Ruge Sophus
Geograf, Ethnologe
* 26.3.1831 Dorum bei Bremerhaven 23.12.1903 Klotzsche bei Dresden(ev.)
VChristoph August (1790-1834), ArztMElise, geb. Hennings, Tochter eines Advokaten1859 Anna Caecilie, geb. Busse (1830-1903)SReinhold Friedrich (* 1862); Walther Karl Theodor (* 1865)TFrieda Elisa (*1860); Elsbeth Sophie (* 1870)
GND: 116702133

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Stade studierte R. 1850 bis 1854 zuerst Theologie, dann Geschichte, Geografie und klassische Philologie an den Universitäten Göttingen und Halle/Saale. Anschließend war er als Hauslehrer bei Einbeck, ab 1857 als Lehrer an der höheren Töchterschule in Stade tätig. 1859 siedelte er nach Dresden über, wo er Lehrer an der öffentlichen Handelslehranstalt wurde. 1864 promovierte R. an der Universität Leipzig bei Heinrich Wuttke über „Der Chaldäer Seleukos“ und unterrichtete von 1870 an als Oberlehrer an der Annen-Realschule Dresden. 1872 habilitierte er sich am Königlich Sächsischen Polytechnikum in Dresden, wo er 1874 ordentlicher Professor für Geografie und Ethnologie wurde. Einen Ruf an das Polytechnikum München schlug R. aus, da die sächsischen Behörden darum bemüht waren, ihn zu halten. 1903 wurde er aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt. – R.s Hauptarbeitsgebiet war die Geschichte der Erdkunde und der Kartografie. Das Spektrum seiner Vorlesungen reichte jedoch von klassisch geografischen über Land-und-Leute- bis zu explizit ethnologischen Themen („Allgemeine Ethnologie“). Um die Jahrhundertwende befasste er sich auch mit politischer Geografie und hielt Vorlesungen zu den deutschen Kolonien. R. war in zahlreichen Vereinen und wissenschaftlichen Gremien tätig. Gemeinsam mit Karl Andree gründete er 1863 den Dresdner Verein für Erdkunde, den er fast 35 Jahre leitete. 1877 etablierte er den Gebirgsverein für die sächsisch-böhmische Schweiz (später: Gebirgsverein für die sächsische Schweiz), in dem er bis 1885 erster Vorsitzender des Zentralausschusses, danach Ehrenmitglied war. Für das 1878 von ihm mit gegründete Vereinsorgan „Über Berg und Thal. Organ des Gebirgsvereins für die sächsisch-böhmische Schweiz“ (ab 1890, Nr. 3 „Organ der Vereinigten Gebirgsvereine für die sächsische Schweiz“, ab 1890, Nr. 10 „Organ des Gebirgsvereins für die sächsische Schweiz“) hat er vornehmlich in den ersten Jahren Beiträge geliefert. Darüber hinaus war R. Mitglied des Vereins für Sächsische Volkskunde (seit 1897) und der Königlichen Kommission für Geschichte. Seit 1894 gehörte er als Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig an. Er war korrespondierendes Mitglied der geografischen Gesellschaften zu Berlin, Amsterdam und Lissabon sowie Ehrenmitglied der geografischen Gesellschaften zu Dresden, Leipzig, Hamburg und München. In allen diesen Vereinen sowie in der Gehe-Stiftung Dresden war er in die Vortragstätigkeit eingebunden. R.s internationales Renommee fand seinen Ausdruck u.a. in der Einladung zum Kongress der französischen geografischen Gesellschaft 1874. – Von bleibendem Interesse ist seine Abhandlung zu Christoph Columbus, v.a. wegen der umfassenden und akribischen Quellenerschließung. In seinem Wissenschaftsverständnis wies R. der Geografie (Erdkunde) eine Zwischenstellung zwischen Naturwissenschaften und Geschichte (historischen Wissenschaften) zu. Als einen Hauptteil der Geografie betrachtete er die Ethnologie, die sich seiner Ansicht nach mit Menschengruppen, Stämmen und Völkern und in diesem Rahmen mit der Volksindividualität (dem „Volkscharakter“) zu befassen hatte und als Länder- und Völkerkunde verstanden wurde. Als Aufgabe der Volkskunde umriss er in seiner Studie „Das sächsische Land“ die „Erforschung oder Schilderung eines Volkes oder Volksstammes“ im umfassendsten Sinne. Wenn R. die Ethnologie „als eine Hauptgrundlage für die Staatswissenschaften“ ansah, so entsprach dies in etwa der Vorstellung von der Volkskunde als „eine[r] Vorhalle der Staatswissenschaft“ bei Wilhelm Heinrich Riehl, einem der „Väter der deutschen Volkskunde“. – Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde R. mit dem Titel Hofrat (1902), dem Ritterkreuz Erster Klasse des sächsischen Albrechtsordens und dem Ritterkreuz des Mecklenburgischen Hausordens der Wendischen Krone geehrt.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Ministerium für Volksbildung; Technische Universität Dresden, Universitätsarchiv (P).

W  Der Chaldäer Seleukos, Diss. Dresden 1865; Das Verhältnis der Erdkunde zu den verwandten Wissenschaften, in: Programm, womit zu der öffentlichen Prüfung und dem Redeactus der Annen-Realschule ... am 2. und 3. April 1873 ... einladet ..., S. 1-18; Fretum Anian, in: ebd., S. 19-32; (Hg.), O. Peschel’s Geschichte der Erdkunde bis auf Alexander v. Humboldt und Carl Ritter, München 21877; Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen, Berlin 1881; Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte der Erdkunde, Dresden 1888; Christoph Columbus, Dresden 1892; Norwegen, Bielefeld/Leipzig 1899; Dresden und die Sächsische Schweiz, Bielefeld/Leipzig 1903; Das sächsische Land, in: R. Wuttke (Hg.), Sächsische Volkskunde, Dresden 21901, S. 3-25.

L  M. Martin, Sophus R. und unser Gebirgesverein, in: Über Berg und Thal 27/1904, S. 253-257 (P); V. Hantzsch, S. R. gest., in: Geographische Zeitschrift 10/1904, S. 65-74; ders., S. R., in: Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog 8/1905, S. 34-39; H. Gravelius, S. R., in: Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Dresden 1/1905, S. 9-21. – DBA II, III; DBE 8, S. 459; NDB 22, S. 234f.

P  Sophus R., W. Höffert, 1897, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Brigitte Emmrich †
11.10.2005


Empfohlene Zitierweise:

Brigitte Emmrich †, Ruge, Sophus, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (30.3.2017)

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