Haller Wilhelm Zeév
Architekt
* 11.6.1884 Gleiwitz (poln. Gliwice) 10.5.1956 Tel Aviv (Israel) Jerusalem, Friedhof Givat Sha’ul(jüd.)
VJacob, SattlermeisterMBertha, geb. GalewskiG8
GND: 136577997

H. war ein bedeutender deutsch-jüdischer Architekt der Klassischen Moderne der 1920er-Jahre. Er hinterließ ein vielfältiges Œuvre, das von Siedlungsbauten bis hin zu religiös genutzten Bauten für die jüdischen Gemeinden in Leipzig und Halle/Saale reicht. Sein bedeutendstes Gebäude schuf er mit der Trauerfeierhalle auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Leipzig. – H. wuchs zunächst mit seinen acht Geschwistern im schlesischen Gleiwitz und später in der Oberlausitz in ärmlichen Verhältnissen auf. Ab 1898 besuchte er die Dresdner Gewerbeschule. Währenddessen absolvierte er drei Maurerpraktika, wobei er sich 1902 eine schwere Knieverletzung zuzog. H. ging ab 1902 in die Bauschule Zittau. Es folgten Anstellungen an diversen Architektenbüros in Breslau (poln. Wrocław) und Frankfurt/Main sowie der Besuch der Technischen Hochschule in Darmstadt, die er 1909/10 mit bestandener Baumeisterprüfung verließ. 1910 war H. als Bauleiter bei verschiedenen Architekturbüros in Breslau und Frankfurt/Main tätig. In diese Zeit fallen z.B. die technischen Bauten Hans Poelzigs u.a. 1911 für die Industrieausstellung in Posen (poln. Poznań) sowie Max Bergs Jahrhunderthalle in Breslau im selben Jahr. Zusammen mit dem Architekten Hermann Senf fertigte er eigenen Angaben zufolge einen gemeinsamen, aber nicht mehr nachweisbaren Entwurf für einen Kirchenwettbewerb in Frankfurt-Oberrad an, der mit dem ersten Preis prämiert wurde. 1911 bis 1914 arbeitete H. in Leipzig für das Architektenbüro Weidenbach & Tschammer und das Büro des Architekten Emil Franz Hänsel. Ab 1914 war er selbstständig. Noch während der Kriegsjahre erfolgten Studienreisen durch Deutschland, Italien, Holland und Nordfrankreich. In die Jahre 1913 bis 1915 sind H.s Entwürfe für die Gestaltung der Straße des 18. Oktober sowie der mit dem zweiten Platz ausgezeichnete Entwurf für die Mecklenburger Brücke in Möckern bei Leipzig einzuordnen. Möglicherweise handelt es sich hierbei um die Erweiterung der heutigen Faradaystraße über die Bahngleise durch einen Fußgängersteg. Darüber hinaus wirkte er nochmals in Breslau und auch im nahe gelegenen Karlowitz (poln. Karłowice). In Coburg plante er am Kürengrund um 1917 eine sog. Kriegerheimsiedlung und trat für solche Siedlungen 1917 bis 1919 in Leipzig-Probstheida als Vorstandsmitglied der Kriegerheimstätten GmbH und im selben Zeitraum in Stendal-Röxe als Architekt in Erscheinung. Die Siedlungspläne in Leipzig wurden 1919 zugunsten des Braunkohletagebaus aufgegeben. 1922 erteilte ihm die Leipziger Israelitische Religionsgemeinde den Auftrag eines Trauerhallenneubaus für den Neuen Israelitischen Friedhof, dessen erster Entwurf im ägyptisierend-historischen Stil noch im selben Jahr entstand. Der Planungszeitraum zog sich bis 1927 hin, bis der Bau im Sommer 1927 mit weitaus sachlicheren und moderneren Bauschmuckformen und -gestaltungen mit historischen Bezügen (u.a. an Muqarnas erinnernde Betonzapfen im Kuppelinneren und Maßwerkgitter) begonnen und im Januar 1928 vollendet wurde. In der Zwischenzeit entwarf H. das Haus Frauboes in Berlin-Wilmersdorf (1926), im gleichen Jahr das Haus I. I. Frank in Offenbach/Main und gestaltete den Entwurf zu der Fruchtpresserei Trude Wind & Peus in Meschede. 1928/29 orientierte sich H. auch auf die Städte Halle und Hamburg. Für Halle plante und baute er 1928/29 eine Trauerfeierhalle im expressionistischen Stil, die in überformter Gestalt noch heute besteht. Für Hamburg ist von H. nur ein Wettbewerbsentwurf für die Neue Synagoge bekannt. Neu für H.s Schaffen ist sein 1929 datierter Bebauungsplan für eine Mikwe (Ritualbad) auf dem Gelände der Leipziger Ez-Chaim-Synagoge. In den Zeitraum Mitte bis Ende der 1920er-Jahre fällt auch sein verwirklichtes Gefallenendenkmal auf dem Alten Israelitischen Friedhof in Leipzig (1928), eine zionistisch geprägte Farm für die Siedlung Nahalal (Palästina, heute Israel), ein Entwurf eines Tankstellenkiosks, der Umbau des 1938 zerstörten Kaufhauses Joske in der Leipziger Windmühlenstraße und ein Entwurf für ein Privathaus. Nach der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers taucht H. Oktober 1933 als Architekt in Tel Aviv auf und schuf bis 1937 zahlreiche Wohnbauten im Bauhausstil. Nach 1937 sind keine Bauten von ihm bekannt. Fortan arbeitete H. bis zu seiner Pensionierung im Public Works Department als Inspektor für Schwerindustrie.



Q  Stadt Leipzig, Amt für Denkmalpflege, Bauaktenarchiv, Objekt Delitzscher Straße 224, Bd. I, Blatt 1ff.; Stadtarchiv Leipzig, Kapitel-Akten 24, Nr. 2767, Stadterweiterungsamt: Bebauungsplan Probstheida-Südwest, Kriegerheimstätten (Nr. 97 des Gesamtplans), 1919, S. 17f., 27, 38f., 45, Kapitel-Akten 24, 2788 Beiheft 1 der Gemeinde-Akten Möckern, 12.3.2., Kapitel-Akten 24, StVuR (1) 5477, Kapitel-Akten 23a, Brücken und Stege, 172., Bauakten 8463. S. 72-76.

W  Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs auf dem Neuen jüdischen Friedhof Dresden, 1916; Kriegerheimsiedlung Stendal-Röxe, Siedlungsbauten, 1917-1919; Leichenhalle auf dem Alten Israelitischen Friedhof Leipzig, 1919; Grabmal für Jakob Haller in Zittau, 1921; Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs auf dem jüdischen Friedhof Hamburg-Harburg, um 1922; Haus Frauboes Berlin-Wilmersdorf, 1926; Haus I. I. Frank in Offenbach/Main,1927; Neuer Israelitischer Friedhof Leipzig, Trauerfeierhalle, 1928; Kriegsgefallenendenkmal auf dem Alten Israelitischen Friedhof in Leipzig, 1928; Jüdischer Friedhof Halle/Saale, Trauerfeierhalle, 1929; Wettbewerbsentwurf Synagoge Hamburg, 1929; Bebauungsplan mit Ansichten für die Mikwe der Ez-Chaim-Synagoge, Leipzig, 1929; Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs an der Synagoge Eisenach, vor 1930; Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in der Vorhalle der Trauerhalle des jüdischen Friedhofs Erfurt, undatiert; Tel Aviv, Fünf Wohnbauten, 1933-37; Schriften: Leipzig im Städtebau, in: Der Profanbau 7/1920, S. 49-60; Siedlungen in Coburg und Stendal, in: ebd. 8/1921, S. 89-99; Die Kriegerehrung auf dem Ehrenfriedhof, in: Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig 2/1926, Nr. 22, S. 2; Zur Frage der Friedhofskunst, in: ebd. 8/1930, Nr. 15, S. 1f.; Der Tempelbau, in: Aus Geschichte und Leben der Juden in Leipzig, hrsg. vom Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde, Leipzig 1930, S. 56-58 (ND Berlin 1994); Der Architekt Wilhelm H., in: Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine. Ausgabe Leipzig 1931/32, S. 45-47 (ND Berlin 1994).

L  W. Mackowsky, Wohnungsfürsorge und Ansiedlung auf der Heimatbauausstellung in Leipzig im Jahre 1917, in: Der Profanbau 8/1921, S. 33-39; M. Reimann, Der neue Friedhofsbau der Israelitischen Religionsgemeinde, in: Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig 4/1928, Nr. 18, S. 3-6; G. Cohn, Der jüdische Friedhof, in: ebd., S. 6f.; M. Reimann, Wilhelm H., in: D. Böhm (Hg.), Neue Werkkunst, Berlin/Leipzig/Wien 1930; G. Cohn, Friedhöfe, in: Aus Geschichte und Leben der Juden in Leipzig, hrsg. vom Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, Leipzig 1930, S. 70f. (ND Berlin 1994); Wilhelm H. Zu seinem 25jährigen Berufsjubiläum, in: Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig 6/1930, Nr. 16, S. 2f.; P. Rieger, Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg, Stuttgart 1932; W. Grundmann, Der neue israelitische Friedhof, in: K. Sohl (Hg.), Leipzig. Aus Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1988, S. 259-269; B.-L. Lange, Jüdische Spuren in Leipzig, Leipzig 1993; A. Diamant, Chronik der Juden in Leipzig, Chemnitz/Leipzig 1993.; P. Goldman, Tel Aviv. Neues Bauen 1930-1939, Tübingen/Berlin 1993; M. Warhaftig, Sie legten den Grundstein. Leben und Wirken deutschsprachiger Architekten in Palästina 1918-1948, Berlin 1996, S. 202-210; G. Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen II: Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz, München 1998, S. 578; Jüdische Friedhöfe in Leipzig, hrsg. vom Leipziger Geschichtsverein, Leipzig 1999; U. Knufinke, „... der Gottheit als heiliger Tempel …“, in: B. G. Ulrich (Hg.), Anhalt, deine Juden ... . Materialien des Dessauer Herbstseminars 2002 zur Geschichte der Juden in Deutschland, Dessau 2002, S. 133-148; ders., Jüdische Friedhofsbauten in Sachsen-Anhalt, in: ebd., S. 79-101; W. Hocquél u.a., Wilhelm H. - ein Leipziger Architekt in Tel Aviv, Leipzig 2009; ders., Der Leipziger Architekt Wilhelm H. und die Bauhausstadt Tel Aviv, in: Leipziger Blätter 54/2009, S. 36; U. Knufinke, Wilhelm Zeev H. (1884-1956). Life and Work of a German-Jewish-Israeli-Architect, in: Pardes 16/2010, S. 177-182; D. Thalheim, Art Déco oder Expressionismus? Epochendiskussion über zerstörte jüdische Trauerhalle, in: Leipziger Zeitung, Ausgabe 00/2015. – AKL, Bd. 68, München 2011-2016; M. Warhaftig, Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933, Berlin 2005, S. 214-217.

P  Daniel Thalheim



29.11.2016


Empfohlene Zitierweise:

29.11.2016, Haller, Wilhelm Zeév, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.3.2017)

Wikipedia Link