Hentschel August Wilhelm Walter
Kunsthistoriker, Denkmalpfleger
* 25.3.1899 Zwickau † 22.12.1970 Dresden Dresden, Waldfriedhof Weißer Hirsch
VKarl (1861-1926), Kaufmann in ZwickauMElisabeth, geb. Fikentscher (* 1873), Hausfrau 1.Martha, geb. Thiele (1901-1932/33) 2.Claire, geb. Lejeune Dirichlet, HausfrauStiefSRalph Lejeune DirichletStiefTDorothea Lejeune Dirichlet
GND: 161106749





H. zählt zu den bedeutendsten sächsischen Kunsthistorikern des 20. Jahrhunderts. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit setzte er sich engagiert für die Erhaltung von Kunst- und Architekturdenkmalen in Sachsen ein. – Nachdem H. in Zwickau das humanistische Gymnasium mit dem Abitur abgeschlossen hatte, studierte er 1918 bis 1923 an den Universitäten Kiel, Leipzig, Rostock und Würzburg Kunstgeschichte, Archäologie, Geschichte und Germanistik. Kunstgeschichte wählte er schließlich zu seinem Hauptfach. 1923 promovierte er bei Wilhelm Pinder in Leipzig über den sächsischen Bildhauer Hans Witten mit der Arbeit „Der Meister H. W.“. Durch seine Dissertation avancierte H. zum idealen Betreuer der Sammlungen des Sächsischen Altertumsvereins in Dresden, deren Schwerpunkt die spätmittelalterliche Schnitzkunst Sachsens war. Dort hatte er 1923/24 eine halbe Assistentenstelle inne. 1924 trat er den Dienst als Assistent am Sächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Dresden an, in welchem er bis 1945 tätig war. Nebenamtlich betreute er die Sammlungen des Sächsischen Altertumsvereins weiter. Die Begeisterung, die Fürsorge und das Engagement für die spätmittelalterliche Plastik Sachsens sollten H. sein Leben lang begleiten. Die Publikationen zu diesem Forschungsschwerpunkt erstrecken sich vom Erscheinen der „Sächsischen Plastik um 1500“ (1926) über „Peter Breuer. Eine spätgotische Bildschnitzerwerkstatt“ (1951) bis zu dem posthum erschienenen Werk „Denkmale sächsischer Kunst. Verluste des zweiten Weltkrieges“ (1973). Bei Letztgenanntem handelt es sich um einen Katalog der bei den alliierten Luftangriffen auf Dresden am 13./14.2.1945 zerstörten spätmittelalterlichen sächsischen Plastiken des Dresdner Altertumsmuseums. Die Angaben zu den darin beschriebenen Einzelplastiken und Schnitzaltären beruhen wesentlich auf H.s Erinnerungen aus seiner über 20-jährigen Museumstätigkeit. Bereits seit den 1950er-Jahren hatte sich H. um staatliche Unterstützung für die Erarbeitung und Publikation des Katalogs bemüht. Das erst drei Jahre nach seinem Tod erschienene Werk verhinderte, dass dieser Teil der sächsischen Kunstgeschichte gänzlich in Vergessenheit geriet. – Nach dem Zweiten Weltkrieg war H. als Landesmuseumspfleger der Landesregierung Sachsen tätig. In dieser Funktion war er einerseits im Bereich der Rückführung von Museumsgütern aus sächsischen Schlössern, Gütern und Kirchen, andererseits mit der Wiedereröffnung nichtsstaatlicher Museen in Sachsen betraut. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP (1933-1945) musste H. 1948 aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden. Bis er 1950 eine Stelle als Oberassistent am Institut für Kunstgeschichte der Technischen Hochschule Dresden unter Eberhard Hempel antrat, war er als freiberuflicher Wissenschaftler tätig. 1951 erhielt H. einen Lehrauftrag für „Kunstgeschichte Sachsens und Denkmalpflege“. Seine wissenschaftlichen Leistungen wurden 1952 einer Habilitation gleichgesetzt. Ein Jahr darauf erlangte er den Titel „Professor mit Lehrauftrag für Kunstgeschichte und Denkmalpflege“, bis er am 1.11.1955 als Nachfolger von Hempel den Ruf auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte und Denkmalpflege an der Technischen Hochschule erhielt. Auch nach seiner Emeritierung am 31.8.1964 bestand seitens der nunmehrigen Technischen Universität Dresden Interesse, H. am Institut zu beschäftigen. Als Grund für seine Emeritierung sind gesundheitliche Probleme benannt worden. H. litt schon länger an einem Magengeschwür und an Schwerhörigkeit, was ihn bei seiner wissenschaftlichen Arbeit einschränkte. Das seit 1957 übernommene Amt des Direktors des „Instituts für Kunstgeschichte und der Sammlung für Baukunst“ (seit 1966 „Institut für Theorie und Geschichte der Architektur“) an der Technischen Universität Dresden bekleidete er dennoch bis August 1966. H. übernahm auch nach seiner Emeritierung Seminare, Übungen und Vorlesungen am Institut und betreute weiterhin Dissertationen. – Zu H.s Forschungsschwerpunkten gehörte die Bildhauerkunst zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg. Hervorzuheben sind hier als wichtigste Werke v.a. „Meißner Bildhauer zwischen Spätgotik und Barock“ (1934), „Die Torgauer Bildhauer der Renaissance“ (1953) sowie „Dresdner Bildhauer des 16. und 17. Jahrhunderts“ (1966). Mit dem Beginn seiner Tätigkeit an der Technischen Hochschule Dresden kam H. zudem mit der sächsischen Barockarchitektur in Berührung, einem bis dahin weitgehend unbearbeiteten Thema. – Die massive Vernichtung kirchlicher Kulturgüter durch das DDR-Regime wurde von H. mit unermüdlichem Protest beantwortet. Er sprach sich offen gegen den Abriss barocker Häuserzeilen in Dresden, die Umgestaltung des Dresdner Theaterplatz-Ensembles und die Neugestaltung des Leipziger Universitätscampus sowie der damit verbundenen Sprengung der Paulinerkirche aus. Ausdruck dieses Protests war auch der Austritt aus der SED 1968, der er seit 1946 angehörte. – H. war Mitglied in zahlreichen Gesellschaften und Vereinigungen. Seit 1949 gehörte er dem Kulturbund Dresden an, seit 1962 der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig sowie der dort angesiedelten Historischen Kommission. Er war Mitglied des erweiterten Vorstands des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft in Berlin-Charlottenburg, im Wissenschaftlichen Beirat für Kunstgeschichte beim Staatssekretariat für Hoch- und Fachhochschulwesen, wissenschaftlicher Beirat der Albrechtsburg Meißen und der Lucas-Cranach-Kommission beim Ministerium für Kultur. Am 8.5.1965 wurde H. mit der Verdienstmedaille der DDR ausgezeichnet. In seinen Nachrufen wird H. als ruhiger, akkurater Wissenschaftler beschrieben, als Professor, dessen Vorlesungen von den Studenten begeistert aufgenommen wurden, als Mensch, der sich engagiert für die Rettung gefährdeter Bau- und Kunstdenkmale einsetzte.



Q  Landesamt für Denkmalpflege, A 187; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Personennachlass Walter H., Nr. 12699; Pfarramt Dresden - Weißer Hirsch; Technische Universität Dresden, Universitätsarchiv, Professorenkatalog, Walter H. (P), Sammlung zu den Professoren, Walter H. (P), Fakultät für Architektur (Bauwesen), Nr. 440, Walter H. 1951-1966 (WV), Personalakten 7478 (WV), Fotoarchiv (P).

W  Der Meister H. W., Diss. Leipzig 1923 [MS]; Sächsische Plastik um 1500, Dresden 1926; Meißner Bildhauer zwischen Spätgotik und Barock, Meißen 1934; Die Torgauer Bildhauer der Renaissance, in: Sachsen und Anhalt 11/1935, S. 152-192; Hans Witten, Leipzig 1938; Peter Breuer, Dresden 1951, Berlin 21952; Bibliographie zur sächsischen Kunstgeschichte, Berlin 1960 (ND Frankfurt/Main 1978); Dresdner Bildhauer des 16. und 17. Jahrhunderts, Weimar 1966; Denkmale sächsischer Kunst, Berlin 1973.

L  W. Howard, Walter H. zum 70. Geburtstag, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden 18/1969, H. 1, S. 19 (P); J. Jahn, Walter H., in: Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Jahrbuch 1969-1970, S. 357-360; K. Mertens/I. Richter, Bibliographie Walter H., in: ebd., S. 360-368 (WV); H. Nadler, Walter H., in: Denkmalpflege in Sachsen, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Bd. 1, Weimar 1997, S. 29-38 (P); F. Ficker, Walter H., in: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz 1999, H. 1, S. 64f. – DBA II; F. Bertkau/G. Oestreich (Hg.), Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender, Berlin 71950, Sp. 774; W. Habel (Hg.), Wer ist Wer? Das Deutsche Who’s Who, Berlin 121955, S. 448.

P  Fotografie, Universitätsarchiv der Technischen Universität Dresden, Fotoarchiv (Bildquelle).



Sabine Zinsmeyer
5.1.2011


Empfohlene Zitierweise:

Sabine Zinsmeyer, Hentschel, August Wilhelm Walter, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (16.12.2017)

Wikipedia Link