Richter Irma Ursula Johanna
geb. Richter
Fotografin
* 23.6.1886 Radebeul 9.8.1946 Greifswald Freital, Friedhof Christuskirche (eingeebnet)
VHermann Julius (1850-1936), Pianist, MusiklehrerMJohanne Louise, geb. Hopf (1862-1939)GEtha Irmgard Christine (1883-1977), Tierbildhauerin, Zeichnerin, Malerin; Hildegard Daniela Emilie († 1961), Krankenschwester; Ilse Irene Sidonie (1889-1958), Hausfrau; Eleonore Hermine Senta (1890-1986), Lehrerin für Stenografie und MaschinenschreibenHermann Richter (1894-1972), Oberleutnant zur See, Bürgermeister von Dranske/RügenSDagor (* 1923), Steuerberater
GND: 140845712

R. hat als herausragende Vertreterin der traditionsreichen Fotografie in Dresden, die mit Namen wie Hermann Krone, Hugo Erfurth, Hildegard Jäckel und Reinhard Bergerverbunden ist, bedeutende Werke zum Theater- und Tanzleben zwischen 1913 und 1935 geschaffen. – R. stammte aus einem musischen Elternhaus. Ihr Vater war Pianist, die älteste Schwester Bildhauerin. Kenntnisse und Fertigkeiten, die Grundlage ihrer künstlerischen Leistung waren, eignete sie sich völlig selbständig an. Ab 1914 unterhielt sie ein eigenes Fotoatelier in Dresden. Neben herkömmlichen Porträtfotos von Bühnenkünstlern des Schauspiels und der Oper spezialisierte sie sich auf Bewegungsstudien, die ihre besondere Fähigkeit offenbaren, Theater- und Tanzszenen fotografisch zu erfassen. Auf diese Weise wurde sie zur Chronistin des zeitgenössischen Ausdruckstanzes, wie ihn Mary Wigman in Dresden kreierte. Bereits 1926 nahm sie mit Aufnahmen von Wigman an der Deutschen Photographie-Ausstellung in Frankfurt/Main teil. – Von hohem dokumentarischen Wert sind auch R.s Rollenporträts, wie z.B. von Bruno Decarli als Matthias Clausen oder von Erich Pontoals Mephisto. Die Fotografien spiegeln nuanciert die Auffassung der Rolle in ihrer jeweiligen Physiognomie wider und vermitteln so einen bleibenden Eindruck schauspielerischer Wandlungsfähigkeit. Ihre Aufnahmen von Bühnenszenen erlangten theatergeschichtliche Bedeutung, indem sie Einblicke in die Arbeit des Regisseurs, des Bühnenbildners und des Schauspielensembles vermitteln und bewahren. Herausragende Beispiele sind die Aufnahmen zu den Inszenierungen des Regisseurs Georg Kiesau von Gerhart Hauptmanns „Die Jungfern vom Bischofsberg“ (1927), „Dorothea Angermann“ (1927) und „Vor Sonnenuntergang“ (1932). Maßstäbe setzte auch ihre Dokumentation von Josef Gielens Inszenierung des „Götz von Berlichingen“ (1932) von Johann Wolfgang von Goethe mit Alice Verden und Paul Hoffmann in den Hauptrollen. In den frühen 1930er-Jahren war R. zudem am Albert-Theater aktiv, wie die Szenenfotos zu „Der unheimliche Mönch“ von Edgar Wallace und zahlreiche Aufnahmen von Persönlichkeiten aus dem Ensemble dieses Theaters belegen. Uraufführungen moderner Autoren wie Hans Christoph Kaergels Erfolgsstück „Andreas Hollmann“ (1933) mit Paul Hoffmann und Willy Kleinoschegg oder Manfred Hausmanns „Lilofee“ (1936) mit Erich Ponto als Smolk von Brake sind fotografisch überliefert. Neben Gerhart Hauptmann gehörten auch Henrik Ibsen und Vertreter der deutschen und österreichischen Klassik zu ihren bevorzugten Autoren. – R.s umfangreiches Gesamtwerk umfasst auch den 2004 wiederentdeckten Nachlass mit 225 Arbeitsabzügen von Dresdner Theater- und Tanzaufführungen sowie 350 Glasplatten privater Aufnahmen und einer umfangreichen Zahl von Glasnegativen, welche das tierplastische Werk ihrer Schwester Etha dokumentieren und allesamt für den Bestand der Deutschen Fotothek Dresden gesichert werden konnten. Außerdem sind zahl¬reiche Porträt¬fotos von Schauspielerinnen, Schauspielern und anderen bedeutenden Persön¬lichkeiten des Dresdner Theaterlebens überliefert, die theatergeschichtliche Bedeutung besitzen, da vergleichbare Dokumente infolge der Zerstörung Dresdens 1945 nicht mehr vorhanden sind.



Q  Auskunft A. Spitzer, 20.12.2004; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Dresdner Opernarchiv, Abteilung Deutsche Fotothek, Nachlass R.; Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett; Akademie der Künste Berlin, Archiv Darstellende Kunst; Deutsches Tanzarchiv Köln, Fotoarchiv, Nachlass Helge Peters-Pawlinin; Staatsschauspiel Dresden, Archiv.

W  Porträtfotos von Dresdner Schauspielerinnen und Schauspielern des Staatstheaters: Johannes Barthel, 1930; Felix Bressart; Bruno Decarli, 1926; Tom Farecht, 1926; Mignon Fritsch; Carla Hacker; Erich Haußmann; Max Jähnig, 1930; Ludwig Jordan; Lilly Kann; Willi Kleinoschegg, 1926; Wolf Leutheisser; Käte Manig; Lothar Mehnert, 1926; Gertrud Meinz; Lotte Meyer; Franz Opletal; Georg Ottmay; Ilde Overhoff, 1930; Paul Paulsen; Wilhelm Piltz; Maria Polte; Erich Ponto, 1926; Alexis Posse, 1926; Marion Regler; Fritz Reißmann; Elisabeth Rose; Max Johannes Rothenberger; Leontine Sagan; Clara Salbach; Erich Schneider; Charlotte Schrader; Liesel von Schuch; Felix Steinböck, 1926; Harry Studt, 1930; Eduard Wenck; Alice Weymuth; Edith Wiese; Heinrich Wildberg; Albert Willi; Heinz Woester, 1930; Karl Wüstenhagen. – Mehrere Vintagen „Ausdruckstanz“, 1929.

L  F.-M. Peter, Das tänzerische Lichtbild, in: B. v. Dewitz/K. Schuller-Procopovici (Hg.), Hugo Erfurth, Köln 1992, S. 45-52; K. Kohle, Die Tanzphotographie und Dresden, in: Dresdener Kunstblätter 49/2005, S. 361-371; A. P. Weinke, Ursula R. – Die Ausdruckstanzfotografien, Magisterarbeit TU Dresden 2007 [MS].

P  Selbstbildnis, 1920/1922, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle); Hermann Richter, 1942/43, Dranske, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek.



Manfred Altner
28.4.2010


Empfohlene Zitierweise:

Manfred Altner, Richter, Irma Ursula Johanna, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.10.2014)

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