Virneisel Wilhelm Peter Heinrich
Musikjournalist und -schriftsteller, Musikwissenschaftler, Kapellmeister, Bibliothekar, Leiter der Städtischen Musikbücherei Dresden
* 12.5.1902 Koblenz 9.11.1995 Siegsdorf Siegsdorf(kath.)
VAugust (1866-1944), Praktischer Arzt, Oberarzt am städtischen Bürgerhospital Koblenz, SanitätsratMGertrude Antonia Wilhelmine Selma, geb. Vormann (1875-1954)GMagdalena Maria Christine Gertrude (1898-1977)1945 Charlotte, geb. Vogel (1906-1996), Bibliothekarin an der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und an der Universitätsbibliothek Tübingen
GND: 11743552X

V. war Musikforscher, aktiver Musiker und Bibliothekar. Er leitete fast zwei Jahrzehnte die Städtische Musikbücherei Dresden. – Nach Ablegung der Reifeprüfung am Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Koblenz Ostern 1920 begann V. ein Studium der Medizin in Würzburg. Am 30.10.1920 immatrikulierte er sich an der Universität Greifswald, die er aber bereits Ostern 1921 wieder verließ. Danach wechselte er an die Universität Bonn, trug sich zunächst für das Fach Heilkunde ein und studierte ab Juli 1921 Musikwissenschaft, deutsche Literatur und Geschichte. Am 13.12.1924 wurde er mit der Dissertation „Christian Benjamin Klein und seine Sammlung musikalischer Handschriften“ zum Dr. phil. promoviert. V. besuchte außerdem das Kölner Konservatorium (heute Hochschule für Musik und Tanz) bei August von Othegraven. Zusätzlich erhielt er Privatunterricht in Musiktheorie, Klavierspiel und Violinspiel in Koblenz, Greifswald und Bonn sowie am Bayerischen Staatskonservatorium der Musik in Würzburg (heute Hochschule für Musik) bei Simon Breu. 1923/24 wurde V. Kapellmeister am Stadttheater Koblenz. In den folgenden Jahren gehörte er dem Verband deutscher Musikkritiker, der Deutschen Musikgesellschaft und der Bruckner-Gesellschaft an. 1924 bis 1928 übte er eine musikjournalistische und schriftstellerische Tätigkeit in Koblenz aus, wobei er von der SPD-Zeitung „Rheinische Warte“ als Musikkritiker beschäftigt wurde. Zudem war er Lehrer für Musikgeschichte und Ästhetik. – 1929 schlug V. die Bibliothekarslaufbahn ein. Sein Volontariat, das er ab 1.2.1929 an der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und ab 1.10.1930 an der Universitätsbibliothek Leipzig absolvierte, beendete er am 23.3.1931 mit der Ablegung der Prüfung für den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken und der Zusatzprüfung für die Verwaltung von Musikalien. Am 15.9.1931 trat er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (Volontär) in die Städtische Bücherei Dresden ein, wo er die Vertretung des erkrankten Musikbibliothekars Kurt Quaas übernahm. Ab 1.1.1932 war er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter mit der Leitung der Städtischen Musikbücherei betraut. – 1937 bis 1942 war er Mitglied im Opferring, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und dem Reichsluftschutzbund, ohne dass er dabei Ämter oder Funktionen ausübte. Vom 27.2.1943 bis 21.5.1945 gehörte er der Wehrmacht an. Den Kriegsdienst versah er als Krankenträger in einer Sanitätskompanie in Frankreich, Russland und Rumänien sowie ab 18.5.1945 im Lazarett in Chemnitz. – Ab 29.5.1945 stand V. als Leiter der Städtischen Musikbücherei wieder im Dienst der Stadt Dresden. Offensichtlich konnte er in der Städtischen Musikbücherei Dresden seine vielfältigen musikwissenschaftlichen, musikpraktischen und bibliothekarischen Fähigkeiten sehr gut einbringen. Dies zeigt sich neben vielen Veröffentlichungen, z.B. über die Geschichte der Bach-Pflege in Dresden und über unveröffentlichte Briefe von Carl Maria von Weber sowie dessen Nachlässe. Am 1.4.1949 erfolgte seine Übernahme durch die Landesregierung Sachsen und die Anstellung im Ministerium für Volksbildung. Aufgrund seiner Berufung an die Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek Berlin (Ost) (ehemals Preußische Staatsbibliothek und später Deutsche Staatsbibliothek Berlin) bat er am 13.3.1950 um Entlassung bei der Städtischen Musikbücherei, welche zum 31.3.1950 vollzogen wurde. An der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek Berlin arbeitete er in der Musikabteilung. Als kommissarischer Direktor leitete er diese Abteilung vom 1.6.1951 bis 21.5.1956. Offenbar aufgrund massiven politischen Drucks emigrierte er 1956 in die BRD, wo er zunächst in Traunstein lebte, ehe er nach Göttingen zog. Am 1.8.1956 wurde er freier Mitarbeiter am Johann-Sebastian-Bach-Institut in Göttingen, wo er wertvolle Vorarbeiten zur Erstellung einer Chronologie der Kantaten Johann Sebastian Bachs leistete. Zum 1.1.1957 berief ihn das Land Baden-Württemberg als Leiter des in der Universitätsbibliothek Tübingen untergebrachten Depots der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek. Dort übernahm er die wissenschaftliche Betreuung der im Zweiten Weltkrieg in das Kloster Beuron ausgelagerten Handschriften der Berliner Staatsbibliothek. Dieses mit einem umfangreichen Musikalienbestand ausgestattete Depot diente viele Jahre der musikalischen Quellenforschung. Ab 1.7.1962 war die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sein Arbeitgeber und am 1.1.1966 erhielt V. den Titel „Wissenschaftlicher Bibliothekar“, wobei er seine Leitungsfunktion aber weiterhin ausübte. 1967 trat er in den Ruhestand. Kurz vor Ende seiner Tätigkeit befasste er sich noch mit der beginnenden Verlagerung der Bestände aus Beuron und Tübingen nach Berlin-Dahlem, die er allerdings im Hinblick auf deren Benutzung für verfrüht hielt. Im Ruhestand widmete er sich neben seinen musikalischen und wissenschaftlichen Ambitionen auch Sprachstudien. Zusätzlich zu seinen bereits vorhandenen Lateinkenntnissen lernte er noch Arabisch, um Lyrik in dieser Sprache lesen zu können.



Q  Stadtarchiv Dresden, Personalakte V.; Friedhofsamt Siegsdorf, Auskunft vom 8.7.2008; D. Klett, Dresden, Auskunft vom Juli 2008; H. Hornung, Tübingen, Auskunft vom 17.7.2008 und 21.7.2008.

W  Partituren: (Hg.), W. A. Mozart, Deutsche Tänze, KV 509, Faksimile der Urschrift, Leipzig 1955; (Hg.), J. Haydn, Messe B-Dur („Schöpfungs-Messe“), Faksimile der Urschrift, München/Duisburg 1957; (Hg.), J. S. Bach, Cantate burlesque (Bauernkantate), BWV 212, Faksimile nach dem Autograph, München/Duisburg 1965; (Hg.), L. v. Beethoven, Missa solemnis, op. 123, Kyrie, Faksimile nach dem Autograph, Tutzing 1965; Schriften: Christian Benjamin Klein und seine Sammlung musikalischer Handschriften, Diss. Bonn 1924; Verdi als Librettist, in: Die Musik 20/1927/28, H. 1, S. 107-113; Richard Strauss’ Intermezzo, in: Zeitschrift für Musik 96/1929, H. 3, S. 131-135; Bruckners II. Symphonie, in: Dresdner Brucknerblätter 8/1939, S. 1-4; Zur Geschichte der Dresdner Bachpflege, in: G. Haußwald (Hg.), Johann Sebastian Bach 1750-1950, Dresden 1950, S. 24-36; Aus dem Berliner Freundeskreis Webers, in: G. Haußwald (Hg.), Carl Maria von Weber, Dresden 1951, S. 52; Die Musikabteilung der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek nach ihrem Umzug, Februar 1952, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 66/1952, S. 447-449; Aus Beethovens Skizzenbuch, in: Zeitschrift für Musik 113/1952, S. 142-146; Otto Nicolai als Musiksammler, in: W. Vetter (Hg.), Festschrift Max Schneider zum achtzigsten Geburtstage, Leipzig 1955, S. 227-240; Die Musikabteilung der Deutschen Staatsbibliothek, in: Fontes artis musicae 2/1955, S. 108-112; Die jüngsten Handschriftenerwerbungen der Musik-Abteilung der Deutschen Staatsbibliothek, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 69/1955, S. 449-452; Beethoven-Schrifttum 1953 und 1954, in: Beethoven-Jahrbuch 2/1955/56, S. 122-150; 50 Jahre deutsche Musiksammlung, in: Musikhandel 7/1956, S. 103f.; Musikhandschriften und Musikdrucke aus fünf Jahrhunderten, Tübingen 1957; Kleine Beethoveniana, in: D. Weise (Hg.), Festschrift Joseph Schmidt-Görg zum 60. Geburtstag, Bonn 1957, S. 361-376; Beethoven-Schrifttum 1955 und 1956, in: Beethoven-Jahrbuch 3/1957/58, S. 127-154; Beethoven-Schrifttum 1957 bis 1961, in: ebd. 5/1961/64, S. 148-200; Das Kyrie der Missa solemnis, Tutzing 1965.

L  V., in: Jahrbuch der deutschen Bibliotheken 40/1963, S. 322; H. Hornung, Wilhelm V., in: Mitteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin NF 5/1996, H. 1, S. 77f.; Stadttore zur Medienwelt, hrsg. von den Städtischen Bibliotheken Dresden, Altenburg 2006 (P). – DBA II, III; MGG 13, Sp. 1828; NGroveD (1980) 20, S. 11; RiemannL 2, S. 856, Ergänzungsband Personenteil, S. 846; E. H. Müller (Hg.), Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden 1929, Sp. 1492; Kürschners deutscher Gelehrten-Kalender, Berlin 101966, Sp. 2565; Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon, begr. von P. Frank, Teil 1, Wilhelmshaven 151971, S. 654, Teil 2, Bd. 2, Wilhelmshaven 1978, S. 392; A. Habermann/R. Klemmt/F. Siefkes, Lexikon deutscher wissenschaftlicher Bibliothekare 1925-1980, Frankfurt/Main 1985, S. 193.



Stefan Domes
31.3.2010


Empfohlene Zitierweise:

Stefan Domes, Virneisel, Wilhelm Peter Heinrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.6.2017)

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