Anna von Dänemark
Kurfürstin von Sachsen
* 22.11.1532 Hadersleben 1.10.1585 Dresden Dom zu Freiberg(ev.)
VChristian III. (1503-1559), König von DänemarkMDorothea, geb. von Sachsen-Lauenburg (1511-1571)GFriedrich II. (1534-1588), König von Dänemark; Magnus (1540-1583), König von Livland; Johann (1545-1622), Herzog von Holstein-Sonderburg; Dorothea (1546-1617)1548 August (1526-1586), Herzog von Sachsen, ab 1553 KurfürstSJohann Heinrich (* † 1550); Alexander (1554-1565); Magnus (1555-1558); Joachim (* † 1557); Hektor (1558-1560); Christian I. (1560-1591), Kurfürst von Sachsen; August (1569-1570); Adolph (1571-1572); Friedrich (1575-1576)TEleonore (1551-1553); Elisabeth (1552-1590); Maria (1562-1566); Dorothea (1563-1587); Amalia (* † 1565); Anna (1567-1613)
GND: 118645293





A. ist bis heute die wohl bekannteste sächsische Kurfürstin der Frühen Neuzeit. Das hat seine Gründe nicht allein in ihrer Bedeutung für die Landesgeschichte, sondern viel mehr noch in ihrer frühzeitigen „Entdeckung“ durch die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. Schon um 1860 wurde sie als vorbildhafte Frau im Sinne eines bürgerlichen Ideals thematisiert, als untadelige Landesmutter, die den Kranken und Schwachen beistand, die Güter erfolgreich verwaltete und ihren Eheherrn mustergültig umsorgte, kurz als „Mutter Anna“. Abbild dieser Stilisierung sind bis heute z.B. ihre Darstellung in der Albrechtsburg zu Meißen, aber auch die vom Freistaat Sachsen ins Leben gerufene „Annen-Medaille“ für soziales Engagement. Zweifellos war A. eine erfolgreiche Wirtschafterin auf den kurfürstlichen Domänen und sie war bekannt dafür, dass sie Rezepte und Arzneien sammelte. In erster Linie war sie jedoch eine frühneuzeitliche Fürstin, die sich innerhalb der ihr von zeitgenössischen Normen gesetzten Möglichkeiten ausprobierte und diese weitgehend ausschöpfte. Man wird ihrer Person kaum gerecht, wenn man sie auf einige, vorrangig „soziale“ Aspekte ihres Wirkens reduziert. Nach den Vorstellungen des 16. Jahrhunderts waren Leitung des Haushalts und Verwaltung der Liegenschaften standesgemäße Betätigungsfelder fürstlicher Frauen. Dazu zählte für die Fürstin in ihrer Rolle als „gute Hausmutter“ ebenfalls die Sorge um das Wohlergehen der Untertanen, einschließlich deren geistlichen Wohles. Auch in dieser Hinsicht ist noch heute das Nachwirken von Auffassungen des 19. Jahrhunderts in der Bewertung der Kurfürstin erkennbar: Während sie einerseits als sorgende Landesmutter gilt, wird andererseits ihr vehementes Auftreten gegen den sog. Kryptocalvinismus und für ein orthodoxes Luthertum in Sachsen nach 1574 oft als „bigott“, als erbarmungslos gegen Unterlegene, als jedenfalls einer Fürstin unangemessen thematisiert. Ob sie allerdings die treibende Kraft beim Vorgehen gegen die Wittenberger Theologen war oder lediglich ihren Mann in seinem Handeln bestärkte, ist bislang noch nicht geklärt. Jedenfalls waren für zahlreiche Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts, ihres Zeichens bürgerliche Theologen, weiblicher Einfluss in Sachen Religion oder gar politische Aktivitäten von Frauen unangebracht. Auch im 19. Jahrhundert wurde diese Seite des politischen Engagements der Kurfürstin entsprechend kritisiert. Für die Mehrzahl ihrer fürstlichen Zeitgenossen dagegen war A. ein wichtiger politischer Faktor am Dresdner Hof: Sie lebte in 37-jähriger Ehe mit Kurfürst August, dem sie 15 Kinder gebar. Die umfangreiche Korrespondenz der Kurfürstin zeugt von Vertrauen, Respekt und persönlicher Nähe zu ihrem Gemahl. Diese gefestigte Position als fürstliche Gemahlin und eigene Herrschaftsrechte als Fürstin bildeten die Grundlage für A.s vielfältige Aktivitäten innerhalb und außerhalb Sachsens. – Über die Ausbildung der jungen Prinzessin am dänischen Königshof ist bislang nicht viel bekannt. Man darf annehmen, dass ihre Mutter bei ihr früh das Interesse am Herstellen und Sammeln von Heilmitteln weckte; dieser Bereich spielt in der späteren Korrespondenz beider eine erhebliche Rolle. Eine umfassende höhere Bildung scheint A. nicht genossen zu haben, zumindest beherrschte sie weder Latein noch eine andere Fremdsprache, dagegen unterwies man sie wohl in Musik und Tanzen. Spätestens seit der Einführung der Reformation in Dänemark 1537 erhielt die Prinzessin einen streng lutherischen Religionsunterricht, der sie für ihr ganzes Leben prägen sollte. – Nur wenige Informationen gibt es zur Anbahnung und zu den politischen Hintergründen ihrer Verlobung mit Herzog August von Sachsen, dem jüngeren Bruder des sächsischen Herzogs und späteren Kurfürsten Moritz. Vermutlich sind verschiedene Aspekte in Betracht zu ziehen. So war etwa A.s Onkel mütterlicherseits, Herzog Franz I. von Sachsen-Lauenburg, mit einer älteren Schwester Augusts verheiratet. Außerdem suchte der dänische König engere Verbindungen zum Alten Reich, während Kurfürst Moritz 1548 an einer engeren Bindung an die lutherische Partei im Reich interessiert war. Die Verlobung A.s mit Herzog August fand im März 1548 im dänischen Kolding statt. Die Hochzeit wurde Anfang Oktober 1548 in Torgau gefeiert. Die prachtvollen Feierlichkeiten mit Banketten, Mummereien und Turnieren stellten das erste und wohl bedeutendste Hoffest unter Kurfürst Moritz dar und repräsentierten zugleich den neuen Rang der Albertiner als Kurfürsten von Sachsen vor der Öffentlichkeit des Alten Reichs. – Nach der Eheschließung lebte das junge Paar zunächst in Weißenfels, das Herzog August als Residenz zugewiesen war, solange er den häufig außerhalb von Sachsen weilenden Kurfürsten nicht in der Regierung vertreten musste. Nach dem Tod von Kurfürst Moritz 1553 wurde Dresden zur Hauptresidenz, unterbrochen von häufigen Aufenthalten in Torgau und Stolpen, später auch in Augustusburg und Annaburg. In dem nach ihr benannten Annaburg befanden sich bei ihrem Tod auch A.s Bibliothek, die größtenteils aus lutherischen Schriften und heilkundlichen Büchern bestand, sowie ihr Destillierhaus für die Herstellung verschiedener Arzneien. Während über A.s Wirken in den ersten Ehejahren wenig bekannt ist, gibt ihre umfangreiche Korrespondenz seit Anfang der 1550er-Jahre bis zu ihrem Tod genauen Einblick in ihre zahlreichen Aktivitäten: von der Verwaltung der kurfürstlichen Wäsche und der Sorge um die Kinder bis hin zu politischen Bemühungen innerhalb und außerhalb des Kurfürstentums. A. war selbst eine eifrige Briefschreiberin, beschäftigte Schreiber und ließ Briefausgangsbücher führen. Als Fürbitterin bei ihrem Gemahl und als Vermittlerin zwischen ihm und anderen befreundeten Höfen des Reichs, wozu v.a. ihr königlicher Bruder in Dänemark zählte, genoss sie zeit ihres Lebens einen sehr guten Ruf. Immer wieder war sie in die Ehestiftung für verwandte und befreundete Familien involviert. A.s Verbindungen zu zahlreichen deutschen Fürsten und Fürstinnen eröffneten ihr aber auch politische Handlungsspielräume: In den 1560er-Jahren z.B. waren A. und ihre Mutter wiederholt bemüht, in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Schweden und Dänemark zu schlichten; A. setzte dabei auch ihre guten Kontakte zum Kaiserhof ein. – Zugleich trat A. seit dieser Zeit immer wieder als Beschützerin des lutherischen Bekenntnisses auf. Sie unterstützte Religionsgespräche in den Auseinandersetzungen mit den sog. Gnesiolutheranern, förderte den Druck religiöser Schriften und stand nicht zuletzt ihrer ältesten Tochter Elisabeth zur Seite, die 1570 aus politischen Erwägungen mit dem calvinistischen Pfalzgrafen von Simmern verheiratet worden war. Anfang der 1580er-Jahre bemühte sich A. in München und Graz um die weitere Duldung der steiermärkischen Protestanten. Am bedeutsamsten war jedoch wohl die Rolle, die A. 1574 und in den folgenden Jahren innerhalb Kursachsens bei der Unterdrückung des sog. Kryptocalvinismus spielte. Mit Sicherheit ist die Abgrenzung eines orthodoxen Luthertums hier und in anderen deutschen Territorien, die mit der Konkordienformel von 1577 ihren Abschluss fand, auch auf ihre Unterstützung zurückzuführen. Weitere Untersuchungen müssten jedoch den konkreten Anteil der Kurfürstin an diesen Vorgängen noch deutlicher herausarbeiten. – Bekannt war A. unter ihren Zeitgenossen darüber hinaus als kluge Wirtschafterin. Ihre Vorwerke und Gärten organisierte A. so erfolgreich, dass der Kurfürst ihr 1578 die Verwaltung aller fürstlichen Domänen übertrug. Durch den Kauf neuer Viehrassen und die Suche nach Obstgehölzen trug die Kurfürstin zur Weiterentwicklung der Landwirtschaft bei. Dass Kursachsen in der Regierungszeit von August und A. als reichstes Territorium des Alten Reichs galt, ist zu einem Teil also auch der Tätigkeit der Fürstin geschuldet. Berühmt war sie als Kennerin von Heilpflanzen und Arzneien, als Sammlerin von Rezepten und Pflanzen, so besorgte sie u.a. die ersten Tulpen und Tabakpflanzen für den Dresdner Hofgarten. – Zeit ihres Lebens führten A. und Kurfürst August eine einvernehmliche und harmonische Ehe, wie nicht zuletzt die Sorge der Fürstin um das körperliche Wohl des Gemahls und die fast immer gemeinsam absolvierten Reisen andeuten. Gerade letzteres wird A. angesichts ihrer zahlreichen Schwangerschaften nicht immer leicht gefallen sein. In ihren letzten Lebensjahren, das erste Mal im Frühjahr 1574, litt die Kurfürstin wiederholt an ernsthaften Krankheiten, die sie z.B. 1584 durch einen Aufenthalt im Schwalbacher Bad zu bekämpfen suchte. Nach monatelanger Krankheit verstarb sie schließlich 1585, mitten in den Vorbereitungen für die Hochzeit ihrer Tochter Dorothea. – A. war stets mehr als eine gütig helfende Landesmutter, auch wenn ihre wirtschaftlichen Erfolge und ihre Bemühungen etwa um die Anstellung kenntnisreicher Wehmütter in sächsischen Städten ebenso wie Fürbitten beim Kurfürsten mit dazu beigetragen haben, dass sächsische Untertanen sie als solche betrachteten. Sowohl für die Geschichte Sachsens wie für die Geschichte des Alten Reichs war A. von Bedeutung; v.a. der Weg der lutherischen Konfessionalisierung wäre ohne sie zumindest in Kursachsen wohl anders verlaufen.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Geheimes Archiv, Geheimer Rat, v.a. Bestand Handschreiben und Kopiale 509-527.

L  K. v. Weber, A., Churfürstin von Sachsen, Leipzig 1865; K. Sturmhöfel, Kurfürstin A. von Sachsen, Leipzig 1905; J. Bäumel, Die Festlichkeiten zur Hochzeit Herzog Augusts von Sachsen mit A. von Dänemark 1548, in: Dresdner Hefte 21/1990, S. 19-28; U. John, Haushaltung im Dienste des Fürsten. Abraham von Thumbshirn als Hofmeister und Domänenverwalter Kurfürst Augusts und Kurfürstin A.s, in: ders./J. Matzerath (Hg.), Landesgeschichte als Herausforderung und Programm, Stuttgart 1997, S. 381-401; K. Keller, Kurfürstin A. von Sachsen (1532-1585). Von Möglichkeiten und Grenzen einer „Landesmutter“, in: J. Hirschbiegel/W. Paravicini (Hg.), Das Frauenzimmer, Stuttgart 2000, S. 263-285; K. Keller, Kommunikationsraum Altes Reich. Zur Funktionalität der Korrespondenznetze von Fürstinnen im 16. Jahrhundert, in: Zeitschrift für historische Forschung 31/2004, S. 205-230; dies., Zwischen zwei Residenzen. Der Briefwechsel der Kurfürstin A. von Sachsen mit Freiin Brigitta Trautson, in: H. Bräuer/G. Jaritz/K. Sonnleitner (Hg.), Viatori per urbes castraque, Graz 2003, S. 365-382; U. Schlude, Kursachsen - agrargeschichtlich - weiblich. Ein Göttinger Forschungsprojekt über Kurfürstin A. von Sachsen (1532-1585), in: NASG 74/75/2003/2004, S. 423-429; K. Keller, Die sächsischen Kurfürstinnen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Familie und Politik, in: H. Junghans (Hg.), Die sächsischen Kurfürsten während des Religionsfriedens von 1555 bis 1618, Stuttgart 2007, S. 279-296. – DBA I, II, III; DBE 1, S. 302; NDB 1, S. 143.

P  Herzogin A. von Sachsen, H. Krell, 1551, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister (Kriegsverlust); Kurfürstin A. von Sachsen, Ganzfigur, L. Cranach d.J., 1564, Öl auf Holz, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer; Kurfürstin A. von Sachsen, L. Cranach d.J., 1549, Öl auf Holz, Halbfigur, ebd.; Kurfürstin A. auf dem Totenbett, unbekannter Meister, 1585, Öl auf Leinwand, ebd.; J. L. Sponsel (Bearb.), Fürsten-Bildnisse aus dem Hause Wettin, Dresden 1906, Tafel 31 (Bildquelle).



Katrin Keller
13.11.2007


Empfohlene Zitierweise:

Katrin Keller, Anna von Dänemark, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.10.2017)

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