Hartnacke Wilhelm
Minister für Volksbildung, Pädagoge
* 7.11.1878 Altena/Westfalen 13.9.1952 Soest(ev.)
VDiedrich (1846-1913), PostsekretärMWilhelmine, geb. Trappe (1854-1919)1906 Marie, geb. Sveistrup (* 1883)SHans Thomas (* 1907), Ingenieur; Jürgen (* 1913)TGertrud Doris (1910-1927); Lore (* 1916)
GND: 116502347

H. war als Dresdner Stadtschulrat und späterer Minister für Volksbildung ein Exponent der sächsischen Bildungspolitik, der aufgrund seiner regen Publikations- und Vortragstätigkeit auch über die Landesgrenzen hinaus Bekanntheit erlangte. – Im Alter von sechs Jahren zog H. mit seiner Familie von Altena/Westfalen nach Soest, wo er ab Ostern 1885 die Volksschule besuchte. 1889 wechselte er auf das Archi-Gymnasium, das er 1898 mit dem Abitur abschloss. Danach studierte H. in Halle/Saale und Berlin Neuere Sprachen und promovierte im Dezember 1901 mit einer Arbeit aus dem Gebiet der romanischen Philologie. Nach einem Studienaufenthalt in Besançon (Frankreich) arbeitete er dann zunächst als Hauslehrer, später vertretungsweise als Hilfslehrer an der Oberrealschule in Bremen. Ab Oktober 1903 nahm er wechselnde Vertretungen an höheren Schulen Bremens wahr. Gleichzeitig bereitete er sich auf das Oberlehrerexamen vor, das er im Dezember 1904 erfolgreich an der Universität Halle-Wittenberg ablegte und womit er die Lehrbefähigung für Französisch und Englisch für Oberklassen sowie für Deutsch und Erdkunde für die zweite Stufe erwarb. Bis April 1905 arbeitete H. als Privatlehrer in Soest, danach als wissenschaftlicher Hilfslehrer an der siebenstufigen Realschule Bremen-Doventor. Im Oktober 1905 wechselte er an die Realschule Bremen-Altstadt, wo er ein Jahr später Oberlehrer wurde. Im Mai 1910 stieg H. zum Zweiten, 1912 zum Ersten Schulinspektor Bremens auf. – Von Januar 1919 bis zum Frühjahr 1933 wirkte H. als besoldeter Stadtschulrat in Dresden, wo er v.a. von den im Dresdner Lehrerverein organisierten fortschrittlichen Volksschullehrern wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Einheitsschule und der Akademisierung der Volksschullehrerausbildung angegriffen wurde. Im Juni 1920 nahm H. im Ausschuss für Arbeitsunterricht an der Reichsschulkonferenz teil. – Am 10.3.1933 erhielt H. die Ernennung zum Beauftragten des Reichskommissars für das Volksbildungsministerium, das er seit dem 12.5.1933 als Volksbildungsminister leitete. In dieser Funktion hatte er Gelegenheit, seine bildungspolitischen und pädagogischen Vorstellungen umzusetzen. Bereits in seiner ersten Verordnung vom 14.3.1933 verpflichtete er die Lehrer, die Jugend im nationalen und völkischen Gedanken sowie zum Christentum und zur Volksgemeinschaft zu erziehen. Drei Tage später folgte die Einschränkung des unbedingten Verbots der körperlichen Züchtigung, das erst ein Jahrzehnt zuvor gesetzlich eingeführt worden war. Weitere Verordnungen betrafen die Re-Konfessionalisierung des gesamten Schulwesens. U.a. verfügte H. die verbindliche Teilnahme aller Schüler am Religionsunterricht, während er das Fach Moralunterricht/Lebenskunde aus dem Lehrplan entfernte. In Volks- und Hilfsschulen war der Unterricht wieder mit Choralgesang und Gebet zu beginnen und zu schließen. Vertretern der sächsischen Lehrerschaft und Kultusverwaltung, die sich diesem Programm widersetzten, drohte ein Arbeitsverbot. – In Durchführung des Reichsgesetzes gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25.4.1933 erließ H. auch eine Verordnung zur Anpassung des Umfangs der höheren Schulen an den Bedarf an akademischem Nachwuchs. Die infolge der Sichtungsmaßnahmen für Sachsen ermittelte Quote von Hochschulzugangsberechtigten ließ er jedoch nicht ausschöpfen. Schon vor 1933 hatte H. führend zu jenen Bildungsforschern gezählt, welche die im höheren Schulwesen zyklisch wiederkehrende Überfüllungsproblematik aus volksbiologischer Sicht interpretierten. Aus dem dabei postulierten Zusammenhang von „Bildungswahn“ und „Volkstod“ sprach freilich das Sonderinteresse des privilegierten Bildungsbürgertums, das angesichts der Demokratisierung der Bildungschancen in der ersten deutschen Republik um den Verlust angestammter gesellschaftlicher Positionen bangte. – Aufgrund innerparteilicher Rivalitäten zwischen Ministerpräsident Manfred von Killinger und Gauleiter Martin Mutschmann wurde H. am 20. März 1935 aus seinem Amt entlassen. Nach dem Ende seiner politischen Karriere unterrichtete er wohl am Kreuzgymnasium in Dresden und war weiterhin auf pädagogisch-publizistischem Gebiet tätig. Während des Kriegs arbeitete H. als Kriegsverwaltungsrat im Bereich Heerespsychologie, bevor er nach 1945 die SBZ verließ und in seine Heimat zurückkehrte. – Parteipolitisch gehörte H. der DVP und seit 1931 der DNVP an. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP (seit Mai 1933) wurde ein Jahr später annulliert. Einem neu gestellten Aufnahmeantrag wurde 1938 nicht entsprochen. H. war seit 1.9.1933 Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund und bis 1935 Mitherausgeber der Zeitschrift „Volk und Rasse“.



Q  Stadtarchiv Dresden, Bestand Personal- und Arbeitsamt, Personalakte Nr. H.595.

W  Das Problem der Auslese der Tüchtigen, Leipzig 1916, ²1916; Organische Schulgestaltung, Radebeul 1925, ²1926; Standesschule - Leistungsschule, Leipzig 1929; Das sächsische Schulwesen von heute, in: H. Großmann (Hg.), Sachsen, Berlin/München 1929, S. 115-129; Naturgrenzen geistiger Bildung, Leipzig 1930; Die Überfüllung der akademischen Berufe, Berlin/Radebeul 1931, ²1931; Bildungswahn - Volkstod!, München 1932, ²1936; Schrumpfung oder Verfall der höheren Schule?, Leipzig 1933; mit E. Wohlfahrt, Geist und Torheit auf Primanerbänken, Radebeul 1934, 41934; Die Ungeborenen, München 1936; Seelenkunde vom Erbgedanken aus, München/Berlin 1940, 31944; Geistige Begabung, Aufstieg und Sozialgefüge, Soest 1950.

L  Sächsische Schulzeitung 91/1924, S. 275-277, 93/1926, S. 477-480, 623-625, 96/1929, S. 711-713, 98/1931, S. 77-81, 99/1932, S. 491f.; Die maßlos heruntergewirtschaftete Volksschule, hrsg. vom Dresdner Lehrerverein, Dresden 21924; Leipziger Lehrerzeitung 33/1926, S. 76-79, 689f., 710f., 34/1927, S. 13f., 35/1928, S. 865, 36/1929, S. 577-580, 718f., 774-776, 37/1930, S. 1082f.; Dr. H. und das Begabungsproblem, hrsg. vom Dresdner Lehrerverein, Dresden 1927; F. Lenz, Zum Gedenken an Wilhelm H., in: Familie und Volk 2/1953, S. 293f.; E. Nyssen, Schule im Nationalsozialismus, Heidelberg 1979, S. 134-136; K. Schultze, Zur Maßregelung und Verfolgung progressiver sächsischer Lehrer 1933/34 und deren aktive Einflußnahme auf die antifaschistisch-demokratische Umgestaltung des Schulwesens nach 1945, Berlin 1986 [Ms.]; A. Nath, Die Studienratskarriere im Dritten Reich, Frankfurt/Main 1988, S. 200; P. Drewek, Begabungstheorie, Begabungsforschung und Bildungssystem in Deutschland 1890-1918, in: K.-E. Jeismann (Hg.), Bildung, Staat, Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1989, S. 404-407; H. Titze, Der Akademikerzyklus, Göttingen 1990, S. 282-291; B. Poste, Schulreform in Sachsen 1918-1923, Frankfurt/Main u.a. 1993, S. 256f.; F. Heidenreich, Arbeiterkulturbewegung und Sozialdemokratie in Sachsen vor 1933, Köln/Weimar/Wien 1995; A. Wagner, Mutschmann gegen von Killinger, Beucha 2001, S. 139-142 (P); J. Reyer, Eugenik und Pädagogik, Weinheim/München 2003, S. 125-131, 140-142; A. Wagner, „Machtergreifung“ in Sachsen, Köln 2004, S. 167f., 330f.; H. Keppeler-Schrimpf, „Bildung ist nur möglich auf der Grundlage des Volkstums“, Münster 2005; H.-C. Harten/U. Neirich/M. Schwerendt, Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs, Berlin 2006, S. 177-179, 393f. (WV); M. Schmeitzner/A. Wagner (Hg.), Von Macht und Ohnmacht, Beucha 2006; D. Böhme, Nationalsozialistische Schulpolitik 1933-1945, Dresden 2007 [Ms.]; H.-W. Wollersheim, Erbbiologische Untiefen der Begabungsdiskussion, in: Dresdner Hefte 97/2009, S. 44-53 (P); C. Pieper/M. Schmeitzner/G. Naser (Hg.), Braune Karrieren, Dresden 2012, S. 24 (Bildquelle); A. Reichel, Die sächsische Schulreform in der Weimarer Republik, Diss. Dresden 2013 [Ms.]. – NDB 8, S. 7f.; Kalender für den sächsischen Staatsbeamten auf das Jahr 1934, Dresden 1934, S. 7f.; H. A. L. Degener (Hg.), Wer ist’s?, Berlin 101935, S. 602.

P  Wilhelm H., Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Deutsche Fotothek; Wilhelm H., 1935, Fotografie, Bayerische Staatsbibliothek München, Fotoarchiv H. Hoffmann.



Andreas Reichel
21.2.2014


Empfohlene Zitierweise:

Andreas Reichel, Hartnacke, Wilhelm, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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