Harzer Martin Rudolf
Jurist, Kirchenamtsrat, Präsident des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamts Sachsens
* 25.8.1899 Oelsnitz/Vogtland 19.12.1959 Dresden Dresden, Trinitatisfriedhof(ev.)
VFriedrich August (1856-1916), PfarrerMMarie Elise, geb. Schüller († 1946)1925 Ilse, geb. Kretschmer (1903-1975)SWinfried (* 1944), Professor für KieferorthopädieTKarin (* 1933), Krankenschwester; Uta (* 1938), Gartenbauingenieurin
GND: 139657568

Der Oelsnitzer Pfarrerssohn H. besuchte das humanistische Königliche Gymnasium in Dresden-Neustadt, bis er sich im Juni 1917 an die Front meldete. Zwischenzeitlich schrieb er sich 1918 an der Universität Leipzig ein, um Jura zu studieren, wurde jedoch im November 1918 schwer verwundet und beendete erst im Februar 1920 als Kriegsversehrter seine Militärzeit. Kurz darauf, im März 1920, verließ er die Universität Leipzig, um sein Studium in Marburg fortzusetzen. Nach Leipzig zurückgekehrt wurde H. am 16.2.1924 mit der Dissertation „Arbeitshaus und Strafanstalt. Ein Vergleich der Vollzugssysteme“ mit „magna cum laude“ promoviert. Nachdem H. die zweite juristische Staatsprüfung am 26.9.1925 in Dresden bestanden hatte, begann er als Gerichtsassessor am Amtsgericht Dresden und wechselte am 1.3.1928 als Konsistorialassessor an das Evangelisch-Lutherische Landeskonsistorium. Am 1.1.1929 wurde er zum Konsistorialrat befördert, am 1.4.1934 zum Oberkirchenrat. – H., der sich im Herbst 1933 den Deutschen Christen angeschlossen hatte, beteiligte sich gemeinsam mit dem sächsischen Oberlandeskirchenrat Ernst Klemich am 11.10.1934 an der rechtswidrigen Absetzung des bayerischen Landesbischofs Hans Meiser und des Landeskirchenrats durch den Rechtswalter der Deutschen Evangelischen Kirche, August Jäger. Außerdem wirkte H. an der Zwangsverwaltung der bayerischen Landeskirche durch Kommissare der Reichskirchenregierung mit. Der sächsische Landesbruderrat erklärte in seinem Rundschreiben vom 26.10.1934, dass sich die sächsische Kirchenregierung sowie Klemich und H. durch „ihr Handeln von der christlichen Kirche geschieden“ und den Anspruch auf Loyalität verwirkt hatten (Landeskirchenarchiv DD, Best. 5). 1935 trennte sich H. von den Deutschen Christen und arbeitete konstruktiv mit dem sächsischen Landeskirchenausschuss und dem zur Bekennenden Kirche gehörenden Kirchenjuristen Erich Kotte zusammen. Dem Landeskirchenausschuss gelang u.a. die Entmachtung Bischof Cochs und die Aufhebung repressiver Personalentscheidungen des deutschchristlichen Kirchenregiments. Nachdem der Landeskirchenausschuss am 9.8.1937 von Oberkirchenrat Johannes Klotsche mit Waffengewalt aus dem Landeskirchenamt vertrieben worden war, wurde H. am 15.11.1937 als Kirchenamtsrat nach Chemnitz zwangsversetzt. – Trotz eines entlastenden Zeugnisses Kottes als Leiter des Landeskirchenamts konnte H., der im Dezember 1937 der NSDAP beigetreten war, im Zuge der Entnazifizierungsmaßnahmen nicht in einer Leitungsposition belassen werden. Am 22.11.1945 wurde die Dienstaufsicht über die Kirchenamtsratsstelle Chemnitz dem Superintendenten von Chemnitz-Stadt und den anderen Superintendenten des Amtsratsbereichs Chemnitz übertragen. Da sich mehrere Superintendenten für H.s Verbleib im Amt einsetzten, beschloss die Entnazifizierungskommission der Landeskirche am 18.3.1947, ihn als juristischen Bearbeiter ohne Zeichnungsbefugnis in der Kirchenamtsratsstelle Chemnitz weiterzubeschäftigen, jedoch unter Aberkennung der Dienstbezeichnung Oberkirchenrat. Nach der Aufhebung dieser Maßnahmen durch den Landeskirchenausschuss am 5.4.1949 nahm H. seine Tätigkeit als Kirchenamtsrat wieder auf. 1955/56 wurde er zur Vertretung des Leipziger Kirchenamtsrats nach Leipzig abgeordnet, behielt aber die Leitung der Kirchenamtsratsstelle Chemnitz bei. Da sich H. in dieser für ihn persönlich schwierigen Situation bewährt hatte, wurde er am 28.2.1957 auf Vorschlag der Kirchenleitung von der Landessynode zum Präsidenten des Landeskirchenamts gewählt und trat am 1.7.1957 die Nachfolge seines Vorbilds Kotte an. Gemeinsam mit Landesbischof Gottfried Noth oblag es nun H., komplizierte Verhandlungen mit den Räten der sächsischen Bezirke, etwa um Bau- und Druckgenehmigungen oder die Durchführung kirchlicher Veranstaltungen, zu führen. H. verstarb infolge eines Herzinfarkts.



Q  C. Stoll, Dokumente zum Kirchenstreit, T. 5: Der Weg der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, München 1935; Landeskirchenarchiv der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Best. 1, Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Best. 2, Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Best. 5, Kirchenkampfsammlung; Universitätsarchiv Leipzig, Quästurkartei; Bundesarchiv, Berlin Document Center.

W  Arbeitshaus und Strafanstalt. Ein Vergleich der Vollzugssysteme, Diss. Leipzig 1924.

L  W. Harzer, Rudolf H., Präsident des LKA von 1957-1959, in: Der Sonntag 14/1959, Nr. 34, S. 5; Präsident Dr. H. heimgerufen. Dankbares Gedenken an einem frisch geschaufelten Grab, in: ebd. 15/1960, Nr. 6; K. Meier, Die Deutschen Christen, Halle/Saale 1964; H. Baier, Die Deutschen Christen Bayerns im Rahmen des bayerischen Kirchenkampfes, Nürnberg 1968; ders./E. Henn, Chronologie des bayerischen Kirchenkampfes 1933-1945, Nürnberg 1969; J. Fischer, Die sächsische Landeskirche im Kirchenkampf 1933-1937, Halle/Saale 1972; K. Meier, Der evangelische Kirchenkampf, Bd. 2, Halle/Saale 1976; K. Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 2: Das Jahr der Ernüchterung 1934, Berlin 1985; H. Klemm, Im Dienst der Bekennenden Kirche, Göttingen 1986. – Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Bd. I/2, Heidelberg 1999, S. 246.

P  Foto, 1956, Landeskirchenarchiv, Best. 20, Nr. 459, Bl. 14 v. (Bildquelle)



Carlies Maria Raddatz
9.1.2008


Empfohlene Zitierweise:

Carlies Maria Raddatz, Harzer, Martin Rudolf, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.3.2017)

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