Sieber Siegfried Ludwig
Historiker, Volkskundler, Lehrer
* 27.3.1885 Oschatz 18.7.1977 Aue(ev.)
VFriedrich Gustav (1842-1927), Musikdirektor am Lehrerseminar OschatzMAugustine Wilhelmine, geb. Schwotzer (1842-1929)1913 Charlotte, geb. Binder (1890-1973)SArnulf
GND: 115696687

S. trat besonders durch seine Forschungen und zahlreiche Publikationen zur Geschichte und Volkskunde des Erzgebirges hervor. Auf ihn geht die Gründung des Stadtmuseums Aue zurück; an der Volkshochschule Aue lehrte er 30 Jahre und war nebenberuflich 1922 bis 1928 auch ihr Leiter. – S. wuchs in Oschatz auf und besuchte das Kreuzgymnasium Dresden. Dort gehörte er auch dem Kreuzchor an und war fünf Jahre dessen Präfekt. Ab 1907 studierte er Geschichte, Germanistik und Geografie an der Universität Leipzig bzw. für zwei Semester in München. In Leipzig war S. v.a. Schüler Karl Lamprechts, bei dem er 1910 promovierte. Dem pädagogischen Examen 1912 folgte 1913 die Anstellung an der Oberrealschule in Aue. Unterbrochen durch den Kriegsdienst 1915 bis 1918 war er bis 1946 dort tätig, ab 1921 als Studienrat. In den mehr als fünf Jahrzehnten seines Wirkens in Aue hatte S. einen bemerkenswerten Anteil an der Entwicklung des kulturellen Lebens in dem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts schnell wachsenden Industriezentrum des westlichen Erzgebirges. Anknüpfend an seine Themen aus der Universitätszeit verfasste S. in den ersten Auer Jahren eine Grammatik des Serbischen (1921) und die Biografie eines Großonkels Johann Wolfgang von Goethes (1922). Der Stadtgeschichte von Aue sowie den ökonomischen und kulturellen Traditionen des Erzgebirges wandte er sich anlässlich der Vorbereitung der 750-Jahr-Feier von Aue (1923) zu. S. war Initiator des Jubiläums und Hauptautor der Festschrift, der ersten wissenschaftlichen Darstellung der Stadtgeschichte. Dadurch dass die Beiträge des Bandes bis in die Gegenwart reichten und auch die Industriegeschichte mit einbezogen wurde, setzte er zugleich neue Akzente für die Stadtgeschichtsforschung generell. Gleichzeitig gründete S. den Museumsverein, um heimatkundliche Sammlungen aufzubauen, die nach den allein vom Verein getragenen Ausstellungen 1935 in das „Städtische Museum Aue“ mündeten. – Die Forschungen von S. basierten - in Anlehnung an Lamprechts kulturgeschichtliche Perspektive - auf einer Symbiose von regionaler Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Volkskunde und Geistesgeschichte bis hin zur Denkmalpflege. Hervorzuheben sind die in dieser Zeit entstandene Inventarisation der für das Westerzgebirge typischen Hammerwerke des 14. bis 18. Jahrhunderts in Einzelstudien sowie seine Beiträge zur Volkskunde der mittleren und unteren Schichten des Stadtbürgertums. Er verfasste ein Buch über das Erzgebirge (1930) und wirkte am „Grundriß der sächsischen Volkskunde“ (1932) mit. Zu verweisen ist auf seine Untersuchungen zum Bergbau, die Betriebsgeschichte des Auer Blaufarbenwerks aus Anlass von dessen 300-Jahr-Feier (1935), die Biografie über Samuel von Pufendorf (1938) sowie seine Konzeption einer Wirtschaftsgeschichte des Erzgebirges im Neuen Archiv für sächsische Geschichte (1940). – Die Aufnahme des parteilosen S. als Mitglied der Sächsischen Kommission für Geschichte (heute Historische Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig) 1939 erfolgte gegen den Widerstand der sächsischen NS-Führung. Trotz seiner Distanz zum NS-Regime wurde er im September 1946 aufgrund einer nicht weiter geprüften Denunziation aus dem Schuldienst entlassen. Er wurde Privatgelehrter und beteiligte sich ab Ende 1946 über Werkverträge an der Bestandsaufnahme von 250 historischen Bauernhöfen in 40 Orten um Aue durch das Landesamt für Denkmalpflege. Anschließend übernahm er bei der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin Aufgaben in den Bereichen Geschichte und Volkskunde, insbesondere zum Bergbau. Parallel dazu lehrte er ab 1947 erneut an der Volkshochschule, und zwar Literatur- und Philosophiegeschichte, später auch Landesgeschichte. Seit den 1950er-Jahren veröffentlichte S. zahlreiche Beiträge, u.a. im Münchner Jahrbuch des Collegium Carolinum „Bohemia“, in den „Sächsischen Heimatblättern“ und in „Forschungen und Fortschritte“. Der Industriegeschichte bis 1945 widmete sich eine Monografie in der Marburger Reihe „Mitteldeutsche Forschungen“. Nahezu zeitgleich verfasste S. drei Bände der Akademie-Reihe „Werte der Heimat“ mit einer heimatkundlichen Bestandsaufnahme der Kerngebiete des westlichen und mittleren Erzgebirges. Sein Alterswerk galt Zusammenfassungen von Arbeiten, die oft an entlegener Stelle publiziert waren. Im Ergebnis entstanden etwa 20 Manuskriptbände zu Themen wie dem Eisenbergbau um Schwarzenberg, der Bürstenfabrikation von Schönheide, dem Haus und Besitz des Bergmanns, dem Eigenlehner im sächsischen Bergwesen, der Musikgeschichte von Aue oder zu Buchdruck und Verlagswesen im Erzgebirge. Die in Maschinenschrift ausgefertigten Texte übergab S. an Bibliotheken in Dresden und Leipzig sowie an das Auer Museum. – Die Berliner Akademie der Wissenschaften ehrte S. zum 80. Geburtstag mit der Leibniz-Medaille. Zur 800-Jahr-Feier von Aue (1973) erhielt S. die Ehrenbürgerwürde, und seit seinem 110. Geburtstag erinnert in Aue ein Denkmal an ihn.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Landesregierung Sachsen, Ministerium für Volksbildung; Stadtmuseum Aue, Teilnachlass S.

W  Volksbelustigungen bei deutschen Kaiserkrönungen, Diss. Leipzig 1911, Frankfurt/Main 1911; Johann Michael v. Loen. Goethes Großoheim (1694-1776), Leipzig 1922; (Hg.), Festschrift zur 750-Jahrfeier von Aue im Erzgebirge, Aue 1923; Das Erzgebirge. Landschaft und Menschen, Dresden 1930; Erzgebirgische Hammerwerke, in: Heimatblätter. Beilage des Erzgebirgischen Volksfreunds Aue 1924, Nr. 1, 2, 1925, Nr. 10, 15, 1926, Nr. 2, 5, 13, 14; Die städtische Gemeinschaft, in: W. Frenzel/F. Karg/A. Spamer (Hg.), Grundriß der sächsischen Volkskunde, Bd. 1, Leipzig 1932; Geschichte des Blaufarbenwerkes Niederpfannenstiel in Aue, Schwarzenberg 1935; Samuel von Pufendorf. Staatsdenker, Bahnbrecher und Kämpfer, Dresden 1938; Vorschläge zu einer Wirtschaftsgeschichte des Erzgebirges, in: NASG 61/1940, S. 216-241; Ernst August Geitner, in: Sächsische Lebensbilder, Bd. 3, Leipzig 1941, S. 110-119; Die Spitzenklöppelei im Erzgebirge, Leipzig 1955; Die sächsische Blechkompanie, in: Sächsische Heimatblätter 3/1957, S. 225-232; Aus der Geschichte des erzgebirgischen Spitzenhandels, in: ebd. 5/1959, S. 420-429; Erzgebirgische „Bergfabriken“, in: Forschungen und Fortschritte 34/1960, S. 292-297; Aus der Geschichte der Zinnschmelzhütten und Zinnschmelzer im Erzgebirges, in: Sächsische Heimatblätter 8/1962, S. 373-383; Studien zur Industriegeschichte des Erzgebirges, Köln 1967; Werte der deutschen Heimat, Bd. 11: Die Bergbaulandschaft von Schneeberg und Eibenstock, Berlin 1967, Bd. 13: Von Annaberg bis Oberwiesenthal, Berlin 1968, Bd. 20: Um Aue, Schwarzenberg und Johanngeorgenstadt, Berlin 1972.

L  M. Unger, Lehrer und Gelehrter. Siegfried S. (1885-1977) und die regionale Kulturgeschichte des westlichen Erzgebirges, in: Sächsische Heimatblätter 4/2003, S. 320-341. – DBA II.



Manfred Unger
21.5.2008


Empfohlene Zitierweise:

Manfred Unger, Sieber, Siegfried Ludwig, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.3.2017)

Wikipedia Link