Lossow William
Architekt, Direktor der Kunstgewerbeschule Dresden
* 21.7.1852 Glauchau 24.5.1914 Heidelberg(ev.)
TJohanna († 1956), verh. Kühne
GND: 12290477X





Der künstlerisch hochbegabte L. war Gründer und Teilhaber der Architekturbüros Lossow & Viehweger und Lossow & Kühne, die zwischen 1880 und 1942 in Dresden tätig waren. In den Jahren um 1900 war L. neben Schilling & Graebner der erfolgreichste und meistbeschäftigte Dresdner Architekt. Auf ihn gehen bedeutende öffentliche und private Bauten zurück, die noch heute das Stadtbild Dresdens bereichern, darunter u.a. die Garnisonkirche, die Kunstgewerbeschule, die L. seit 1906 selbst leitete, und das Schauspielhaus. Mit dem Hauptbahnhof in Leipzig, der Synagoge in Görlitz und anderen Monumentalbauten wirkten Lossow & Kühne auf die künstlerischen Reformbestrebungen im frühen 20. Jahrhundert ein. – L. entstammte einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Glauchau. Nachdem er an der Höheren Gewerbeschule in Chemnitz eine technisch orientierte Ausbildung erhalten hatte, ging er an die Technische Hochschule Dresden, um Ingenieurwissenschaften zu studieren. Doch bald entdeckte er seine Neigung zur Architektur. L. trat in die Dresdner Kunstakademie ein, wo er bei Karl Weißbach studierte, unter dessen Einfluss sein architektonisches Schaffen in den ersten Jahren stand. Nach Abschluss der Ausbildung unternahm L. eine Studienreise nach Italien. 1880 gründete er in Dresden mit Hermann Viehweger die Architekturfirma Lossow & Viehweger. Das zeitweise recht große Architekturbüro wurde durch geschmackvolle historistische Villen, Wohnhäuser und Geschäftshausbauten in Dresden bekannt. Das Rathaus in Dresden-Plauen (1883-1885) zeigt, dass Lossow & Viehweger zunächst den Baustil der deutschen Renaissance bevorzugten. Das Viktoriahaus an der Prager Straße (1891/92, 1945 zerstört) erhielt eine dem Braunschweiger Gewandhaus nachgebildete Renaissancefassade. In den 1890er-Jahren nahmen beide Architekten zunehmend Stilelemente des sächsischen Barock auf, um ihre Bauten dem historisch gewachsenen Stadtbild Dresdens anzugleichen. Das unter Mitwirkung von Heino Otto, Sieger im Fassadenwettbewerb, erbaute Zentraltheater in der Waisenhausstraße (1897-1900, 1945 zerstört) erhielt eine opulente, reich bewegte Barockfassade. Dagegen wurde die Garnisonkirche in der Albertstadt (1895-1900), bestehend aus einem evangelischen und einem katholischen Kirchenteil, in romanischen Bauformen gestaltet. Die Bauten, die nach der Jahrhundertwende entstanden, zeichnen sich durch einen freien, schöpferischen Umgang mit dem historischen Formenmaterial aus. Die Auferstehungskirche in Dresden-Plauen (1901/02) wurde im Neorenaissancestil umgebaut und erweitert, während die um vier offene Höfe gegliederte Gebäudegruppe der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums (1903-1907, heute Hochschule für Bildende Künste) stark durch die Dresdner Barocktradition geprägt ist. Aus dem 1899 abgerissenen Brühlschen Palais wurden Treppengitter, Türen und der gesamte Ballsaal in den Neubau der Kunstgewerbeschule eingefügt. Im Geschäftshausbau wandten sich Lossow & Viehweger schon frühzeitig modernen Architekturauffassungen zu. Die Fassade des Warenhauses Herzfeld am Altmarkt (1901, 1945 zerstört) war in Glas und Beton aufgelöst und mit Jugendstilelementen versehen. – L. förderte die Reformbestrebungen, die im sächsischen Kunstleben nach der Jahrhundertwende einsetzten. Große Hoffnungen setzte er auf die Reform der Kunstgewerbeproduktion. Er leitete die Ausstellungskommission für die Dritte Deutsche Kunstgewerbeausstellung 1906 in Dresden und organisierte mit Fritz Schumacher einen Großteil der Ausstellung. Beide strebten sie eine neuzeitliche Raumkunst an, in der sich Baukunst, Handwerk und Kunstindustrie harmonisch vereinen und gegenseitig ergänzen. Nach dem Tod des Geheimen Hofrats Karl Graff wurde L. 1906 zum Direktor der Dresdner Kunstgewerbeschule berufen. Nach seinem Amtsantritt kündigte er die langjährige Partnerschaft mit Viehweger, gründete aber bald darauf mit seinem Schwiegersohn Max Hans Kühne das Büro Lossow & Kühne. Während L. in vielen Gremien - so in der Königlichen Sachverständigenkommission für Gewerbe, der Königlichen Sachverständigenkommission für Kunstgewerbe und Architektur und der Königlichen Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler - für die Erneuerung des sächsischen Kunstlebens eintrat, fiel die Haupttätigkeit im Architekturbüro dem begabten Kühne zu, der sich bereits in jungen Jahren einen hervorragenden Ruf erworben hatte. In den gemeinsamen Schaffensjahren bis 1914 entstanden bedeutende öffentliche Gebäude, Sakral- und Industriebauten, Villen und Wohnhäuser, die sich durch ihre funktionale Grundrissgestaltung und eine auf Materialgerechtigkeit und handwerkliche Gediegenheit gerichtete Architekturauffassung auszeichnen. Der Bauschmuck wurde zugunsten einfacherer Fassadenlösungen und einer wirkungsvollen Massengliederung reduziert. Lossow & Kühne dehnten ihr Arbeitsgebiet auf ganz Sachsen aus. Sie errichteten die evangelischen Kirchen in Georgenfeld (1908/09), Kipsdorf (1908) und Oberbärenburg (1913), die Landständische Bank mit dem Ständehaus in Bautzen (1909/10), die Industrie- und Handelskammer in Dresden (1910), das Verlagshaus B. G. Teubner in Leipzig (1911) sowie die Industrie- und Handelskammer in Plauen (1913-1915). Mit dem Entwurf für den Leipziger Hauptbahnhof (1906-1916), den größten Kopfbahnhof Europas, gingen Lossow & Kühne, die 1906 den Wettbewerb für sich entschieden hatten, in die deutsche Architekturgeschichte ein. Hinter der klar gegliederten Sandsteinfassade, die die ursprüngliche Zweiteilung für die preußische und die sächsische Eisenbahn erkennen lässt, sind imposante Eingangshallen und Wartesäle angeordnet, während die Querhalle mit ihren riesigen schmucklosen Stahlbetonbögen zu den Bahnsteigen überleitet. Von der einheitlichen Bebauung, die um den Leipziger Hauptbahnhof geschaffen werden sollte, wurde nur das Hotel Astoria (1913-1915) ausgeführt. Das Schauspielhaus gegenüber dem Dresdner Zwinger (1911-1913), die Hafenmühle in Dresden-Friedrichstadt (1912/13) und die Synagoge in Görlitz (1910/11) wirken mit ihren geschlossenen, sparsam ornamentierten Wandflächen und ihrer kraftvollen Kontur äußerst monumental. Lossow & Kühne fanden hier zu einem Architekturstil, der vor dem Ersten Weltkrieg in ganz Deutschland gefragt war. Beim Schauspielhaus ist es ihnen gelungen, das geforderte Raumprogramm auf einem eng bemessenen Grundstück unterzubringen, was nur durch absenkbare Hubbühnen und einen wuchtigen Turmaufbau gelang, der freilich das nahe gelegene Kronentor des Zwingers mit seiner gewaltigen Masse bedrängt. – Für das gehobene Bürgertum und den sächsischen Adel führten Lossow & Kühne nicht wenige Landhäuser, Villen, Schlossumbauten und -erweiterungen aus, die durch ihr feines Gespür für die barocke Bautradition überzeugen. Hervorzuheben sind Schloss Glaubitz bei Riesa (1907-1909), Schloss Proschwitz bei Meißen (1913/14) sowie Schloss Osterstein in Gera (1945 zerstört, 1962 abgerissen), wo der Westflügel für Fürst Heinrich XXVII. Reuß neu ausgestaltet wurde. Die barocken Ausdrucksformen sind meist mit zeitgemäßen konstruktiven Lösungen und modernem Wohnkomfort verbunden. Mit ihrer einfühlsamen Raumkunst beteiligten sich Lossow & Kühne an der Hessischen Landesausstellung 1908 in Darmstadt, an der Weltausstellung 1910 in Brüssel, an der Ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden und an der Werkbund-Ausstellung 1914 in Köln. – Aufgrund gesundheitlicher Probleme konnte sich L. nicht in dem Maß für die Kunstgewerbeschule engagieren, wie er es vorhatte. Er starb 1914 in Heidelberg, wo er Heilung von einer ernsten Erkrankung suchte. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der eine für Dresden sehr fruchtbare Kunstepoche beendete, hat er nicht mehr erlebt. Kühne führte das Architekturbüro bis 1942 unter dem angestammten Namen weiter.



W  Bauwerke: Rathaus Dresden-Plauen, 1883-1885; Viktoriahaus Dresden, 1891/92, 1945 zerstört; Zentraltheater Dresden, 1897-1900, 1945 zerstört; Garnisonkirche St. Martin Dresden-Albertstadt, 1895-1900; Auferstehungskirche Dresden-Plauen, 1901/02; Kunstgewerbeschule und Kunstgewerbemuseum, 1903-1907; Kaufhaus Herzfeld Dresden, 1901, 1945 zerstört; Hauptbahnhof Leipzig, 1906-1916; Schloss Glaubitz, Westflügel und Turm, 1907-1909; Bergkirche Kipsdorf, 1908; Kirche Georgenfeld, 1908/09; Ständehaus Bautzen, 1909/10; Industrie- und Handelskammer Dresden, 1909/10; Synagoge Görlitz, 1910/11; Verlagshaus B. G. Teubner Leipzig, 1911; Schauspielhaus Dresden, 1911-1913; Hafenmühle Dresden-Friedrichstadt, 1912/13; Evangelische Traukapelle Oberbärenburg, 1913; Industrie- und Handelskammer Plauen, 1913-1915; Leipzig, Hotel Astoria, 1913-1915; Schloss Osterstein Gera, Westflügel, 1945 zerstört, 1962 abgerissen; Schloss Proschwitz Meißen, Restaurierung, 1913/14; Schriften: mit M. H. Kühne, Das Neue Königliche Schauspielhaus Dresden, Darmstadt [1914]; mit M. H. Kühne, Arbeiten aus den Jahren 1906-1913, [1913].

L  William L. †, in: Deutsche Bauzeitung 48/1914, S. 490f.; W. Hegemann, Architekten Lossow & Kühne, Dresden, Berlin/Leipzig/Wien 1930 (ND Berlin 1998); F. Löffler, Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, Leipzig 1981; H. Mai, Kirchen in Sachsen. Vom Klassizismus bis zum Jugendstil, Berlin/Leipzig 1992. – DBA II, III; DBE 6, S. 497; Thieme/Becker, Bd. 23, Leipzig 1999, S. 404.

P  William L., H. Erfurth, 1907, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Matthias Donath
12.6.2012


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Lossow, William, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.12.2017)

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