Roth Wilhelm August
Generalarzt, Hygieniker
* 19.6.1833 Lübben 12.6.1892 Dresden Dresden, Innerer Neustädter Friedhof

GND: 116639253

R. erwarb sich als vielseitiger Militärarzt und Professor große Verdienste um die Entwicklung der Hygiene am Polytechnikum Dresden und des Militärsanitätswesens nicht nur im Königreich Sachsen, sondern in ganz Deutschland. Er gilt als Mitbegründer der modernen Militärhygiene. – R. studierte in Berlin am medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut für das militärärztliche Bildungswesen, versah 1859 seinen Dienst als Assistenzarzt im 5. Husaren-Regiment und erhielt 1867 eine Kommandierung als Lehrer an die Kriegsakademie Berlin. Bis Ende März 1870 stand er als Oberstabsarzt in preußischen Diensten. Am 1.4.1870 wurde der erst 37-Jährige zum Generalarzt erster Klasse der königlich sächsischen Armee und Korpsarzt des XII. (königlich sächsischen) Armeekorps berufen. Damit stand R. bis 1892 an der Spitze der Sanitätsdirektion und des Sanitätskorps der sächsischen Armee. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 leitete er den sächsischen Sanitätsdienst als Korpsarzt und zeichnete auch für kurze Zeit für die medizinische Sicherstellung des IX. preußischen und XII. sächsischen Armeekorps und mit Bildung der Maas-Armee unter Befehl des sächsischen Kronprinzen Albert als Armeegeneralarzt verantwortlich. – Auf seine Initiative hin entstand Ende April 1870 die „Militärärztliche Gesellschaft zu Dresden“, 1874 in „Sanitäts-Officiers-Gesellschaft zu Dresden“ umbenannt. In breiten Kreisen war R. auch als Autor militärmedizinischer Schriften bekannt. Hierbei ist besonders das „Handbuch der Militär-Gesundheitspflege“ (3 Bde.) zu erwähnen, das er zusammen mit Rudolf Lex 1872 bis 1877 herausgab. Dieses Werk fand nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland, besonders in Frankreich, große Anerkennung als Ausbildungs- und wissenschaftliche Arbeitsgrundlage. Im dritten Band des „Handbuchs“ stellte R. alle Anforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit des Soldaten dar, der er in seinen wissenschaftlichen Arbeiten und praktischen Untersuchungen große Bedeutung beimaß. Damit schuf er die Grundlagen bzw. Vorläufer der heutigen militärischen Leistungsmedizin und Arbeitshygiene. R. war auch Begründer der „Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte auf dem Gebiete des Militär-Sanitätswesens“, die hinsichtlich ihres Aufbaus und Informationsgehalts bis heute vorbildlich sind. Er inaugurierte zudem die „Veröffentlichungen aus dem Königlich-Sächsischen Militair-Sanitäts-Dienst“. Daneben erschienen seine Beiträge in der „Deutschen Militärärztlichen Zeitschrift“, in den Zeitschriften „Militärarzt“ und „Feldarzt“ sowie im russischen „Militärmedizinischen Journal“. – Mit R. begann im sächsischen Sanitätskorps eine sehr exakte Organisation der Fortbildung von Militärärzten. Nach dem Krieg 1870/71 bemühte er sich besonders um eine effektive Unterrichtung und Qualifizierung der Sanitätsoffiziere und führte 1870 die militärärztlichen Fortbildungslehrgänge in Sachsen ein. Diese Lehrgänge wirkten beispielgebend für alle anderen deutschen Teilstaaten und fanden später in Preußen und Bayern Nachahmung. Große Aufmerksamkeit widmete R. der Ausbildung nicht nur sächsischer, sondern auch ausländischer Militärärzte, die in der sächsischen Armee eine Art sanitätsärztliches Praktikum absolvierten. Erwähnenswert ist dabei besonders der japanische Militärarzt Ogai Mori, der nach der Rückkehr in seine Heimat die Struktur des sächsischen Heeressanitätswesens in der japanischen Armee verwirklichte. – R.s Erfahrungen flossen ebenfalls in den Bau der Dresdner Albertstadt ein. Die Militärbauten im Norden der Stadt waren zu dieser Zeit einmalig in Europa, auch wegen ihrer von R. vorgeschlagenen, hygienisch wohl durchdachten Ausstattung mit Badeeinrichtungen (erstmalig in Kasernen). R.s Bemühungen war es zu verdanken, dass das Garnisonslazarett in der Marienallee (erbaut 1876-1879) mit einem speziellen chemisch-hygienischen Untersuchungslaboratorium versehen wurde. – Neben seinem militärmedizinischen Wirken war R. auch im zivilen Bereich tätig. Bereits 1871 unterbreitete das Landesmedizinalkollegium als höchste medizinische Behörde des Königreichs Sachsen dem Ministerium des Inneren einen Vorschlag zur Einführung der Hygiene als Lehrfach am Polytechnikum Dresden. Auf der Grundlage eines Antrags an das Ministerium des Inneren zwecks „Einführung eines Vortrages über Gesundheitspflege“ erhielt R. im Juni 1874 eine entsprechende Lehrverpflichtung zu regelmäßigen Vorlesungen über Gesundheitspflege, Arbeits- und Wohnungshygiene am Polytechnikum. Mit dieser Berufung wurde eine wesentliche Voraussetzung für die zielgerichtete Erziehung des technischen Nachwuchses zum hygienischen Denken geschaffen. Während seines Wirkens bereitete er mit einer kleinen Sammlung von Demonstrationsgegenständen schon den Boden für ein hygienisches Institut und eine Hygieneprofessur an der königlich sächsischen Technischen Hochschule (realisiert 1892-1894, letzteres durch Friedrich Renk). 1874 bis 1880 war R. als nebenamtlicher Lehrbeauftragter für Gesundheitspflege tätig. 1880 wurde er zum außerordentlichen und 1881 zum ordentlichen Honorarprofessor am Dresdner Polytechnikum berufen. Er war damit der erste Lehrbeauftragte für Hygiene an dieser Einrichtung. 1890 wurde R. zum Generalmajor ernannt. – R. war Mitglied des Landesmedizinalkollegiums und zeitweilig dessen Vizepräsident, langjähriges Mitglied und seit 1872 zweiter Vorsitzender das Vereins für Erdkunde Dresden sowie viele Jahre Mitglied des Tonkünstlervereins. Noch mit 55 Jahren erlernte er die russische Sprache. Sein Interesse galt auch dem deutschen Kolonialverein. Ein Jahr vor seinem Tod übernahm er den Vorstand der Sammlungen und Vorlagen für die öffentliche Gesundheitspflege an der Technischen Hochschule Dresden. Bereits 1883, d.h. vor Karl August Lingner, unterbreitete R. der Ständeversammlung den Vorschlag zur Einrichtung eines Hygienemuseums in Dresden. Anregungen von R. trugen 1894 auch zur Errichtung des ersten militärischen Genesungsheims für Rekonvaleszenten und somit der ersten derartigen Anstalt im Bereich der Heeresverwaltung des Deutschen Reichs in Glasewaldts-Ruhe bei Dresden bei. – R. blieb unverheiratet und verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit infolge eines Asthmaleidens. Er wurde mit höchsten militärischen Ehren auf dem Inneren Neustädter Friedhof beigesetzt.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Ministerium für Volksbildung, Ständeversammlung.

W  Militärärztliche Studien, Berlin 1864; Die militärärztlichen Fortbildungscurse für das XII. (Königlich Sächsische) Armee-Corps im Winter 1874/75, in: Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 4/1875, H. 9, S. 531-537; mit R. Lex, Handbuch der Militär-Gesundheitspflege, 3 Bde., Berlin 1875-1877; Die Fortbildungsmittel für das Sanitätscorps, in: Veröffentlichungen aus dem Königlich Sächsischen Militair-Sanitäts-Dienst, Berlin 1879, S. 1-24.

L  Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte in der gesammten Medicin 4/1870-15/1881; R. Leo, Bericht über das in den Sitzungen der Sanitäts-Officiers-Gesellschaft zu Dresden in der Zeit vom 27.4.1870 bis 31.12.1878 behandelte Material, in: Veröffentlichungen aus dem Königlich Sächsischen Militär-Sanitäts-Dienst, Berlin 1879, S. 267-287; H. Frölich, Geschichte des Königlich Sächsischen Sanitätskorps, Leipzig 1888; Beisetzung von Dr. R., in: Dresdner Anzeiger 162/1892, Nr. 108, 16.6.1892, 5. Beilage; Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem Gebiete des Militär-Sanitätswesens, Berlin 1907; E. Schurig, Das Königlich Sächsische Sanitätsoffizierskorps 1852-1912, in: Der Kamerad 50/1912, Nr. 40, S. 11f.; H. E. Kleine-Natrop, Das heilkundige Dresden, Dresden/Leipzig 21964; G. Burger, Hundert Jahre Hygiene als Hochschul-Lehrfach in Dresden, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden 24/1975, Nr. 1, S. 253-258; ders., Die Direktoren des ehemaligen hygienischen Institutes der Technischen Universität Dresden, in: ebd. 24/1975, Nr. 3/4, S. 797-799. – ADB 53, S. 567; DBA I, II, III; DBE 8, S. 416; D. Petschel (Bearb.), Die Professoren der TU Dresden 1828-2003, Köln 2003, S. 797.

P  Technische Universität Dresden, Universitätsarchiv, Professorenkatalog.



Rolf Rehe
8.8.2007


Empfohlene Zitierweise:

Rolf Rehe, Roth, Wilhelm August, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.3.2017)

Wikipedia Link