Heinrich von Martius

Der aus Radeberg stammende M. ist ein Beispiel für die engen wissenschaftlichen deutsch-russischen Beziehungen um 1800. Infolge des kulturellen wie personellen Austauschs kam M. nach Russland, wo er als Arzt und Naturforscher Bekanntheit erlangte und nobilitiert wurde. Bedeutung erlangte er darüber hinaus als Chronist seiner Heimatstadt Radeberg. – M. wurde als zweiter Sohn des Radeberger Stadtapothekers geboren. Der Vater bestimmte seinen Lebensweg frühzeitig für die pflanzenkundliche und pharmazeutische Ausrichtung entsprechend der Familientradition, die eine Vielzahl an Medizinern, Apothekern, Naturforschern, Botanikern und Pfarrern hervorgebracht hatte. M. besuchte zunächst die Radeberger Stadtschule und kam anschließend nach Freiberg auf das Gymnasium, wo er in alten Sprachen und studienvorbereitenden Wissenschaften unterrichtet wurde. Zu gleicher Zeit besuchte er die Bergakademie Freiberg, um sich auf das geplante Medizinstudium vorzubereiten. Hier besuchte er Vorlesungen in den hierfür notwendigen Hilfswissenschaften, wie Chemie, Metallurgie, Mineralogie, Physik, Technologie, Mathematik und Botanik. Anschließend ließ ihn sein Vater 1797 bis 1799 in Frankenberg bei dem Arzt und Apotheker Christian Gottlieb Weinart in der praktischen Pharmazie ausbilden. Wegen einer schweren Erkrankung des Vaters kehrte M. 1800 nach Radeberg zurück. Im Jahr darauf begann er ein Medizinstudium in Wittenberg. – Nach Beendigung seines Studiums erreichte M. 1804 ein Ruf an die Universität Moskau mit dem Angebot eines Unteraufsehers des dortigen kaiserlichen Museums für Naturgeschichte. Diese Tätigkeit war verbunden mit der Stelle als Bibliothekar an der 1803 der Universität gestifteten naturwissenschaftlichen Sammlung Pawel Grigorjewitsch Demidows. In Moskau traf er auf weitere deutsche Wissenschaftler, wie den ebenfalls aus Sachsen stammenden Zoologen Johann Gotthelf Fischer (später von Waldheim) und den Botaniker Georg Franz Hoffmann. – Am 26.8.1805 gehörte M. zu den 25 Stiftern der Moskauer Gesellschaft der Naturforscher unter Leitung des Bildungsministers Graf Andrei Kirillowitsch Rasumowski, die ein Jahr später durch Zar Alexander I. den Rang einer „Kaiserlichen Gesellschaft“ erhielt. In dieser Zeit vervollständigte M. seine medizinischen Studien und erwarb 180-5 sein Testat als Chirurg. Unterstützt wurde er dabei von dem deutschstämmigen Leibarzt der Zarin Elisabeth Alexejewna, Wilhelm Michailowitsch von Richter. Im darauffolgenden Jahr wurde M. zum Doktor der Medizin promoviert. Vorerst blieb er Mitglied der Universität und wohnte in Moskau im Deutschen Viertel, der Nemezkaja Sloboda. In den Sommermonaten und den Semesterferien unternahm er Forschungsreisen in mehrere russischen Gouvernements und begann mit einer ausgeprägten Sammeltätigkeit von Pflanzen und Tieren. Auch wirkte er als Arzt in den Gebieten der Tataren und Kosaken bei der Heilbehandlung der Lepra, Pocken und Beulenpest. Seine Beobachtungen hielt er für spätere Veröffentlichungen fest. – M.s gesellschaftliche Stellung ermöglichte ihm den Zugang zu den russischen Fürstenhäusern. Deutsche Ärzte mit ihrem Fachwissen standen hoch im Ansehen, sie dienten oft als Leibärzte auf den Gütern ihrer Dienstherren und begleiteten deren Familien zu Kuren und Badereisen. So reiste M. z.B. ab 1808 als Leibarzt des Fürsten Wolkonski nach Sibirien, begleitete 1809 den Fürsten Trubezkoi in die Ukraine und 1810 den Fürsten Dolgorucki in den Kaukasus. Nach seiner Rückkehr wurde er 1811 Leibarzt Rasumowskis. Diese Tätigkeit als Leibarzt war zugleich verbunden mit der Direktion der Hospitäler Rasumowskis, die sich auf seinen Gütern in den Gouvernements Pensa (Russland) und Saratow (Russland) befanden. Rasumowski, selbst Botaniker und Naturwissenschaftler, gewährte M. darüber hinaus den Zugang zu dem berühmten Botanischen Garten auf seinem Landsitz Gorinki bei Moskau. – Für seine Verdienste um die Erschließung des russischen Reichs, seine Beteiligung an der Vermessung und Beschreibung des Gouvernements Moskau gemeinsam mit dem Astronomen Christian Friedrich Goldbach sowie seine medizinischen und botanischen Leistungen wurde M. in den Adelsstand mit Adelsdiplom und Titulierung „von Martius“ erhoben. – Der Napoleonische Feldzug gegen Russland mit dem Brand von Moskau (14.-18.9.1812) veränderte M.s Leben vollständig. Er verlor alles, seine wissenschaftlichen Arbeiten, sein Vermögen, seine umfangreiche Bibliothek, seine gesamten wertvollen und einmaligen Sammlungen. Rasumowski gewährte ihm 1815 einen sechsmonatigen Urlaub, damit M. nach zwölf Jahren seine Familie in Deutschland besuchen und einige literarische Arbeiten herausgeben konnte. Auf Bitten seiner Familie und in der Hoffnung, dass sich die Lage in Deutschland nach der Napoleonischen Zeit verbessern würde, gab M. seine Anstellung in Russland auf, um in Sachsen zu bleiben. 1815 schrieb er sich nochmals an der Universität Leipzig ein, um eine Zulassung als Arzt in Deutschland zu erhalten, was am 29.6.1816 erfolgte. Zudem wurde er mit der Schrift „De lepra taurica“ im August 1816 ein zweites Mal zum Doktor der Medizin und Chirurgie promoviert. Im gleichen Jahr ließ sich M. in Bautzen als praktischer Arzt nieder und verheiratete sich 1818 mit Friederike Emilie Auguste Probst, der Tochter des Bautzener Senators und Oberamtsadvokaten August Probst. Ebenfalls 1818 folgte M. einem Ruf als Stadtphysicus in den Amtsbezirk Nossen. Seine Bemühungen um die Verbesserung der Volksgesundheit scheiterten jedoch an den geduldeten Missständen durch das königlich sächsische Sanitätskollegium. Ermutigt durch befreundete Gelehrte und Literaten begab sich M. 1828 mit seiner Familie nach Berlin, um wieder als praktischer Arzt zu wirken. Unermüdlich arbeitete er gleichzeitig an Veröffentlichungen und bereitete ein großes Pflanzenwerk über die russische Flora vor. Am 4.8.1831 verstarb M. am Schlagfluss. Seine Büchersammlung wurde in einer großen öffentlichen Versteigerung zusammen mit den Sammlungen von Ernst Gottfried Fischer und Friedrich Leopold Brunn aufgelöst. – M. verfasste bereits in seiner Moskauer Zeit zahlreiche medizinische Werke. Hauptthemen waren Abhandlungen über Infektionskrankheiten beim Menschen, Hautkrankheiten, Frauenheilkunde und zur allgemeinen Gesunderhaltung. Ein von M. aus dem Chinesischen übertragenes Werk über Geburtshilfe trug zur wissenschaftlichen Popularisierung dieser Thematik im deutschsprachigen Raum bei. Insbesondere waren ihm seine in Russland gewonnenen Erfahrungen im Umgang mit den im rauen Kontinentalklima typischen Krankheiten und deren Behandlung, zum großen Teil mit dort üblichen naturheilkundlichen Mitteln, bei der Ausarbeitung seiner medizinischen Werke nützlich. In einem Buch über Vorbeugung und Behandlung von Erfrierungen ließ er u.a. die Erfahrungen und Kenntnisse der russischen Volksgruppen einfließen, ebenso die jahrzehntelangen Erfahrungen und Erkenntnisse seines Vaters als Stadtapotheker von Radeberg. Die Botanik war für M. v.a. wegen der pflanzlichen Inhaltsstoffe interessant. Umfassende Kenntnisse dazu hatte er bereits ab dem Kindesalter im väterlichen „Apothekers Garten“ in Radeberg erworben. M. verfasste Werke zum komplexen Vorkommen von Pflanzen, die besonders für die Heilkunde interessant und wichtig sind, z.B. zum Kloster Altzelle („Ein Beitrag zur Kunde der Vorzeit“), „Prodromus florae Mosquensis“ (Geschichte der Flora des Moskauer Gebiets, in Latein) und weitere Werke über die Pflanzenwelt Russlands. Mit seinem 1828 veröffentlichten Buch „Radeberg und seine Umgebungen. Eine historische Skizze“ schuf M. schließlich eine erste umfassende, historisch fundierte und tiefgründige Chronik zu Radeberg und dem Radeberger Land, die bis heute als das Standardwerk zur Stadtgeschichte für die Frühzeit bis ins frühe 19. Jahrhundert gilt und überregionale Bedeutung hat.

Quellen Museum Schloss Klippenstein Radeberg, Archiv-Nr. 00003476, Radeberger Chronik 1550-1839 [Ms.].

Werke Cornelius Tacitus, Über Lage, Sitten und Völkerschaften Germaniens, Moskau 1812 (Übersetzung aus dem Lateinischen); (Hg.), Abhandlung über die Geburtshülfe. Aus dem Chinesischen, Moskau 1812 (ND Freiberg 1820); De lepra taurica, Diss. Leipzig 1816, dt. Abhandlung über die krimmsche Krankheit und deren ärztliche Behandlung, Freiberg 1819; Prodromus florae mosquensis, Leipzig 1817; Enarratio plantarum circa Mosquam sponte provenientium, Leipzig 1820; Hebe. Taschenbuch zur Erhaltung der Gesundheit und Schönheit. Ein Toilettengeschenk für gebildete Frauen, Meißen 1822; Kloster Altenzelle. Ein Beitrag zur Kunde der Vorzeit, 2 Bde., Freiberg/Nossen 1821/1822; Radeberg und seine Umgebungen. Eine historische Skizze, Bautzen 1828; Ueber den Blasenausschlag oder Pemphigus, Berlin 1829; Beschreibung eines äußerst merkwürdigen Huhns mit menschlich-ähnlichem Profil, Berlin 1829; Abhandlung über die Frostbeulen und deren ärztliche Behandlung, Berlin 1831.

Literatur Medicinisch-chirurgische Zeitung 2/1823, S. 343-347; Verzeichniß der von dem Professor Herrn Dr. Fischer, dem Professor Herrn Brunn und dem Dr. der Medizin Herrn von M. hinterlassenen Bücher-Sammlungen, Berlin 1831; Franz Ludwig Anton Schweiger, Handbuch der classischen Bibliographie, Bd. 2/2, Leipzig 1834; Charlotte Rinkefeil-Kirchner, Chronik des Gesundheitswesens der Stadt Radeberg von den frühesten Anfängen bis zum Jahr 1945, Bd. 2: Die Apotheken, Radeberg 1967; Hendrik Martius, Martius Familiengeschichte, Digitale Blätter der Familie Martius aus Asch/Egerland; Renate Schönfuß-Krause, Dr. Heinrich von M. - Eine Radeberger Karriere in Moskau, in: Die Radeberger. Unabhängige Heimatzeitung 29/2019, Nr. 16; dies., Dr. Heinrich von M. (1781-1831). Vertreter einer berühmten Familien-Dynastie. – DBA I, II; DBE II 6, S. 766; Das gelehrte Teutschland oder Lexicon der jetzt lebenden teutschen Schriftsteller, Bd. 18, Lemgo 1821, S. 632; Neuer Nekrolog der Deutschen 9/1831, Teil 2, S. 692-694.

Porträt Dr. Gustav Heinrich von M., Mediziner (1781-1831), unbekannter Künstler, 1895, Kupferstich, in: Carl Alexander von Martius, Stammbuch der Martier, Berlin 1895, via Wikimedia Commons (Bildquelle) [CCO 1.0 Universal Public Domain Dedication; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons O 1.0 Universal Public Domain Dedication].

Renate Schönfuß-Krause
12.12.2020

Empfohlene Zitierweise:
Renate Schönfuß-Krause, Heinrich von Martius, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (2.3.2021)

Heinrich von Martius



Quellen Museum Schloss Klippenstein Radeberg, Archiv-Nr. 00003476, Radeberger Chronik 1550-1839 [Ms.].

Werke Cornelius Tacitus, Über Lage, Sitten und Völkerschaften Germaniens, Moskau 1812 (Übersetzung aus dem Lateinischen); (Hg.), Abhandlung über die Geburtshülfe. Aus dem Chinesischen, Moskau 1812 (ND Freiberg 1820); De lepra taurica, Diss. Leipzig 1816, dt. Abhandlung über die krimmsche Krankheit und deren ärztliche Behandlung, Freiberg 1819; Prodromus florae mosquensis, Leipzig 1817; Enarratio plantarum circa Mosquam sponte provenientium, Leipzig 1820; Hebe. Taschenbuch zur Erhaltung der Gesundheit und Schönheit. Ein Toilettengeschenk für gebildete Frauen, Meißen 1822; Kloster Altenzelle. Ein Beitrag zur Kunde der Vorzeit, 2 Bde., Freiberg/Nossen 1821/1822; Radeberg und seine Umgebungen. Eine historische Skizze, Bautzen 1828; Ueber den Blasenausschlag oder Pemphigus, Berlin 1829; Beschreibung eines äußerst merkwürdigen Huhns mit menschlich-ähnlichem Profil, Berlin 1829; Abhandlung über die Frostbeulen und deren ärztliche Behandlung, Berlin 1831.

Literatur Medicinisch-chirurgische Zeitung 2/1823, S. 343-347; Verzeichniß der von dem Professor Herrn Dr. Fischer, dem Professor Herrn Brunn und dem Dr. der Medizin Herrn von M. hinterlassenen Bücher-Sammlungen, Berlin 1831; Franz Ludwig Anton Schweiger, Handbuch der classischen Bibliographie, Bd. 2/2, Leipzig 1834; Charlotte Rinkefeil-Kirchner, Chronik des Gesundheitswesens der Stadt Radeberg von den frühesten Anfängen bis zum Jahr 1945, Bd. 2: Die Apotheken, Radeberg 1967; Hendrik Martius, Martius Familiengeschichte, Digitale Blätter der Familie Martius aus Asch/Egerland; Renate Schönfuß-Krause, Dr. Heinrich von M. - Eine Radeberger Karriere in Moskau, in: Die Radeberger. Unabhängige Heimatzeitung 29/2019, Nr. 16; dies., Dr. Heinrich von M. (1781-1831). Vertreter einer berühmten Familien-Dynastie. – DBA I, II; DBE II 6, S. 766; Das gelehrte Teutschland oder Lexicon der jetzt lebenden teutschen Schriftsteller, Bd. 18, Lemgo 1821, S. 632; Neuer Nekrolog der Deutschen 9/1831, Teil 2, S. 692-694.

Porträt Dr. Gustav Heinrich von M., Mediziner (1781-1831), unbekannter Künstler, 1895, Kupferstich, in: Carl Alexander von Martius, Stammbuch der Martier, Berlin 1895, via Wikimedia Commons (Bildquelle) [CCO 1.0 Universal Public Domain Dedication; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons O 1.0 Universal Public Domain Dedication].

Renate Schönfuß-Krause
12.12.2020

Empfohlene Zitierweise:
Renate Schönfuß-Krause, Heinrich von Martius, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (2.3.2021)