Dawison (Davison) Bogumil
Schauspieler
* 15.5.1818 Warschau 1.2.1872 Dresden Dresden, Alter Annenfriedhof(jüd.)
VIsaak, HauslehrerMRosalie, geb. NathanssonG3 Brüder, u.a. Nathan, 2 Schwestern 1. 1849 Wanda, geb. von Ostoja-Starzewska († 1859), SchauspielerinSLudwig (* 1849), Anwalt 2.1861 Constance, geb. Jacobi
GND: 118524097

D. war einer der bedeutendsten Charakterdarsteller im deutschen Theater des 19. Jahrhunderts und erlangte durch seine zahlreichen Gastspielreisen internationale Bekanntheit. – Nach anderthalbjähriger Ausbildung an der Warschauer dramatischen Schule debütierte D. Ende 1837 am dortigen Theater und wurde kurz darauf fest engagiert. Doch schon wenig später ging er nach Wilna (lit. Vilnius), in den Jahren darauf auch nach Minsk und andere Orte, bis er sich schließlich für mehrere Jahre in Lemberg (ukr. Lwiw) niederließ. Dort trat er 1841 auch zum ersten Mal in deutscher Sprache auf. Fünf Jahre später verließ D. die Stadt wieder, um sich künftig ganz dem deutschsprachigen Theater zuzuwenden. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, an deutschen Bühnen Fuß zu fassen, erlangte er 1847 auf Fürsprache des Berliner Schauspielers Louis Schneider ein Engagement am Hamburger Thaliatheater. Dort blieb er bis 1849, dann ging er für die nächsten fünf Jahre an das Burgtheater in Wien. Während seiner Wiener Zeit nahm D. durch zwei Gastspiele zum ersten Mal Kontakt zum Königlichen Hoftheater in Dresden auf. Nachdem es 1854 zum Bruch mit der Direktion des Wiener Burgtheaters unter Heinrich Laube gekommen war, wurde er kurz darauf in Dresden auf Lebenszeit engagiert. Die Hauptstadt des Königreichs Sachsen war neben Berlin und Wien die zu jener Zeit führende Bühne im deutschsprachigen Raum. D. stieg bald zum bedeutendsten Darsteller des Ensembles neben Emil Devrient auf. Letzterer füllte in Dresden das Fach des jugendlichen Helden aus. Mit ihm kam es wiederholt zu Reibungen, die v.a. durch die Unterschiede ihrer Spielweise begründet waren. Während sich Devrient dem klassischen Ideal der Weimarer Schule Johann Wolfgang von Goethes verpflichtet fühlte, prägte D. für das Charakterfach eine realistische Spielweise, die in den 1850er-Jahren als geradezu revolutionär empfunden wurde. Er konnte v.a. als Darsteller in den Dramen William Shakespeares überzeugen. Ab 1858 war er außerdem für zwei Jahre als Regisseur in Dresden tätig, doch gingen damalige Regiearbeiten nicht über das bloße Arrangement von Auftritten und Szenen hinaus. – D.s Wirkungszeit fiel mit dem Höhepunkt des sog. Virtuosentums zusammen: Berühmte Schauspieler gastierten in ihren bedeutendsten Rollen oder Rollenausschnitten in vielen Teilen Europas. D.s Gastspieltätigkeit hatte bereits in seiner Wiener Zeit begonnen, die er in Dresden weiter ausdehnte. Außerhalb der Theatersaison unternahm er solche Reisen durch den gesamten deutschsprachigen Raum. 1864 beendete D. sein Engagement in Dresden ganz und widmete sich in den folgenden zwei Jahren ausschließlich seinen Gastspielen, die sich nun nicht mehr nur auf den deutschsprachigen Raum, sondern u.a. auch auf Amsterdam, Warschau und Paris erstreckten. 1866/67 folgte eine achtmonatige Amerikatournee, die ihn nach New York, Philadelphia, Baltimore und Boston führte. Von dieser Reise kehrte D. gesundheitlich geschwächt nach Dresden zurück. Erste Anzeichen einer Nervenkrankheit hatten schon in Wien und Dresden zur wiederholten Absage von Vorstellungen geführt, durch die zahlreichen Gastspiele hatte sich D.s Zustand verschlimmert. Mehrere Kuraufenthalte in Bädern brachten keine Besserung, und so waren D.s letzte Lebensjahre zunehmend von geistiger Krankheit geprägt.



L  A., Ein Künstler-Bild, in: Die Gartenlaube 2/1854, S. 592-595 (P); Der Schauspieler Bogumil D., in: Die Grenzboten 14/1855, S. 506-512; R. Gottschall, Erinnerungen an Bogumil D., in: Die Gartenlaube 20/1872, S. 250-252; K. Koberstein, Bogumil D., in: Tage-Buch der Königlich Sächsischen Hoftheater 56/1872, S. 79-86; L. Hartmann, Nekrolog Bogumil D., in: Deutscher Bühnen-Almanach 37/1872, S. 128-139; R. Prölß, Geschichte des Hoftheaters zu Dresden, Dresden 1878; P. Kollek, Bogumil D., Kastellaun 1978. – ADB 4, S. 787-789; DBA I, II, III; DBE 2, S. 454; L. Eisenberg, Großes biographisches Lexikon der deutschen Bühne im 19. Jahrhundert, Leipzig 1903, S. 176-178; W. Kosch, Deutsches Theater-Lexikon, Bd. 1, Klagenfurt/Wien 1953, S. 302f.; F. J. v. Reden-Esbeck, Deutsches Bühnen-Lexikon, Eichstätt/Stuttgart 1879; S. Wininger, Große Jüdische National-Biographie, Bd. 2, Cernăuţi 1927, S. 21f.

P  Bogumil D., F. S. Hanfstengel, Lithografie, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Corinna Kirschstein
7.1.2010


Empfohlene Zitierweise:

Corinna Kirschstein, Dawison (Davison), Bogumil, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.5.2017)

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