www.hagalil.com/deutschland/ost/lehmann.htm (16.02.2009).

P  Stadtmuseum Dresden, Ölgemälde-Kopie, J. Mogk nach L. Pohle, 1910, 1980/ k 135; Emil L., Meisenbach, Riffarth und Co. nach L. Pohle, 1899, Druck, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Gunda Ulbricht
13.11.2015


Empfohlene Zitierweise:

Gunda Ulbricht, Lehmann, Emil, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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