Crusius Heinrich Wilhelm Leberecht
MdL, Rittergutsbesitzer, Agrarreformer
* 18.6.1790 Leipzig 26.8.1858 Rüdigsdorf Rüdigsdorf(ev.)
VSiegfried Leberecht (1738-1824), Verleger, Buchhändler, RittergutsbesitzerMDorothea Charlotte, geb. Ploß (1760-1836)GGeorge Siegfried Leberecht (1769-1772) (Halbbruder); Johanna Carolina Regina, verh. Wilhelmi (1782-1810); George Friedrich Leberecht (1785-1787); Friedrich Siegmund Leberecht (1787-1805) 1.1814 Juliane Charlotte, geb. Hillig (1789-1816)TCharlotte Theresia, verh. Wilhelmi (1814-1875) 2.1820 Anna Elisabeth, geb. Witthauer (1789-1871)SSiegfried Leberecht (1825-1852); Friedrich Leberecht (1833-1861)TElise Charlotte, verh. Jentsch (1821-1910); Charlotte Maria, verh. Leonhard (1823-1904); Anna Charlotte (1840-1842)
GND: 116750316





C. gehörte zu den einflussreichsten Förderern der sächsischen Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und unterstützte darüber hinaus zahlreiche weitere Initiativen auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet. – C. genoss eine private schulische Ausbildung durch Hauslehrer und seinen Vater, den bedeutenden Leipziger Verleger Siegfried Leberecht Crusius. Ab 1806 studierte er an der Universität Leipzig Nationalökonomie und Rechtswissenschaften und beendete das Studium am 4.10.1813 mit der Promotion („Ad legem Saxonicam novissimam de finibus juris retorsionis regundis“). Nach dem Tod seines Vaters wurde C. am 17.3.1825 mit den Rittergütern Sahlis und Rüdigsdorf belehnt, die er systematisch durch Einführung moderner Fruchtfolgen, die Erprobung und Verwendung neuartiger Geräte, Maschinen und Düngemittel sowie innovativer Viehhaltung und -zucht zu landwirtschaftlichen Mustergütern entwickelte. Zügig setzte er auf seinen Gütern das 1832 verabschiedete Gesetz über Ablösungen und Gemeinheitsteilungen um, das den Wegfall feudaler Dienste und Abgaben sowie die Aufteilung des dörflichen Gemeinschaftsbesitzes beinhaltete. C. unterstützte weitere Agrarreformen, die den Weg zu einer bürgerlich-kapitalistischen Agrarverfassung ebneten, so z.B. das 1834 verabschiedete Gesetz über Grundstückszusammenlegungen, das die rechtlichen Voraussetzungen für die zwangsweise Zusammenlegung zersplitterter landwirtschaftlicher Nutzflächen schuf. Er verzichtete 1834 als einer der ersten Rittergutsbesitzer Sachsens auf die Ausübung der Patrimonialgerichtsbarkeit und nahm damit die erst 1856 erfolgte gesetzliche Aufhebung derselben weit voraus. – 1831 bis zu seinem Tod 1858 war C. Direktor der Leipziger Ökonomischen Sozietät, die sich ab 1837 ausschließlich auf die Förderung der Landwirtschaft konzentrierte. Ab 1832 gab die Sozietät, durch C. veranlasst, einen Volkskalender heraus. Auf dem 1848 durch ihn gepachteten Landgut Möckern gründete die Sozietät 1851, ebenfalls maßgeblich von C. initiiert, die erste landwirtschaftliche Versuchsstation in Deutschland, in der umfassende agrikulturchemische Experimente durchgeführt wurden. – Als Vorsitzender des 1843 gegründeten Landwirtschaftlichen Hauptvereins des Königreichs Sachsen sowie des diesem 1850 nachfolgenden Landeskulturrats fungierte C. als wichtige Schnittstelle zwischen der sächsischen Landesregierung und den landwirtschaftlichen Vereinen. Engagiert beteiligte sich C. an den 1837 in Dresden begründeten Wanderversammlungen der deutschen Landwirte (ab 1842 auch unter Beteiligung der Forstwirte), die dem Erfahrungsaustausch dienten. Er setzte sich für die von der Wanderversammlung beschlossene Errichtung eines Albrecht-Thaer-Denkmals in Leipzig ein und koordinierte die Sammlung von Spenden. Das von Ernst Rietschel geschaffene Denkmal wurde 1850 enthüllt. – C. gehörte 1830 bis 1848 zu den reformwilligen Mitgliedern der Ersten Kammer des Sächsischen Landtags. Der auf Lebenszeit gewählte Abgeordnete der Ritterschaft verzichtete auf die Teilnahme an der 1850 von König Friedrich August II. einberufenen Ständeversammlung und berief sich dabei auf die legale Aufhebung der landständischen Verfassung durch das Wahlgesetz von 1848. Bereits im April 1848 hatte sich C. dem liberalen Deutschen Verein angeschlossen. Dieser musste aber eine gravierende Wahlniederlage gegen die demokratischen Vaterlandsvereine in der Parlamentswahl im Dezember 1848 hinnehmen, womit auch C.s Mandat endete. – C. war an der Gründung zahlreicher Gesellschaften und Vereine beteiligt. So wurde 1824 in Leipzig die von C. initiierte Hagelschäden-Versicherungs-Gesellschaft im Königreich Sachsen gegründet, dessen Direktorium er bis 1845 angehörte. Zudem war er Mitglied des 1834 errichteten Leipzig-Dresdner-Eisenbahn-Comités, das den Bau der ersten deutschen Ferneisenbahn propagierte und hierfür wichtige Vorarbeiten leistete. Zu diesem Zweck bereiste C. mit dem späteren technischen Leiter des Eisenbahnbaus Karl Theodor Kunz Belgien und England, um die dortigen Erfahrungen zu studieren. Im Direktorium der 1835 gegründeten Leipzig-Dresdner-Eisenbahnkompagnie agierte C. bis 1844 (bis 1841 als Stellvertreter des Vorsitzenden Gustav Harkort). – Auf C.s Idee beruhte auch der Erbländisch Ritterschaftliche Creditverein, der 1844 in Leipzig gegründet wurde und die Vergabe hypothekarischer Darlehen an sächsische Gutsbesitzer, die Mitglieder des Vereins waren, zum Ziel hatte. Bereits 1830 hatte C. - gemeinsam mit drei weiteren Rittergutsbesitzern - dem Ministerium des Innern einen Plan zur Errichtung eines Sächsischen Kreditvereins eingereicht. C. gehörte 1846 bis 1851 der Revisionsdeputation des Creditvereins an, die für die Prüfung der Rechnungen, Bücher und der Kasse sowie die Revision der Inventur zuständig war. – 1825 rief C. mit weiteren Mitgliedern der Leipziger Stadtgesellschaft den Verein zur Erhaltung der Heilanstalt für arme Augenkranke ins Leben. Dieser unterstützte durch die Sammlung von Spenden die 1820 von dem Arzt Friedrich Philipp Ritterich begründete Heilanstalt für arme Augenkranke in Leipzig, förderte aber auch die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Diesem Verein stand C. bis zu seinem Tod als Vorsitzender vor. – Neben seinem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Engagement war C. seit 1815 auch Mitglied in bürgerlichen Vereinen, wie der Gesellschaft „Harmonie“ und der exklusiven „Leipziger Liedertafel“ (ab 1835), die ihm Zugang zur städtischen Führungsschicht und Geselligkeit ermöglichten und ihn u.a. mit Felix Mendelssohn Bartholdy bekannt machten. – C. besaß eine mehr als 2.000 Objekte umfassende Kunstsammlung und war Mitglied des Leipziger Kunstvereins. Nach seinem Tod gelangten einzelne Gemälde durch Schenkung in das 1858 eröffnete Leipziger Bildermuseum. Zahlreiche Kupferstiche, Radierungen, Handzeichnungen und Bücher wurden 1863 im Kunstauktionshaus Rudolph Weigel versteigert. – In Leipzig besaß C. ein Eckhaus in der Grimmschen Straße/Neumarkt, bewohnte aber im Sommer das von einem Park im englischen Stil umgebene Gutshaus Rüdigsdorf. Dieses ließ er ab 1824 erneuern und ausbauen. Für die Ausgestaltung des Festsaals („Tapetensaal“) im ersten Obergeschoss wählte er von Xavier Mader gestaltete handgedruckte Bildtapeten der berühmten Firma Dufour & Leroy aus Paris, die Szenen aus der griechischen Mythologie unter dem Leitthema „Olympische Feste“ zeigen. 1829 wurde im Auftrag C.s im nördlichen Teil des Parks eine Orangerie errichtet. In deren rechtem Seitenflügel befindet sich ein Gartensalon, für dessen Innenausstattung Moritz von Schwind 1838 neun Wandbilder gestaltete, in denen er Szenen aus dem antiken Märchen „Amor und Psyche“ verarbeitete. Der Leipziger Maler Gustav Adolph Hennig schuf das Deckengemälde „Amor führt Psyche in den Olymp“. – Nach C.s Tod am 26.8.1858 übernahm dessen Sohn Friedrich Leberecht die Rittergüter.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, Rittergut Sahlis mit Rüdigsdorf; Kirchliches Archiv Leipzig, Taufregister St. Nikolai zu Leipzig; Statut für den erbländischen ritterschaftlichen Creditverein im Königreich Sachsen, Leipzig 1844; Mittheilungen über die Verhandlungen des ordentlichen Landtags im Königreiche Sachsen während der Jahre 1850 und 1851, Erste Kammer, Bd. 1, Dresden 1851, S. 30; Catalog der hinterlassenen Kunstsammlung des Herrn Dr. Wilhelm C. auf Sahlis und Rüdigshof, Leipzig 1863; Die jüngere Matrikel der Universität Leipzig, Bd. 3, hrsg. von G. Erler, Leipzig 1909, S. 58; Stammbaum der Familie Crusius (online: http://abubiju.de/crusius/STMLISTE.HTM).

W  Ad legem Saxonicam novissimam de finibus juris retorsionis regundis, Diss. Leipzig 1813; Einige Worte über das hohe Decret vom 3. März 1837, die den Untergerichten zu gebende Organisation betreffend und den von einer ausserordentlichen Deputation der ersten Kammer der jetzigen Ständeversammlung darüber erstatteten Vorbericht, Dresden 1837; (Hg.), C. A. H. Clodius, Eros und Psyche: ein Gedicht in zwölf Gesängen, Leipzig 1838; Hand-Atlas des Königreichs Sachsen in sechs nach den Kreisen, Ämtern, Kreisdirectionen und Amtshauptmannschaften eingetheilten Karten nebst kurzen statistischen Nachrichten über das Land, die Einwohner und den Staat, Leipzig 1840; Fragmentarische Nachrichten über die landwirthschaflichen Verhältnisse der Rittergüter Sahlis, Rüdigsdorf und Neuhof nebst Zubehörungen, Dresden 1843; An die hohe Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, Dresden 1848.

L  Albrecht Thaer. Sein Leben, sein Wirken und sein Denkmal, Leipzig 1850; Der Erbländische Ritterschaftliche Creditverein im Königreiche Sachsen. Zur Erinnerung an seine Gründung im Jahre 1844, Leipzig 1869; E. A. Coccius/T. Wilhelmi, Die Heilanstalt für arme Augenkranke zu Leipzig zur Zeit ihres fünfzigjährigen Bestehens, Leipzig 1870; Die Gesellschaft zu gegenseitiger Hagelschädenvergütung in Leipzig, Leipzig 1873; L. Neumann/P. Ehrhardt, Erinnerungen an den Bau und die ersten Betriebsjahre der Leipzig-Dresdener-Eisenbahn, Leipzig 1889/90 (ND 1988); W. Mangner, Die erste Leipziger Liedertafel, in: Schriften des Vereins für die Geschichte Leipzigs 7/1904, S. 55-124; Festschrift zum 150jährigen Bestehen der Ökonomischen Sozietät in Leipzig und der Ökonomischen Gesellschaft im Königreich Sachsen zu Dresden (1764-1914), hrsg. von der Leipziger Ökonomischen Societät, Leipzig 1914; S. Crusius, Die Wirtschaftsgeschichte der Rittergüter Sahlis und Rüdigsdorf, Diss. Leipzig 1925; E. Kroker, Die Gesellschaft Harmonie in Leipzig 1776 bis 1926, Leipzig 1926; R. Groß, Die bürgerliche Agrarreform in Sachsen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Weimar 1968; T. Bertz, Wilhelm C. auf Sahlis und Rüdigsdorf, Beucha 1999 (P); H. Krahnstöver/A. Schwarz, Sahlis & Rüdigsdorf im Kohrener Land, Beucha 2005 (P); J. Matzerath, Einheit und Beschleunigung. Zum Reformpotenzial der sächsischen Ständeversammlung, in: ders. (Hg.), Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Die Spätzeit der sächsischen Ständeversammlung (1763-1831), Dresden 2006, S. 65-71 (P). – ADB 4, S. 635f.; DBA I, II, III; NDB 3, S. 431f.; DBE 2, S. 407; Sächsische Lebensbilder, Bd. 1, Dresden 1930, S. 25-32 (P, Bildquelle).

P  Heinrich Wilhelm Leberecht C., G. A. Hennig, 1829, Gemälde, Museum Burg Gnandstein.



Thomas Bertz
19.3.2018


Empfohlene Zitierweise:

Thomas Bertz, Crusius, Heinrich Wilhelm Leberecht, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (20.4.2018)

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