Beer Bernhard (hebr. Jissachar)
Privatgelehrter, Publizist
* 20.7.1801 Dresden 1.7.1861 Dresden(jüd.)
VHirsch (Zwi Hirsch Regensburg) (1774-1837), JudenältesterMClara, geb. Bondi (1777-1837)Bertha (Beile), geb. Bondi (1812-1874)
PflegeT Francisca

GND: 11809503X





B. kann als der bedeutendste Vertreter der Haskala, der jüdischen Aufklärung, in Dresden gelten. Unter dem Einfluss seiner Eltern und der reformorientierten Familie seiner Mutter wurde er angehalten, nicht nur religiöse Kenntnisse zu erwerben, sondern er sollte sich auch Wissen in den klassischen und modernen Sprachen, Kunst und Literatur aneignen. Dafür war er auf Selbststudium angewiesen, da es in Dresden keine moderne jüdische Schule gab und die christlichen Einrichtungen den Juden noch weitgehend verschlossen blieben. Der vielseitig gebildete Sprachlehrer Rudolph Meyer hatte großen Einfluss auf die Ausbildung B.s. – Dresden beherbergte zu B.s Wirkungszeit eine der beiden gesetzlich zugelassenen jüdischen Ansiedlungen in Sachsen, die andere befand sich in Leipzig. B. bemühte sich um eine Modernisierung des jüdischen Lebens, ohne die Tradition zu vernachlässigen oder gar einen völligen Bruch herbeiführen zu wollen. Seine Ziele waren vielmehr Interessenausgleich zwischen den verschiedenen religiösen und politischen Strömungen innerhalb der Dresdner Judenschaft und Einbindung der Orthodoxie. So organisierte B. zwischen 1824 und 1829 für die jüngere Generation der Dresdner Juden wissenschaftliche Abendunterhaltungen. In methodischer Abgrenzung vom religiösen Lernen alten Stils tauschten sich die Teilnehmer über religionsphilosophische und theologische Werke aus. B. drang darauf, auch in Dresden die deutschsprachige Predigt im jüdischen Gottesdienst und die Konfirmation einzuführen. – 1829, anlässlich des 100. Geburtstags von Moses Mendelssohn, gründete sich auf B.s Initiative hin der Dresdner Mendelssohn-Verein. Er sollte die Hinwendung junger Juden zu Wissenschaft, Kunst und Handwerk fördern und ein modernes jüdisches Bildungskonzept durchsetzen, das die traditionelle religiöse Ausbildung mit gründlichem Kenntniserwerb in modernen Sprachen und Realien verband. Auf dieser Basis wollte B. zur Emanzipation der Juden in Sachsen beitragen. Zu diesem Zweck betrieb er die Berufung Zacharias Frankels als Rabbiner nach Dresden, die 1836 erfolgte. Mit der Bildung der Dresdner Jüdischen Gemeinde wurde er Mitglied ihres Vorstands, dessen große Integrationskraft sich bereits 1837 bis 1840 bei den komplizierten Verhandlungen über das Bauprojekt der Sempersynagoge bewährte. Lediglich zwischen 1848 und 1852 verzichtete B. - offiziell wegen seiner immer instabilen Gesundheit, tatsächlich wohl wegen der aufreibenden Turbulenzen um die Wahlen und das zu erarbeitende Gemeindestatut - auf das Vorstandsamt. – B. unterhielt wissenschaftlich und privat engste Verbindungen zu vielen gebildeten Juden, die wie er gegen blinde Dogmengläubigkeit und starre Rituale kämpften, die Wissenschaft und Judentum, Forschung und Tradition, Glaube und Bildung verbinden wollten. Meist moderat und ausgleichend, selten polarisierend und spaltend, reichte das Spektrum seiner Kontakte hierbei von eher orthodoxen Gelehrten wie dem Prager Oberrabbiner Salomo Juda Löb Rapoport über seinen Verbündeten in Dresden, den konservativen Rabbiner Frankel, bis hin zu Reformern wie Gotthold Salomon, Leopold Zunz oder Ludwig Philippson. – Darüber hinaus gehörte B. zu den noch wenigen Mitgliedern der Dresdner jüdischen Gemeinde, die dezidiert nach außen wirkten. 1830/31 war er unter den ersten Juden, die trotz bisher verweigerter Bürgerrechte ihre Bürgerpflichten erfüllen wollten und spontan der Kommunalgarde beitraten. Er schrieb für fast alle frühen jüdischen Presseunternehmen in Deutschland Aufsätze, Berichte und Predigten, so für die eher reformorientierten „Sulamith“, das „Predigt- und Schulmagazin“ Philippsons, die „Allgemeine Zeitung des Judenthums“, den „Orient“, Frankels „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judentums“, aber auch für stärker traditionsgebundene Blätter, wie „Jeschurun“ oder „Kerem Chemend“. Als eine Besonderheit darf die Mitwirkung an nichtjüdischen Publikationen wie der „Biene“ gelten, durch die B. seine Kenntnisse und die spezifischen Interessen der sächsischen Juden in die gesellschaftliche Debatte um die sächsischen Staatsreformen einbrachte. Davon zeugt auch eine Vielzahl von Einzelschriften zum Thema der jüdischen Emanzipation als Teil der gesellschaftlichen Emanzipation während der Umbruchzeit in den 1830er-Jahren. – Wenn sich das Haus Beer immer mehr zum „Mittelpunkt vieler Gebildeten“ (Frankel) entwickelte, in dem Zeitgenossen wie Karl Gutzkow, Berthold Auerbach und Wilhelm Traugott Krug gern verkehrten, so war das auch das Verdienst seiner ästhetisch und künstlerisch, teilweise aber wohl auch wissenschaftlich gebildeten Frau Bertha. Da die Ehe kinderlos blieb, nahmen die Beers eine entfernte Verwandte als Pflegetochter zu sich. Sie heiratete später den aus Wien stammenden Gelehrten und Historiker Gerson Wolf. Seine bedeutende Bibliothek hinterließ B. zu einem Teil dem Rabbinerseminar in Breslau und zum anderen Teil der Universität Leipzig. Beide Bildungseinrichtungen verkörperten für ihn Zeit seines Lebens die Voraussetzungen eines modernen Judentums, das einer zeitgemäßen religiösen Bildung ebenso bedurfte wie der Wissenschaft. Der Philosophieprofessor und Landtagsabgeordnete der Universität Leipzig Wilhelm Traugott Krug veranlasste aus diesem Grunde 1834 die Verleihung der Ehrendoktorwürde an B. und damit eine deutliche Stellungnahme der Leipziger Universität im Emanzipationsprozess der sächsischen Juden.



W  „Imre joser“. Religiös-moralische Reden, Leipzig 1833; Vorstellung der israelitischen Gemeinde zu Dresden an die hohe Erste Kammer der Ständeversammlung des Königreichs Sachsen, Dresden 1833; Betrachtungen über den Gesetzentwurf, einige Modificationen in den bürgerlichen Verhältnissen der Juden in Sachsen betreffend ..., Dresden 1837; Vorstellung der Verwaltung des Mendelssohn-Vereins zu Dresden an die Hohe Ständeversammlung des Königreichs Sachsen: die baldige Vorlegung des in der ständischen Schrift vom 29. October 1834 von beiden Kammern beantragten Gesetzes zur Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Israeliten betreffend, Dresden 1837; Vortrag bei der am 13. Januar 1850 stattgehabten Säkularfeier der israelitischen Kranken-Verpflegungs-Gesellschaft und der Beerdigungs-Brüderschaft zu Dresden ..., Dresden 1850; Das Buch der Jubiläen und sein Verhältniss zu den Midraschim: ein Beitrag, Leipzig [1856]; Noch ein Wort über das Buch der Jubiläen, Leipzig 1857; Jüdische Literaturbriefe, Leipzig 1857; Leben Abraham’s: nach Auffassung der jüdischen Sage, Leipzig 1859; Lebensgemälde biblischer Personen: nach Auffassung der jüdischen Sage, Leipzig o.J.

L  S. Munk, Philosophie und philosophische Schriftsteller der Juden, Leipzig 1852; Z. Frankel, Dr. Bernhard B. Ein Lebens- und Zeitbild, Breslau 1863 (Bildquelle); G. Wolf, Dr. Bernhard B.: Eine biographische Skizze, in: Catalog der Bibliothek des sel. Herrn Dr. B. in Dresden, Berlin 1863; S. Lässig, Bernhard B., in: „einst & jetzt“, Dresden 2001, S. 132f. (P); dies., Bernhard B., in: Der Alte Jüdische Friedhof in Dresden, Teetz 2002, S. 168f. (Grabinschrift). – ADB 2, S. 246f.; DBA II, III; NDB 1, S. 734f.



Gunda Ulbricht
9.6.2005


Empfohlene Zitierweise:

Gunda Ulbricht, Beer, Bernhard (hebr. Jissachar), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (19.10.2017)

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