Kretschmer Edmund Carl Franz
Komponist, Organist
* 31.8.1830 Ostritz/Oberlausitz 13.9.1908 Dresden 16.9.1908 Dresden, Innerer katholischer Friedhof(kath.)
VFranz Xaver (1798-1877), Rektor der Stadtschule Ostritz, Kantor der katholischen KircheM(† um 1871)G5 u.a. Mansuet († 1858), Hilfslehrer an der Stadtschule Ostritz; Theodor; Marie (um 1835-1901); Paula1862 Jenny (Eugenie?), geb. Schröter, Tochter des Kammermusikus Franz SchröterSFranz, königlich sächsischer Musikdirektor, Instruktor der Kapellknaben, Leiter der Vokalmusik an der Dresdner Hofkirche
GND: 116526076

Den ersten musikalischen Unterricht bekam K. von seinem Vater, bevor er im Alter von 16 Jahren nach Dresden auf das von Kurfürst Friedrich August III. 1787 gegründete Lehrerseminar kam. Neben Studium und späterem Lehrerberuf an der katholischen Volksschule in Dresden nahm K. beim Kreuzkantor Julius Otto Kompositions- und bei Johann Gottlob Schneider Orgelunterricht. Auch auf anderen musikalischen Gebieten wie Chorgesang, Bühnendramaturgie und Studium der Klassiker bildete er sich autodidaktisch weiter. Hierbei studierte er v.a. Robert Schumann und Richard Wagner, aber auch Giacomo Meyerbeers Werke übten einen starken Einfluss auf seine späteren Kompositionen aus. Den ersten großen Erfolg als Komponist und Dirigent hatte K., der inzwischen ab 1854 als Zweiter Hoforganist an der Dresdner Hofkirche tätig war, beim ersten deutschen Sängerbundesfest 1865 in Dresden mit dem preisgekrönten und viel gelobten Werk „Die Geisterschlacht“ für Männerchor und Orchester, eine Dichtung von Hermann Waldow. Das Werk, mit richtigem Gespür für einen Massenchor geschaffen, zeigte nach Berichten der Zeitgenossen große Wirkung in seiner markanten, deutlichen Aussage zu dem Thema der Sehnsucht nach einem einheitlichen Deutschland. – Bei einem Preisausschreiben vom Schott-Verlag für die Komposition einer lateinischen Messe erhielt K. von rund 100 Einsendern den ersten Preis. Die sich schon vor dem 19. Jahrhundert entwickelnde Idee einer „erneuerten Kirchenmusik“ manifestierte sich in dieser Zeit z.B. in Richtlinien für die Gestaltung liturgischer Kompositionen, die in der Gründung des Allgemeinen deutschen Cäcilienvereins von 1868 zur Erneuerung der katholischen Kirchenmusik mündeten. Auch K.s prämierte Messe folgte diesen Richtlinien. Da in Dresden um 1830 die Chorarbeit aufblühte (in dieser Zeit gab es etwa 50 Männergesangsvereine, vier Singakademien, fünf gemischtstimmige Gesangvereine u.a.m.) und K. selbst verschiedene große Dresdner Gesangvereinigungen gegründet und geleitet hat, schrieb er folgerichtig auch für dieses Genre. So entstanden die ersten Lieder für Singstimme und Pianoforte (1856 veröffentlicht), denen später Chorwerke verschiedenen Inhalts folgten. Als Kirchenmusiker ist K. aber auch als Komponist von Messen, Psalmen und Motetten hervorgetreten. Trotz des immensen Arbeitspensums wurde er 1872 Königlicher Archivar und Instruktor der Königlichen Kapellknaben und wagte sich an sein erstes großes Bühnenwerk, die Oper „Die Folkunger“ in fünf Akten, Text von S. H. (andere Quelle: Moritz) Mosenthal. Nach der Uraufführung 1874 in Dresden trat die Oper einen Siegeszug durch zahlreiche Opernhäuser an. Besonders populär wurde daraus der „Krönungsmarsch“, der für Klavier, Orgel oder andere Instrumente eingerichtet und in der Hausmusik oder bei festlichen Anlässen gespielt wurde. Die Musikwelt reagierte auf K.s Oper sowohl mit enthusiastischer Begeisterung als auch mit harscher Kritik. Moniert wurden zu viele Anklänge an Meyerbeer und den Wagner der 1840er-Jahre, doch sah man auch die geschickte Bühnenwirksamkeit von Musik und Text. Die im 18. Jahrhundert beginnenden Bemühungen um eine „deutsche“ Oper als Gegenstück zu den vorherrschenden fremden Musikstilen - v.a. der Italiener - blieben lange im Versuch stecken. In dieser Situation wird auch die geteilte Aufnahme des Opernschaffens K.s verständlich. Dem großen Erstlingswerk folgten noch drei Opern, wovon aber nur „Heinrich der Löwe“ (1877) einen ähnlichen Erfolg wie „Die Folkunger“ verzeichnen konnte. – 1880 begann eine Neugestaltung der Kirchenmusik in der Hofkirche. Die Vokalmusik wurde deutlich erweitert und damit auch der Chor zahlenmäßig verstärkt. K. übernahm nun die Leitung sämtlicher Vokalmusiken in der Hofkirche und erhielt den Titel Königlicher Hofkirchenkomponist. 1885 bzw. 1886 wurde K. Erster Hoforganist, 1892 erhielt er den Professorentitel und 1894 folgte die Ernennung zum Königlichen Kapellmeister. Trotz seiner Pensionierung 1897 blieb K. noch weiter aktiv. 1900 wurde er schließlich zum Hofrat ernannt. Er erhielt das Ehrenbürgerrecht der Stadt Ostritz und im Dresdner Stadtteil Blasewitz wurde eine Straße nach ihm benannt.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Tagebuch des Königlich Sächsischen Hoftheaters 92/1908, S. 99-101; Innerer katholischer Friedhof Dresden, Sterbebücher; Katholische Hofkirche Dresden, Totenbücher.

W  Vokalmusik: Zwei Motetten, achtstimmig, op. 17, 1875; Vier Hymnen für gemischten Chor, op. 18; Vesperpsalmen des Kirchenjahres, op. 46; Messe zu acht Stimmen für zwei Chöre, op. 50, 1895; Die Geisterschlacht (H. Waldow), 1865; Ave Maria, Lied für eine Singstimme und Begleitung (Pianoforte oder Orgel), op. 20, 1850; Frühlingslied, op. 3, 1875; Gebt mir vom Becher nur den Schaum (E. Geibel), op. 11, 1880; Bühnenmusik: Die Folkunger, 1874; Heinrich der Löwe, 1877; Die Flüchtlinge, 1881; Schön Rotraut, 1887; Instrumentalmusik: Sextett in vier Sätzen, op. 40; Vier Klavierstücke, op. 9.

L  O. Schmid, Edmund K., Dresden 1890, S. 95; A. Kohnt, Edmund K., in: Bühne und Welt 2/1900/1901, 2. Halbjahresbd. (P); R. Batka, Allgemeine Geschichte der Musik, Bd. 3, Stuttgart 1915, S. 168, 170 (P); K. Pembaur, Drei Jahrhunderte Kirchenmusik am Sächsischen Hof, Dresden 1920, S. 33 (WV); O. Schmid, Die Kirchenmusik in der Katholischen (Hof) Kirche in Dresden, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte Dresdens 29/1921, S. 32; G. Taute, Edmund K. zu seinem 100. Geburtstag, in: Oberlausitzer Heimatzeitung 11/1930, Nr. 18, S. 221f.; Der Schöpfer der Folkunger. Zum 100. Geburtstag des Dresdner Komponisten Edmund K., in: Die Elbaue 7/1930, S. 70; H. J. Moser, Die evangelische Kirchenmusik in Deutschland, Berlin 1954; J. Rolle, Heimatbuch der Stadt Ostritz (Oberlausitz), Ostritz 1991; M. Heinemann, Alternative zu Wagner?, in: ders. (Hg.), Die Dresdner Oper im 19. Jahrhundert, Laaber 1995, S. 295-301 (P); ders., Was Messen auszeichnet, in: M. Herrmann (Hg.), Die Dresdner Kirchenmusik im 19. und 20. Jahrhundert, Laaber 1998, S. 171-180. – DBA II, III; DBE 6, S. 99; MGG 7, Kassel 1958, Sp. 1768f.; RiemannL, Personenteil, S. 967; Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, Bd. 13, Berlin 1910, Sp. 51, Totenliste 1908.

P  J. Lewinsky, Vor den Coulissen. Originalblätter von Celebritäten des deutschen Theaters, Bd. 2, Berlin 1882, S. 1; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle); F. Luckhardt, Fotografie, Universität Frankfurt/Main, Universitätsbibliothek.



Siegfried Raschke
2.5.2011


Empfohlene Zitierweise:

Siegfried Raschke, Kretschmer, Edmund Carl Franz, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.4.2017)

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