Dulichius (Deulich, Dulich) Philipp
Komponist, Musiker
* 18.12.1562 Chemnitz 24.3.1631 Stettin (poln. Szczecin) Stettin, St.-Marien-Kirche(ev.)
VCaspar Deulich (1527-1613), Tuchmacher und -händler, Bürgermeister von ChemnitzMMargarethe, geb. Grützelmann (Krietzelmann)GCaspar, Magister; Daniel, Kaufmann und Ratsherr in Chemnitz 1.Katharina, geb. Fuchs († 1617) 2.Judith, geb. EbelSFriedebald; Philipp; Theophil; Daniel; DesideriusTJudith; Harmonia; Maria; Regina; Katharina
GND: 124471765


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D. gehörte als Kirchenmusiker zu den Komponisten, die in der Nachfolge Orlando di Lassos den polyphonen Motettenstil pflegten und z.T. doppelchörig ausbauten. – Als Sohn des Chemnitzer Tuchhändlers und Bürgermeisters Caspar Deulich geboren, besuchte D. vermutlich die Fürstenschule Schulpforte sowie die Universitäten Leipzig (1579) und Wittenberg (1580). Auf Empfehlung seines Wittenberger Lehrers, des Rhetorikprofessors Conrad Bergius, der sich weigerte, die Konkordienformel zu unterschreiben und deshalb als Rektor an das herzogliche Pädagogium in Stettin auswanderte, erhielt D. an der mit den sächsischen Fürstenschulen vergleichbaren Stettiner Anstalt die Stelle eines „Musicus“, d.h. eines vierten Schulkollegen. Dieses Pädagogium hatte sich zum Zentrum der philippistisch-lutherischen Lehrstreitigkeiten in der Stadt entwickelt. Auch D. wurde in die Konfessionalisierungskonflikte hineingezogen, denn er bekundete seine Verehrung für Philipp Melanchthon öffentlich im Vorwort zu seinem Motettenwerk „Cantiones Quinque“ (1589) ebenso wie in seiner Wappenwahl und in der Einarbeitung von Melanchthons Wahlspruch „Si Deus pro nobis, quis contra nos“ als sog. Symbolum in die Motette „Deus noster refugium est“. Deswegen galt er bei der lutherisch-orthodox eingestellten Stettiner Bürgerschaft und Geistlichkeit als Kryptocalvinist. Aus diesem Grund war auch seine Bewerbung auf das Kantorat an St. Marien in Danzig (poln. Gdańsk) 1604 erfolglos, sodass er bis 1630 sein Amt in Stettin ausübte und 1631 dort starb. – Sein hinterlassenes, d.h. gedrucktes Werk umfasst 232 Motetten zu fünf bis acht Stimmen, nämlich einen Jahrgang Evangelien- und etwa 100 meist lateinische Spruchmotetten, darunter zahlreiche Gelegenheitskompositionen für die pommersche Herzogsfamilie und andere Mäzene, auch für den Rat der Stadt Chemnitz. Darin erweist sich D. als „tief in humanistischer Tradition wurzelnder“ Komponist (A. Adrio), der sich u.a. auf die Zwölfmoduslehre des Heinrich Glareanus berief und die Übereinstimmung von Text und Musik forderte.



Q  Stadtarchiv Chemnitz, Ratsarchiv III VII b 4, Bl. 49; Die jüngere Matrikel der Universität Leipzig 1559-1809, hrsg. von G. Erler, Bd. 1, Leipzig 1909 (ND Nendeln 1976), S. 76; Album Academiae Vitebergensis, Ältere Reihe, hrsg. von K. E. Förstemann/O. Hartwig/K. Gerhard, Bd. 2, Halle/Saale 1894, S. 288.

W  Carmen musicum, Stettin 1588; Cantiones quinque senis vocibus compositae …, Stettin 1589; Philomusicis omnibus et singulis dominis et amicis suis colendis …, Stettin 1590; Sex cantiones sacrae …, Stettin 1593; Harmoniae aliquot septenis vocibus compositae …, Stettin 1593; Fasciculus novus …, Stettin 1598; Novum opus musicum duarum partium …, Stettin 1599, Leipzig 1609, 1610, 1611; Hymenaeus VII vocum, Stettin 1605; Prima Pars Centuriae, Stettin 1607, Leipzig 1608; Secunda Pars Centuriae, Stettin 1608, Danzig 1610; Tertia Pars Centuriae, Stettin 1610; Dictum Psalmi XXX, Stettin 1611; Quarta Pars Centuriae, Stettin 1612; Primus tomus Centuriae, Stettin 1630.

L  R. Schwartz, Ein pommerscher Lassus, in: Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst 1/1896, S. 50-54; ders., Zum Stand der Dulichius-Forschung, in: Monatsblätter der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde 14/1900, S. 5f.; ders., Einleitung, in: Denkmäler deutscher Tonkunst 31/1907, 41/1911; P. Uhle, Ein Brief des Tonsetzers Philipp D., in: Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte 18/1916, S. 39; G. Kittler, Philipp D., in: Monatsblätter der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde 51/1917, S. 1-7; H. Heyden, Kirchengeschichte Pommerns, Bd. 2, Köln 21957, S. 53f.; W. Schwarz, Pommersche Musikgeschichte, Bd. 2, Köln/Weimar/Wien 1994, S. 20-27; M. Ruhnke, Glareans lydischer und hypolydischer Modus bei D., in: K. Schlager (Hg.), Festschrift für Hubert Unverricht, Tutzing 1992, S. 221-229; O. v. Steuber, Ein Brief von Philipp D. an den Bürgermeister von Stralsund, in: Schütz-Jahrbuch 20/1998, S. 149-153; ders., Philipp D. Leben und Werk mit thematischem Werkverzeichnis, Kassel 2003; I. Crusius, „Nicht calvinisch, nicht lutherisch“. Zu Humanismus, Philippismus und Kryptocalvinismus in Sachsen am Ende des 16. Jahrhunderts, in: Archiv für Reformationsgeschichte 99/2008, S. 139-174; M. Schlüter, Musikgeschichte Wittenbergs im 16. Jahrhundert, Göttingen 2010; I. Crusius, Kulturtransfer durch Emigration. Zur Vita des Philipp D., in M. Řezník (Hg.), Philipp D. Musik, Kultur und Lebenswelten zwischen Sachsen und Pommern, Beeskow 2014, S. 11-24. – ADB 5, S. 457 (unter Dulich); DBA I, II, III; (A. Adrio) MGG, Sp. 918-923 (WV); MGG2P, Sp. 1568-1570 (WV); NDB 4, S. 184.



Irene Crusius
22.7.2014


Empfohlene Zitierweise:

Irene Crusius, Dulichius (Deulich, Dulich), Philipp, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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