Guhr Albert Eduard Richard
Bildhauer, Maler
* 30.9.1873 Schwerin 27.10.1956 Höckendorf bei Dresden 1.11.1956 Dresden
VJohann Friedrich Oswald (* 1840), Fagottist der Schweriner HofkapelleMJuliane Helene Auguste, geb. Gallus (* 1847)GJohanna, Krankenschwester; Alfred († 1916), Bankbeamter, Maler1947 Hedwig Bing, geb. Koch (1893-1986), Sängerin
GND: 126453489

Nach der Schulzeit in Schwerin besuchte G. 1890/91 die Kunstgewerbeschule Dresden und 1892/93 die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin. Anschließend arbeitete er in Berlin als Dekorationsmaler, leistete 1896 Militärdienst im Großherzoglich Mecklenburgischen Grenadierregiment Nr. 89 und machte 1903 auf der Großen Berliner Kunstausstellung durch seine Monumentalmalerei auf sich aufmerksam. 1904 wurde er künstlerischer Beirat für die deutsche Abteilung der Weltausstellung in St. Louis (USA) und erhielt nach seiner Rückkehr einen Ruf an die Dresdner Kunstgewerbeschule, wo er zum 1.1.1905 eine Anstellung als Lehrer für figürliche dekorative Malerei fand und 1906 mit dem Professorentitel geehrt wurde. Er schloss sich der Künstlervereinigung „Zunft“ an, die sich der Angewandten Kunst verpflichtet fühlte, und beteiligte sich 1906 mit verschiedenen Arbeiten an der 3. Deutschen Kunstgewerbeausstellung in Dresden. 1907 entwarf er die Ausschmückung für den Lichthof des Westfälischen Provinzialmuseums in Münster. Als Bildhauer Autodidakt, gewann er den Wettbewerb um den Schmuck des Dresdner Rathausneubaus und schuf zwölf Attika- und Portalfiguren sowie den fünf Meter hohen, herkulesartigen „Rathausmann“ als vergoldete Bekrönung, für den der Ringer Ewald Redam aus Meißen Modell stand. – In Berlin hatte G. 1906/07 Kandelaber und Pfeilerkapitelle für die Innenausstattung des Hotels Adlon entworfen. Weitere Aufträge veranlassten ihn, in der Stadt ein eigenes Atelier einzurichten. In den Folgejahren entstanden u.a. dekorative Elemente für das Kaufhaus Wertheim, und die Baugewerkschule sowie die Feuerwache in Neukölln erhielten gestalterischen Schmuck. Im Stadtbad konnte G. Bronzen aufstellten, die ebenso wie seine Brückenfiguren auf der Schöneberger Stadtparkbrücke, der heutigen Zuckmayerbrücke, noch vorhanden sind. In Dresden, wo Otto Dix zu seinen Schülern zählte, ließ sich G. zeitweilig beurlauben und lebte in Berlin. – In Schwerin erhielt das 1910/11 errichtete Archivgebäude Fassadenschmuck von G. Das ebenfalls von dem Sachsen Paul Ehmig entworfene Schweriner Gerichtsgebäude verzierte er mit einem Relief im Treppenhaus und figürlichen Elementen über dem Eingangsportal und an der Tür zum Schwurgerichtssaal. Allegorische Figuren entstanden auch für die Handelslehranstalt der Dresdner Kaufmannschaft und besonders für das ab 1915 gebaute Rathaus in Barmen. – Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich G. esoterischen Neigungen und einer geradezu kultischen Verehrung Richard Wagners zugewandt. Jedes Jahr pilgerte er am Ende einer 40-tägigen Fastenzeit nach Bayreuth, um an Wagners Grab zu beten. Seit 1912 entstanden Bilder seiner späteren „Wagner-Ehrung“ und ein Modell des monumentalen Wagner-Denkmals, das schließlich 1933 im Liebethaler Grund bei Dresden aufgestellt wurde. Ein 1927 bis 1930 entstandenes monumentales Wandbild für das Rathaus in Bochum mit dem Thema „Der deutsche Parnaß“ wurde schon bei seiner Fertigstellung als Anachronismus kritisiert und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgehängt. – In Künstlerkreisen nannte man G. spöttisch „Michelangelo von Dresden“. An der Dresdner Kunstakademie, wo er seit 1934 Monumentalmalerei lehrte, war er ein umstrittener Einzelgänger und wurde auf eigenen Antrag zum 1.5.1938 in den Ruhestand versetzt. Er widmete sich nun mit ganzer Kraft seiner „Wagner-Ehrung“, für die er Bilder in der Manier mittelalterlicher Tafelmalerei ausführte. 1938 bis 1944 konnte er in Dresden seine auf über Hundert Werke angewachsene Ehrung im Schloss Albrechtsberg zeigen, wo er sonntags persönlich Führungen veranstaltete. Infolge des Bombenangriffs auf Dresden am 13.2.1945 wurde die Sammlung vernichtet. G. war ein gebrochener Mann. Hoffnung gab ihm die von seiner Frau - 1947 hatte G. seine langjährige Haushälterin geheiratet - genährte Vorstellung, die verlorenen Werke noch einmal zu erschaffen. V.a. dieser Aufgabe widmete er sich bis an sein Lebensende. Außerdem entstanden Landschaften aus Höckendorf und Umgebung.



Q  Stadtarchiv Dresden, Teilnachlass Richard G.; Hochschule für Bildende Künste Dresden, Hochschularchiv, Personalakte G.

W  Hotel Adlon Berlin, Kandelaber und Bauschmuck innen; Rathaus Dresden, allegorische Figuren und „Rathausmann“, 1907/08; Zuckmayerbrücke Berlin, Brückenfiguren, um 1909/10; Geheimes und Hauptarchiv Schwerin, Allegorisches Relief und Fassadenschmuck, 1911; Stadtbad Berlin-Neukölln, Wasserspeier, 1914; Gerichtsgebäude Schwerin, allegorische Figuren und plastischer Schmuck, 1916; Handelslehranstalt der Dresdner Kaufmannschaft, allegorische Figuren und plastischer Schmuck, 1913-1917; Rathaus Barmen, allegorische Figuren und Bauschmuck, 1923; Der deutsche Parnaß, 1930; Richard-Wagner-Denkmal im Liebethaler Grund bei Dresden, 1933; Wagner-Ehrung, Bilderzyklus, 1938-1956.

L  R. Stummann-Bowert, Ein Leben für Richard Wagner, Fritzlar 1988 (WV); A. Röpcke, Richard G. (1873-1956), in: Stier und Greif 16/2006, S. 79-84; V. Gawol/P. Trappen, Der Goldene Rathausmann zu Dresden, Dresden 2008. – DBA II; Thieme/Becker, Bd. 15, Leipzig 1999, S. 263; Vollmer, Bd. 2, Leipzig 1999, S. 333f.; A. Röpcke (Hg.), Biographisches Lexikon für Mecklenburg, Bd. 5, Rostock 2009, S. 146f.

P  G., um 1910, Fotografie, Otto-Dix-Stiftung; G., 1927, Fotografie, Hochschularchiv der Hochschule für Bildende Künste Dresden; Selbstbildnisse 1945-1950, Museum Fritzlar.



Andreas Röpcke
9.11.2009


Empfohlene Zitierweise:

Andreas Röpcke, Guhr, Albert Eduard Richard, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (1.10.2014)

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