Abratzky Johann Friedrich Sebastian
Schornsteinfeger, Bergsteiger
* 22.8.1829 Mahlis 26.1.1897 Dresden Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz
VFriedrich, SchuhmacherMRosina, geb. WinklerSMax (1860-1931), KaufmannT4 u.a. Anna (1874-1945); Theodora, verh. Scheer (1877-1967)
GND: 112631991

Der Schornsteinfegergeselle A. ist allein deswegen nicht in Vergessenheit geraten, weil er am 19.3.1848 in freier Kletterei eine ca. 35 m hohe Wandkluft an der Südost-Seite des Königsteins durchstieg und in die als uneinnehmbar geltende Festung eindrang. A., der auf Wanderschaft war und in Königstein Arbeit beim Bau der sächsisch-böhmischen Eisenbahn suchte, gab später selbst als Motiv dieser verwegenen Klettertour an, er habe den am Festungstor verlangten Eintritt von einem Taler und zehn Groschen nicht bezahlen können, die Festung aber dennoch besichtigen wollen. Für die Bewältigung der Kletterei hatte er, der als Kaminkehrer an die Durchsteigung von Schornsteinen gewöhnt war, gute Voraussetzungen. Er benötigte dafür ungefähr eine halbe Stunde. Nachdem A. auch die Festungsmauer überwunden hatte, wurde er in Haft genommen, einige Tage später jedoch entlassen. Sein weiterer Lebensweg wird v.a. durch Polizeiakten dokumentiert. 1849 bis 1858 leistete er seinen Militärdienst. 1861 verurteilte ihn das Königliche Bezirksgericht Leipzig erstmals wegen Diebstahls zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten, aus der er im Januar 1863 entlassen wurde. Schon ein Jahr später fahndete man erneut nach dem „berüchtigten Sebastian A., Ersteiger der Festung Königstein“, nun auch wegen Einbruchs und Kirchendiebstahls. A. wurde 1865 gefasst und zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Haftentlassung 1870 beruhigte sich sein Lebenswandel offenbar etwas. Er lebte nun zumeist in Zerbst und Bernburg, wo er als Schornsteinfeger und Ofenreiniger tätig war. Außerdem zog er als Colporteur (Hausierer mit Büchern und Zeitschriften) umher. Dabei wurde er immer wieder aktenkundig, meist wegen Landstreicherei, Trunkenheit, groben Unfugs und Ruhestörung. Insbesondere versuchte A., Kapital aus seiner spektakulären Königsteinbesteigung zu schlagen, die einiges Aufsehen erregt und ihn bekannt gemacht hatte. Ein offenbar von einem Redakteur der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ redigierter Bericht der Ersteigung, der von Übertreibungen und Dramatisierungen gekennzeichnet ist, erschien 1859 in dem viel gelesenen Familienblatt und wurde danach mehrfach separat gedruckt. A. vertrieb diese Broschüre als Hausierer selbst und wurde mehrfach belangt, weil er den erforderlichen Wandergewerbeschein nicht vorweisen konnte. Auf einer seiner Hausierertouren wurde A. am 25.1.1897 in Dresden schwer betrunken in polizeiliche Schutzhaft genommen. Hier erlitt er am folgenden Tag einen Schlaganfall und verstarb. Sein Sohn Max, der in Bernburg ein erfolgreiches kaufmännisches Geschäft betrieb, ließ ihn auf dem Johannisfriedhof in Dresden-Tolkewitz beisetzen, wo A.s Grabstein noch heute an den „Ersteiger der Festung Königstein“ erinnert. – In sportlicher Hinsicht stellt die Ersteigung des Königsteins in freier (d.h. hilfsmittelloser) Kletterei auf dem von A. gewählten Weg eine für diese Zeit einzigartige Leistung dar, die heute mit dem Schwierigkeitsgrad IV der sächsischen Skala eingestuft wird. Im Zuge der um 1880 einsetzenden klettersportlichen Erschließung der Sächsischen Schweiz wurden solche Schwierigkeiten erst wieder kurz vor 1900 erreicht. A.s Unternehmung zeigte jedoch keine unmittelbare Nachwirkung. Weder für ihn selbst noch für andere wurde die Erkletterung des Königsteins Ausgangspunkt für weitere Ersteigungen von Gipfeln der Sächsischen Schweiz. Mit ihrem überwiegend zweckfreien, nicht-pragmatischen Charakter war die Erstbegehung des heute sog. Abratzky-Kamins in ihrer Zeit noch isoliert. Gleiches gilt für den - ohnehin unbewussten - Verzicht auf künstliche Hilfsmittel, der um 1900 zum wichtigsten sportlichen Grundgedanken des sächsischen Kletterns wurde. Als Geburtsstunde des Bergsteigens im Elbsandsteingebirge, wie sie spätere Traditionsbildung gelegentlich gedeutet hat, ist A.s Königstein-Ersteigung daher nicht zu werten. Dass sie heute zwar nicht als Initialzündung und auch nicht nur als Kuriosität, sondern als frühe, sportlich bemerkenswerte und in gewisser Weise identitätsstiftende Leistung zur Geschichte des sächsischen Felskletterns gehört, ist das Ergebnis eines Rezeptionsprozesses, der erst im 20. Jahrhundert einsetzte. In die Literatur zum sächsischen Klettern etwa dringt die Geschichte von der Erstersteigung des Königsteins nicht vor 1925 ein. Noch jünger ist die eigentliche klettersportliche Rezeption, die - nach einer einzelnen, lange unbekannt gebliebenen Wiederholung 1923 - erst mit der dritten Durchsteigung der Route durch Sebnitzer Bergsteiger 1955 beginnt. Obwohl an einer Massivwand befindlich, wurde sie aus Gründen der Traditionspflege ausnahmsweise für weitere Wiederholungen zugelassen. In den Kletterführern der Sächsischen Schweiz wird der Abratzky-Kamin seit der Ausgabe von 1990 beschrieben. Heute ist er mit ca. 30 Begehungen im Jahr ein fester Bestandteil des sächsischen Kletterns.



W  Die einzige Ersteigung der Festung Königstein durch Sebastian A., von demselben erzählt, in: Die Gartenlaube 1859, H. 12, S. 171-174; Die einzige Ersteigung der Festung Königstein durch Sebastian A., von demselben erzählt, Zerbst 1892 (ND Dresden 2006).

L  D. Hasse/H. L. Stutte, Felsenheimat Elbsandsteingebirge. Ein Jahrhundert sächsisches Bergsteigen, Wolfratshausen 1979; D. Hasse, Wiege des Freikletterns. Sächsische Marksteine im weltweiten Alpinsport bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, München 2000, S. 42-48; J. Schindler, Sebastian A. - Ein sächsischer Münchhausen, in: Der neue sächsische Bergsteiger. Mitteilungsblatt des sächsischen Bergsteigerbundes 13/2002, H. 2, S. 29-35; M. Bellmann, Die einzige Ersteigung der Festung Königstein durch Sebastian A., Dresden 2006.

P  Sebastian A., Fotografie, Archiv des Sächsischen Bergsteigerbundes (Bildquelle).



Marek Wejwoda
3.4.2013


Empfohlene Zitierweise:

Marek Wejwoda, Abratzky, Johann Friedrich Sebastian, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.3.2017)

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