Fellisch Paul Alfred
MdL, Ministerpräsident, Wirtschaftsminister (SPD/SED), Direktor der Sächsischen Landesbibliothek Dresden
* 1.6.1884 Fraustadt/Posen (poln. Wschowa) 4.3.1973 Radebeul Radebeul-West, Hauptfriedhof(ev., seit ca. 1915 konfessionslos)
VGustav (1853-1919), FleischerMKlara (1854-1928), ArbeiterinGGeorg (1879-1947), Frisör; Martha (1892-1918), Hausangestellte 1.1910 Paula Helene, geb. Wagner (1890-1931)SWerner (* 1917), Kaufmann, VerwaltungsangestellterTDora Helene Paula (* 1910), Verkäuferin 2.1939 Gertrud, geb. Kuhnert (1910-1992), KrankenschwesterSManfred Artur (* 1947), Buchhändler, Verwaltungsangestellter
GND: 121730263

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geboren, zählte F. zu den wenigen sächsischen Politikern im „Zeitalter der Extreme“, die über mehrere politische Systeme hinweg eine teils intensive Tätigkeit zu entfalten vermochten. Der Schwerpunkt seines Engagements ist dabei eindeutig in den ersten Jahren der Weimarer Republik zu verorten. – Obwohl F. aus einem Grenzgebiet der preußischen Provinz Posen stammte, wuchs er als Sohn eines Wurstmachers im niederschlesischen Haynau (poln. Chojnów) auf, wo er 1890 bis 1898 die Volksschule besuchte und anschließend den Beruf eines Handschuhmachers erlernte. Unmittelbar nach Beendigung der Lehre 1902 vollzog er den Beitritt zur SPD und zur Einzelgewerkschaft der Handschuhmacher, was als Resultat der eigenen sozialen Herkunft und Erfahrung zu bewerten ist. Bereits sehr früh wurden F.s rhetorische, organisatorische und publizistische Begabungen wahrgenommen und gefördert. Noch während seiner Wanderschaft als Handschuhmacher durch Schlesien, Sachsen, die thüringischen Staaten und Preußen veröffentlichte der 19-Jährige seinen ersten Leitartikel im Gewerkschaftsorgan „Der Handschuhmacher“. Nur ein Jahr später avancierte er bereits zum Zweiten Vorsitzenden der SPD im niederschlesischen Liegnitz (poln. Legnica) und wiederum ein Jahr darauf zum Ersten Vorsitzenden des Gewerkschaftskartells von Ilmenau. Im Anschluss an die Beendigung seines Militärdiensts wurde er als Handschuhmacher 1908 in Johanngeorgenstadt sesshaft. Dort gründete er eine Familie und betätigte sich gleichzeitig als Wahlkampfredner und Organisator für die SPD. Aufgrund seiner erfolgreichen Wahlkampfarbeit wurde er von der Chemnitzer Bezirksorganisation der SPD 1912 auf die zentrale SPD-Parteischule nach Berlin geschickt. Der halbjährigen Schulung schloss sich in dem darauffolgenden Jahr die Tätigkeit als Berichterstatter und später als Redakteur (1917) für die sozialdemokratische „Chemnitzer Volksstimme“ an. Während des Ersten Weltkriegs vermochte sich F., der Mitglied der MSPD blieb, als Leiter des Bezirks-Jugendausschusses und als wichtigster Chemnitzer Nachwuchspolitiker seiner Partei zu profilieren, sodass er im April 1918 bei einer Nachwahl im 47. Wahlkreis (Thalheim und Umgebung) den Sprung in die Zweite Kammer des Sächsischen Landtags schaffte. F., der während der Revolution von 1918/19 zeitweilig als paritätischer Vorsitzender des Chemnitzer Arbeiter- und Soldatenrats und als Ernährungskommissar amtierte und in diesen Funktionen sein organisatorisches Talent (v.a. bei der Lebensmittelbeschaffung) unter Beweis stellen konnte, begann nun zunehmend auch auf der Landesebene eine maßgebliche Rolle zu spielen. Anfang 1919 als Chemnitzer Abgeordneter in die Sächsische Volkskammer gewählt (1920-1926 MdL), begründete der orthodox-marxistisch geprägte Sozialdemokrat noch im Spätsommer desselben Jahrs mit der „Chemnitzer Richtung“ eine neue linke Plattform innerhalb der MSPD. Als ihr Wortführer machte er sich innerhalb der Partei für eine umfassende Sozialisierung und den Aufbau einer zentral gelenkten Staatswirtschaft sowie für eine Annäherung an die USPD stark - Vorstellungen, die das sozialliberale Kabinett unter Georg Gradnauer (MSPD) nicht erfüllte oder gar ablehnend gegenüberstand. Als publizistisch-intellektuelles Sprachrohr schuf F. für diese Auseinandersetzungen das Theorieorgan „Die Brücke. Wochenschrift zur Förderung sozialer Erkenntnis“, mit dem er bald weit über die Grenzen von Chemnitz hinaus enttäuschte Anhänger mobilisieren konnte. Im Laufe des Jahrs 1920 wurde die von ihm repräsentierte linke innerparteiliche Richtung mehrheitsbildend, worauf er bereits Ende des Jahrs eine Koalition aus MSPD und USPD unter Tolerierung der KPD durchzusetzen vermochte. In das neue linksrepublikanische Kabinett trat er schließlich im April 1921 selbst als Wirtschaftsminister ein. Allerdings gelang es ihm weder in diesem Amt, das er bis Anfang 1924 bekleidete, noch als Ministerpräsident (November 1923-Januar 1924) einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung, die im Gefolge der Reichsexekution gegen die sozialdemokratisch-kommunistische Regierung Erich Zeigners entstanden war, seine hochgesteckten wirtschaftssozialistischen Ziele zu erreichen. Immerhin darf die politische und wirtschaftliche Beruhigung, die im Krisenwinter 1923/24 eintrat, mit als sein Verdienst angesehen werden. Obwohl F. nach den dramatisch verlaufenen Monaten der Ära Zeigner und der Reichsexekution nunmehr eine Große Koalition aus SPD und den liberalen Parteien favorisierte, um so politisch Erreichtes zu bewahren, verzichtete er Anfang 1924 auf die Übernahme eines Ministerpostens, da die Mehrheit seiner Partei - im Gegensatz zur Landtagsfraktion - den Gang in die Opposition favorisierte. Während des nun anbrechenden sog. Sachsenkonflikts der SPD (1924-1926) schwankte F. innerparteilich zwischen der Unterstützung der von der Mehrheit der Landtagsfraktion realisierten Großen Koalition und der linkssozialistischen Mehrheitsstimmung in der SPD, was ihm schließlich die Wiederaufstellung als Landtagsabgeordneter kostete. Als Amtshauptmann von Großenhain (1924-1932) ging er immer stärker auf Distanz zur linkssozialistisch geprägten eigenen Landespartei und verließ ihre Reihen 1931. Der Bruch mit seiner Partei resultierte aber auch aus dem Umstand, dass er sich in dem neuen Verwaltungsamt verstärkt für die agrarischen Interessen seines Amtsbezirks engagierte und letztlich auch als einer seiner bedeutendsten Lobbyisten in Erscheinung trat. Während der ersten Phase des Dritten Reichs lebte F. - nach ersten widerständischen Aktionen - arbeitslos und zurückgezogen in der Nähe Dresdens, im Erzgebirge und in Norddeutschland. Durch einen schweren Unfall zudem auch körperlich beeinträchtigt, arbeitete er zwischen 1939 und 1945 als kaufmännischer Angestellter in einem Privatunternehmen in Dresden. Dort ausgebombt, schlug sich F. im Mai 1945 mit seiner zweiten Frau zu Fuß durch das mittlere Erzgebirge, wo er in der unbesetzten Zone in Schwarzenberg vorübergehend Quartier bezog. Ohne Kontrolle der alliierten Siegermächte gab er dort bis zum Einzug der sowjetischen Truppen im Juni 1945 das Wochenperiodikum „Schwarzenberger Zeitung“ heraus, für die er nahezu alle Artikel, die zumeist einer antifaschistisch-sozialistischen und rechtsstaatlichen Überzeugung folgten, auch selbst verfasste. Nach dem Verbot der Zeitung arbeitete F., der im Spätsommer 1945 wieder Mitglied der SPD geworden war, zuerst als Regierungsrat in Stollberg/Erzgebirge und ab November 1945 als Landrat in Annaberg. Dort setzte er auch als Einheitsbefürworter die organisatorische Verschmelzung von SPD und KPD auf Kreisebene durch und avancierte anschließend im Mai 1946 zum Staatssekretär im sächsischen Wirtschaftsministerium, in dem er v.a. für Reparationsangelegenheiten verantwortlich zeichnete. Nach dem Aufstieg seines Ressortchefs Fritz Selbmann (KPD/SED) an die Spitze des zentralen Wirtschaftsapparats nach Berlin im April 1948 wurde dem mittlerweile 64-Jährigen noch einmal kurzzeitig das sächsische Wirtschaftsministerium übertragen. In diesem Amt hoffte er, an eigene wirtschaftssozialistische Vorstellungen aus den ersten Jahren der Weimarer Republik anknüpfen zu können. Auch wenn sich maßgebliche Forderungen zu erfüllen schienen (Sozialisierung, Wirtschaftsplanung), so musste er jedoch im März 1949 aus gesundheitlichen und politischen Gründen sein Amt wieder aufgeben. In einer Zeit, in der durchsetzungsstarke stalinistische Kader immer mehr den Ton angaben, erschien der kränkelnde, politisch zögerliche und parteimarxistischen Auffassungen der SPD verhaftete Politiker nicht mehr zeitgemäß. Um F. jedoch einen würdevollen Abschied zu verschaffen, übertrug ihm Ministerpräsident Max Seydewitz, ein früherer Parteifreund, den verwaisten Posten des Direktors der Sächsischen Landesbibliothek (SLB) in Dresden. In seiner dreijährigen Amtszeit (bis 1952) gelang dem Quereinsteiger F. immerhin die Etablierung eines eigenen Buchmuseums und der Berufssparte des Bibliothekstechnikers (als Ergänzung des wissenschaftlichen Bibliothekars und des Bibliotheksgehilfen) sowie die Einrichtung einer Lehrwerkstatt für Buchbinder. Mit der Berufung des langjährigen SLB-Mitarbeiters Helmut Deckert zu seinem Stellvertreter schuf sich F. zudem eine gleichermaßen vertrauenswürdige wie fachlich kompetente Stütze, was überdies den Wissenschaftscharakter der Einrichtung wahren half. Auch nach seinem Ausscheiden als SLB-Direktor blieb F. noch mehrere Jahre lang gesellschaftlich aktiv, so v.a. mit seinem ehrenamtlichen Engagement für den Kulturbund in seiner neuen Heimatstadt Radebeul und im Kreis Dresden-Land. Ende der 1960er-Jahre näherte er sich aus Enttäuschung über die Entwicklung in der DDR (im Vordergrund stand für ihn der Verlust der Meinungsfreiheit) wieder sozialdemokratischen Vorstellungen an. 1968 zählte er trotz seines hohen Alters zum aktiven Kern von DDR-Sympathisanten, die den „Prager Frühling“ im Nachbarland sowohl ideell wie materiell unterstützten.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Personalakten verstorbener Nomenklaturkader, SED-Personalakte F., Landesregierung Sachsen, Personalakte F. der Landesregierung, Ministerium für Wirtschaft, Handakte des Staatssekretärs F.; Privatbesitz M. A. Fellisch, Radebeul, Nachlass F. (P).

W  Die Aufgaben der sozialistischen Akademiker. Vortrag auf der Landestagung des Bundes sozialistischer Akademiker am 18. Mai 1924 im sächsischen Landtagsgebäude in Dresden, hrsg. vom Bunde der Freunde sozialistischer Akademiker, Dresden 1924; Denkschrift über die Umwandlung des selbständigen Gutsbezirks Zeithain-Lager in eine selbständige politische Gemeinde oder den Anschluss des Gutsbezirks an eine Nachbargemeinde, verfasst im Auftrage des Bezirksverbandes der Amtshauptmannschaft Großenhain, Großenhain 1931.

L  H. Deckert, Alfred F., Direktor der Landesbibliothek 1949-1952, verstorben, in: Neuerwerbungen und Nachrichten 3/1973, S. 46-48; M. Schmeitzner/M. Rudloff, Geschichte der Sozialdemokratie im Sächsischen Landtag, Dresden 1997; M. Schmeitzner, Alfred F. 1884-1973, Köln/Weimar/Wien 2000 (P); ders., Alfred F. (1884-1973), in: Sächsische Heimatblätter 48/2002, H. 2, S. 66-77; ders., Alfred F., in: ders./A. Wagner (Hg.), Von Macht und Ohnmacht, Beucha 2006, S. 159-181. – DBA III; E. Döscher/W. Schröder, Sächsische Parlamentarier 1869-1918, Düsseldorf 2001, S. 241 (P), 370f.; T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 79f. (P); Stadtlexikon Radebeul, hrsg. vom Stadtarchiv Radebeul, Radebeul 22006, S. 51.

P  F. als sächsischer Wirtschaftsminister und Ministerpräsident, 1923, Fotografie, Privatarchiv M. A. Fellisch; Alfred F., um 1950, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Mike Schmeitzner
4.11.2009


Empfohlene Zitierweise:

Mike Schmeitzner, Fellisch, Paul Alfred, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.4.2017)

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