Glümer Claire (eigentl. Clara) Wilhelmine Caroline Auguste Friederike von (Pseudonym: Elise von Gleichen)
Schriftstellerin, Übersetzerin, Journalistin
* 18.10.1825 Blankenburg/Harz 20.5.1906 Blasewitz bei Dresden Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(ev.)
VKarl Weddo (1798-1876), JuristMJohanna Louise Charlotte, geb. Spohr (Pseudonym: G. Telto) (1799-1839), Schriftstellerin, Cousine des Komponisten Louis SpohrG6 u.a. Bodo (1827-1900)
GND: 116682477





G. war eine frühe Demokratin der 1848er-Revolution, deren Ideen sie publizistisch vertrat und ebenso wie ihre Ideen zur Frauenemanzipation in ihrem erzählerischen Werk verarbeitete. – G. entstammte einer alteingesessenen, seit 1390 nachweisbaren Braunschweiger Patrizierfamilie. Ihr Vater Karl Weddo von Glümer wurde ab 1829 als liberaler Publizist verfolgt und aus vielen deutschen Staaten ausgewiesen. Dies zwang die Familie nach 1833 zu einem unsteten Wanderleben, das sie nach Frankreich und in die Schweiz führte. Über diese Zeit berichtete G. später in ihrer Autobiografie „Aus einem Flüchtlingsleben“ (1904). Sie erhielt häuslichen Unterricht von ihrer Mutter Johanna Louise Charlotte von Glümer und - von einer kurzen Episode in Hildburghausen abgesehen - erstmals im elsässischen Weißenburg (franz. Wissembourg) regulären Schulunterricht bis zu ihrem 16. Lebensjahr. Nach eigenen Aussagen wurde ihr dort zeitweise selbst eine begrenzte Lehrtätigkeit übertragen. Nach dem Tod der Mutter nahm ihr Großvater Gotthelf Weddo August von Glümer sie 1841 in Wolfenbüttel auf. 1846 bis 1848 lebte sie als Gouvernante und Gesellschafterin in Hannover. Vom 5.10.1848 bis zum 28.3.1849 unterstützte sie ihren aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrten Vater bei seiner Tätigkeit als Berichterstatter über die Verhandlungen in der Paulskirche für die „Magdeburger Zeitung“: Sie stenografierte die Sitzungen mit und verfasste auch selbst Artikel, die aber anonym erschienen. Ihre Sympathien galten den linken Kräften in der Nationalversammlung, wie sie Ludwig Simon, Julius Fröbel, Franz Raveaux und Moritz Hartmann repräsentierten, denen sie in Frankfurt/Main begegnete. Hier traf sie zudem Wilhelmine Schröder-Devrient, der sie 1862 eine Monografie widmete, die Frauenrechtlerin Louise Dittmar und weitere bedeutende Zeitgenossen, wovon ein noch heute erhaltenes Stammbuch zeugt. Physisch und psychisch (durch eine unglückliche Liebesbeziehung) geschwächt, lebte sie anschließend mehrere Monate bei einer Freundin in der Nähe von Wolfenbüttel. Als ihr Bruder Bodo wegen seiner Beteiligung an den Dresdner Maiunruhen 1849 zum Tode verurteilt, später zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde, plante G., die deswegen nach Dresden gezogen war, mit Gleichgesinnten seine Befreiung, die jedoch missglückte. G. wurde anschließend aus Sachsen ausgewiesen. Während der Monate in Dresden arbeitete G. einige Zeit in einem Kindergarten nach dem Vorbild Friedrich Fröbels und lernte in dieser Zeit auch ihre spätere Freundin Auguste Scheibe kennen. Die beiden Frauen zogen Ende 1850 nach Braunschweig, wo sich G. kurzzeitig 1851 mit dem Schriftsteller Gustav Hermann Leberecht Breusig verlobte. Ende August 1851 kehrte sie wieder nach Dresden zurück, wo sie wegen ihrer Kontakte zu demokratisch gesinnten Kräften unter polizeilicher Beobachtung stand. Bereits im September 1851 beteiligte sie sich in nicht genau zu ermittelndem Ausmaß an einem erneuten - wiederum scheiternden - Befreiungsversuch Bodo von Glümers; sie wurde hierfür erstinstanzlich zu vier Monaten Haft verurteilt, allerdings erst am 4.4.1853 verhaftet und in Hubertusburg inhaftiert. G. wurde bereits nach drei Monaten entlassen, aus dem Königreich Sachsen ausgewiesen und zog zusammen mit Scheibe wieder nach Wolfenbüttel. Nach der Begnadigung des Bruders 1859 ließen sich G. und Scheibe endgültig in Dresden nieder. – In der politisch bewegten Zeit der Revolution von 1848/49 setzt G.s umfangreiche literarische Produktion ein. Ihre erste Veröffentlichung in Dittmars Zeitschrift „Die Sociale Reform“ 1849 war dem Frühsozialisten Charles Fourier gewidmet, der sich auch für Frauenrechte einsetzte und dessen Ideen sie in ihrem ersten Roman „Fata Morgana“ (1851) erneut diskutierte. Darin verarbeitete sie neben der Frauenfrage auch die Erfahrungen ihrer Paulskirchenzeit: Sie lässt ihre Protagonisten die unterschiedlichen politischen Positionen diskutieren und zeichnet dabei ein wenig schmeichelhaftes Bild von eitlen und selbstherrlichen Abgeordneten, denen wenig an weiblicher Beteiligung gelegen ist. – In ihren Texten kritisierte G. die beschränkten Einflussmöglichkeiten der Frauen in der zeitgenössischen Gesellschaft, die nur Ehegattinnen und Mütter als vollwertige Frauen ansah. Wegen ihrer großen Bedeutung für die Erziehung der nächsten Generation forderte G. eine Aufwertung der Frauen ein. Dementsprechend kritisierte sie die Konvenienzehe und forderte, wie viele frühe Feministinnen, folgerichtig auch eine Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten für Frauen und deren Teilnahme am öffentlichen Leben. Mit ihren Aussagen zur politischen Wirksamkeit von Frauen, zur Frauenbildung und zur Ehe vertrat G. Positionen, die sich vergleichbar auch in Werken zeitgenössischer Autorinnen wie Louise Aston, Fanny Lewald und Marie Norden finden lassen, die ebenfalls die Geschehnisse der Revolution von 1848 thematisierten. – Parallel zu ihrer literarischen Produktion setzte G.s ausgedehnte Übersetzungsarbeit ein. Auf Anregung des mit ihr befreundeten Buchhändlers und Verlegers Otto Wigand begann sie mit französischen Werken von George Sand (eigentl. Armandine Aurore Lucie de Dudevant, geb. Dupin) - u.a. „Claudia“, 1851 und „Geschichte meines Lebens“, 1854-1856 - und Alphonse Daudet, übertrug aber auch Sachliteratur wie Pierre Lanfreys „Geschichte Napoleons des Ersten“ (1869-1875). Seit den 1850er-Jahren übersetzte sie auch englischsprachige Literatur ins Deutsche (Jonathan Swift, Wilkie Collins, beide 1866). Darüber hinaus übersetzte G. mehrfach russische Novellen (u.a. Iwan Turgenjew, Leo Tolstoi, Alexander Puschkin) für den von Paul Heyse herausgegebenen „Novellenschatz des Auslandes“, an dem sie ab Herbst 1871 mitarbeitete. Besondere Wertschätzung brachte sie Turgenjew entgegen, dem sie 1876 eine Studie in dem Wochenblatt „Über Land und Meer“ widmete. Dabei ist bislang ungeklärt, wann und wo G. ihre russischen Sprachkenntnisse erworben hat. Sie pflegte jedenfalls Kontakte zur „russischen Kolonie“ in Dresden um die Schriftstellerin Karolina Pavlova sowie zu Freunden in Russland, wie dem Moskauer Musikverleger Peter Jürgenson. Eine erste deutsche, noch unvollständige Übertragung G.s von Tolstois „Krieg und Frieden“ erschien bereits 1872 in einer Zeitschrift und 1892 als Buch. – Daneben setzte G. ihre eigene schriftstellerische Tätigkeit fort; es entstand eine ganze Reihe von Reiseskizzen, Novellen - häufig mit ethnografischem Bezug -, Porträts und Romanen, in denen sie sich immer wieder der Stellung der Frau annahm, die sie häufig am Beispiel adliger Protagonistinnen in ihrer gesellschaftlichen Einengung zeigte. Für den Verleger Wigand gab sie 1856/57 die achtbändige „Bibliothek für die deutsche Frauenwelt“ heraus, zu der sie auch eigene Texte beisteuerte. Kleinere Arbeiten erschienen häufig zunächst in einer der zahlreichen Publikumszeitschriften der Zeit (u.a. „Die Gartenlaube“, „Über Land und Meer“, „Unterhaltungen am häuslichen Herd“, „Stuttgarter Frauenzeitung“, „Leipziger Modenzeitung“). – Welt- und Menschenkenntnis prägen neben konventioneller Machart G.s eigene Werke. Wie vergleichbare Autorinnen der Zeit nutzte sie häufig Muster des zeitgenössischen Unterhaltungsromans und erzielte so oft eine gelungene Mischung aus historischen Ereignissen und Kolportageelementen, wobei sie geschickt politische und persönliche Ebene miteinander verband. Obwohl ihre Frauenfiguren ihre Stellung in der Gesellschaft kritisch hinterfragen, finden sie nur eingeschränkt zu neuen Handlungsoptionen. Radikale Lösungen, wie den Einsatz von Waffengewalt, thematisierte G. nicht. Die politischen Ambitionen ihrer frühen Jahre traten mehr und mehr zurück. Die Hoffnung auf größere Spielräume von Frauen in Gesellschaft und Politik hatten sich in der restaurativen Stimmung in Deutschland nicht erfüllt. – Trotz ihrer durchaus erfolgreichen Schriftstellertätigkeit hatte G. - nicht durch eine Ehe abgesichert - offensichtlich zeitweise mit den Unsicherheiten einer freien Existenz zu kämpfen, wie 1864 ein Antrag auf Vorschuss an die Deutsche Schillerstiftung nahelegt. In späteren Jahren gewährte ihr diese Stiftung eine lebenslange Rente. Auch der Kloster- und Studienfonds des Herzogtums Braunschweig unterstützte sie. G.s Gesundheitszustand verschlechterte sich mit zunehmendem Alter zusehends. 1894/95 musste sie sich an beiden Augen von dem bekannten Augenarzt Carl Theodor Herzog in Bayern am Star operieren lassen, dem G. 1899 ein Porträt im „Grenzboten“ widmete.



Q  Niedersächsisches Landesarchiv - Staatsarchiv Wolfenbüttel, VI Hs 11 Nachrichten über einzelne Personen und Familien …, VI Hs 13 Stammbücher; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Kartei politisch Verfolgter 1830-1867, 10736 Ministerium des Innern, 10747 Kreishauptmannschaft Dresden.

W  Über Fourier, in: Die Sociale Reform 1849; Ueber Fourier, in: Louise Dittmar (Hg.), Das Wesen der Ehe. Nebst einigen Aufsätzen über die soziale Reform der Frauen, Leipzig 1849, S. 93-100; George Sand, Claudia, Leipzig 1851 (Übersetzung aus dem Französischen); dies., Geschichte meines Lebens, Leipzig 1854-1856 (ND Hannover u.a. 2004/05) Übersetzung aus dem Französischen); (Hg.), Bibliothek der deutschen Frauenwelt, 1856/57; Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient, Leipzig 1862 (ND Norderstedt 2017); Aus der Bretagne. Geschichten und Bilder, Wien 1867; Pierre Lanfrey, Geschichte Napoleons des Ersten, Berlin 1869-1875 (Übersetzung aus dem Französischen); Frau Domina, Stuttgart 1873 (ND Leipzig 1923); Iwan Turgenjew. Skizze, in: Über Land und Meer 18/1876, Nr. 50, S. 994f.; Alteneichen. Erzählung, Berlin 1877, Berlin 21896; Aus dem Béarn. Novellen, Berlin 1879 (ND Leipzig 1904); Dönninghausen, 2 Bde., Dresden 1881, Dresden/Leipzig 21900; Iwan Turgenjew, Väter und Söhne, Stuttgart 1883 (Übersetzung aus dem Russischen); Ein Fürstensohn. Zerline, Stuttgart 1886; (mit Raphael Löwenfeld), Leo Tolstoi, Krieg und Frieden, Berlin 1892 (Übersetzung aus dem Russischen); Karl Theodor, Herzog in Bayern. Eine biographische Skizze, in: Die Grenzboten 58/1899, H. 4, S. 88-99; Aus einem Flüchtlingsleben 1833-1839, Dresden/Leipzig 1904.

L  Hans von Glümer, Claire von G., in: Braunschweigisches Magazin N.F. 19/1913, H. 9, S. 99-106 (P); Karl Mollenhauer, Literargeschichtliche Würdigung Claires v. G., in: ebd., H. 10, S. 109-112; Elisabeth Friedrichs, Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1981, S. 100; G. Jonas, Paul Heyses Beitrag zur Rezeption russischer Novellen in Deutschland, in: Zeitschrift für Slawistik 16/1971, S. 235-243; Catherine Prelinger, Charity, Challenge, and Change. Religious dimensions of the mid 19. century women’s movement in Germany, New York/Westpoint/London 1984, S. 116-118, 124, 126; Ruth-Ellen Boetcher Joeres, Respectability and Deviance. Nineteenth-century German woman writers and the ambiguity of representation, Chicago/London 1998 (P); Gudrun Loster-Schneider, Flintenweiber mit Glorienschein? Hagiologisch-legendialer Code und Genderdiskurs. Überlegungen zu einem literarischen Funktionszusammenhang 1800-1850, in: Hans-Peter Ecker (Hg.), Legenden. Geschichte, Theorie, Pragmatik, Passau 2003, S. 141-162; Marion Freund, „Mag der Thron in Flammen glühn!“ Schriftstellerinnen und die Revolution von 1848/49, Königstein/Taunus 2004, S. 507-553. – DBA I, II, III; DBE 4, S. 38; Gustav Scheve, Phrenologische Frauenbilder. Dresdens Schriftstellerinnen der Gegenwart, Dresden 1865, S. 91-112; Wilhelm Haan, Sächsisches Schriftstellerlexikon, Leipzig 1875, S. 98f.; Sophie Pataky (Hg.), Lexikon deutscher Frauen der Feder, Bd. 1, Berlin 1898, S. 261f.; Franz Neubert (Hg.), Deutsches Zeitgenossenlexikon, Leipzig 1905, S. 346; Hermann August Ludwig Degener (Hg.), Wer ist‘s?, Leipzig 41909, S. 339; Franz Brümmer (Bearb.), Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Bd. 2, Leipzig 61913, S. 385f.; Gerhard Lüdtke (Hg.), Nekrolog zu Kürschners Literatur-Kalender 1901-1935, Berlin/Leipzig 1936, S. 225f.; Wilhelm Kosch, Deutsches Literatur-Lexikon, Bd. 6, Bern 31978, Sp. 416f.; Elisabeth Friedrichs, Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1981, S. 100; Ernst Eichler (Hg.), Slawistik in Deutschland, Bautzen 1993, S. 135; Horst-Rüdiger Jarck/Günter Scheel (Hg.), Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 19. und 20. Jahrhundert, Hannover 1996, S. 213f.; Herbert Jacob (Bearb.), Deutsches Schriftsteller-Lexikon Bd. 3/1, Berlin 2000, S. 260-265; Kurt Hoffmeister, Braunschweigs Literaten, Braunschweig 2003, S. 132f., 22016, S. 170 (P, Bildquelle); Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hg.), Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen 2006, S. 164-167; Wilhelm Kühlmann (Hg.), Killy Literaturlexikon, Berlin/New York 22009, Bd. 4, S. 256f.; Walter Schmidt (Hg.), Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49, Bd. 5, Berlin 2016, S. 95-127; Elisabeth Gibbels, Lexikon der deutschen Übersetzerinnen 1200-1850, Berlin 2018, S. 59; Eva Labouvie (Hg.), Frauen in Sachsen-Anhalt, Bd. 2: Ein biographisch-bibliographisches Lexikon vom 19. Jahrhundert bis 1945, Wien/Köln/Weimar 2019, S. 172-177 (P). P Claire von G., C. Schwendler, Fotografie, Theatermuseum Wien; Claire von G., F. Koetsche, vor 1907, Rötelzeichnung, Braunschweigisches Landesmuseum.

P  Claire von G., C. Schwendler, Fotografie, Theatermuseum Wien; Claire von G., F. Koetsche, vor 1907, Rötelzeichnung, Braunschweigisches Landesmuseum Braunschweig.



Eva Chrambach
1.8.2019


Empfohlene Zitierweise:

Eva Chrambach, Glümer, Claire (eigentl. Clara) Wilhelmine Caroline Auguste Friederike von (Pseudonym: Elise von Gleichen), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (17.11.2019)

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