Sidonia (Sidonie) von Sachsen
Herzogin von Sachsen, Herzogin von Braunschweig-Lüneburg
* 08.03.1518 Freiberg 05.01.1575 Weißenfels Freiberg, Dom(kath., seit 1537 ev.)
VHeinrich (der Fromme) (1473-1541)MKatharina, Herzogin von Mecklenburg (1487-1561)GSibylla (1515-1592), Herzogin von Sachsen-Lauenburg; Emilia (1516-1591), Markgräfin von Brandenburg-Ansbach und Bayreuth; Moritz (1521-1553), Herzog von Sachsen, ab 1547 Kurfürst; August (1526-1586), Kurfürst von Sachsen1545 Erich II. (1528-1584), Herzog von Braunschweig-Lüneburg
GND: 121349098





S. ist die jüngste Tochter des Freiberger Herzogpaars Heinrich (der Fromme) und Katharina. Die Erinnerung an sie ist meist durch ihre späte und glücklose Heirat, ihre Kinderlosigkeit und ihre Flucht vor einem drohenden Hexenprozess geprägt. Obwohl besonders die einsamen Jahre ihrer fast 30-jährigen Ehe schriftlich hinlänglich überliefert sind, findet ihr Wirken in der sächsischen und v.a. in der niedersächsischen Geschichtsschreibung kaum Erwähnung. – S. galt als willensstarke, selbstbewusste, wenig attraktive Fürstin, die wohl nicht herausragend begabt war, jedoch gemeinsam mit den Geschwistern gut ausgebildet und auf ihre zukünftige Bestimmung entsprechend vorbereitete wurde. Auch wenn sie durch die Regierungsübernahme ihres Vaters nach dem Tod von Herzog Georg 1539 als Kandidatin für eine dynastische Eheschließung interessanter geworden war, kam eine Heirat mit einem Ehemann gleichen Glaubens erst 1545 zustande. Die Wahl fiel auf den 16-jährigen Herzog Erich II. von Braunschweig-Lüneburg, der ursprünglich Agnes, der Tochter des Landgrafen Philipp von Hessen, versprochen war, den aber dann die Mütter des Brautpaars für die inzwischen 27 Jahre alte S. vorgesehen hatten. Dahinter stand politisches Kalkül, um beide protestantischen Fürstentümer fester miteinander zu verbinden, gerade angesichts der politischen Auseinandersetzung des Schmalkaldischen Bundes mit Herzog Heinrich II. (d.J.) von Braunschweig-Wolfenbüttel, der zugleich auch der größte Widersacher Herzogin Elisabeths von Brandenburg, also der Mutter Erichs II., war. S.s Ehemann kehrte allerdings mit Erreichen der Volljährigkeit zunächst zu seinem alten Glauben zurück und bot auf dem Reichstag zu Regensburg 1546 dem Kaiser seine Dienste an. Für S. bedeutete dies ein zurückgezogenes Leben ohne glanzvolle höfische Höhepunkte und Festlichkeiten mit Ausnahme einiger weniger von ihrem Gemahl genehmigter Reisen, u.a. an den Dresdner Hof. Belastend für sie war zudem ihre Kinderlosigkeit, die sich nach einer Scheinschwangerschaft 1556/57 abzeichnete. Hinzu kamen die Rivalitäten mit ihrer Schwiegermutter Elisabeth bei der Übernahme landesherrlicher Aufgaben in Zeiten der Abwesenheit Herzog Erichs. Der endgültige Bruch mit Elisabeth erfolgte schließlich, als sich ihr Ehemann und ihre Schwiegermutter 1553 mit Markgraf Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach in das Kriegsgeschehen gegen Heinrich d.J. von Braunschweig-Wolfenbüttel und damit auch gegen Kurfürst Moritz von Sachsen einließen. Als S. in der Schlacht von Sievershausen am 9.7.1553 ihren Bruder verlor und Heinrich d.J. drohte, das Calenberger Land und damit auch ihr Wittum in seinen Besitz zu nehmen, bewies sie bei den Einbecker Friedensverhandlungen im September 1553 außerordentliches diplomatisches Geschick. Sie konnte ihrem unberechenbaren Mann das Land erhalten, das jener notfalls auch gewillt war, in fremde Hände zu geben, sowie den Untertanen die Religionsfreiheit gewährleisten. Elisabeths Ausweisung aus dem Herzogtum hingegen vermochte sie nicht zu verhindern. Die nicht ganz durchschaubare Vorgehensweise begründete sie mit der Sorge um weiteres Blutvergießen und zunehmende Spannungen zwischen den verwandtschaftlich verbundenen Häusern. – Die mit 19 Jahren konvertierte S. wurde zur leidenschaftlichen Lutheranerin. Sie stellte den Glauben selbst über ihre Ehe und bekundete dies 1549 auch vor einem Notar, der sie im Namen des Herzogs zur Konversion zum alten Glauben aufforderte. Darüber hinaus aber pflegte sie ihre Frömmigkeit zurückgezogen, ohne sichtbare Außenwirkung und Verbindlichkeit. So ging sie z.B. auch nicht das Risiko ein, sich für die Freilassung des Reformators Antonius Corvinus und seiner Gefährten einzusetzen, die auf dem Gelände ihres Witwensitzes Calenberg jahrelang im Gefängnis saßen. Sie las Luthers Werke und versuchte diese schnell wiederzubeschaffen, als sie etwa dem Brand des Mündener Schlosses 1560 zum Opfer fielen. Ihre aus dem Nachlass bekannte Bibliothek von etwa 100 Bänden setzte sich auch überwiegend aus Büchern religiösen Inhalts zusammen. Als streng gläubige Landesherrin musste sie die wiederholten Ehebrüche ihres Mannes besonders demütigend empfunden haben, zumal dieser in Holland mit seiner Nebenfrau Catharina van Weldam eine Familie gegründet hatte. Da aber die Pläne einer möglichen Scheidung nicht umgesetzt werden konnten, versuchte der Herzog, seine Ehefrau zu isolieren. Als sie schließlich auf ihrem so schwer erkämpften Witwensitz Schloss Calenberg zu einer Gefangenen wurde, die, bewacht und von der Außenwelt abgeschnitten, nicht einmal Besuche empfangen durfte, bat sie den Kaiser über ihren Bruder Kurfürst August in Dresden um Hilfe. Doch wurden die Interventionen des Kaisers für ein würdiges Leben von S., zunächst durch einen Rezess von Hildesheim im April 1570 und dann durch einen Beschluss von Pattensen bei Hannover im Oktober 1571, durch Erich und seine ihm gefügigen Räte und Amtsleute nicht beachtet. Stattdessen strengte S.s Gemahl einen Hexenprozess an und beklagte sie wegen angeblicher Mordversuche gegen ihn. Daraufhin flüchtete sie am 20.4.1572 von ihrem Calenberger Witwensitz zunächst nach Dresden, wo sie von ihrem Bruder Kurfürst August und dessen Frau Anna aufgenommen und unterstützt wurde. Von dort aus brachte sie ihre Klagen auf Rehabilitation und Abfindung vor Kaiser Maximilian und begab sich im Januar 1573 in ihr neues Domizil, das ehemalige Kloster St. Klaren in Weißenfels. Dort richtete sie sich mit ihrem Hofstaat entsprechend ihrem herzoglichen Status und den damit verbundenen Ansprüchen ein. Den Abschluss der anschließenden zähen Untersuchungen und Verhandlungen v.a. über die Wiederherstellung ihrer Ehre erlebte die verbitterte Fürstin nicht mehr. Sie starb überraschend in Weißenfels und ließ sich auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin unter großem Aufgebot am 13.1.1575 in der Domgruft ihrer Heimatstadt Freiberg neben ihren verstorbenen Familienmitgliedern beisetzen.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10024 Geheimer Rat (Geheimes Archiv), 10004 Kopiale; Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover, Calenberger Briefschaftsarchiv; Niedersächsisches Landesarchiv - Staatsarchiv Wolfenbüttel, Fürstliches Hauptarchiv (1 Alt); Hessisches Staatsarchiv Marburg, Politisches Archiv des Landgrafen Philipp; Stadtarchiv Göttingen, Amtsbücher, Altes Aktenarchiv; Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau, GAR/NS Anhalt: Fürst Georg III.; Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Ernestinisches Gesamtarchiv; Thüringisches Staatsarchiv Meiningen, Gemeinschaftliches Hennebergisches Archiv, Sektion I; Stadtarchiv Weißenfels; Rigsarkivet Kopenhagen, Archiv der Deutschen Kanzlei, Ausländische Abteilung; M. Schemel, Eine Christliche Leichenpredigte vber der Leich der Durchleuchtigen Hochgebornen Fürstin vnd Frawen, Frawen Sidonien, Wittemberg 1575; H. Bünting, Braunschweigische und Lüneburgische Chronica, Magdeburg 1584; J. Letzner, Braunschweig-Lüneburgische Chronica Oder: Historische Beschreibung Der Durchlauchtigsten Herzogen zu Braunschweig und Lüneburg, Braunschweig [1722]; F. Lubecus, Göttinger Annalen von den Anfängen bis zum Jahr 1588, bearb. von R. Vogelsang, Göttingen 1994; Politische Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen, Bd. 1-2, hrsg. von E. Brandenburg, Berlin 1900/04, Bd. 3-6, hrsg. von J. Herrmann/G. Wartenberg, Berlin 1978-2006.

L  W. Havemann, S., Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg, in: Vaterländisches Archiv des Historischen Vereins für Niedersachsen 3/1842, S. 278-303; G. H. W. Blumenbach, Nachricht von Herzog Erich des Jüngern Beylager zu Münden und dem Hofstaat daselbst, in: Archiv des Historischen Vereins für Niedersachsen NF 15/1849, S. 286-309; K. v. Weber, S., Herzogin von Braunschweig, geb. Herzogin von Sachsen, † 1575, in: ders., Aus vier Jahrhunderten, Leipzig 1858; C. W. Hingst, Herzog Heinrichs und seiner Gemahlin Katharina Hofhaltung in Freiberg, in: Mittheilungen von dem Freiberger Alterthumsverein 10/1873, S. 881-896; J. Merkel, Die Irrungen zwischen Herzog Erich II. und seiner Gemahlin S. (1545-1575), in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 64/1899, S. 11-101; M. Bär, Geschichte der Familie von Walthausen in Niedersachsen, Bd. 1, Hildesheim/Leipzig 1929; W. Winkel, Katharina von Weldam, in: Zeitschrift für Heimat und Kultur 69/1969, S. 354-364; H. Zimmermann, Zur Ikonographie von Damenbildnissen des älteren und des jüngeren Lucas Cranach, in: Pantheon 27/1969, S. 283-292; M. Stupperich, Corvinus Antonius, in: TRE 8, S. 216-218; E. Kalthoff, Geschichte des südniedersächsischen Fürstentums Göttingen und des Landes Göttingen im Fürstentum Calenberg 1285-1584, Herzberg 1982; H.-G. Aschoff, Herzog Heinrich d.J. und Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte 82/1984, S. 53-75; M. v. Bötticher, Politische Geschichte in der frühen Neuzeit. Niedersachsen im 16. Jahrhundert (1500-1618), in: H. Patze (Hg.), Geschichte Niedersachsens, Bd. 3/1: C. v. d. Heuvel/M. v. Bötticher (Hg.), Politik, Wirtschaft, Gesellschaft von der Reformation bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, Hildesheim 1998, S. 21-116; M. Streetz, Das Fürstentum Calenberg-Göttingen (1495/1512-1584), in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 70/1998, S. 191-235; Das Weißenfelser St. Klaren-Kloster, hrsg. vom Museum der Stadt Weißenfels, Weißenfels 2001; M. Vogt-Lüerssen, 40 Frauenschicksale aus dem 15. und 16. Jahrhundert, Norderstedt 2003; A. Lilienthal, Die Fürstin und die Macht. Welfische Herzoginnen im 16. Jahrhundert: Elisabeth, S., Sophia, Hannover 2007; H.-M. Kühn, Eine „unverstorbene“ Witwe. S., Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg geborene Herzogin zu Sachsen, 1518-1575, Hannover 2009.

P  Die Prinzessinnen Sibylla, Emilia und S. von Sachsen, L. Cranach d.Ä., um 1535, Öl auf Lindenholz, KHM-Museumsverband Wien, Gemäldegalerie (Bildquelle); Prachtstammbaum der Welfen von 1584, Städtisches Museum Göttingen; Katalog der Handschriften der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden, Bd. 3, Dresden 1982, S. 287 (Mscr Dresd. R 3).



Helga-Maria Kühn
28.2.2017


Empfohlene Zitierweise:

Helga-Maria Kühn, Sidonia (Sidonie) von Sachsen, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.10.2017)

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