Roth Stephan
Schulmeister, Korrektor, Übersetzer, Stadtschreiber, Ratsherr
* 1492 Zwickau 10.7.1546 Zwickau(kath., später ev.)
VBarthel († 1531), SchuhmacherMUrsula, geb. Drechsel († 1530)GUrsula († vor 1520); Barthel († nach 1546); Hieronymus († vor 1520); Laurentius († vor 1520); Georg († nach 1546); Hans († 1529); Barbara († nach 1546); Magdalena († nach 1546); Dorothea († nach 1546); Anna († nach 1546) 1.1524 Ursula, geb. Krüger († 1545) 2.1546 Barbara, geb. Pfützner († nach 1559)
GND: 119167360





R. gehört zu den bedeutenden Intellektuellen der Reformationszeit im Kurfürstentum Sachsen. Als Lateinschulmeister und Schulaufseher sowie als Stadtschreiber von Zwickau, der auch mit überregionalen Aufgaben betraut war, leistete er einen eigenen Beitrag für die Herausbildung eines moderneren Schulwesens und einer effizienteren Verwaltung des ernestinischen Territoriums. – Sein Wirken ist eng mit seiner Geburtsstadt Zwickau verbunden. Als Sohn eines Schuhmachers absolvierte er im Verlauf von etwa zehn Jahren mehrere Lateinschulen, so in Glauchau, Chemnitz, Annaberg, Halle/Saale, Dresden und vermutlich Zwickau. Von R. sind umfangreiche Schüleraufzeichnungen zwischen 1506 und 1512 überliefert. Zudem belegen studentische Mitschriften an der Universität Leipzig, wo er 1512 bis 1517 die Artistenfakultät besuchte und den Magistertitel erwarb, dass er sich über seine Fakultät hinaus mit nahezu allen akademischen Disziplinen befasst hat. – Vom Herbst 1517 bis zum Frühjahr 1521 leitete er die Zwickauer Lateinschule. Nachdem diese mit der 1519 gegründeten und von Georgius Agricola geführten Griechischen Schule zusammengelegt worden war, verließ er im Frühjahr 1521 Zwickau und arbeitete von Sommer 1521 bis Herbst 1522 als Schulmeister in Joachimsthal (tschech. Jáchymov). – Im Frühjahr 1523 ging er nach Wittenberg und kam in den engeren Umkreis Martin Luthers. Ab Oktober studierte er hier Theologie und später kurzzeitig auch Jura. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Korrektor, Übersetzer und Herausgeber bei allen wichtigen Buchdruckern der Reformation in Wittenberg. 1524 heiratete er dort die Bürgerstochter Ursula Krüger, deren eigenwilliges Handeln später öffentliches Aufsehen erregte und die Reformatoren zum Eingreifen veranlasste. Sie hatte sich gegen R.s Stadtschreibertätigkeit und die damit verbundene Übersiedlung nach Zwickau gewehrt. – Die von R. herausgegebenen Lutherpredigten und seine Übersetzung einiger Psalmenkommentare trugen wesentlich zur zeitgenössischen Lutherrezeption durch weniger Gebildete bei. Besonders mit der Herausgabe der Predigten des Reformators wandte er sich ausdrücklich an die einfachen Dorfpfarrer, deren Kenntnisse in der neuen Lehre er genauso bemängelte wie deren schlechte Ausstattung mit Büchern der Heiligen Schrift. R.s Ausgaben stellten zusammen mit seinen Mitschriften von Predigten und Vorlesungen der Wittenberger Theologen sowie mit etwa 4.000 an ihn gerichteten Briefen herausragende Quellen für Luthereditionen bis ins 20. Jahrhundert dar. – 1527 trat R. in die Zwickauer Stadtschreiberei ein, deren Leitung er 1533 übernahm. Er straffte die gesamte Stadtverwaltung und schuf neue Grundlagen für die Arbeit des Rats etwa in Form einer Vermögensübersicht der Bürger, einer Steuerordnung, eines städtischen Lehnbuchs und einer besseren Archivierung. Außerdem präzisierte er das Kämmereiwesen. Anfang der 1530er-Jahre verteidigte R. als selbstbewusster Bürger seiner Stadt das von alters her praktizierte und vor Jahrzehnten käuflich erworbene Recht, die Kirchen- und Schulstellen eigenverantwortlich zu besetzen. Dadurch geriet er in einen scharfen Gegensatz zu Luther, der ihn 1531 exkommunizierte. Erst fünf Jahre später wurde dieses Verdikt aufgehoben, aber die Wertschätzung Luthers konnte R. nicht wiedererlangen. Unabhängig davon genoss er als Verwaltungs- und Finanzfachmann hohes Ansehen im ernestinischen Sachsen und befasste sich auch mit überregionalen Fragen wie der Türkensteuer oder Landgebrechen. 1543 wurde er in den Zwickauer Rat aufgenommen. Zunehmende Krankheiten, ein Steinleiden, ein offenes Bein und die Gicht, verhinderten eine weitere Karriere in seinen letzten Lebensjahren. – R.s Korrespondenz ist in besonderem Maße aussagefähig für die Kultur- und Sozialgeschichte der Zeit. Sie steht für die intellektuelle, berufliche und häusliche Alltagswelt einer relativ einheitlich gebildeten, aber sozial durchaus differenzierten Mittelschicht, die vom wohlhabenden Landadligen über gelehrte Vertreter des Bürgertums bis hin zum Dorfpfarrer im Erzgebirge reichte. In der Detailfülle der Briefe wird R. auch privat erkennbar als eine einflussreiche und unbedingt zuverlässige Persönlichkeit mit strengen moralischen Grundsätzen, zu der gute Beziehungen zu haben, nützlich war. Er vermittelte Geschäfte, darunter Kuxe und Kredite, leistete juristischen Beistand, besorgte Anstellungen und Ausbildungsplätze, brachte auf Bestellung jede gewünschte Ware von der Leipziger Messe mit, war unentwegt kontaktfreudig und hilfsbereit. Sein Wort galt auch in theologischen Fragen. Zwar führte er eine unglückliche und kinderlose Ehe, erzog aber elternlose Kinder aus der Verwandtschaft in seinem Haus. – Nur drei Monate nach dem Tod seiner Frau Ursula heiratete er im Januar 1546 Barbara Pfützner, die Tochter des Zwickauer Ratswaagemeisters. Nach kurzer Ehe starb R. im Alter von 54 Jahren. – In seinem Testament übereignete er seine Bibliothek von ca. 6.000 Bänden, darunter 440 Inkunabeln, seiner Vaterstadt Zwickau mit der ausdrücklichen Bedingung, sie für die Lateinschulausbildung zu nutzen. Diese Bücher aus allen Fachgebieten bildeten eine der bedeutendsten stadtbürgerlichen Privatbibliotheken seiner Zeit im deutschsprachigen Raum. Sie lassen zwar keine auswählende Systematik beim Sammeln erkennen, aber sie zeigen einen universal interessierten und gebildeten praktischen Humanisten der Reformationszeit. Sein gesamter schriftlicher Nachlass und seine Buchsammlung werden in der Ratsschulbibliothek Zwickau aufbewahrt. Im Stadtarchiv Zwickau finden sich vielfältige Zeugnisse seiner Verwaltungstätigkeit aus fast zwei Jahrzehnten sowie Dokumente zu seinem eigenen Leben.



Q  G. Buchwald, Altenburger Briefe aus der Reformationszeit 1532-1545, in: Mitteilungen der Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes 10/1888, H. 1, S. 297-346; ders., Zur Wittenberger Stadt- und Universitätsgeschichte in der Reformationszeit. Briefe aus Wittenberg an M. Stephan R. in Zwickau, Leipzig 1893; ders., Stadtschreiber M. Stephan R. in Zwickau in seiner literarisch-buchhändlerischen Bedeutung für die Reformationszeit, Leipzig 1893; R. Metzler (Hg.), Stephan R. 1492-1546, Stadtschreiber in Zwickau und Bildungsbürger der Reformationszeit. Biographie, Edition der Briefe seiner Freunde Franz Pehem, Altenburg, und Nicolaus Günther, Torgau, Stuttgart 2008; Ratsschulbibliothek Zwickau, Briefe, Kapseln I-XII, B, D, E, M, N, O, Schülerhandschriften, 2.10.8., 24.7.17., 24.9.7., 24.12.4., 24.11.6., 24.3.10. (Auswahl), Studentische Mitschriften aus Leipzig, 3.3.2., 22.9.6., 24.9.11. (Auswahl), Studentische Mitschriften aus Wittenberg, HSs 1-7, 34-42 (Auswahl), Verzeichnis seiner Bücher, KKKK 2-4, Verzeichnis Lutherschriften und -predigten, KKKK 1, 4a, Formelbücher, 2.6.10., Hs 21; Stadtarchiv Zwickau, R.s Testament, 1546 A*A I 23, Nr. 48, Stipendien- und Erbschaftsangelegenheiten, R 1522-1528 II, Bl. 77, R 1522-1528 I, S. 140, R 1534-36, Nr. 13, S. 47, Kopialbuch 13d, Bl. 59b-60b.

W  D. Erasmus, Eyn gesprech zwayer Ehelicher weyber, Wittenberg 1524 (Übersetzung aus dem Lateinischen); J. Bugenhagen, Der erste Psalm Dauids, Wittenberg 1524 (Übersetzung aus dem Lateinischen); J. Bugenhagen, Auslegung der kurtzen Episteln S. Pauls, Wittenberg 1524/25 (Übersetzung aus dem Lateinischen); (Hg.), G. Raute, Die Siebenzehen hewbtartickel der gantzen schrifft, Wittenberg 1525; (Hg.), B. Gretzinger, Hewbtartikel vnd fuernemste stueck vnsers Christenthums, Wittenberg 1525; M. Luther, Der zwey vnd zwentzigste Psalm Dauids von dem leyden Christi, Wittenberg 1525 (Übersetzung aus dem Lateinischen); M. Luther, Der Funffte Psalm Dauid, Wittenberg 1525 (Übersetzung aus dem Lateinischen); J. Bugenhagen, Von den Gelubden der geistlichen, Wittenberg 1525 (Übersetzung aus dem Lateinischen); J. Bugenhagen, Von dem ehelichen stande der Bischoffe vnd Diaken, Wittenberg 1525 (Übersetzung aus dem Lateinischen); (Hg.), M. Luther, Sommerpostille, Wittenberg 1526, in: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 10, 1. Abteilung, Weimar 1925, S. 209-441; J. Bugenhagen, Von dem Konigreych vnd Priesterthum Christi, Wittenberg 1526 (Übersetzung aus dem Lateinischen); J. Bugenhagen, Summarien vnd ynnhalt aller Capitel der vier Euangelisten, Wittenberg 1527 (Übertragung aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche); Die weissagunge Johannis Lichtenbergers, Wittenberg 1527; Das Erste Teyl der Lateinische auslegung des Psalters Doctor Martin Luthers, Wittenberg 1527; (Hg.), M. Luther, Festpostille, Wittenberg 1527, in: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 17, 2. Abteilung, Weimar 1927; M. Luther, Winterpostille, Zwickau 1528, in: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 21, Weimar 1928, S. 1-193.

L  G. Müller, Magister Stephan R. Schulrektor, Stadtschreiber und Ratsherr zu Zwickau im Reformationszeitalter, in: Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 1/1882, S. 43-98; R. Metzler, Die Bibliothek des Zwickauer Stadtschreibers Stephan R. (1492-1546), in: M. Hubrath/R. Krohn (Hg.), Literarisches Leben in Zwickau im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Göppingen 2001, S. 111-123; dies., Der Nachlass Stephan R.s (1492-1546) in der Ratsschulbibliothek, in: NASG 81/2010, S. 215-234; Julia Kahleyß, Die Bürger von Zwickau und ihre Kirche. Kirchliche Institutionen und städtische Frömmigkeit im späten Mittelalter (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde 45), Leipzig 2013. – ADB 53, S. 564-567; DBA I, III; DBE 8, S. 416; Sächsische Lebensbilder, Bd. 2, Leipzig 1938, S. 340-351.

P  Unbekannter Maler des 16. Jahrhunderts, Ratsschulbibliothek Zwickau, Reproduktion in: A. Kramarczyk, Das Feuer der Renaissance. Georgius-Agricola-Ehrung 2005, Chemnitz 2005.



Regine Metzler
30.5.2013


Empfohlene Zitierweise:

Regine Metzler, Roth, Stephan, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.10.2017)

Wikipedia Link