Wundt Wilhelm Maximilian
Psychologe, Philosoph, Physiologe, Mediziner, Politiker
* 16.8.1832 Neckarau bei Mannheim 31.8.1920 Großbothen Leipzig, Südfriedhof(ev.)
VMaximilian (1787-1846), protestantischer PfarrerMMarie Frederike, geb. Arnold (1797-1868)G3 u.a. Ludwig (1855-1886)Sophie, geb. Mau (1844-1912)SMax (1879-1963)TEleonore (1876-1957); Louise (1880-1884)
GND: 11863562X





W. war ein wichtiger Begründer der modernen Psychologie als eigenständige akademische Disziplin; u.a. etablierte er das Experiment als Methode zur Untersuchung psychischer Phänomene und gründete 1879 in Leipzig das weltweit erste Institut für experimentelle Psychologie. Die von ihm entwickelte Völkerpsychologie bediente sich zur Untersuchung höherer mentaler Prozesse vorwiegend geisteswissenschaftlicher Herangehensweisen. Sein Werk umfasst mehr als 50.000 gedruckte Seiten, nicht nur zur Psychologie, sondern auch zu Philosophie, Geschichte, Politik, Physiologie, Physik und Biologie. – Nach dem Studium der Medizin 1851-1856 in Tübingen, Heidelberg und Karlsruhe wurde W. in Heidelberg promoviert. Anschließend forschte er bei Johannes Müller und Emil du Bois-Reymond in Berlin. 1857 habilitierte er sich in Heidelberg, war dort 1858-1863 Assistent bei Hermann von Helmholtz und wurde 1864 zum außerordentlichen Professor für Anthropologie und medizinische Psychologie an der Medizinischen Fakultät berufen. Als Mitglied der Badischen Fortschrittspartei war er 1864-1868 Abgeordneter der Stadt Heidelberg in der zweiten Kammer des Badischen Landtags, bevor er sein Mandat niederlegte, um sich ganz der Wissenschaft widmen zu können. 1874 folgte W. einem Ruf auf eine ordentliche Professur für induktive Philosophie an die Universität Zürich, im Jahr darauf auf eine Professur für Philosophie an die Universität Leipzig. 1889/1890 war W. auch Universitätsrektor. 1879 gründete er das Institut für experimentelle Psychologie an der Universität Leipzig. 1917 zog sich W. vom Lehramt zurück. – Als Politiker vertrat W. lange Zeit liberale bis (damals) sozialistische Positionen. Er setzte sich für die Arbeiterbildung ein, vertrat eine Trennung von Staat und Kirche, argumentierte für die Zulassung von Frauen zum akademischen Studium, kritisierte Bildungsprivilegien für Reiche, trat für die allgemeine Verstaatlichung von Bahn und Post ein. Später dominierte bei ihm eine nationalistische Haltung, die sich u.a. in seiner Unterzeichnung der Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reichs (1914) zu Beginn des Ersten Weltkriegs oder in seiner Rede „Über den wahrhaften Krieg“ (1914) zeigt. – Die Gründung des „Instituts für experimentelle Psychologie“ wird üblicherweise auf 1879 datiert, doch wurden nach W. (1910) die Räume dafür im Konviktsgebäude der damaligen Leipziger Universität schon 1875 durch das Ministerium zur Verfügung gestellt. 1879 begannen Studierende dort mit experimentellen Arbeiten, der Name des Instituts erschien zum ersten Mal im Vorlesungsverzeichnis des Wintersemesters 1883/1884. Bis das Institut ab 1883 durch einen planmäßigen Haushalt finanziert wurde, stellte W. Apparate und andere Lehrmittel aus seinem Privatbesitz zur Verfügung. Verdunkelbare Auditorien umfassten 492 bzw. 98 Sitzplätze, daneben gab es mehrere Experimentier- und Arbeitsräume. Das Institut verfügte über eine umfangreiche Sammlung von Apparaten und Lehrmitteln, so einen zeitlich hochauflösenden Chronoskopen zur genauen Messung der Reaktionszeiten und verschiedenartige Tachistoskope, die die präzise Darbietung visueller Reize ermöglichten. – W. promovierte 183 Doktoranden und eine Doktorandin - knapp die Hälfte der Themen waren experimentalpsychologisch, die anderen Doktorarbeiten beschäftigten sich vorwiegend mit Themen der Völkerpsychologie und Philosophie. 62 Promovenden stammten aus dem Ausland, darunter auch zahlreiche aus den USA, Kanada und Japan. Unter W.s Mitarbeitern, Doktoranden, Hörern und Gästen waren sehr viele, die später prominente Karrieren innerhalb und außerhalb der Akademia erzielten, so etwa der Pädagoge Aloys Fischer, der Politiker Karl Liebknecht, die Philosophen Edmund Husserl, Paul Barth und George Herbert Mead, der Neurologe Wladimir Michailowitsch Bechterew, der Psychiater Emil Kraepelin, die Psychologen James McKeen Cattell und Hugo Münsterberg, der Chemiker und Psychologe Victor Henri, der Soziologe und Ethnologe Émile Durkheim, der Statistiker und Psychologe Charles Edward Spearman, der chinesische Erziehungsminister und Rektor der Universität Peking Cai Yuanpei. Dieses starke Engagement in der Ausbildung von Studierenden sowie Nachwuchswissenschaftlern und der hohe Grad an Internationalisierung seines Instituts trugen entscheidend zur Etablierung der Psychologie wie auch zur hohen Reputation von W. selbst bei. Er pflegte zahlreiche akademische persönliche Kontakte in Leipzig, u.a. mit dem Physiker und Psychologen Gustav Theodor Fechner, dem Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald und dem Historiker Karl Lamprecht, und korrespondierte in tausenden Briefen mit vielen weiteren Persönlichkeiten der Geistes- und Naturwissenschaften (Helmholtz, Ernst Haeckel, Eduard Spranger, Wilhelm Dilthey, Frans Cornelis Donders). – W.s immenses Forschungsprogramm begründete die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin zwischen der Physiologie und der Philosophie als eine Art empirischer Geisteswissenschaft: Auf der einen Seite vertrat er die Auffassung, dass alles Psychische eine physiologische Grundlage aufweist, auf der anderen Seite propagierte er einen psychophysischen Parallelismus, wonach das Psychische eine nicht auf das Physiologische reduzierbare, aber trotzdem empirisch zu untersuchende eigenständige und eigengesetzliche Entität ist (Prinzip der psychischen Kausalität: Psychisches wird nur durch Psychisches erzeugt). W. vertrat einen empirischen (im Gegensatz zu einem metaphysischen) Seelenbegriff. Das Psychische (oder das Bewusstsein) ist nach W. als integrativer Prozess (Apperzeption) zu verstehen, der die verschiedenen geistigen Prozesse (u.a. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kognition, Intention) miteinander verbindet. Aufgabe der Psychologie sei es, diese Struktur des Psychischen, also die psychischen Elemente und deren Verbindungen, aufzuklären. Damit vertrat er einen Strukturalismus, der nach dem „Ist“ fragt (im Gegensatz zur Wozu-Frage des Funktionalismus). Die einzelnen psychischen Einheiten sind zwar in verbundene Elemente zerlegbar, das Psychische ist jedoch mehr als die Verbindung der einzelnen Elemente, eine Auffassung, die später von der Gestaltpsychologie („Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“) und von der Systemtheorie (Emergenzprinzip) geteilt wurde. – Aufbauend auf der von Ernst Heinrich Weber und Fechner begründeten Psychophysik hielt W. für die Untersuchung zahlreicher psychologischer Phänomene wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis oder Emotion eine experimentelle Herangehensweise für geeignet, das heißt die geschulte Selbstbeobachtung (nicht eine naive Introspektion) unter experimenteller Kontrolle. Mit dieser Methode hat W.s Schüler McKeen Cattell die Kapazität der Aufmerksamkeitsspanne ermittelt. Phänomene der Völkerpsychologie hingegen, die wie Sprache, Denken oder Kunst Produkte höherer geistiger Prozesse sind, untersuchte W. durch analytische und vergleichende Beobachtung ebendieser allgemeingültigen Geisteserzeugnisse (z.B. Überlieferungen früherer Kulturen). Die experimentelle Psychologie stellte für W. eine Individualpsychologie dar, während er die Völkerpsychologie als eine generelle und vergleichende Psychologie verstand. – Zusätzlich zu W.s enorm wichtigen wissenschaftstheoretischen, erkenntnistheoretischen und methodischen Fundierungen der Psychologie haben auch viele seiner einzelwissenschaftlichen Beiträge zu konkreten psychologischen Themen große Beachtung gefunden. Z.B. präsentierte W. in seiner „Logik” ein für die Sprachpsychologie und Linguistik sehr einflussreiches Modell der Syntaxstruktur. Seine psychophysiologischen Messungen (u.a. Puls und Atmung) begründeten sein Modell der Emotionen, wonach sich die Grundemotionen in einem Raum darstellen lassen, dessen drei Dimensionen Lust-Unlust, Erregung-Beruhigung und Spannung-Lösung sind. Schließlich lieferten W.s umfangreiche Experimentalserien zur Aufmerksamkeit die Grundlage der Unterscheidung einer willkürlichen und einer unwillkürlichen Form der Aufmerksamkeit.



Q  Universitätsbibliothek Leipzig, Historische Bestände und Nachlässe, Nachlass Wilhelm W. https://histbest.ub.uni-leipzig.de/content/estate_wundt.xed; Kalliope-Verbund http://kalliope.staatsbibliothek-berlin.de/de/search.html?q=wundt

W  Untersuchungen über das Verhalten der Nerven in entzündeten und degenerirten Organen, Diss. Heidelberg 1856; Untersuchungen zur Mechanik der Nerven und Nervencentren, 2 Bde., Erlangen/Stuttgart 1871-1876; Vorlesungen über die Menschen- und Thierseele, 2 Bde., Hamburg 1863 (ND Berlin 1990); Handbuch der medicinischen Physik, Erlangen 1867; Grundzüge der Physiologischen Psychologie, Leipzig 1873/74 (ND Saarbrücken 2007); Logik, 2 Bde., Stuttgart 1880-1883, Stuttgart 41920-1921; (Hg.), Philosophische Studien 1/1883-18/1903; Ueber die Messung psychischer Vorgänge, in: Philosophische Studien 1/1883, S. 251-260, 463-471; Ethik. Eine Untersuchung der Tatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens, Stuttgart 1886 (ND Bremen 2012); System der Philosophie, Leipzig 1889, Leipzig 41919 (ND Moskau 2018 [russ.]); Ueber psychische Causalität und das Princip des psycho-physischen Parallelismus, in: Philosophische Studien 10/1894, S. 1-124; Grundriss der Psychologie, Leipzig 1896 (ND Altenmünster 2012); Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythos und Sitte, 10 Bde., Leipzig 1900-1920; (Hg.), Psychologische Studien 1/1905/06-10/1915/18; Über reine und angewandte Psychologie, in: Psychologische Studien 5/1909, S. 1-47; Das Institut für experimentelle Psychologie, Leipzig 1909; Über den wahrhaften Krieg, Leipzig 1914; Erlebtes und Erkanntes, Stuttgart 1920, Stuttgart 21921 (ND Altenmünster 2012).

L  J. McKeen Cattell, Psychometrische Untersuchungen, in: Philosophische Studien 3/1886, S. 305-335, 452-492, 4/1888, S. 241-250; W. James, The Principles of Psychology, New York/London 1890; E. Wundt, Wilhelm W.s Werke, München 1927 (WV); W. Meischner/E. Eschler, Wilhelm W., Leipzig u.a. 1979; W. Meischner/A. Metge, Wilhelm W. - Progressives Erbe, Wissenschaftsentwicklung und Gegenwart, Leipzig 1980; G. A. Ungerer, Wilhelm W. als Psychologe und Politiker, in: Psychologische Rundschau 31/1980, H. 2, S. 99-110; M. Wontorra/A. Meischner-Metge/E. Schröger (Hg.), Wilhelm W. (1832-1920) und die Anfänge der Experimentellen Psychologie, Leipzig 2004 http://psychologie.biphaps.uni-leipzig.de/wundt/viewerz.htm; G. Jüttemann (Hg.),Wilhelm W.s anderes Erbe, Göttingen 2006; H. M. Wontorra, Frühe apparative Psychologie, Tönning/Lübeck/Marburg 2009; J. Fahrenberg, Wilhelm W. - Pionier der Psychologie und Außenseiter?, Freiburg 2011 http://hdl.handle.net/20.500.11780/662; ders., Wilhelm W.s Kulturpsychologie (Völkerpsychologie), Freiburg 2016 http://hdl.handle.net/20.500.11780/3674; ; S. F. Araujo, W. and the Philosophical Foundations of Psychology, Cham 2016; T. Meyer/A. Mädebach/E. Schröger, The Digitization of the W. Estate at Leipzig University, in: History of Psychology 20/2017 Nr. 3, S. 342-345; J. Fahrenberg, Wilhelm W. (1832-1920), Lengerich 2018. – DBA I, II, III; DBE 10, S. 598f.; A. Kim, Wilhelm Maximilian W., in: E. N. Zalta (Hg.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2016 Edition) https://plato.stanford.edu/archives/fall2016/entries/wilhelm-wundt/.

P  Porträt Wilhelm W., D. Arnd-Raschid, Gemälde, Reproduktion: Universitätsbibliothek Würzburg (Bildquelle) [CC BY-NC-SA 4.0, This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International Unported License].



Erich Schröger
5.8.2019


Empfohlene Zitierweise:

Erich Schröger, Wundt, Wilhelm Maximilian, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (17.11.2019)

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