Hansjörg Weigel

Weigel war seit den 1960er-Jahren nach seinen Erfahrungen als Bausoldat ehrenamtlich in der kirchlichen Gemeindearbeit tätig und mit der Begründung der Königswalder Friedensseminare einer der drei wesentlichen Inspiratoren der christlichen Friedensarbeit in Sachsen. Als Bürgerrechtler wurde er von der Staatssicherheit der DDR massiv verfolgt. Ab 1990 engagierte er sich in der Werdauer Kommunalpolitik. – Weigels Vater Albert war zunächst Graveur in einer Besteckfabrik in Aue, während der NS-Zeit dann Gefängniswärter, überwiegend in Chemnitz auf dem Kaßberg, und NSDAP- und SA-Mitglied. Nach der Einberufung zur Wehrmacht kämpfte er in Jugoslawien und der Sowjetunion und machte den Rückzug an der Ostfront mit. Weigels Mutter Charlotte war die Tochter des Dorfschmieds Fritz Junghänel aus Königswalde, einem kleinen Dorf nahe Zwickau. Unmittelbar nach Kriegsende zog sie mit den Kindern von Chemnitz dorthin zurück. Nach der Rückkehr aus dem Krieg wurde Albert Weigel durch die Anfang Juli 1945 in Südwestsachsen eingerückte sowjetische Besatzungsmacht verhaftet. Weigel, damals zwei Jahre alt, war später überzeugt, sich an dieses Ereignis erinnern zu können. Albert Weigel kehrte nach der Internierung im Lager Mühlberg und Jahren der Zwangsarbeit in Russland erst 1950 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Er übernahm die Dorfschmiede von seinem Vater, wo sich in der ersten Nachkriegszeit eine Art politischer Stammtisch zusammenfand, der das Tagesgeschehen diskutierte. Zwischen Vater und Sohn bestand eine lebenslängliche Kluft. Als der Vater im Sommer 1980 starb, saß Weigel in dem Gefängnis ein, in dem Albert Weigel einst Aufseher gewesen war. Der damalige Tod seines Vaters traf Weigel schwer, weil es dadurch zu keiner Aussöhnung zwischen ihnen mehr kommen konnte. – Obwohl beide Eltern nicht kirchlich orientiert waren, wurde Weigel auf Betreiben seiner Mutter mit sechs Jahren getauft, als der Vater noch in Kriegsgefangenschaft war. Weigel besuchte ab 1949 die örtliche Dorfschule, die nun „Geschwister Scholl-Grundschule“ hieß. Er war begeisterter Pionier, später FDJ-Gruppenleiter und Freundschaftsratsvorsitzender sowie in der GST Schießausbilder. Nach Abschluss der 8. Klasse besuchte er bis 1959 die 9. und 10. Klasse in Werdau. Weigel glaubte später, er wäre trotz der Vergangenheit seines Vaters zur Erweiterten Oberschule und zum Abitur zugelassen worden. Doch die finanziellen Nöte der Familie zwangen Weigel einen Beruf zu erlernen, obwohl er gern zur See gefahren wäre. Ab 1959 lernte er Kfz-Elektriker in der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) „Autolicht“ in Werdau und besuchte die Berufsschule für Splitterberufe in Burg bei Magdeburg. Nach dem Ende der Lehre wollte er unmittelbar nach dem Mauerbau 1961 freiwillig zur NVA, wurde aber nicht eingezogen. – Eine Veränderung in seinem Leben brachte der Kontakt zu Maria Wild, seiner späteren Ehefrau. Durch sie kam er in Berührung mit der örtlichen Jungen Gemeinde um Pfarrer Klaus Albers, der eine Art Ersatzvater für ihn wurde. Jetzt vollzog Weigel einen radikalen Bruch mit allem, wovon er bisher begeistert gewesen war, insbesondere mit seinem Engagement in der FDJ und in der GST. Bald schon leitete er die Jugendgruppe, die immer mehr Zulauf erfuhr. Die männlichen Jugendlichen fühlten sich gefangen im Widerspruch zwischen dem biblischen Tötungsverbot und der seit 1962 bestehenden Wehrpflicht. Der Staat reagierte auf die Wehrdienstverweigerung vieler christlicher Jugendlicher 1964 mit der Einführung des sog. Bausoldaten-Diensts - einer Dienstzeit in Uniform und mit militärischem Drill, aber ohne Waffe. An ihrem 18. Geburtstag, am 20.12.1964, heiratete Weigel Maria Wild, und ihr Sohn Andreas wurde getauft. Im Mai 1966 wurde er zum Zweiten Bausoldaten-Durchgang nach Garz auf Usedom einberufen und musste seine Familie bei nur 18 Tagen Erholungsurlaub für 18 Monate zurücklassen. Weigel diente in Luckau/Brandenburg, Peenemünde, Garz, Halbe und Müncheberg. Diese Zeit im Pionierbataillon 14 wurde für ihn entscheidend. Ungeachtet der widrigen äußeren Bedingungen wie einer fast durchgehenden Unterbringung im Zelt lernte Weigel hier viele eigenständige Geister kennen, darunter auch alternative Marxisten, und gewann Zugang zu pazifistischer und theologischer Literatur. Prägend wurde für ihn der Satz von Bernd Eisenfeld: „Bausoldat ist man lebenslänglich!“ Hier begegnete er u.a. Harald Bretschneider und Rudolf Albrecht, woraus eine lebenslange, enge Freundschaft entstand. Bretschneider sollte 1980 als sächsischer Landesjugendpfarrer das legendäre Logo „Schwerter zu Pflugscharen“ durchsetzen und Pfarrer Albrecht das Christliche Friedensseminar Meißen gründen. Diese Dreiergruppe – Weigel, Bretschneider und Albrecht – initiierte im Kern die christliche Friedensbewegung in Sachsen, und Königswalde sollte zu ihrem jährlichen Treffpunkt werden. – Zunächst wollte Weigel gleich nach der Rückkehr von der NVA im Herbst 1967 ein Treffen in Königswalde organisieren, erhielt aber nur eine einzige Rückmeldung. Also war kontinuierliche Gemeindearbeit vor Ort gefragt. Am 19.5.1973 fand dann im Königswalder Pfarrhaus doch ein Treffen von 27 oder 28 überwiegend jungen Männern statt, die den Wehrdienst vor sich hatten oder die sich mit der Friedensfrage beschäftigten. Hier fiel die Entscheidung, sich in ca. einem halben Jahr wieder treffen zu wollen. Dies war die Geburtsstunde der Königswalder Friedensseminare, die von Mai 1973 bis Herbst 2019 üblicherweise im Mai und Oktober eines jeden Jahrs stattfanden. Besucher reisten aus der gesamten DDR, aber auch aus der Bundesrepublik und den Niederlanden an. Bis einschließlich Herbst 1978 fanden die Seminare im Pfarrhaus statt, ab Mai 1979 in der örtlichen Kirche. Schon Anfang der 1980er-Jahre wurde auch die Kirche zu klein und es wurden deshalb ringsum Zelte aufgebaut, in die die Referate per Lautsprecher übertragen wurden. Im Oktober 1989 wurde die Teilnehmerzahl unüberschaubar und lag bei mindestens 600. – Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wurde erst durch die Protestbriefe einiger Akteure gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns Ende 1976 auf das Seminar aufmerksam und startete nunmehr eine intensive Bearbeitung, in deren Kontext Weigel als Operativer Vorgang „Spaten II“ bearbeitet wurde. Als nach dem Mai-Seminar 1980 alle ausländischen Gäste abgereist waren, wurde Weigel am Arbeitsplatz verhaftet. Während seiner Untersuchungshaft wegen des Vorwurfs „staatsfeindlicher Hetze“ wurde er massiv bedroht und schließlich zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Die westdeutsche Tagespresse berichtete über seine Verhaftung. Im August 1980 wurde Weigel „auf Bewährung“ entlassen. Ein Angebot der Behörden zur Ausreise in den Westen lehnte er ab. – Nach dem politisch-gesellschaftlichen Umbruch von 1989/1990 wurden noch in den 1990er-Jahren zentrale gesellschaftliche Fragen in Königswalde behandelt, zu deren Diskussion prominente Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Nicht-Regierungs-Organisationen gewonnen werden konnten. Später wurde das Seminar zunehmend marginalisiert. – 1984 wurde Weigel in die 22. Sächsische Landessynode der Evangelischen Kirche gewählt und gehörte dem Sozialethischen Ausschuss (SEA) der Synode an. Deren Amtszeit endete mit der Teilnahme der Synodalen an einer Demonstration in Dresden im Herbst 1989. Auch in der folgenden 23. Legislaturperiode der Landessynode bis 1996 war Weigel Mitglied des SEA. – Im Januar 1990 wurde Weigel in Werdau in den sog. Bürgerrat gewählt, ein quasiparlamentarisches Übergangsgremium bis zu den ersten demokratischen Kommunalwahlen, und war dort Vorsitzender. Anschließend gehörte er auch dem Werdauer Stadtrat an, seit 2003 für die SPD. Zeitgleich mit seinem politischen Engagement während der Wendezeit engagierte sich Weigel bei der Transformation der PGH „Autolicht“ in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung und wurde dort 1992 Geschäftsführer, wodurch die Hälfte der Arbeitsplätze zunächst erhalten werden konnte. 1999 erhielt Weigel das Bundesverdienstkreuz. – Das Ende der Königswalder Friedensseminare kam erst mit dem Tod Weigels. Der inzwischen überalterte Vorbereitungskreis nahm die Zäsur von Weigels Tod durch eine SARS-CoV-2-Infektion während der COVID-19-Pandemie in Deutschland zum Anlass, um die Seminare einzustellen.

Quellen Verschriftlichte und autorisierte Interviews des Verfassers mit Hansjörg Weigel 1980-2020; Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv, Außenstelle Chemnitz, Reg.-Nr. XIV 2214/77.

Werke Was wird?, in: Der Sonntag. Wochenzeitung der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens 45/1990, Nr. 32, S. 1; Man wandelt nur das, was man annimmt, in: Eckhard Jesse (Hg.), Friedliche Revolution und deutsche Einheit. Sächsische Bürgerrechtler ziehen Bilanz, Berlin 2006, S. 156-167; Der ungewisse Beginn. Das Königswalder Friedensseminar, in: Forschungsjournal soziale Bewegungen 26/2013, H. 4: Anstifter, Strippenzieher, Urgesteine. Schlüsselfiguren in sozialen Bewegungen, S. 74-78.

Literatur Stefan Herbst, Das Ökumenische Friedensseminar in Königswalde. Seine Geschichte und die neuen politischen und kirchlichen Herausforderungen, in: Orientierung. Katholische Blätter für weltanschauliche Information 60/1996, Nr. 23/24, S. 254-259; Beate Bahnert, Wer A sagt, kann B verweigern. Bericht über ein Gespräch mit Hansjörg Weigel, in: Die Zeichen der Zeit. Lutherische Monatshefte 37/1998, H. 9, S. 17-20; Matthias Kluge, Institutionalisierte Zivilcourage. Das Fallbeispiel Königswalde/Sachsen, in: Horch und Guck. Historisch-literarische Zeitschrift des Bürgerkomitees „15. Januar“ e. V. 11/2002, H. 38, S. 7-11; ders., Helden aus der zweiten Reihe, in: TU-Spektrum. Magazin der Technischen Universität Chemnitz 2002, Nr. 4, S. 16; ders., Das Christliche Friedensseminar Königswalde bei Werdau. Ein Beitrag zu den Ursprüngen der ostdeutschen Friedensbewegung in Sachsen, Leipzig 2004; Raum für Güte und Gewissen. Das Christliche Friedensseminar Königswalde im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt/DDR 1973-1990, hrsg. vom Martin-Luther-King-Zentrum Werdau, Werdau 2004; Matthias Kluge, Im Vorfeld einer ausgebliebenen Parteigründung. Gedanken und Konzeptionen im Umfeld des Königswalder Friedenseminars im Frühjahr und Sommer 1989, in: NASG 80/2009, S. 205-235; Eckhard Jesse, Hansjörg Weigel. Der Begründer des Königswalder Friedensseminars, in: Landtagskurier Freistaat Sachsen 2015, H. 5, S. 20f.; Alexander Leistner, Soziale Bewegungen. Entstehung und Stabilisierung am Beispiel der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, Konstanz/München 2016; Matthias Kluge, Die Blume aus dem Stahlhelm. Das Friedensseminar Königswalde als Kristallisationspunkt einer alternativen Gegenöffentlichkeit in der DDR, Dresden 2017; Er vergab den Verrätern, in: Die Zeit, 4.6.2020, S. 13. – Martin Jander, Hansjörg Weigel, in: Ilko-Sascha Kowalczuk/Tom Sello (Hg.), Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos, Berlin 2006, S. 252-255; Helmut Müller-Engbergs (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Bd. 2, Berlin 52010, S. 1394; Albrecht Kaul, Durchgeschüttelt und gehalten: Hansjörg Weigel, in: ders., Wegen Gefährdung des sozialistischen Friedens. Bewegende Schicksale von Christen in der DDR, Gießen 2014, S. 38-45.

Porträt Hansjörg Weigel, Matthias Kluge, 1988, Fotografie, Privatarchiv Matthias Kluge (Bildquelle).

Matthias Kluge
23.7.2026


Empfohlene Zitierweise:
Matthias Kluge, Artikel: Hansjörg Weigel,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/29213 [Stand 23.07.2026, Aufruf 29.07.2026].

Hansjörg Weigel



Quellen Verschriftlichte und autorisierte Interviews des Verfassers mit Hansjörg Weigel 1980-2020; Bundesarchiv Stasi-Unterlagen-Archiv, Außenstelle Chemnitz, Reg.-Nr. XIV 2214/77.

Werke Was wird?, in: Der Sonntag. Wochenzeitung der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens 45/1990, Nr. 32, S. 1; Man wandelt nur das, was man annimmt, in: Eckhard Jesse (Hg.), Friedliche Revolution und deutsche Einheit. Sächsische Bürgerrechtler ziehen Bilanz, Berlin 2006, S. 156-167; Der ungewisse Beginn. Das Königswalder Friedensseminar, in: Forschungsjournal soziale Bewegungen 26/2013, H. 4: Anstifter, Strippenzieher, Urgesteine. Schlüsselfiguren in sozialen Bewegungen, S. 74-78.

Literatur Stefan Herbst, Das Ökumenische Friedensseminar in Königswalde. Seine Geschichte und die neuen politischen und kirchlichen Herausforderungen, in: Orientierung. Katholische Blätter für weltanschauliche Information 60/1996, Nr. 23/24, S. 254-259; Beate Bahnert, Wer A sagt, kann B verweigern. Bericht über ein Gespräch mit Hansjörg Weigel, in: Die Zeichen der Zeit. Lutherische Monatshefte 37/1998, H. 9, S. 17-20; Matthias Kluge, Institutionalisierte Zivilcourage. Das Fallbeispiel Königswalde/Sachsen, in: Horch und Guck. Historisch-literarische Zeitschrift des Bürgerkomitees „15. Januar“ e. V. 11/2002, H. 38, S. 7-11; ders., Helden aus der zweiten Reihe, in: TU-Spektrum. Magazin der Technischen Universität Chemnitz 2002, Nr. 4, S. 16; ders., Das Christliche Friedensseminar Königswalde bei Werdau. Ein Beitrag zu den Ursprüngen der ostdeutschen Friedensbewegung in Sachsen, Leipzig 2004; Raum für Güte und Gewissen. Das Christliche Friedensseminar Königswalde im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt/DDR 1973-1990, hrsg. vom Martin-Luther-King-Zentrum Werdau, Werdau 2004; Matthias Kluge, Im Vorfeld einer ausgebliebenen Parteigründung. Gedanken und Konzeptionen im Umfeld des Königswalder Friedenseminars im Frühjahr und Sommer 1989, in: NASG 80/2009, S. 205-235; Eckhard Jesse, Hansjörg Weigel. Der Begründer des Königswalder Friedensseminars, in: Landtagskurier Freistaat Sachsen 2015, H. 5, S. 20f.; Alexander Leistner, Soziale Bewegungen. Entstehung und Stabilisierung am Beispiel der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, Konstanz/München 2016; Matthias Kluge, Die Blume aus dem Stahlhelm. Das Friedensseminar Königswalde als Kristallisationspunkt einer alternativen Gegenöffentlichkeit in der DDR, Dresden 2017; Er vergab den Verrätern, in: Die Zeit, 4.6.2020, S. 13. – Martin Jander, Hansjörg Weigel, in: Ilko-Sascha Kowalczuk/Tom Sello (Hg.), Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos, Berlin 2006, S. 252-255; Helmut Müller-Engbergs (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Bd. 2, Berlin 52010, S. 1394; Albrecht Kaul, Durchgeschüttelt und gehalten: Hansjörg Weigel, in: ders., Wegen Gefährdung des sozialistischen Friedens. Bewegende Schicksale von Christen in der DDR, Gießen 2014, S. 38-45.

Porträt Hansjörg Weigel, Matthias Kluge, 1988, Fotografie, Privatarchiv Matthias Kluge (Bildquelle).

Matthias Kluge
23.7.2026


Empfohlene Zitierweise:
Matthias Kluge, Artikel: Hansjörg Weigel,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/29213 [Stand 23.07.2026, Aufruf 29.07.2026].