Seidlitz Woldemar Eduard von
Kunsthistoriker, Museologe
* 1.6.1850 St. Petersburg (russ. Sankt-Peterburg) 16.1.1922 Dresden Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(ev.)
VAlexander Ernst (1807-1883), kaiserlich russischer OberstMSophie, geb. Pleske (1821-1886)1878 Konstanze, geb. von Schwebs (1849-1920)SWilfried (1880-1945), Geologe, Präsident der Preußischen Geologischen LandesanstaltTAdelheid (1879-1884); Marie (* 1883); Sophie (* 1885); Ebba (* 1887); Helene (1889-1901)
GND: 117465224





S. leitete über 30 Jahre die Dresdner Kunstsammlungen. Durch seine konzeptionellen Schriften auf dem Gebiet des Museumswesens und sein Engagement für zeitgenössische Kunst erfuhren die Dresdner Kunstsammlungen in dieser Zeit eine bemerkenswerte Professionalisierung und einen Ausbau ihrer Sammlungsgebiete. Über Dresden hinaus war S. durch die Mitarbeit an Zeitschriften, die Mitgestaltung der „Jahrhundertausstellung deutscher Kunst 1775-1875“ in Berlin (1906) und die Arbeit im Verwaltungsrat des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg am Kunstleben des Deutschen Reichs beteiligt. – S., zu dessen Vorfahren der Schriftsteller Friedrich von Seidlitz und der in russischen Diensten stehende Geograf Nikolai von Seidlitz gehörten, erhielt seine Schulausbildung in St. Petersburg, Dresden und Lausanne. Er studierte in Dorpat (estn. Tartu) und Heidelberg Nationalökonomie und schloss dieses Studium mit der Promotion ab. Anschließend studierte er in Leipzig bei Anton Springer Kunstgeschichte. Februar 1879 bis April 1884 war S. als Direktorialassistent am Berliner Kupferstichkabinett tätig. Im Mai 1885 wurde er als vortragender Rat in die Generaldirektion der Königlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden berufen. Diese Funktion hatte S. bis zur Auflösung der Generaldirektion Ende 1918 inne. Sie entsprach faktisch der Stellung eines Generaldirektors. – Durch S.’ Anregungen konnten die Sammlungen in Dresden beträchtlich an Ansehen gewinnen. Er vermittelte zwischen den Generaldirektoren und den Sammlungsleitern und setzte sich für den Ausbau der Sammlungen ein. Er entwickelte und publizierte eigene Ideen zur Gestaltung von Ausstellungen und Präsentation der Objekte im Interesse des Publikums. Dabei lagen ihm die Gemäldegalerie und das Kupferstichkabinett besonders am Herzen. U.a. durch seine Fürsprache konnte Gotthardt Kuehl als Professor an die Kunstakademie nach Dresden berufen und das akademische Ausstellungswesen reformiert werden. Durch die enge Zusammenarbeit etwa mit der Kunsthandlung Arnold wurde das Publikum an die zeitgenössische Kunst herangeführt. S. setzte sich vehement für die Vergrößerung der Gemäldegalerie um zeitgenössische Werke und den Bau eines neuen Galeriegebäudes ein. Dazu trug auch der 1911 unter seiner maßgeblichen Beteiligung gegründete „Dresdner Museumsverein“ bei. – Maßgeblich wirkte S. zudem als Mäzen. Durch seine Anregungen konnte der Grundstock verschiedener Sammlung im Kupferstichkabinett gelegt werden, wie die Kollektion von Käthe Kollwitz oder Max Klinger. Er machte selbst Schenkungen, half mit privaten Mitteln bei Ankäufen und pflegte den Kontakt zu Künstlern, Kunsthändlern und Museumsfachleuten. In seinem Haus fand ein reger Austausch zwischen ihnen statt. – In die deutsche Museumslandschaft war S. durch verschiedene Aktivitäten eingebunden. Er war Mitglied im Verwaltungsrat des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, Mitbegründer des Kunsthistorischen Instituts in Florenz und maßgeblich an der Kunstzeitschrift „Pan“ beteiligt. Er publizierte selbst zu verschiedenen kunsthistorischen und museologischen Themen. Hervorzuheben ist seine Arbeit zum japanischen Farbholzschnitt (1897), die erste deutschsprachige Publikation auf diesem Gebiet. Zahlreiche Artikel setzten sich mit den Anforderungen an staatliche Sammlungen sowie die richtige Aufbewahrung und Präsentation ihrer Objekte auseinander. S. bewegte sich damit im Rahmen der damals aktuellen Diskussion um die Anforderungen an Museen, wie sie sich auch in der Zeitschrift „Museumskunde“ darstellte, an der er mitarbeitete. Sein letztes Werk „Die Kunst in Dresden vom Mittelalter bis zur Neuzeit“ sollte eine Geschichte der Dresdner Kunstsammlungen mit zahlreichen Abbildungen hauptsächlich kunstgewerblicher Stücke werden. Es entwickelte sich letztlich zu einer Kultur- und Kunstgeschichte Sachsens mit umfangreichen Ausführungen zum historischen Umfeld. Durch S.’ Tod erschien das Werk nur in vier Bänden und endete mit der Kunst des Jahres 1710. Die Arbeit wurde nicht fortgesetzt.



Q  K. Woermann, Lebenserinnerungen eines Achtzigjährigen, Bd. 2, Leipzig 1924; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Ministerium für Kultus und öffentlichen Unterricht, Nachlass K. F. W. von Gerber.

W  Zeichnungen deutscher Künstler von Carstens bis Menzel, München 1893; Rembrandts Radierungen, Leipzig 1894; Kritisches Verzeichnis der Radierungen Rembrandts, Leipzig 1895; Geschichte des japanischen Farbenholzschnittes, Dresden 1897; Kunstmuseen, Leipzig 1907; Leonardo da Vinci, der Wendepunkt der Renaissance, 2 Bde., Berlin 1909; Monumentalmalerei, Dresden 1912; Die Kunst in Dresden vom Mittelalter bis zur Neuzeit, 4 Bde., Dresden 1920-1922.

L  M. Lehrs, Woldemar von S., in: Kunstchronik und Kunstmarkt NF 33/1921/22, S. 335-341 (P); K. Woermann, Zur Geschichte der Ankäufe für die Dresdner Galerie, in: ebd., S. 435-438; K. Z. v. Manteuffel, Woldemar von S., in: Dresdner Woche 1922, H. 3, S. 1-3 (P); K. Woermann, Woldemar von S., in: Berichte über die Verhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, philologisch-historische Klasse 74/1922, H. 2, S. 7-20; H. Zimmermann, Zur Erwerbungsgeschichte der Gemäldegalerie Dresden, in: Gemäldegalerie Dresden. Neue Meister, hrsg. von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1987, S. 9-53; W. Holler, Woldemar von S., in: Dresdner Hefte 49/1997, S. 24-29; S. Beneke, Im Blick der Moderne, Berlin 1999 (P, WV); C. Janke, Woldemar von S., Magisterarbeit TU Dresden 2005 [MS] (WV). – DBA II, III; Gothaisches genealogisches Taschenlexikon der briefadeligen Häuser, Bd. 5, Gotha 1911, S. 841; Deutsches Biographisches Jahrbuch 4/1922 (1929), S. 370; W. Lenz (Hg.), Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960, Köln/Wien 1970, S. 723f.; P. Betthausen/P. H. Feist/C. Fork (Hg.), Metzler Kunsthistoriker Lexikon, Stuttgart/Weimar 1999, S. 382-384.

P  Der Kunsthistoriker Woldemar von Seidlitz in seiner Wohnung um 1900, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Claudia Janke
5.10.2010


Empfohlene Zitierweise:

Claudia Janke, Seidlitz, Woldemar Eduard von, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.10.2017)

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