Hofstein Rafael
Kantor, Komponist
* 23.1.1858 Švenčioniys bei Wilna (lit. Vilnius) (Litauen) 1948 São Paulo (Brasilien)(jüd.)
Ernestine, geb. Hodes († um 1918)SAlfred (1880-um 1955); Max (1882-1969); Benno (um 1883-1901); Hermann (1884-1944); Wilhelm (1888-1975); David (1895-1914)TMargarete, verh. Anschel (1897-1984), Pianistin
GND: 139954546

H. stammte aus dem litauischen Gouvernement Wilna (lit. Vilnius). Seine Lehrjahre verbrachte er in Wilna, Königsberg (russ. Kaliningrad), Breslau (poln. Wrocław) und Kattowitz (poln. Katowice). Nachdem er bereits sieben Jahre in Krotoschin (poln. Krotoszyn) als Kantor gewirkt hatte, kam er 1891 nach Dresden. Nach mehrtägigen Prüfungen vor den Mitgliedern der Dresdner Israelitischen Religionsgemeinde und einigen Sachverständigen der Stadt erhielt er am 1.6. desselben Jahrs unter 86 Bewerbern fast einstimmig die Stelle des Leiters des Synagogenchors. H.s Gesangsdarbietung wurde von der Aufnahmekommission, der u.a. auch Eugen Krantz, der Direktor des Königlichen Konservatoriums, angehörte, besonders geschätzt. Neben seinen Verpflichtungen als Kantor studierte H. zweieinhalb Jahre Gesang (beim Kammersänger Paul Jensen) und Komposition am Dresdner Konservatorium. Nach seinem Amtsantritt übte er mit dem Synagogenchor neue Gesänge ein und komponierte eigene Werke, die nicht nur in den Gottesdiensten, sondern auch in den Konzertveranstaltungen des Chors zu hören waren. Da der Synagogenchor immer wieder mit Personalengpässen konfrontiert wurde, gründete H. 1906 einen freiwilligen Damenchor. Das 1924 gegründete Jüdische Jugendorchester arbeitete ebenfalls mit ihm zusammen und spielte seine Werke. 1926 wurde H.s Komposition „I’ dowid boruch“ für drei Violinen, Violoncello und Klavier uraufgeführt. Das „Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde“ veröffentlichte H.s Kompositionen mehrfach in der Notenbeilage, wie z.B. 1927 sein „Schir hamaalos“, 1928 „Adir hu“, „Echod mi jodea“ und „Chad gadio“ und 1929 vier „Alte Melodien“. Von H. stammen auch Gelegenheitskompositionen, wie z.B. sein „Psalm 121 (Esso enaj)“, den er 1936 anlässlich des 50-jährigen Amtsjubiläums des Rabbiners Jacob Winter geschrieben hatte. Seine lebenslange Anstellung in Dresden, zuerst als Kantor, später als Oberkantor, war mit der Gemeinde, der Synagoge und mit der Pflege und Entwicklung der Synagogenmusik eng verbunden. Zudem war er 1923 bis 1932 im jüdischen Schulverein Machsike Thora e.V. aktiv und wurde 1926 zum 1. Vorsitzenden des Jüdischen Kulturvereins zu Dresden gewählt. Nach 43 Jahren Tätigkeit in der Dresdner Gemeinde trat H. am 31.3.1934 in den Ruhestand. Er und seine Familie gehörten zu den Dresdner Juden, die nach dem Pogrom am 9.11.1938 ins Ausland flüchteten. Im Alter von bereits 81 Jahren wanderte H. 1939 nach Brasilien aus. Sein Gesamtwerk zählt 240 Kompositionen für Solo, Chor und Orgel, darüber hinaus schrieb er für die Dresdner Gemeinde „Kunstgesang-Kompositionen“. Eva Büttner bezeichnete im Februar 1933 im „Gemeindeblatt der Israelititschen Religionsgemeinde“ sein Opus als ein so wertvolles Kulturgut, dass es eine Veröffentlichung verdiene. Daran war 1938 aufgrund der politischen Situation in Deutschland nicht zu denken. H.s Wunsch nach Aufführung seines kantoralen Werks ging auch im brasilianischen Exil nicht in Erfüllung. H. war weit über den jüdischen Kreis hinaus bekannt. Seine Musik, die Jahrzehnte in Dresden zu hören war, verband die Wärme der ostjüdischen Melodien mit der westlichen Musikkultur.



Q  Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden 1/1925-14/1938 (ab 1937 Jüdisches Gemeindeblatt Dresden).

W  Kompositionen: I’ dowid boruch für drei Violinen, Violoncello und Klavier, 1926; Schir hamaalos, 1927; Adir hu, 1928; Echod mi jodea, 1928; Chad gadio, 1928; Alte Melodien, 1929; Psalm 121 (Esso enaj), 1936; Schriften: Wie ich nach Dresden kam, in: Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden 7/1931, Nr. 5, S. 2.

L  A. Schindler, Aktenzeichen „Unerwünscht“, Dresden 1999, S. 63-65; dies., Rafael H., in: N. Goldenbogen (Bearb.), Einst & jetzt, Dresden 2001, S. 156f. (P); F. Specht, Zwischen Ghetto und Selbstbehauptung, Altenburg 2000; A. Schindler, Dresdner Liste, Dresden 2003, S. 72-74 (Bildquelle).



Agata Schindler
16.10.2009


Empfohlene Zitierweise:

Agata Schindler, Hofstein, Rafael, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.7.2017)

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