Krug Wilhelm Traugott
MdL, Philosoph, Rektor der Universität Leipzig
* 22.6.1770 Radis bei Wittenberg 12.1.1842 Leipzig(ev.)
VJohann Christian, RittergutspächterMChristiane, geb. SteudeG2 Brüder1804 Wilhelmine (1782-1852), geb. von Zenge, Tochter des preußischen Generalmajors August Wilhelm Hermann von Zenge (1736-1817)SS 4 u.a. August Otto (1805-1867), Jurist, verh. mit Charlotte Schnorr von CarolsfeldT2
GND: 11884704X





K. zählte zu den geistigen Wegbereitern des konstitutionellen Liberalismus in Sachsen. Als Leipziger Universitätsprofessor, der vielfach zu den Problemen seiner Zeit Stellung bezog und Reformen einforderte, beeinflusste er wesentlich die öffentliche politische Meinung. – Seine erste Schulbildung erhielt K. durch verschiedene Hauslehrer sowie in der Dorfschule in Radis und in der Lateinschule in Großenhain. 1782 bekam er schließlich eine Freistelle an der Landesschule Schulpforte bei Naumburg. Derart auf das Studium vorbereitet, immatrikulierte er sich 1788 an der Universität Wittenberg, wo er Theologie, Philosophie, Geschichte, Mathematik und Philologie studierte. Seine Lehrer waren u.a. Karl Christian Tittmann, Franz Volkmar Reinhard, Karl Ludwig Nitzsch und Johann Jakob Ebert. Nach seiner Promotion am 17.10.1791 setzte K. seine Studien an der Universität Jena fort. Hier besuchte er v.a. Vorlesungen des Philosophen Karl Leonhard Reinhold, eines Anhängers von Immanuel Kant. – Im Anschluss an einen einsemestrigen Studienaufenthalt in Göttingen kehrte K. 1794 nach Wittenberg zurück, um sich dort zu habilitieren. Jedoch folgten berufliche Schwierigkeiten, als 1795 bekannt wurde, dass er der Autor der anonym erschienenen „Briefe über die Perfektibilität der geoffenbarten Religion“ war. In dieser Schrift verfolgte K. Überlegungen, wonach sich die Offenbarungsreligionen hin zu einer allgemeinen Menschheitsreligion entwickeln würden, was die sächsische Staatsregierung als Gefährdung des Christentums verstand. Derart stigmatisiert, schlugen trotz starker Protektion durch Reinhard, der mittlerweile Oberhofprediger und Oberkonsistorialrat in Dresden geworden war, alle Versuche K.s fehl, in Sachsen eine Professur zu erlangen. Deshalb ging er im Sommer 1801 nach Berlin, um hier schließlich erfolgreich Kontakte zu knüpfen. Noch im selben Jahr erhielt K. zunächst eine außerordentliche und 1802 eine ordentliche Professur in Frankfurt/Oder, bevor er 1804 die Nachfolge Kants in Königsberg (russ. Kaliningrad) antrat. Dort schloss er Bekanntschaft mit August von Kotzebue, Johann Gottlieb Fichte und besonders mit Heinrich von Kleist, dessen ehemalige Verlobte Wilhelmine er 1804 heiratete. Kleists Stück „Der zerbrochene Krug“ spielt darauf an. – 1809 erhielt K. schließlich doch noch eine Professur in Sachsen, als er in Leipzig auf den Lehrstuhl für Logik und Metaphysik berufen wurde. Schon vier Jahre später bekleidete er das Rektorat dieser Universität, das er jedoch 1813 kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig niederlegte, um als Freiwilliger bei den reitenden Jägern gegen die napoleonischen Truppen zu kämpfen. Als Rittmeister à la suite nahm K. im Frühjahr 1814 seinen Abschied, um sich wieder den akademischen Aufgaben zu widmen, ohne dass sein politisches Engagement nachließ. So begeisterte sich K. nach 1820 als einer der ersten Vertreter der philhellenistischen Bewegung für den griechischen Freiheitskampf, den er in mehreren Schriften rechtfertigte, wohingegen er die polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen ablehnte. Als Abgeordneter der Leipziger Universität auf dem Landtag von 1820/21 kritisierte er dessen verkrustete Struktur und forderte Reformen, wie sie zumindest teilweise in der Verfassung von 1831 verwirklicht werden sollten. Kritik übte er ebenso am Zustand der Leipziger Universität, bei deren Reformierung von der alten Kollegienuniversität hin zur Staatsuniversität er sich in seiner Zeit als Rektor (1830/31) große Verdienste erwarb. Das Jahr 1830, das er in einer autobiografischen Schrift als das „merkwürdigste“ seines Lebens bezeichnete, spielte K. eine wichtige Rolle während der Unruhen, die im Gefolge der Pariser Julirevolution am 2.9. in Leipzig ausbrachen. Nachdem der alte Stadtmagistrat seiner Ämter enthoben war, formierte K. als Rektor die Studenten zu einer Schutzgarde, mit der er die neu aufgestellte Kommunalgarde bei der Wiederherstellung der Ruhe in der Stadt unterstützte. Als Dank überreichte ihm der neu gewählte Magistrat am 31.10.1830, dem Reformationstag, während eines Festakts auf dem Marktplatz einen Ehrenpokal; die Universität, der er vorstand, erhielt eine bestickte Fahne. Die sächsische Regierung verlieh ihm im Frühjahr 1831 das Ritterkreuz des Königlich Sächsischen Zivilverdienstordens. – 1833 vertrat K. die Universität erneut in der Ersten Kammer der neu konstituierten Ständeversammlung. Im Folgejahr legte er seine Professur nieder, hielt jedoch bis kurz vor seinem Tod Philosophievorlesungen als außerordentlicher Professor. Nachdem ihm die Theologische Fakultät bereits 1830 die Ehrendoktorwürde verliehen hatte, ernannte ihn Leipzig 1841 anlässlich seines 50-jährigen Doktorjubiläums zum Ehrenbürger und die Juristische Fakultät zum Doktor juris utriusque. Seit 1840 war K. auch Träger des Ritterkreuzes des Königlich Griechischen Erlöser-Ordens. – K.s Werk fand eine unterschiedliche Bewertung. Mit seinem Umfang von über 200 Schriften wurde es zuweilen als oberflächlich und belanglos gescholten. Andererseits zeugen wiederholte Auflagen oder Übersetzungen in viele Sprachen von einer Popularität, die nicht zuletzt daraus resultierte, dass es K. verstand, komplizierte Sachverhalte überschaubar und nachvollziehbar darzustellen. Diese Stärke zeigte sich nicht nur in den politischen Schriften, sondern auch in seinem philosophischen Werk. Dessen Wert liegt in dem gelungenen Versuch, der Kant’schen Vernunftkritik ein schulphilosophisches System zu geben, wobei K. Idealismus und Realismus sowie Schul- und Popularphilosophie vereinte. Letztlich resultierte K.s großer Einfluss auf die Politisierung der sächsischen Öffentlichkeit gerade aus der Allgemeinverständlichkeit seiner Schriften und deren Bezug zur politischen Realität.



W  De pace inter philosophos utrum speranda et optanda, Diss. Wittenberg 1794; Briefe über die Perfektibilität der geoffenbarten Religion, Leipzig/Jena 1795; Geschichte der Philosophie alter Zeit, Leipzig 1815, ²1827; Mahnung der Zeit an die protestantische Kirche bei der Wiederkehr ihres Jubelfestes, Leipzig ²1817; System der praktischen Philosophie, Bde. 1-2, Königsberg 1817/18, Bd. 3, Königsberg 1819, ²1830-1838; Handbuch der Philosophie und der philosophischen Literatur, 2 Bde., Leipzig 1820/21, ³1828 (ND Düsseldorf 1969); Griechenlands Wiedergeburt, Leipzig 1821; Meine Lebensreise, Leipzig 1825, ²1842; Leipziger Freuden und Leiden i. J. 1830, Leipzig 1831; Für Polenfreunde und Polenfeinde, Leipzig 1831.

L  W. Löschburg, Wilhelm Traugott K. und der nationale Befreiungskampf des griechischen Volkes, in: E. Engelberg (Red.), Karl-Marx-Universität Leipzig, Bd. 1, Leipzig 1959; A. Kemper, Gesunder Menschenverstand und transzendentaler Synthetismus, Münster 1988; S. Vogel, Die liberale Bewegung in Sachsen, Bonn 1993; H.-J. Becker, Wilhelm Traugott K. und Heinrich von Kleist, in: Kleist-Jahrbuch 26/1996, S. 35-49; C. Ortloff, Das staatskirchenrechtliche System Wilhelm Traugott K.s, Frankfurt/Main u.a. 1998 (WV); W. Flügel, Konfession und Jubiläum, Leipzig 2005. – ADB 17, S. 220-222; DBA I, II, III; DBE 6, S. 126; NDB 13, S. 114f.

P  Wilhelm Traugott K., G. Schlick nach A. Duncan, Stahlstich, 1831, Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel; J. Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte – Formierungen und Brüche des Zweikammerparlaments (1833–1868), Dresden 2007, S. 11 (Bildquelle).



Wolfgang Flügel
20.4.2011


Empfohlene Zitierweise:

Wolfgang Flügel, Krug, Wilhelm Traugott, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (19.10.2017)

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