Löscher Valentin Ernst
Theologe, Superintendent in Dresden
* 29.12.1673 (a.S.)/8.1.1674 (n.S.) Sondershausen 12.2.1749 Dresden Dresden, Frauenkirche(ev.)
VCaspar (1636-1718), Theologe, Superintendent, Generalsuperintendent, KonsistorialratMCleophe Salome, geb. Sittig (1630-1705)GMartin Gotthelf († 1735), Mediziner; Christian Wilhelm, sachsen-weimarischer Rat; Johann Caspar (1677-1751), Superintendent in Rochlitz und Leisnig1702 Catharina Elisabeth, geb. KrausoldK11 u.a. Valentin Ernst (1721-1782), Oberkonsistorialrat in Dresden; Friederike Ernestine, verheiratet mit Theodor Crüger, Superintendent in Chemnitz; Johanna Elisabeth, verheiratet mit Christian Karl Stempel, Superintendent in Jessen und Pirna; Sophie Katharina
GND: 118728830

Als Spross einer lutherischen Pfarrerdynastie, die seit der Reformation in Sachsen wirkte, zählte L. zusammen mit Ernst Salomon Cyprian und Erdmann Neumeister zu den bedeutendsten Vertretern der lutherischen Spätorthodoxie. – In Zwickau, wo L.s Vater 1679 Superintendent geworden war, besuchte er die berühmte Ratsschule. 1687 übersiedelte die Familie nach Wittenberg, weil der Vater hier eine Theologieprofessur erhalten hatte. Dort beendete L. seine Schulausbildung und begann 1690 mit dem Studium der Philosophie, Geschichte und schließlich - auf väterlichen Wunsch - auch der Theologie. Nachdem er 1692 Magister und Adjunkt der Philosophischen Fakultät geworden war und in den folgenden Semestern erste Erfahrungen im akademischen Lehrbetrieb gesammelt hatte, wechselte er 1694 an die Universität Jena. Von dort führte ihn 1695 eine Bildungsreise sowohl in die Niederlande und nach Dänemark als auch an deutsche Bildungszentren wie Hamburg, Rostock oder Berlin, bevor er 1696 an die Wittenberger Universität zurückkehrte. Allerdings war damit noch keineswegs L.s Lebensweg als akademischer Lehrer festgelegt. 1699 bewarb er sich erfolgreich um die Superintendentur in Jüterbog, um 1702 in gleicher Funktion nach Delitzsch zu gehen. In beiden Städten engagierte er sich für seine Gemeinden, etwa indem er Verbesserungen bei der Seelsorge vornahm. Ungeachtet seiner Erfolge wechselte er das Tätigkeitsfeld erneut und folgte im Frühjahr 1707 einem Ruf als Professor für Theologie in Wittenberg, wo er hinsichtlich der Qualität und Quantität seiner Lehre mit Philipp Melanchthon verglichen wurde. – Die beruflichen Erfahrungen in Gemeindeamt und Universität verschafften L. in den Augen des Dresdner Magistrats jene Qualifikation, die ein in der Residenzstadt amtierender Superintendent angesichts des seit der landesherrlichen Konversion von 1697 bestehenden konfessionellen Risses zwischen lutherischer Bevölkerung und katholischem Kurfürsten benötigte. Daher fiel die Wahl auf ihn, als im Sommer 1709 die Superintendentur vakant wurde. Am 4.8. trat L. sein neues Amt in Dresden an. Aus diesem heraus verteidigte er bis zu seinem Lebensende das Gedankengut der lutherischen Orthodoxie und die Freiheit der lutherischen Kirche gegen ein Umfeld, in dem nicht nur - zumindest aus sächsischem Blickwinkel - die Gefahr der Rekatholisierung drohte, sondern das sich auch unter dem Einfluss von Absolutismus, Aufklärung und Pietismus wandelte. So kritisierte L. angesichts des um der polnischen Krone willen vollzogenen landesherrlichen Glaubensübertritts die Auflösung religiös-theologischer Wahrheiten zugunsten praktischer politischer Ziele. Im Vorgehen des Kurfürsten Friedrich August I. (August II., König von Polen, der Starke) erblickte er nicht nur den ersten Schritt eines Prozesses, in dem alle Werte und Normen in der Politik aufgelöst würden, sondern befürchtete auch eine landesherrliche Machterweiterung, die in reine Fürstenwillkür münden könnte. In diesem Kontext galt sein Vorwurf auch Aufklärern wie etwa Christian Thomasius oder Christian Wolff, da sie L. zufolge unter dem Deckmantel der Gewissensfreiheit, Toleranz und Staatsräson religiöse Gleichgültigkeit förderten und das Verhalten des Herrschers legitimierten. Demgegenüber erstrebte L. eine in der göttlichen Offenbarung wurzelnde Politik, die den Regenten an die Werte und Normen des Christentums band und die zugleich die Kirche den Machtansprüchen der weltlichen Obrigkeit entzog. Altes lutherisches Kirchenrecht aufgreifend, wonach die Gesamtkirche aus den drei Säulen Adel, Geistlichkeit und Bevölkerung bestand, verfolgte er die Idee, ein entsprechendes Vertretungskollegium zur Leitung der Kirche zu schaffen. Zwar scheiterte L. damit bereits im Ansatz, was ihn jedoch während seiner gesamten Dresdner Amtszeit nicht daran hinderte, Missstände und empfundene Einschränkungen lutherischer Rechte durch den katholischen Hof gleichermaßen in seinen Predigten und Schriften anzuprangern und in Verbindung damit gegen das Papsttum zu polemisieren - etwa im Umfeld des Reformationsjubiläums 1717. Infolgedessen geriet L. ab 1720 zunehmend in Misskredit bei der weltlichen Obrigkeit, die ihn kontrollierte, seine Veröffentlichungstätigkeit einschränkte und ihm schließlich sogar verbot, sich ohne behördliche Erlaubnis länger als einen Tag aus Dresden zu entfernen. Aber auch im Oberkonsistorium, dem er als Dresdner Superintendent angehörte, geriet L. zunehmend in die Isolation. Dies zeigte sich spätestens darin, dass 1724 nicht er zum Oberhofprediger berufen wurde, sondern vielmehr der Hallenser Pietist Hermann August Francke seinen Schützling Bernhard Walther Marperger durchsetzen konnte. Dieser Entscheidung kam insofern besondere Symbolwirkung zu, als L. bereits seit 1711/12 mit den Pietisten über den Stellenwert der individuellen Frömmigkeit in Streit lag. Zwar stimmte er in seiner Artikelserie „Pia desideria“ Philipp Jakob Speners Forderung nach „Praxis pietatis“ zu, aber im Unterschied zu den Pietisten betonte er - getreu seiner Devise „Veritas et Pietas“ - den Vorrang der offenbarten Wahrheit. Indem dagegen die Pietisten die Frömmigkeit überbetonten, relativierten sie, so der Vorwurf L.s in „Timotheus Verinus“, seinem Hauptwerk gegen den Pietismus, die lutherische Rechtfertigungslehre. War L. anfänglich noch um einen Ausgleich bemüht, so scheiterten jegliche Vermittlungsbemühungen, als Francke 1719 in einem Gespräch die Ausschließlichkeit seiner Auffassung betonte. Ebenso erfolglos blieb sein Versuch einer Annäherung an Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf. Zwar hatte L. bei einer Visitation 1736 die gute Verfasstheit der Herrnhuter Brüdergemeine gelobt, eine Eingliederung in die evangelisch-lutherische Kirche schlug jedoch fehl, sodass er 1745 die Bitte Zinzendorfs ablehnte, sich erneut für die Gemeinde zu verwenden. – Doch trat L. nicht nur als streitbarer lutherisch-orthodoxer Theologe in Erscheinung, sondern besaß für Dresden auch Bedeutung aufgrund seiner pastoralen Tätigkeit. In diesem Sinn förderte er das Volksschulwesen, etwa indem er fünf Armenschulen gründete und für deren Finanzierung sorgte oder als er verschiedene Versammlungen für die Lehrer seiner Ephorie einberief, um seine Grundsätze über Erziehung und Unterricht darzulegen. L. tat sich auch als Autor von theologischen Schriften und Andachtsbüchern hervor und dichtete mindestens 112 Kirchenlieder, die z.T. noch heute gesungen werden. Außerdem gründete er 1701 die erste evangelisch-theologische Zeitschrift, die „Unschuldigen Nachrichten“, die er bis zu seinem Lebensende redigierte. Als am 26.8.1726 die Grundsteinlegung und am 28.2.1734 die Weihe der Dresdner Frauenkirche erfolgte, hielt L. die Predigten. – Letztendlich stehen in L.s Lebenswerk Scheitern und Verdienst eng nebeneinander: In allen Auseinandersetzungen mit dem Staat, der Aufklärung und dem Pietismus war er der Unterlegene. Ungeachtet dessen stand er mit seinem Wirken zeitlebens für die Existenz unantastbarer und allgemein verpflichtender Normen und Werte ein.



Q  F. W. Behrisch, Virum Magnificum, Leichenpredigt, Dresden 1749; J. G. Hermann, Die allersüßeste Ruhe der Knechte Gottes, Leichenpredigt, Dresden 1749; ders., Gedächtnißpredigt bey dem Leichbegängniße Valentin Ernst L.s, Leichenpredigt, Dresden 1749; M. S. Starck, Der wahre Ruhm eines gottseligen, gelehrten und treufleißigen Lehrers, Dresden 1749.

W  Ausführliche Historia motuum zwischen den Evangelisch-Lutherischen und den Reformierten, 4 Teile, Frankfurt 1707-1724, ²1722-1724; Fünff Jubel-Predigten, 1717; Römisch-Catholische Discurse, 7 Bde., Leipzig 1717/18; (Hg.), Unschuldige Nachrichten von alten und neuen theologischen Sachen 1/1701-19/1719, ab 1720: Fortgesetzte Sammlung von alten und neuen theologischen Sachen; Vollständiger Timotheus Verinus, Wittenberg 1718-1721 (Neuauflage 1722-1726); Vollständige Reformations-Acta und Documenta, Leipzig 1720-1729; Kirchenlieder: Ich grüße dich am Kreuzesstamm (1722), EG Nr. 90; Kommt, Seelen, dieser Tag (1713), BWV 479.

L  F. Blanckmeister, Aus dem Leben D. Valentin L.s, in: Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 8/1893, S. 330-344; ders., Der Prophet von Kursachsen, Dresden 1920; H. Friese, Valentin Ernst L., Berlin 1964; M. Greschat, Zwischen Tradition und neuem Anfang, Witten 1971 (WV); ders., Valentin Ernst L., in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 25/1976, S. 106-123; ders., Valentin Ernst L. in Dresden, in: Die Dresdner Frauenkirche 5/1999, S. 125-131; C. Münchow, „... damit das Werk zu vollkommenem Stand gebracht werde“, in: ebd. 5/1999, S. 133-143; ders., V. E. L.s Berufung für Dresden, in: Valentin Ernst L., hrsg. vom Lutherischen Kirchenamt der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Hannover 1999, S. 19-29; J. Baur, V. E. L., in: Kerygma und Dogma 46/2000, S. 180-195; K. Petzold, Der unterlegene Sieger, Leipzig 2001 (WV); K. Löffler, Anthropologische Konzeptionen in der Literatur der Aufklärung, Diss. Leipzig 2005. – ADB 19, S. 209-213; DBA I, II, III; DBE 6, S. 447; NDB 15, S. 63; H. D. Betz u.a. (Hg.), Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 5, Tübingen 2008, S. 518; H. Zedler, Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Bd. 18, Halle/Leipzig 1738, Sp. 174-192.

P  Valentin Ernst L., C. Fritzsch, 1734, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Wolfgang Flügel
20.4.2011


Empfohlene Zitierweise:

Wolfgang Flügel, Löscher, Valentin Ernst, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.6.2017)

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