Jean Baptiste Woulmyer

W., ein bedeutender Violinist des Barock, wirkte 20 Jahre als Tanz- und Konzertmeister am Dresdner Hof. Neben seinen Aufgaben im Bereich des höfischen Tanzes war er für die Komposition von Intermedien und Tafelmusik zuständig, in deren Zusammenhang er die Orchesterpraxis nach Versailler Vorbild einführte. Er gehörte nach Georg Muffat und Johann Sigismund Kusser zu den wichtigsten Vertretern der französischen Musik im deutschsprachigen Raum. Seine Spielweise fand u.a. Beachtung durch Johann Sebastian Bach und Johann Joachim Quantz. – Neuere Recherchen haben ergeben, dass W. 1677 oder 1678 geboren wurde. Die Herkunft seines Namens legt nahe, dass W.s Familie aus dem flämischen Raum der Spanischen Niederlande stammte. Nach eigenen Angaben wurde W. am französischen Hof erzogen, wo er möglicherweise Bühnenstücke von Jean-Baptiste Lully, Pascal Collasse und André Campra erlebte. Da W. offenbar tiefere musikalische Neigungen zeigte, sprachlich gewandt war und über galante Manieren verfügte, wurde er 1692 in die kurfürstlich brandenburgische Hofkapelle als Tänzer und Violinist berufen. Vermutlich schrieb er die Musik des zu Ehren von Sophie Eleonore von Sachsen 1695 in Berlin getanzten Stücks „Florens Frühlingsfest“. 1706 stieg W. zum königlich preußischen Tanz- und Konzertmeister auf und komponierte im selben Jahr die Entrées, Arien und Tänze für die Oper „Der Sieg der Schönheit über die Helden“, die die Höflinge anlässlich der Trauung von Prinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg mit Kurprinz Friedrich Wilhelm aufführten. W. trat darin außerdem als Tänzer in Erscheinung. Neben diesen solistischen und kompositorischen Aufgaben fungierte W. ab 1705 als Tanzlehrer der Ritterakademie von König Friedrich I. in Preußen. Zu seinen Schülern gehörte u.a. Leopold von Anhalt-Köthen, der Mäzen von Johann Sebastian Bach. W.s Kompetenzen im Violinspiel befähigten ihn, mit den jungen Adligen Tanzmanieren zu üben und die entsprechenden Grundschritte der Tänze einzustudieren. – W. wurde 1708 von Friedrich August I. (August II., der Starke) abgeworben und mit Reskript vom 28.6.1709 als Tanzmeister eingestellt. Er instruierte fortan die Gruppe der Tänzer und Komödianten am Dresdner Hof. Zu seinen Mitstreitern gehörten Pantaleon Hebenstreit, ein Tanzmeisterkollege aus Berlin, Louis de Poitier und dessen Truppe aus Lille (Frankreich), Nicolas Corrette sowie Charles Duparc, der gemeinsam mit seiner Frau, der Primaballerina Angélique, nach Dresden gekommen war. – Dass W.s Gehalt von 1.200 Talern jenem eines Kapellmeisters entsprach, deutet auf eine Zusatztätigkeit hin. W. war nach Aussagen von Quantz maßgeblich am Klangausbau der Hofkapelle beteiligt und hatte Aufgaben eines Konzertmeisters inne, ein Amt, das 1666 von Johann Georg II. geschaffen worden war. Mit den rund 30 Musikern, die die Kapelle um 1710 zählte, übte W. in den Folgejahren den einheitlichen Bogenstrich sowie kurze, akzentuierte Spielweisen, wobei er neben versierten Tuttispielern auf ausgezeichnete Solisten zurückgreifen konnte. Dazu zählten u.a. der Geiger Johann Georg Pisendel, die Flötisten Pierre-Gabriel Buffardin und Quantz sowie der Lautenist Silvius Leopold Weiß. – W. hatte sich 1711 für die Einstellung von Pisendel als seinen Stellvertreter eingesetzt. Pisendel, der zuvor Leiter des Collegium Musicum in Leipzig war, hatte W. bei Abwesenheit oder Unpässlichkeit zu vertreten, wobei es gelegentlich zu Disputen über Stilfragen hinsichtlich der Vorrangstellung von französischer oder italienischer Musik kam. 1714 reisten W. und weitere Musiker im Gefolge des Kurprinzen Friedrich August nach Frankreich und begleiteten dessen Einzug in Versailles sowie den Empfang durch Ludwig XIV.. Diese seit den Amtszeiten von Michael Praetorius und Heinrich Schütz vom Hof subventionierten Reisen dienten neben repräsentativen Aufgaben dem Anwerben neuer Künstler, dem Studium von Musikstilen sowie dem Ankauf von Instrumenten. 1715 weilte W. zeitweise in London. Juni bis September desselben Jahrs überwachte er in der Werkstatt von Antonio Giacomo Stradivari in Cremona (Italien) den Bau von Geigen für den Dresdner Hof. Im August 1718 begleitete W. August den Starken nach Polen, um am Warschauer Hof zu musizieren. – Zwischen Frühjahr 1717 und Herbst 1719 war W. (so wie alle Dresdner Hofkünstler) in die Vorbereitungen der Hochzeitsfeierlichkeiten anlässlich der Trauung von Kurprinz Friedrich August mit der österreichischen Erzherzogin Maria Josepha involviert, die am 20.8.1719 in der Wiener Hofkapelle stattfand und anschließend in der sächsischen Residenz gefeiert wurde. W.s Aufgaben bestanden vornehmlich in der Komposition von Tanzmusiken wie beispielsweise für die Choreografien des zweiten Ballettmeisters Corrette für Antonio Lottis Karnevalsoper „Ascanio“ (Dresden 1718) und vermutlich für Lottis „Giove in Argo“ (Dresden 1717/1719). Für die Hochzeitsfeierlichkeiten 1719 schrieb W. zudem die Musik der von Duparc choreografierten Intermedien in Lottis Oper „Teofane“. Möglicherweise war er auch an den Maskeraden sowie den zahlreichen Bällen der Hochzeitsgesellschaft beteiligt. Denkbar ist ferner, dass W. Johann Christoph Schmidt bei der Komposition der Opéra-ballet „Les quatre saisons“ beraten hatte. Dieses lehnte sich stilistisch an die späten Werke von Lully sowie die frühen Ballettopern von Collasse an. – Dass sich W. - ähnlich wie der zweite Kapellmeister Johann David Heinichen - 1717 bis 1719 behaupten konnte, belegt ein Dekret von 1720, das W. weite Befugnisse zusicherte. Ab September 1725 wirkte er erneut für zwölf Monate in Warschau. August der Starke stellte für den Empfang seines Sohns sowie dessen Halbbruder Moritz Graf von Sachsen (Maréchal de Saxe) repräsentative Anforderungen und beorderte neben W. vier Dresdner Tänzer nach Warschau. W. führte mit diesen und der königlich polnischen Kapelle modernste Musik von Campra, Jean-Philippe Rameau und Jean-Féry Rebel sowie Kantaten von Jean-Baptiste Stuck auf. Außerdem vertonte und leitete er vermutlich das Stück „Pour les plaisirs de sa majesté, representé par M.lle dimanche“. Um 1727 zog sich W., von Krankheit gezeichnet, bis zu seinem Tod zurück. August der Starke verfügte eine Pension von 600 Talern für die Witwe W.s und kaufte für 400 Taler Teile des Nachlasses - vermutlich Musikalien und Instrumente - für die Sammlung seiner Schwiegertochter Maria Josepha bzw. der Königlichen Privat-Musikaliensammlung an. Dass diese Ehre nur wenigen Hofmusikern zuteilwurde, belegt die Wertschätzung, die W. am Dresdner Hof genoss. Auch wirkten W.s Werke noch über die Zeit hinaus. So musizierte z.B. Johann Friedrich Fasch, Hofkapellmeister von Zerbst, bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein W.s Stücke bei Tanzveranstaltungen, Maskeraden und Balletts. – Ein Großteil der Kompositionen W.s ist heute nicht mehr erhalten und fiel wahrscheinlich den Zerstörungen im Siebenjährigen Krieg zum Opfer.

Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, K 2, Nr. 6, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 383/1, Loc. 383/2, Loc. 383/4, Loc. 383/5, Loc. 910/1, Collection Schmidt, Amt Dresden, Vol. XIb Nr. 306; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Königliche Privat-Musikaliensammlung; Staatsbibliothek zu Berlin -Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv, Sig. Mus. Tf 240.

Werke Entrées, Arien, Tänze, in: Der Sieg der Schönheit über die Helden. Vorgestellet In einem Ballet und Sing-Spiel; Bey Vermählung Seiner Königl[ichen] Hoheit Fridrich Wilhelms Kron-Printzens von Preussen Mit Der Durchlauchtigsten Printzeßin Sophia Dorothea Aus dem Chur-Hause Braunschweig-Lüneburg. Im December des 1706 Jahres, Cölln 1706; Intermedien, in: Antonio Lotti, Ascanio, Dresden 1718; Intermedien, in: ders., Teofane, Dresden 1719; Intermedien, in: ders., Giove in Argo, Dresden 1717/1719; Ballett-Musik, Pour les plaisirs de sa majesté, representé par M.lle dimanche, Warschau 1725/1726; anonyme Manuskripte der Musikaliensammlung der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.

Literatur Johann Gottfried Walther (Hg.), Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec, Leipzig 1732, S. 641; Johann Ulrich von König, Des Herrn von Königs Gedichte aus seinen von ihm selbst verbesserten Manuscripten gesammelt und herausgegeben, Dresden 1745; Johann Joachim Quantz, Herrn Johann Joachim Quantzens Lebenslauf, von ihm selbst entworfen, in: Friedrich Wilhelm Marpurg, Historisch-Kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik, Bd. 1, Berlin 1755, S. 197-250; Moritz Fürstenau, Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Dresden, Dresden 1862 (ND Leipzig 1971); Ortrun Landmann, Französische Elemente in der Musikpraxis des 18. Jahrhunderts am Dresdener Hof, in: Der Einfluß der französischen Musik auf die Komponisten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Michaelstein [1982], S. 48-56; Kai Köpp, Johann Georg Pisendel (1687-1755) und die Anfänge der neuzeitlichen Orchesterleitung, Tutzing 2005; Uta Dorothea Sauer, Tanz und Repräsentation. Machtdarstellung im Ballet de cour der Wettiner und ihrer Verbündeten im protestantischen Raum (1600-1725), Diss. Dresden 2017. – ADB 40, S. 282f.; MGG2 P 17, Sp. 1170-1172; NGroveD (2/2001) 26, S. 890f.

Uta Dorothea Sauer
12.12.2019

Empfohlene Zitierweise:
Uta Dorothea Sauer, Woulmyer (Volumier, Woulmeyer, Voloummier), Jan-Baptist (Jean Baptiste, Johann Baptist, Juan Bautista), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (1.10.2020)

Jean Baptiste Woulmyer



Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, K 2, Nr. 6, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 383/1, Loc. 383/2, Loc. 383/4, Loc. 383/5, Loc. 910/1, Collection Schmidt, Amt Dresden, Vol. XIb Nr. 306; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Königliche Privat-Musikaliensammlung; Staatsbibliothek zu Berlin -Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv, Sig. Mus. Tf 240.

Werke Entrées, Arien, Tänze, in: Der Sieg der Schönheit über die Helden. Vorgestellet In einem Ballet und Sing-Spiel; Bey Vermählung Seiner Königl[ichen] Hoheit Fridrich Wilhelms Kron-Printzens von Preussen Mit Der Durchlauchtigsten Printzeßin Sophia Dorothea Aus dem Chur-Hause Braunschweig-Lüneburg. Im December des 1706 Jahres, Cölln 1706; Intermedien, in: Antonio Lotti, Ascanio, Dresden 1718; Intermedien, in: ders., Teofane, Dresden 1719; Intermedien, in: ders., Giove in Argo, Dresden 1717/1719; Ballett-Musik, Pour les plaisirs de sa majesté, representé par M.lle dimanche, Warschau 1725/1726; anonyme Manuskripte der Musikaliensammlung der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.

Literatur Johann Gottfried Walther (Hg.), Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec, Leipzig 1732, S. 641; Johann Ulrich von König, Des Herrn von Königs Gedichte aus seinen von ihm selbst verbesserten Manuscripten gesammelt und herausgegeben, Dresden 1745; Johann Joachim Quantz, Herrn Johann Joachim Quantzens Lebenslauf, von ihm selbst entworfen, in: Friedrich Wilhelm Marpurg, Historisch-Kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik, Bd. 1, Berlin 1755, S. 197-250; Moritz Fürstenau, Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Dresden, Dresden 1862 (ND Leipzig 1971); Ortrun Landmann, Französische Elemente in der Musikpraxis des 18. Jahrhunderts am Dresdener Hof, in: Der Einfluß der französischen Musik auf die Komponisten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Michaelstein [1982], S. 48-56; Kai Köpp, Johann Georg Pisendel (1687-1755) und die Anfänge der neuzeitlichen Orchesterleitung, Tutzing 2005; Uta Dorothea Sauer, Tanz und Repräsentation. Machtdarstellung im Ballet de cour der Wettiner und ihrer Verbündeten im protestantischen Raum (1600-1725), Diss. Dresden 2017. – ADB 40, S. 282f.; MGG2 P 17, Sp. 1170-1172; NGroveD (2/2001) 26, S. 890f.

Uta Dorothea Sauer
12.12.2019

Empfohlene Zitierweise:
Uta Dorothea Sauer, Woulmyer (Volumier, Woulmeyer, Voloummier), Jan-Baptist (Jean Baptiste, Johann Baptist, Juan Bautista), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (1.10.2020)